Dominanz in Ligue 1


Veröffentlicht am 9. Oktober 2014

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Marcelo Bielsa haucht Olympique Marseille neues Leben ein – Favoriten hinken hinterher

Wie einst Winston Churchill im Krieg, vermittelt auch Marcelo Bielsa in seinem Schaffen den respektheischenden Eindruck, er lebe wie drei Personen, die sich den Tag untereinander aufteilen, um das Pensum an Arbeit zu bewältigen. Mit Akribie und Besessenheit übt der Argentinier den Trainerberuf aus. Seine Arbeit hat ihm kollegiale Anerkennung auf dem Fußball-Globus eingebracht. Von Óscar Tabárez und Diego Simeone über Pep Guardiola und Felix Magath bis zu Carlo Ancelotti und Vicente del Bosque reicht das Spektrum der Wertschätzung. Für Guardiola „der beste Trainer der Welt“. Ob bei den Newell’s Old Boys in Argentinien, der Nationalmannschaft seiner Heimat und der von Chile oder dem baskischen Club Athletic Bilbao, überall sind sich Fußballliebhaber einig, mit Marcelo Bielsa hat ein außergewöhnlicher Fußballlehrer dem Sport gedient und seine charismatichen Spuren hinterlassen.

Chiles aktueller Nationaltrainer Jorge Sampaoli ist Bielsa bis heute dankbar für dessen Grundlagenarbeit mit der Nationalmannschaft von 2007 bis 2011. Bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika attestierte Arsène Wenger der chilenischen Mannschaft von Bielsa die beste Ordnung und Struktur auf dem Platz. Seit der neuen Saison geht Marcelo Bielsa seiner Berufung als Cheftrainer von Olympique Marseille nach. In der Hafenstadt am Mittelmeer soll er die Sehnsucht erfüllen und die französische Meisterschaft ins Stade Vélodrome holen. Der letzte Titel wurde 2010 eingefahren. Seit 2012 drückt die finanzielle Übermacht von Paris Saint-Germain. Bielsa soll es richten, mit seiner Kompetenz den materiellen Nachteil gegenüber dem Hauptstadtclub ausgleichen. Wer, wenn nicht er?

Olympique Marseille kam blendend in die Saison. Lohn ist eine Tabellenführung mit 22 Punkten aus neun Begegnungen. Souverän und mit ähnlicher Dominanz wie Barca, Juve, Bayern und Chelsea ist man gestartet. 5 Punkte vor dem Tabellenzweiten aus Bordeaux und schon 7 Punkte vor dem Hauptrivalen Paris St. Germain. Zufriedenheit macht sich im Verein nicht breit, diese Vorstufe zur Behäbigkeit lässt Bielsa nicht zu. Der Spitzenplatz vernebelt ihm nicht den Blick oder verwischt seine Worte zu freundlicher Beliebigkeit. Deutlichkeit in der Arbeit und Sprache zeichnen ihn weiterhin aus. Selbst in Richtung des Olympique-Präsidenten Vincent Labrune ließ es Bielsa nicht an Klarheit vermissen. Anfang September machte er auf einer zusätzlichen Pressekonferenz den Gegensatz zwischen Trainerwillen und Vereinsinteressen sehr deutlich. Die Transferpolitik des Vereins sah Bielsa nicht in der von ihm gewünschten Spur, darin ein Widergänger so vieler Kollegen, die stets überhöhte Ansprüche der Vereinsverantwortlichen umsetzen sollen, dabei nur selten das nötige Rüstzeug für erfolgreiche Arbeit verfügbar gemacht bekommen. Bielsa sprach zwar in eigener Sache aber sicherlich vielen Trainern aus dem Fußball-Herzen. „Ich habe zwölf mögliche Optionen eingebracht, aber keiner der von mir vorgeschlagenen Spieler wurde geholt. Die bisherige Transferpolitik des Klubs enttäuscht mich. Vom Transfer des Verteidigers Matheus Dória erfuhr ich erst kurz vor dessen Medizincheck und konnte ihn daher nicht analysieren, deswegen auch keine Einschätzung abgeben.“ Unbeirrbar machte Marcelo Bielsa klar, vom gesteckten Ziel des Umbaus der Mannschaft rückt er nicht ab. Er bedauerte allerdings den geringen Einfluss auf die Ausrichtung des Clubs und bemängelte den Gegensatz zwischen Realität und Wunschvorstellung im Verein.

Das Projekt Bielsa und Olympique mag produktiv knirschen, für die Konkurrenz läuft es momentan zu hochtourig, niemand kann Marseille folgen. Marcello Bielsa hat mit Saisonbeginn seine Stammelf gefunden, die brasilianische Neuverpflichtung Dória gehört nicht dazu. Olympique wirkt von Spieltag zu Spieltag abgestimmter, die Sicherheit im Abwehrverbund nimmt ständig zu und Offensivmann André-Pierre Gignac hat zu alter Stärke und Torgefahr zurückgefunden, dabei kongenial unterstützt von Sturmpartner Dimitri Payet. Gignac lieferte bisher 8 Tore, Payet 3 Treffer und 3 Vorlagen. Es läuft rund in Marseille aber längst noch nicht nach den perfektionistischen Vorstellungen des Cheftrainers. Bielsa feilt weiter akribisch am Team, alle Mitbewerber müssen dies als Bedrohung für eigene Ziele ansehen.

Am letzten Spieltag trafen sich in Paris die Titelmitbewerber PSG und der AS Monaco zu einem Spiel welches den Begriff Verfolgerduell nicht erfüllte. Der Tabellenzwölfte reiste zum Tabellenvierten, das Spiel endete mit einem umkämpften aber blassen 1:1. PSG damit auf Rang drei der Tabelle, Monaco im Abwärtstrend nun auf Platz dreizehn. In Paris hat man mit dem Champions League Sieg gegen Barcelona viel übertüncht, selbst das Fehlen von Zlatan Ibrahimović. Im Ligaalltag ist der Torgarant aus Schweden nicht zu ersetzen, er fehlte verletzungsbedingt an vier Spieltagen. PSG ist mit sechs Unentschieden der Remis-König der Ligue 1. Mit Ibrahimović wird es sicher deutlich besser werden und PSG im weiteren Verlauf der Saison der Hauptkonkurrent von Olympique auf dem Weg zum Titel. Davon ist der AS Monaco meilenweit entfernt

Als der russische Oligarch Dmitri Rybolowlew im Dezember 2011 die Mehrheitsanteile des AS Monaco übernahm verhieß er goldene Zeiten. Vom Champions League Titel war die Rede. Nach Aufstieg in die erste französische Liga ließen sich die Transfers gewaltig an. James Rodríguez und Radamel Falcao waren klingende Namen im Vereins-Roulette. Schon damals haben Kenner der Szene dem Milliardär Rybolowlew nicht das Durchhaltevermögen und den Willen eines Roman Abramowitsch oder solcher Investoren wie Scheich Mansour Bin Zayed bei Manchester City oder dem Prinzen Tamim bin Hamad Al-Thani bei Paris St. Germain zugetraut. Diese finanzierten ihre Clubs zu Titeln und in Europas Spitze, engagierten sich stabil und dauerhaft. Der AS Monaco erreichte in der vergangenen Saison die Vizemeisterschaft, aktuell das Niemandsland der Tabelle. Spitzenspieler wie Falcao und James Rodriguez spielen längst bei Manchester United und Real Madrid. Der Aufbruch des Jahres 2013 verpufft. Glaubt man der Nachrichtenlage hat der Eigentümer schwerwiegende Probleme, die für die Zukunft des AS Monaco nicht unbedingt Gutes verheißen. Das operative Geschäft im Verein soll längst der Spielerberater Jorge Mendes beeinflussen. Keine rosigen Aussichten für erfolgreichen Fußball. Überalterte Stars wie Ricardo Carvalho, Jérémy Toulalan und Dimitar Berbatov haben den Zenit ihrer Karriere längst überschritten. Spitzenformat bringen allenfalls noch Torwart Danijel Subašić und Mittelfeldmann João Moutinho auf den Platz. Für den heimischen Titelkampf wie für das europäische Parkett eindeutig zu wenig. Zur sportlichen Spannung wird der AS Monaco in dieser Saison wohl wenig beitragen können, neben dem Platz könnte er aber noch für allerhand Gesprächsstoff sorgen. Die Schlagzeilen der Saison auf dem Spielfeld werden dagegen entscheidend von Marcelo Bielsa geprägt und könnten Olympique Marseille im Mai 2015 den französischen Meistertitel bescheren.

Redaktion Magath & Fußball

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