Im Auge des Vulkans


Veröffentlicht am 1. November 2014

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Präsident Aurelio De Laurentiis prägt den SSC Neapel

Der Vesuv sah Pompeji untergehen und hatte gerüttelt Maß Anteil daran. Dank Edward Bulwer-Lytton und Robert Harris können wir uns dahin zurücklesen, seit Hollywood fliegt uns die Lava kinematographisch um die Ohren. Mit ähnlich eruptiver Energie wie der feuerspeiende Vulkan am Golf von Neapel, ließ ein argentinischer Fußballer den blassen Fußballstern am Fuße des Berges zum Leuchten aufsteigen. In der Erfolgsgemeinschaft mit Diego Maradona gelangte der SSC Neapel zu europäischer Fußballgröße und wurde zur Nummer eins in Italien. Die Erinnerung hat sich längst losgelöst von der Realität und kommt mittlerweile verklärt daher, „Goldene Ära“ schwärmen sie in Neapel. Dem Verursacher werden in der Stadt bis zum heutigen Tag Heiligenschreine gewidmet, sein Besuch beim Abschiedsspiel von Ciro Ferrara im Sommer 2005 führte zu einer Maradona-Feierstunde, als dieser vor 70.000 Zuschauern seine alte Wirkungsstätte, das Stadion San Paolo, betrat. Vor Maradona war der SSC Neapel nur ein 1904 gegründeter Fußballverein von Hafenarbeitern, die natürlich aus England kamen. Belacht und mit hoher Nase in den Fußballhochburgen Rom, Turin und Mailand bedacht, spielte man keine Rolle im Konzert der Großen, diente nur als Beispiel des armen wie hinterherhinkenden Südens. Lediglich zwei Pokalsiege konnten vom Kuchen der Großclubs erkämpft werden, man gewann 1962 und 1976 die Coppa Italia. Der Fußballnorden Italiens musste sich wahrlich nicht bedroht fühlen durch diesen SSC Neapel.

Die konkurrenzlose Ruhe für die elitären Clubs war flugs vorbei, als im Juni 1984 Diego Maradona seinen Dienst beim SSC Neapel antrat. Einzig ihm kommt der Verdienst zu, den wirtschaftlich stärkeren und erfolgsverwöhnten wie wohlklingenden Namen des Weltfußballs (Juventus Turin, AS Rom, Inter und AC Mailand) Paroli geboten und auf ihrem angestammten Terrain besiegt zu haben. Nie hat ein Spieler allein einen Club so außerordentlich in den Erfolg geführt. Kein Cruyff bei Ajax, kein Beckenbauer bei Bayern, kein Pelé bei Santos und auch kein Di Stéfano bei Real kommen ihm darin gleich. Auf dem Höhepunkt seiner fußballerischen Leistungskraft erbrachte Diego Maradona dieses Glanzlicht der Sportgeschichte. Vom Außergewöhnlichen zur Tragödie dauerte es sieben Jahre. 1991 der Knall, der dem Vesuv alle Ehre machte. Der Traum war aus. Bei einer Dopingprobe wurde Maradona positiv auf Kokain getestet und daraufhin für 15 Monate gesperrt. Die Bilanz dieser Jahre gereicht ihm und dem Verein zu ewiger Ehre. Zweifacher italienischer Meister, einmal Pokalsieger und UEFA Pokal Sieger 1988/89. Hoch war der SSC Nepal gestiegen, hart sollte der Fall kommen. Der Absturz aus den Höhen des Ruhms nahm seinen Lauf, die Talfahrt des SSC Neapel begann und schlug eine für den Fußball nicht untypische Richtung ein. Dem strahlenden Licht folgte die sportliche Finsternis. Hohe Schulden, Lizenzprobleme, Abstieg aus der Serie A, Fahrstuhlmannschaft zwischen Serie A und B, anwachsende Schuldenberge an allen Fronten, der Verlust der Lizenz und der gnadenlose Konkurs. Das Ende am 1. August 2004.

Seit dem Wirken Maradonas wird beim SSC Neapel das Trikot mit der legendären Nummer zehn nicht mehr vergeben.

Seit dem Wirken Maradonas wird beim SSC Neapel das Trikot mit der legendären Nummer zehn nicht mehr vergeben.

Am 2. August 2004 wurde der Verein als Napoli Soccer neu aus der Taufe gehoben, mit einem willens- wie finanzstarken Geburtshelfer an seiner Seite. Der Filmproduzent Aurelio De Laurentiis wurde Hauptaktionär, übernahm das Zepter und lenkt seither die Geschicke des Clubs als Präsident und Geldgeber. De Laurentiis‘ Onkel, der weltberühmte Dino De Laurentiis, war einer des größten Filmproduzenten des 20. Jahrhunderts, prägte das Kino wie nur wenige. Die künstlerischen Fußstapfen seines Verwandten kann Aurelio im Filmgeschäft nicht ausfüllen, aber er ist mit seiner Art Kino finanziell äußerst erfolgreich und steckt viele Mittel seiner Arbeit in die große Leidenschaft SSC Neapel. So machte er in sieben Jahren aus einem Drittligisten einen Champions League Teilnehmer und Meisteraspiranten. Im Norden horchen sie längst wieder auf. Mit De Laurentiis ist nicht zu spaßen. Er erwartet von Spielern und Trainern Arbeit und Leistung. Spieler sind für ihn eine Schar aufmüpfiger und verwöhnter Kinder, denen man Richtung und eine ordnende Hand vorgeben muss. Der moderne Fußballprofi wie auch der Fan sind ihm zu weich, es wird ihm zu viel gezittert und gejammert. Nicht nur die Spieler seines Clubs hat er im Auge, sein Diktum macht auch vor den Größen des Weltfußballs nicht halt. Lionel Messi nannte er einst einen Kretin, warf diesem seine Spiele für die argentinische Nationalmannschaft vor, wo er doch nur zu inkompetenten Trainern reist, damit seine kostbare Zeit vergeudet.

Mit Blendwerk und Showeffekten ist De Laurentiis nicht beizukommen, dafür hat er das Kino, der Fußball ist ihm eine ernste Sache. Residieren tut der 1949 in Rom geborene Neapel-Präsident im edelsten Hotel von Neapel, der legendären Luxusherberge „Vesuvio“. Mit seinem Einsatz für den SSC Neapel hat sich der Filmmogul allenthalben Respekt erworben. De Laurentiis ist in Sachen Film wie im Fußball ein Mann alter Schule, modernistische Tendenzen interessieren ihn so wenig wie die Political Correctness. Seine drei Kinder hat er längst in der Clubleitung installiert, Ehefrau Jaqueline ist im Verein gegenwärtig. Von ihr gibt es auch mal Tipps an die Spielerfrauen, diese mögen doch bitte die Kicker eine Nacht vor dem Spiel in Sachen ehelicher Pflichten in Ruhe lassen, es könnte der Leistung durchaus schaden. La famiglia ist in Italien nicht anrüchig, bleibt ehernes wie ungeschriebenes Gesetz. So herrschte der Gentleman Gianni Agnelli nebst Clan über Juventus Turin, so regierte der Medientycoon und Politikdarsteller Silvio Berlusconi den AC Mailand. Den selbstherrlichen Berlusconi kritisierte De Laurentiis schon, als selbiger noch hofierter Gast in den weltweiten Regierungszentren war. Das Ansehen von De Laurentiis steigt unaufhörlich. Ob Vertreter der Politik, der Kirche oder der Wirtschaft, alle suchen sie die Nähe von Aurelio De Laurentiis, der mit Belebung des SSC Neapel auch der Stadt und seinen eine Million Einwohnern wieder neues Selbstbewusstsein verordnete. In regelmäßigen Vorträgen an der Universität von Neapel befeuert er das kreative Potenzial des Südens oder lobt dessen Beitrag in der italienischen Geschichte. Nach dem Journalisten und Schriftsteller Roberto Saviano, dessen Anklageschrift gegen die Camorra diesem Todesdrohungen der Mafia und Polizeischutz einbrachte und dem Stardirigenten Ricardo Muti, ist der Römer De Laurentiis längst der berühmteste Neapolitaner.

Rafael Benítez (links) und Clubbesitzer Aurelio De Laurentiis.

Rafael Benítez (links) und Clubbesitzer Aurelio De Laurentiis.

Im zehnten Jahr seiner Herrschaft will De Laurentiis aber auch endlich den Meistertitel. Zentraler Helfer dabei der 43-jährige Sportdirektor Riccardo Bigon, Umsetzer und Erfüllungsgehilfe seines Willens. Die wichtigste Personalie heißt allerdings Rafa Benítez. Der Spanier gewann nicht nur die Champions League mit Liverpool, sondern mit dem FC Valencia auch zwei spanische Meistertitel gegen die übermächtigen Vereine Real und Barca, besiegte mit dem David die Goliaths. So etwas ist nach dem Geschmack von De Laurentiis. Seit Saisonbeginn 2013/14 lenkt Benítez die sportlichen Geschicke beim Società Sportiva Calcio Napoli S.p.A. In seiner ersten Saison gewann er die Coppa Italia. Der zweite Titel in der Ära De Laurentis, die Coppa 2011/12 wurde unter dem damaligen Trainer Walter Mazzarri geholt. Es war auch Mazzarri, der den SSC Neapel 2011 in die Champions League führte. Mit der Verpflichtung von Benítez hat sich der SSC Neapel einen weltweit anerkannten Fachmann ins Haus geholt, ein harter Sacharbeiter, dem der Eventcharakter des Fußballs zuwider. Benítez, ein Mann der reduzierten wie klaren Worte, der seine Spieler im Griff hat und die Fragen des Spiels Fußball jederzeit beantworten kann, will Titel. Ganz nach dem Willen seines Präsidenten, der dem Trainer alle sportlichen Freiheiten einräumt, um den Verein in die Meisterspur zu bringen. Mit Spitzenkräften wie Angreifer Gonzalo Higuaín aus Argentinien, dem Slowaken Marek Hamšík, Belgiens Offensivmann Dries Mertens, dem Spanier José Callejón oder dem Brasilianer Henrique wie dem Schweizer Gökhan Inler hat Benítez für dieses Vorhaben internationale Spitzenkräfte an Bord. Italiener kann man in seinem Kader mit der Lupe suchen, sie spielen keine Rolle. Den heißblütigen Napoli-Fans ist es egal, ihr geliebter Diego M. kam schließlich auch nicht aus Italien oder dem Norden daher.

Tragisch das Ausscheiden des SSC Neapel in der Gruppenphase der Champions League Saison 2013/14. Niemals in der Geschichte des Wettbewerbs war ein Club mit zwölf Punkten nicht weitergekommen. Man musste die punktgleichen Teams von Borussia Dortmund und Arsenal London wegen des schlechteren Torverhältnisses ziehen lassen. Der Auftritt war trotzdem beeindruckend. 2014 ein unerwarteter Betriebsunfall und Rückschritt für De Laurentiis und Benítez, der SSC Neapel musste schon in den Playoffs die Champions League Segel streichen, Athletic Bilbao hieß die Endstation. Augenblicklich versucht man sich in der Europa League, die Rafa Benítez einst mit dem FC Chelsea gewinnen konnte. Mäßig gestartet, hat man sechs Punkte und Platz drei auf der Habenseite der Gruppenphase, zum Weiterkommen wird dringend Zugewinn benötigt. In der Meisterschaft steht man mit 15 Punkten auf Platz sieben der Tabelle, liegt nach neun Spieltagen sieben Punkte hinter dem Tabellenführerduo AS Rom und Juventus Turin. Momentan hinkt Neapel eigenem Anspruch und gesetzten Zielen hinterher, sind De Laurentiis wie Benítez unzufrieden. Es herrscht aber Ruhe im Club, der Trainer kann ungestört seiner Arbeit nachgehen. Wie lange diese Ruhe vorhält, hängt entscheidend vom nächsten Räuspern des großen Bosses ab. Rafa Benítez wird genau hinhören. Ein Mann, der in Valencia, Liverpool und Chelsea Erfolge feierte, wird sich der Hitze Neapels nicht beugen, seinen Weg gehen, sich weder vor verbaler noch vor echter Lava fürchten.

Redaktion Magath & Fußball

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