Der Gestalter


Veröffentlicht am 12. November 2014

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Cesc Fàbregas findet bei Chelsea seine Rolle und ist der Motor im Mourinho-Team

In der katalonischen Gemeinde Arenys de Mar erblickte er 1987 das Licht der Welt, zehn Jahre später bereits Schüler der legendären Ausbildungsakademie La Masia und Teil des großen FC Barcelona. 2003 fürchtete der blutjunge Cesc Fàbregas die große Konkurrenz bei Barca und sah wenig Perspektiven. Arsenal-Boss Wenger sah auch etwas, Potenzial und Zukunft des Jugendlichen, das Bündnis wurde geschlossen, Fàbregas Teil der Gunners. Der Katalane kam in ein furioses Klima, in seinem ersten Jahr debütierte er nur im Ligapokal, dort mit seinen 16 Jahren jüngster Arsenal-Spieler aller Zeiten. Fàbregas erlebte hautnah, wie die Gunners ihre größte Saison spielten, die Meisterschaft holten, dabei keine Partie verloren. Als Arsenal an die Titelverteidigung ging, gehörte Fàbregas zum Kader, hatte am 15. August 2004 gegen den FC Everton seinen heiß ersehnten Premier League Einstand.

Die „4“, Rückennummer der Arsenal-Legende Patrick Vieira, sollte das Fàbregas-Markenzeichen werden. Der Symbiose Wenger-Arsenal-Fàbregas folgten gute Jahre, ein langfristiger Vertrag und mit 21 Jahren die Kapitänsbinde. Wenger wollte um Fàbregas ein großes Team formen. Der Zentrale Mittelfeldspieler mit Torgefahr und ausgezeichneter Technik war mittlerweile auch englischer Härte gewachsen, einer der Juwelen der Premier League. Aber aller Freude folgten keine Titel, bis auf einen FA Cup Sieg nichts zu feiern. Fàbregas begann vom Traum Barca zu faseln, vom Club mit dem er Titel gewinnen kann. Das alte Lied aller Abwanderungswilligen trägt immer die gleiche Melodie. Gründe, die Zelte in London abzubrechen und sich Richtung Heimat aufzumachen, waren aus Sicht von Fàbregas vorhanden. Dafür lässt man auch den Förderer und Ziehvater im Regen stehen. Arsène Wenger konnte nur noch zusehen. 2011 also zurück zu den Wurzeln. Das Barca-Bett schien ideal bereitet, Freunde und Weggefährten der Jugend und das beste und erfolgreichste Club-Team der Welt, vertrauter Heimatboden unter den Füßen, so begann die neue Zeitrechnung. Am Ende der Arsenal-Jahre hatte Fàbregas 212 Spiele für die Gunners absolviert und 35 Tore geschossen.

In der Fußballwelt war Fàbregas bei seinem Wechsel längst ein Großer. Bei Arsenal als Welt- und Europameister eine Ausnahmeerscheinung, bei Barca mit solchen Meriten unter seinesgleichen. Luis Aragonés hatte ihn 2006 zum Nationalteam geholt und in den Kader für die WM in Deutschland. Fàbregas rutschte beim EM-Sieg 2008 durch die Verletzung von David Villa in die Startformation für das Endspiel gegen Deutschland und wurde als frisch gebackener Europameister ins All-Star-Team gewählt. Bei der WM 2010 gehörte er nie zur Startformation, lieferte im Endspiel gegen Holland aber die Vorarbeit zum 1:0-Siegtreffer durch Andrés Iniesta. 2012 sein zweites EM-Endspiel. Dort bereitete er das 1:0-Führungstor vor, stand in der Startformation. Trotz dieser großartigen Erfolge ist Fàbregas nicht der Erste, den man nennt, wenn von der grandiosen spanischen Mannschaft jener Zeit gesprochen wird. Die geballte Ansammlung von Weltklasse ließ die Xavi, Iniesta, Casillas, Ramos, Puyol, Villa und Torres immer etwas heller strahlen. Fàbregas kam in seinen mittlerweile 96 Länderspielen 41-mal von der Bank, wurde 37-mal ausgewechselt. Ein wenig blieb an ihm der Ruf des besten Einwechselspielers des Weltfußballs hängen. Nach dem Absturz der Spanier bei der WM 2014 soll es anders und Fàbregas ein führender Kopf des Neuaufbaus werden.

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Als Kopf dachten ihn bei Barca auch Fans und Experten, weniger Trainer Guardiola. Das falsche Wort von der Xavi-Nachfolge machte die Runde. Fàbregas kam nach einer grandiosen Titel-Ära der Katalanen. In seiner ersten Spielzeit sollten Meisterschaft und Champions League verteidigt werden. Am Ende dieser für Barca-Anhänger enttäuschenden Saison blieb nur der spanische Pokal, Barca verzeichnete einen leichten Abschwung, Pep Guardiola ging von Bord. Viele machten den Abschwung am Neuzugang Fàbregas fest, eine ungerechte Wertung. Später gab es von den verwöhnten Barca-Fans gar Pfiffe für Fàbregas, eine schmerzliche Erfahrung seiner Karriere. Die drei Jahre Barcelona gelten in der äußeren Betrachtung als unvollendet, was aber nur an einer unerfüllbaren Erwartungshaltung lag, die letztendlich Verein und Fàbregas überforderten und 2014 zur Trennung führten. Oftmals enden auch Traumehen, die für die Ewigkeit geschlossen. Fàbregas spielte in drei Jahren 151-mal für Barca, schoss 42 Tore und gab 57 Vorlagen, konnte sich 2013 den Traum einer Meisterschaft mit seinem Lieblingsclub erfüllen. In jener Meistersaison stand er übrigens öfter im Team, als Xavi und Iniesta. Man muss von einer erfolgreichen Zeit reden, wenn auch der Champions League Sieg unerfüllt blieb.

José Mourinho und das Geld des FC Chelsea riefen zur rechten Zeit, London wurde erneut zur zweiten Heimat. Seit Saisonbeginn ist Cesc Fàbregas ein Führungsspieler des Mourinho-Projekts. Bei Wenger, del Bosque und Guardiola war Fàbregas Teil der Philosophie von Ballbesitz und Schönheit. Mourinho hält davon wenig, setzt eher auf schnelles und direktes Spiel in die Spitze und – wo nötig – auf knochentrockene Ergebnisverwaltung. Fàbregas ist nun nicht mehr der Vollstrecker wie noch bei den Gunners, sondern ein vorzüglicher Vorlagengeber, der in Diego Costa einen kongenialen Abnehmer in der Chelsea-Spitze weiß. Neuverpflichtungen benötigen oft eine Art Anlauf, um sich in der Premier League zu behaupten. Fàbregas schwimmt wie ein Fisch in bekannten Gewässern, die Arsenal-Jahre lassen grüßen. Neun Vorlagen und ein Tor stehen bereits auf seinem Saisonkonto. Aktivposten war er auch beim 2:1-Auswärtssieg der Blues in Anfield. Von dort brachte Fàbregas allerdings eine Verletzung mit, die ihn laut Trainer Mourinho zu zwei Wochen Pause zwingt.

Im Zusammenspiel mit einem anderen Chelsea-Neuzugang, Nemanja Matić kam von Benfica Lissabon, ist der Katalane Hauptverantwortlicher für die bisher niederlagenlose Saison von Chelsea. Beide sind das bestimmende Mittelfeldduo der Blues, ihre Abstimmung wirkt punktgenau, sie sichern den Defensivverbund und organisieren pfeilschnelle Vorstöße. Mourinho hatte eine goldene Hand bei diesen Transfers und das nötige Kleingeld. Fàbregas‘ Spiel wirkt heute unauffälliger und mannschaftsdienlicher, ist nicht mehr nur dem Ballzauber gewidmet, dient mehr dem Pragmatismus des Erfolgs. Er wird von vielen als Tempogeber und Lenker des Chelsea-Spiels, als der eigentliche Gestalter angesehen. Cesc Fàbregas scheint wie gemacht für die Mourinho-Spielweise. Für die Erfüllung des persönlichen Traums vom Premier League und Champions League Titel spielt Fàbregas an einem idealen Ort. Die „4“ von Chelsea scheint auf dem Höhepunkt seines Könnens, lebt in einer vertrauten Stadt mit Frau und Tochter, hat den optimalen Trainer und dient einem Club, der über unerschöpfliche Finanzmittel verfügt. Träume können wahr werden.

Redaktion Magath & Fußball

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