Menschlich, allzu menschlich


Veröffentlicht am 17. November 2014

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Halbzeit bei der Schach WM

Unmittelbar vor Beginn der zweiten Halbzeit im WM-Kampf um die Schachkrone zwischen Magnus Carlsen und Viswanathan Anand, die mit Partie sieben beginnt, geistern Worte wie Fehler, Versagen und Schachblindheit vom Austragungsort Sotschi um die Welt. Differenzierter schreibende Zeitgenossen sprechen vom „psychologischen Moment, einem Mysterium“. Carlsen führt nach der Hälfte des Wettkampfes mit 3,5 zu 2,5 Punkten und hat seine beiden Siege in Partie zwei und Partie sechs auch Fehlern seines Gegenübers zu danken.

Besonders sein Erfolg in der sechsten Partie muss dem Gegner wie schwerer Elchbraten im Magen liegen. Seither wundert sich die Schachwelt. Erst schießt Carlsen einen kapitalen Bock, erstarrt umgehend am Brett. Zu klug, den Fehler nicht sofort zu erkennen, flüchtet er sich dennoch mit einem Geistesblitz in eine Pokermine, während Anand diesen gravierenden Fehler des Weltmeisters nicht bemerkt und statt des siegbringenden Springerzuges einen Plan verfolgt, der direkt ins Verderben führt. Auch er ist klug und merkt schnell, was er liegengelassen, da ist es nicht nur zu spät, es wirft ihn aus seiner Bahn und führt in wenigen Zügen zur Aufgabe. Carlsen reagiert nun absolut richtig und sichert sich den Sieg nebst Punkt. Freude darüber ist ihm nicht anzusehen, in der folgenden Pressekonferenz wirkt er wie ein geprügelter Hund, ein Carlsen kann sich so einen Fehler nicht verzeihen. Anand selber ist sich auch nicht gut, findet wenigstens Worte für seine Niederlage, die als Erklärung dienen müssen: „Wenn man nicht mit einem Geschenk rechnet, dann nimmt man es auch nicht an.“ Nun muss er statt der greifbaren Führung dem Rückstand hinterherlaufen.

Wir Normalsterblichen staunen und freuen uns derweil, nicht mit Schadenfreude, sondern mit Verständnis. Die beiden besten Schachspieler der Welt kämpfen um die WM-Krone und machen dabei Fehler wie Otto Normalverbraucher. Es wertet sie und ihr außergewöhnliches Können nicht ab, es macht sie menschlich, allzu menschlich. Kein Schachcomputer kann uns so etwas bieten. Was für tröstliche Zeiten.

Schachweltmeisterschaft 2014
Magnus Carlsen (Norwegen) gegen Viswanathan Anand (Indien)
Stand nach sechs Runden: 3,5 – 2,5
Austragungsort: Sotschi (Russland)
7. Partie: Montag, 17. November 2014, 13.00 Uhr (MEZ)
8. Partie: Dienstag, 18. November 2014, 13.00 Uhr (MEZ)

Redaktion Magath & Fußball

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