Quo vadis, FIFA


Veröffentlicht am 18. November 2014

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Fußballweltverband scheitert spektakulär mit dem Versuch der Aufklärung

Rund um den Erdball engagieren sich Menschen unentgeltlich für den Fußball, spielen in Amateurvereinen, trainieren Kinder, Schüler und Jugendmannschaften, feuern als Fans ihre Clubmannschaften an oder stehen ihren Nationalteams zur Seite. Sie sind das Leben, sie sind der Fußball und das Salz in der Suppe dieses völkerverbindenden Sports, der Milliarden Menschen begeistert. Ob dagegen die FIFA ebenfalls noch den Fußball verkörpert, wird momentan weltweit in Frage gestellt. Der Dachverband des Weltfußballs steht schon lange in argem Misskredit und demontiert sich nun mit dem Theater um den Bericht einer selbst eingesetzten Ethikkommission im Eiltempo. Fußballliebhaber und Fans stehen ohnmächtig wie ratlos vor einem unfassbaren wie undurchsichtigen Schauspiel.

Der Präsident der Deutschen Fußball Liga, Reinhard Rauball, kleidet die Sprachlosigkeit vieler Fußballfans in Worte: „Der kommunikative Super-GAU erschüttert die Grundfesten der FIFA in einer Weise, wie ich es noch nicht erlebt habe. Wenn diese Krise nicht glaubwürdig gelöst wird, muss man sich auch über die Frage unterhalten, ob man in der FIFA überhaupt noch gut aufgehoben ist. Eine Option, über die ernsthaft nachgedacht werden müsste, ist sicherlich, dass die UEFA sich von der FIFA löst.“ Starker aber offensichtlich nötiger Tobak. Englands Fußballikone Gary Lineker war nicht zurückhaltender als der deutsche Ligapräsident, und machte über Twitter seine Meinung klar und deutlich: „Wenn ich einen Wunsch für den Fußball hätte, wäre es, dass die FIFA aufgelöst würde und durch einen transparenten Dachverband ersetzt wird, der unseren Sport an die erste Stelle setzt.“ Beurteilungen und Kommentare aus dem gesamten Medienspektrum fallen ähnlich drastisch und verheerend für die FIFA-Offiziellen und ihre Politik aus:

The Guardian (Großbritannien): „Das Regierungsorgan des Weltfußballs hat sich vor der ganzen Welt lächerlich gemacht.“

Die Welt (Deutschland): „Verschwundene Computer, lesefaule FIFA-Funktionäre, unauffindbare Stimmberechtigte: Der Bericht von Blatters Ethikkommission gleicht einer Komödie.“

La Repubblica (Italien): „WM und Korruption, die Schande der FIFA.“

Sport (Spanien): „Die FIFA bricht entzwei. Der Freispruch vom Vorwurf der Korruption für Russland und Katar zerreißt den Verband.“

Daily Mail (Großbritannien): „Die FIFA ist krank und korrupt.“

Gazzetta dello Sport (Italien): „Es ist kein schönes Schauspiel, das die FIFA bietet. Sogar ein Kind würde verstehen, dass da etwas nicht stimmt.“

FAZ (Deutschland): „Die FIFA spricht sich bei der Untersuchung der WM-Vergaben an Russland und Katar selber frei, sorgt für einen internen Eklat.“

Marca (Spanien): „Bürgerkrieg in der FIFA. Russland und Katar werden gegen den García-Bericht als Ausrichter der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 bestätigt.“

Der Standard (Österreich): „Die FIFA gibt sich der Lächerlichkeit preis.“

Der Spiegel (Deutschland): „Die FIFA-Ethiker sollten aufklären – und scheitern grandios.“

Inzwischen sind längst nicht nur die internationalen Medien aufmerksam geworden und Fußballfreunde weltweite empört, auch die US-Bundespolizei FBI, die bereits seit 2011 gegen den Fußballweltverband ermittelt, weitet ihre Untersuchungen aus. Die Kommentare einer eher ohnmächtigen Fußballöffentlichkeit tragen auch Züge der Ratlosigkeit und Resignation. Egal was passiert, egal wie schlimm die Vorwürfe sind, es geht letztendlich immer so weiter. Erdrückend, ernüchternd oder nur frustrierend. Fans, Sportler, Trainer und Manager bemühen sich weltweit um ein gutes Bild des Fußballs, die sympathischen deutschen Weltmeister haben eben erst entscheidend dazu beigetragen, aber immer wieder wird der Fußball durch Funktionäre und Aktionen des Weltverbandes in ein fahles Licht der Scham getaucht. Die FIFA steckt auf offener Bühne in einer existenziellen Krise, hat ein latentes Glaubwürdigkeitsproblem und schadet dem Fußball. Wenn auch die Kassen prall gefüllt und der Geldregen unaufhörlich anhält, der Ruf ist nachhaltig ruiniert. Was aber tun?

Leo Amery (1873-1955).

Leo Amery (1873-1955).

In einer tiefen Existenzkrise Großbritanniens, im Mai 1940, wusste der Appeasement-Politiker und amtierende Premierminister Neville Chamberlain nicht mehr ein und aus, die Nation schien führerlos und nicht gewappnet für den Überlebenskampf gegen Nazideutschland. Da schlug eine demokratische Stunde im Unterhaus, dem britischen Parlament. Der Abgeordnete Leopold Amery aus Chamberlains eigener konservativer Partei bereitete die Bahn für einen Neuanfang, fand berühmte und historische Worte, die einst schon Oliver Cromwell dem „Langen Parlament“ im Jahre 1642 entgegenschleuderte. Leo Amery wandte sich persönlich an den Premierminister: „Ihr habt hier schon länger gesessen, als gut tut bei eurer Arbeit. Fort mit euch, sage ich, wir wollen mit euch nichts mehr zu tun haben. Im Namen Gottes: Geht!“ Chamberlain verstand den darauf einsetzenden, dröhnenden Applaus des Hauses und erkannte die Zeichen der Zeit. Darin durchaus Größe beweisend, reichte er seinen Rücktritt ein, einen Tag später beauftragte der König den First Lord of the Admiralty, Winston Churchill, mit der Regierungsbildung, die Rettung Englands nahm ihren Anfang.

Es sollen keine Parallelen zwischen großer Weltpolitik und historischen Stunden der Menschheit mit dem kopflosen agieren der FIFA gezogen werden. Allerdings wäre ein solcher großartiger wie mutiger Aufbruch für die FIFA dringend nötig. Aber ein Churchill für den Fußball ist weit und breit nicht in Sicht. Im Reich des Sepp Blatter gibt es schon lange keine Frauen und Männer vom Schlage Leo Amerys mehr. Der 78-Jährige FIFA-Präsident hat gerade angekündigt, auch 2015 für weitere fünf Jahre kandidieren zu wollen. Der Spiegel schrieb bei dieser Ankündigung:  „Wenn er irgendwann mit über 80 Jahren abtritt, wird er mehr als zwei Jahrzehnte an der Spitze des Weltfußballs gestanden haben. Die FIFA wird mindestens so lange brauchen, sich davon zu erholen.“ Was wohl Reinhard Rauball und Gary Lineker dazu sagen…

Redaktion Magath & Fußball

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