Besinnungszeit


Veröffentlicht am 19. November 2014

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Jahresabschluss mit Stil – Neuer Weltmeister schlägt alten Weltmeister

In einem sportlichen Vergleich am Rande der Bedeutungslosigkeit bezwang die DFB-Elf im letzten Länderspiel ihres so erfolgreichen WM-Jahres 2014 den amtierenden Europameister und vormaligen Weltmeister. Ein Prestigesieg gegen den Dauerrivalen – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ausgerechnet einer, den sie in Spanien inzwischen so sehr schätzen, machte im Dauerregen von Vigo den Unterschied.

Längst lief die Schlussphase einer wenig spannungsgeladenen Partie, als Toni Kroos es noch einmal aus der Distanz probierte. Dass diese Übung zu den größten Stärken des aus der Hansestadt Greifswald stammenden Mittelfeldmannes zählt, sollte nach seinem durch und durch beeindruckenden Einstand im Madrider Starensemble auf der Iberischen Halbinsel eigentlich die Runde gemacht haben. Bis zu Francisco „Kiko“ Casilla aber war derlei Botschaft offenbar nicht vorgedrungen. Der Schlussmann von Espanyol Barcelona, seit Minute 77 anstelle von Iker Casillas zwischen den Pfosten, wurde von Kroos‘ Linksschuss aus gut 25 Metern überrascht und machte ganz und gar keine gute Figur. Das deutsche Siegtor unmittelbar vor dem Abpfiff, ein klarer Torwartfehler. Doch wen interessiert das schon?

Erkenntnisse im Hinblick auf die Europameisterschaft freilich konnte die Begegnung schwerlich liefern. Lediglich Kroos, Thomas Müller und Benedikt Höwedes waren von jener Anfangsformation übrig geblieben, die sich am 13. Juli im Estádio do Maracanã unsterblich machte. Zwar hat sich das Gesicht des Teams nach den Rücktritten von Kapitän Philipp Lahm, Per Mertesacker und Miroslav Klose seither gründlich verändert, dennoch besitzen Kandidaten wie Sebastian Rudy, Antonio Rüdiger (Warum eigentlich nicht Robin Knoche, Herr Löw?) oder Kevin Volland bei der Startplatzvergabe auch in Zukunft höchstens Außenseiterchancen. Sie alle aber machten ihre Sache im Freundschaftsspiel gegen Spanien ordentlich.

Der durchaus überraschende Sieg dieser völlig neu zusammengewürfelten deutschen Mannschaft im Estadio Balaídos war dennoch wichtig – auch, weil sich zuletzt einmal mehr ein altbekannter Branchenreflex offenbarte. Eben noch gottgleich gefeiert für den vierten Stern, setzte nach dem mühevollen 2:1-Auftaktsieg gegen Schottland, der 0:2-Niederlage gegen Polen und dem 1:1-Unentschieden gegen Irland zum Start in die EM-Qualifikation schon wieder der mediale Abgesang ein. Das klare aber glanzlose 4:0 gegen Gibraltar befeuerte diesen sogar noch, man hatte ja schließlich keine zehn Tore geschossen, mindestens sieben oder acht sollten gegen den Quali-Frischling aber bitteschön vorausgesetzt werden. Die Erkenntnis: Drei Punkte ohne Spektakel sind nicht länger erlaubt. Auch das bringt ein Weltmeistertitel eben mit sich. In Anbetracht dessen kann es unserem Bundestrainer nicht hoch genug angerechnet werden, dass er sich in der Stunde seines größten Triumphes keineswegs aufs Altenteil zurückzog, sondern Deutschland nunmehr in Richtung EM-Titel 2016 führt.

Polen hin, Gibraltar her: Unterm Strich, und das zählt, steht nach dem 17. und letzten Länderspiel des Jahres nun der elfte Sieg. Angesichts von vier Unentschieden und nur zwei Niederlagen, obendrein die WM-Trophäe im Gepäck, müsste das selbst bei den größten Zweiflern und beharrlichsten Nörglern als herausragende Bilanz durchgehen, Joachim Löw daran nicht ganz unbeteiligt. Dass es gegen Spanien wie zum Auftakt im März gegen Chile ein 1:0-Sieg wurde, macht die Sache rund und dürfte, nein sollte die Stimmung im DFB-Lager bei allen Beteiligten pünktlich zum Start in die Vorweihnachtszeit zurück auf den Höhepunkt treiben. Zeit für den deutschen Fußballfan, um Danke zu sagen. Zeit für einen entspannten Blick auf ein tolles Jahr. Zeit zur Besinnung.

Redaktion Magath & Fußball