Duell der Gegensätze


Veröffentlicht am 21. November 2014

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Sensationsaufsteiger SD Eibar mischt munter mit und hat nun Real Madrid zu Gast

Gerne und oft wird im Fußball vom aussichtslosen Kampf des kleinen Davids gegen den übermächtigen Goliath geschrieben. Selten jedoch war der vergleichende Blick auf eine der wohl berühmtesten biblischen Erzählungen derart berechtigt, wie wenn der SD Eibar am Samstag in der Primera División Real Madrid empfängt. Auf der einen Seite der Weltclub aus der spanischen Hauptstadt, der mit der teuersten Fußballmannschaft aller Zeiten ins Ipurúa reist, amtierender Champions League Sieger sowie Topfavorit auf den Meistertitel ist. Und auf der anderen Seite Sociedad Deportiva Eibar. Ein 3.700 Mitglieder starker Verein aus einer Kleinstadt in den baskischen Bergen, der so ganz anders ist, als der königliche Riese. Beide Clubs trennen Welten – und ein unfassbar großer Schuldenberg.

Im Frühjahr huldigte die Fußballwelt Vorturner Carlo Ancelotti und seinem „Weißen Ballett 2.0“ – Cristiano Ronaldo, Gareth Bale und Co. setzten sich im rein spanischen Champions League Finale gegen den Stadtrivalen Atlético die europäische Fußballkrone auf. Bravo. Der langersehnte zehnte Titel im wichtigsten Clubwettbewerb unseres Kontinents ward gewonnen, „La Décima“ nicht nur auf der Pyrenäenhalbinsel in aller Munde. Aber, diese Frage muss gestattet sein, ist dieser Erfolg auch dann noch so hoch zu bewerten, wenn ein Club über Jahre und Jahrzehnte hinweg Milliardensummen in seinen Kader steckt? Ist das Streben nach Titeln und Triumphen, Glanz und Gloria im Fußball tatsächlich eine Art heiligender Zweck?

Beim 2:0-Sieg über den FC Sevilla im Finale um den UEFA-Supercup schickte Real Anfang August die teuerste Fußballmannschaft aller Zeiten ins Rennen. Cristiano Ronaldo, James Rodríguez und Co. brachten stolze 491 Millionen Euro auf den Rasen, im Durchschnitt wiesen die elf Königlichen einen Marktwert von 44,6 Millionen Euro aus.

Beim 2:0-Sieg über den FC Sevilla im Finale um den UEFA-Supercup schickte Real Anfang August die teuerste Fußballmannschaft aller Zeiten ins Rennen. Cristiano Ronaldo, James Rodríguez und Co. brachten stolze 491 Millionen Euro auf den Rasen, im Durchschnitt wiesen die elf Königlichen einen Marktwert von 44,6 Millionen Euro aus.

Nun, über die Antworten lässt sich trefflich streiten und gewiss dürfen derlei Fragen nicht nur im Zusammenhang mit Real Madrid gestellt werden. Nur, bei den Königlichen tritt das offenkundige Missverhältnis eben immer dann besonders zutage, wenn es an die Geschäftszahlen geht. So wurde erst im September bekannt, dass der gigantische Schuldenberg, den der 32-fache spanische Meister inzwischen angehäuft hat, im Geschäftsjahr 2013/2014 um weitere 11,3 Prozent von 541 Millionen Euro auf sagenhafte 602 Millionen Euro angewachsen ist. Gleichzeitig aber kaufte man im Sommer 2013 erst den Waliser Gareth Bale für unglaubliche 94 Millionen Euro, um dann in diesem Jahr für den Kolumbianer James Rodríguez nach einer Handvoll guter WM-Auftritte weitere 80 Millionen Euro auf den Tisch zu blättern. Cristiano Ronaldo wohlgemerkt hat schon vor 14 Monaten seinen neuen Vertrag unterzeichnet, der dem Weltfußballer nun bis 2018 knapp 3.000 Euro pro Stunde garantiert. Pro Stunde! Oder anders ausgedrückt: Der Portugiese verdient jede Minute exakt 47,72 Euro – egal ob auf dem Spielfeld, im Kino, in den heimischen Federn oder vor dem Spiegel. Und das alles in einem Land mit einer Jugendarbeitslosigkeitsquote jenseits der 50 Prozent. Wahnsinn! Da bekommt der Henkelpott, der nunmehr mindestens bis Mai 2015 im Estadio Santiago Bernabéu aufgebahrt ist, doch gleich einen ganz neuen Anstrich. Erfolg ist eben immer relativ.

Klein aber fein

Erfrischend anders der SD Eibar. Ausgerechnet das „Real-Hausblatt“ Marca brachte es kürzlich einfach wie treffend auf den Punkt: „Geld ist nicht alles. Eibar ist definitiv der Beweis dafür, dass man mit Arbeit und Glauben Berge versetzen kann.“ Und das übrigens wie kein anderer Club in der Primera División ohne einen einzigen Cent Schulden. Auch das ist Erfolg. Dabei sind die Voraussetzungen ungleich, wie sie ungleicher kaum sein könnten.

Die Stadt Eibar in der spanischen Provinz Guipúzcoa zählt gerade einmal etwas mehr als 27.000 Einwohner, seit dem Mittelalter wurden hier Waffen gefertigt, heute sind Maschinenbauunternehmen und Kfz-Zuliefererbetriebe die industriellen Vorreiter der Region. Erst im November 1940, und damit schon reichlich spät, wurde der SD Eibar aus der Taufe gehoben, die Stadt war zu diesem Zeitpunkt längst in Francos Hände gefallen. Bis heute ist sie kein Hort kultureller Schönheit, im baskischen Hinterland zwischen San Sebastián und Bilbao am Flusslauf des Egos bestimmen stillgelegte Fabrikanlagen und graue Betonblöcke die Szenerie. Inmitten eines Wohngebiets liegt das Ipurúa. Das Stadion befindet sich noch immer im Umbau, bald bietet es 6.700 Zuschauern Platz. Damit sind zwar die Auflagen der Segunda División erfüllt, bei weitem aber nicht jene 15.000 Plätze geschaffen, die man im Oberhaus gerne sehen möchte. Das Problem: Ein entsprechender Ausbau des Ipurúas ist allein aus platztechnischen Gründen kaum zu realisieren, ist das Stadion doch praktisch von Häusern umrahmt. Für die Fans hat das natürlich auch viel Gutes: Wo andernorts die Weltstars von mehreren Bodyguards in Luxuslimousinen mit getönten Scheiben chauffiert werden, gehen ihre Helden nach dem Spiel in der Regel zu Fuß nach Hause. Mehr Nähe geht nicht.

In der Saison 2004/2005 wurde David Silva vom FC Valencia an den SD Eibar ausgeliehen. In 35 Partien gelangen dem heutigen Weltstar in Diensten von Manchester City fünf Tore.

In der Saison 2004/2005 wurde David Silva vom FC Valencia an den SD Eibar ausgeliehen. In 35 Partien gelangen dem heutigen Weltstar in Diensten von Manchester City fünf Tore.

Der SD Eibar lebt einen Traum, das wird deutlich, schreibt spätestens seit der vergangenen Spielzeit an einem der aufregendsten Fußballmärchen der jüngeren Geschichte dieses Sports. Der direkte Aufstieg im ersten Jahr nach der Rückkehr in die Zweitklassigkeit – zwischen 1988 und 2006 war man 18 Jahre lang ständiges Mitglied der Segunda División – war natürlich nicht eingeplant. Gestartet mit dem Saisonziel Klassenerhalt, wurde Eibar dank einer starken Defensive, die in 42 Spielen den Gegnern nicht mehr als 28 Tore gestattete, sogar Meister. Erstmals in seiner 74-Jährigen Geschichte mischt der Provinzclub nun im Konzert der ganz Großen mit, bricht dabei sämtliche Rekorde. Eibar ist die kleinste Stadt, die jemals einen Erstligisten stellte, das Ipurúa ist das kleinste Stadion, in dem in der Primera División jemals Spiele ausgetragen wurden und mit einem kolportierten Jahreshaushalt von etwa 3,2 Millionen Euro war man sogar in der Vorsaison in der zweiten Liga der ärmste Club. Der Aufstieg in die Primera División ist nichts anderes als ein veritables Fußballwunder, hatte folglich aber auch seine Schattenseiten. Die Statuten in „La Liga“ schreiben ein Vereinskapital von mindestens 2,1 Millionen Euro vor, auch existiert in Spanien ein Mindestgehalt für Erstligaprofis in Höhe von 120.000 Euro, das die Lohnaufwendungen des Sensationsaufsteigers praktisch auf einen Schlag verdoppelte. Eibar hatte im Sommer nicht mehr als 400.000 Euro in der Hinterhand, es drohte zwangsweise sogar die Rückversetzung in Liga drei. Präsident Alex Aranzábal aber schaffte es, kleinere Aktienpakete mit einem Wert von in der Spitze bis zu 100.000 Euro an mehrere Tausend Aktionäre aus 50 Ländern der Welt zu veräußern. Die Lizenz war gesichert, sogar die prominenten Ex-Spieler Xabi Alonso und David Silva beteiligten sich, um dem SD Eibar ein Jahr in Spaniens Topliga zu ermöglichen.

Nach elf absolvierten Runden bietet sich jetzt jedoch ein mehr als überraschendes Bild. Es sieht derzeit stark danach aus, als müssten die Königlichen die Reise nach Eibar auch in der nächsten Saison antreten. Die Mannschaft von Trainer Gaizka Garitano belegt aktuell Tabellenplatz zehn und hat schon 13 Punkte gesammelt. Gleich zum Saisonauftakt sorgten die Basken im Nachbarschaftsduell mit San Sebastián für einen echten Paukenschlag, gewannen dank eines Tores von Javi Lara mit 1:0. In der darauffolgenden Woche bereitete man dem Titelverteidiger arge Probleme: Atlético siegte einigermaßen glücklich mit 2:1. Seither sind auf dem Konto des Aufsteigers zwei weitere Siege beim FC Elche (2:0) und bei Rayo Vallecano (3:2) notiert, gegen Villareal (1:1), Levante (3:3), Granada (1:1) und auswärts in Bilbao (0:0) erreichten die Blau-Roten jeweils ein achtbares Unentschieden. Während Mikel Arruabarrena mit vier Saisontoren der erfolgreichste Angreifer Eibars ist, kam der teuerste Spieler der Clubgeschichte bislang fast ausnahmslos als Einwechselspieler zum Einsatz. Für Dani Nieto überwies man im Sommer gemessen an den eigenen Verhältnissen astronomische 150.000 Euro an den FC Barcelona. (Es sei hier kurz an die Zahlen im oberen Beitragsteil erinnert.) In der zweiten Liga hatte es Nieto für die Barca-Reserve in 34 Spielen immerhin auf sechs Treffer und zwei Vorlagen gebracht.

Mikel Arruabarrena, mit 31 Jahren einer der Routiniers beim SD Eibar, feiert seinen Führungstreffer gegen Villareal. Nach elf Partien hat der Angreifer vier Saisontore auf dem Konto und ist bester Schütze der Basken.

Mikel Arruabarrena, mit 31 Jahren einer der Routiniers beim SD Eibar, feiert seinen Führungstreffer gegen Villareal. Nach elf Partien hat der Angreifer vier Saisontore auf dem Konto und ist bester Schütze der Basken.

Obwohl die wirtschaftlichen und sportlichen Voraussetzungen also in keinster Weise mit denen der Konkurrenz verglichen werden können, ist der SD Eibar in der Primera División augenscheinlich alles andere chancenlos. Für Fußballromantiker eine ebenso willkommene wie seltene Erfahrung. Dass der zu Saisonbeginn geschätzte Gesamtmarktwert des Teams allenfalls einem Bruchteil der Summe entspricht, die auf dem Preisschild eines Real-Ersatzspielers steht, ficht Präsident Aranzábal nicht an. „Wir denken anders als die meisten spanischen Vereine. Bei uns stehen die Finanzen im Vordergrund – mit Verzicht auf bessere Spieler. Wenn wir wählen müssen zwischen wirtschaftlichem und sportlichem Erfolg, dann ist uns finanzielle Stabilität wichtiger.“ Das sehen sie bei Real von jeher grundlegend anders.

Redaktion Magath & Fußball