Im Schatten vergangener Tage


Veröffentlicht am 24. November 2014

2 Flares 2 Flares ×

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HSV besiegt und überflügelt Werder

Das 101. Nordderby der Bundesligageschichte zwischen dem Hamburger SV und Werder Bremen war alles andere als ein Fußball-Leckerbissen. Längst vorbei sind die Zeiten, als sich beide Rivalen im oberen Tabellendrittel begegneten und um die europäischen Plätze kämpften. Inzwischen sieht die Realität leider anders aus: Mittelmaß bestenfalls, Existenzängste und Abstiegskampf nicht ausgeschlossen. Die wenigsten hatten sich demnach am Sonntag im Volkspark ein fußballerisches Spektakel erhofft, für beide Kontrahenten stand zu viel auf dem Spiel. Heraus kam letztlich ein sicher leicht glücklicher, keineswegs aber unverdienter HSV-Erfolg. Die turbulente Schlussphase jedoch – erst in der letzten Viertelstunde übertrug sich die Derby-Atmosphäre auch auf den Rasen – entschädigte die Fans.

Zugegebenermaßen brauchte es schon einer gehörigen Portion Bremer Mithilfe, dass die Hamburger am zwölften Spieltag den zweiten Heimsieg in Serie einfuhren. Werder-Innenverteidiger Assani Lukimya verlängerte in Minute 83 einen Einwurf, den Hamburgs Ashton Götz in Richtung Fünfmeterraum geschleudert hatte, unglücklich mit dem Hinterkopf und dort stand Artjoms Rudnevs goldrichtig. Ausgerechnet Rudnevs, der in der laufenden Spielzeit bis dato lediglich sechsmal eingewechselt und dabei überwiegend mit Kurzeinsätzen bedacht wurde, avancierte zum Derbyhelden der HSV-Fans, die daraufhin so richtig in Stimmung kamen. Kurz zuvor war der überwiegenden Mehrheit in der mit 57.000 Zuschauern natürlich ausverkauften Arena noch der Atem gestockt, als Santiago Garcia zum Kopfball ansetzte. Jaroslav Drobny aber rettete mit einer tollen Flugparade, ehe wenige Minuten später ein Jubelsturm der Erlösung losbrach, der den Dino letztlich bis zum Abpfiff begleitete.

Zwar hatten die Bremer auch gegen Ende der Partie wie eigentlich den ganzen Nachmittag lang nichts Gefährliches zu bestellen, dennoch war ob der Knappheit des Resultats das große Zittern vorprogrammiert. Als dann bereits die dritte Minute der Nachspielzeit lief und Werder-Kapitän Clemens Fritz nach zweifelhafter Gelb-Rot-Entscheidung vorzeitig vom Feld gegangen war, offenbarte sich noch einmal das fragile Nervenkostüm der HSV-Offensive. Magere fünf Törchen hatten 1.080 Bundesligaminuten bis hierhin hervorgebracht. Dass es doch noch ein sechstes zu bejubeln gab, war in letzter Instanz dem Schlussmann der Grün-Weißen, Raphael Wolf, zu verdanken. Zu dritt liefen die Rothosen auf dessen Gehäuse zu, den Querpass von Pierre-Michel Lasogga bugsierte der eingewechselte Tolgay Arslan aus drei Metern an den Innenpfosten und wahrscheinlich hätte der Ball die Linie noch nicht einmal von alleine überquert, hätte ihn sich Wolf nicht selbst ins Netz gelegt. Der emotionale Schlusspunkt eines Nordderbys, das seinen Höhepunkt irgendwie im von Lotto King Karl auf seinem Kran wie immer stimmungsvoll intonierten „Hamburg meine Perle“ noch vor dem Anpfiff hatte, fußballerisch aber sicher zu den schlechtesten Darbietungen dieses traditionsreichen Duells gezählt werden darf.

Dennoch: Der 32. HSV-Sieg im ewig-brisanten Klassiker war nicht unverdient. Über die gesamte Spieldauer hinweg betrachtet war man zweifellos die aktivere und mutigere Mannschaft, wenn auch nur in der Anfangsviertelstunde und in den hektischen Schlussminuten wirklich gefährlich. Groß war die Erleichterung verständlicherweise bei Trainer Josef Zinnbauer, der mutig aufstellte und mit Mohamed Gouaida einem weiteren Nachwuchstalent seiner einstigen U23-Truppe zum Bundesligadebüt auf größter Bühne verhalf. Sieben Tore und fünf Vorlagen bei 17 Einsätzen waren eine Empfehlung, die dem Franzosen sogar einen Platz in der Startelf einbrachte. Anders als viele Etablierte im HSV-Gefüge – der Spielaufbau, oft über den Schweizer Valon Behrami vorgetragen, war katastrophal und viel zu behäbig, der hoch gehandelte Lewis Holtby einmal mehr eine Enttäuschung – versprühte der Youngster viel Elan und auch spielerische Raffinesse. Weitere Einsätze sollten folgen.

Während Kapitän Rafael van der Vaart sich in defensiven Zweikämpfen im Zentrum aufrieb und offensiv deshalb wenig beisteuern konnte, offenbarte sich das größte Manko der Hamburger in der Spielgestaltung. Keine Ideen, kaum Durchschlagskraft, auch über die Außen kam gegen Werder einmal mehr herzlich wenig. Immerhin brachte der dritte Heimdreier der laufenden Runde den HSV in der Tabelle an den Weserstädtern vorbei auf Rang 15. Weil man diesen „letztendlich einen Tick mehr gewollt“ habe als der Gegner, so Zinnbauer, sei er zudem verdient. Man muss dem jungen und sympathischen HSV-Coach beipflichten. Wo sein Gegenüber Viktor Skripnik allerdings ein „gutes Nordderby“ gesehen haben will, bleibt wohl sein Geheimnis.

Redaktion Magath & Fußball