Gefundenes Fressen


Veröffentlicht am 5. Dezember 2014

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Gegenwind statt Gegenpressing beim BVB, Jürgen Klopp im Fokus

Am Beispiel Jürgen Klopp zeigt sich dieser Tage die Schnelllebigkeit des Fußballgeschäfts besonders deutlich. Eben noch gefeiert für zwei Meisterschaften, einen Pokalsieg und ein Pokalfinale, das Erreichen des Champions League Endspiels und eine neue Philosophie vom Gegenpressing, bläst dem Vorturner der Borussen der Gegenwind nach dem miserablen Saisonstart der Schwarz-Gelben inzwischen frontal ins Gesicht. Von der „größten Krise seiner Trainerkarriere“ ist zu lesen, einige übereifrige Schreiberlinge gehen sogar schon so weit, Motivationsfähigkeit und taktisches Verständnis des vormaligen Übertrainers in Abrede zu stellen. Ungeheuerlich. Von seriöser, wertneutraler dafür weniger effekthaschender Berichterstattung sind wir offenbar längst noch weiter entfernt, als der BVB von der Tabellenspitze.

Um eine Fehlentwicklung festzustellen, hätte es Jürgen Klopp und Borussia Dortmund nun wirklich nicht mehr gebraucht. Und doch illustriert die Branche am Fallbeispiel des BVB im Dezember 2014 einprägsamer als jemals zuvor, dass die Halbwertszeit sportlichen Erfolgs dramatisch sinkt und im Rauschen des Blätterwalds oder im Getöse der Bewegtbild-Zeremonienmeister immer weniger Wert auf Sachkenntnis gelegt wird. In Zeiten des medialen Überangebots geht Meinungsmache vor profundem Sportjournalismus. Der Kampf um Leserschaft, Abozahlen und Klickraten wird immer erbitterter geführt, leidige Klischees werden auf Teufel komm raus bedient, nicht selten geht es bei Überschriften und Schlagzeilen unter die Gürtellinie. Das ist so auch im Fußball keinesfalls neu. Dass Jürgen Klopp aber noch zu Beginn dieses Jahres bei der Wahl zum Welttrainer nur von Triple-Mann Jupp Heynckes geschlagen wurde, und nun, keine elf Monate später, die BVB-Profis nicht mehr erreichen soll, ist nicht nur ausgemachter Blödsinn, sondern darüber hinaus durchschaubar.

Denn natürlich ist die Bundesliga-Talfahrt der Dortmunder ein gefundenes Fressen für all diejenigen, die sich nur allzu gerne im Kreis drehen und sich übermorgen mit Fleiß schon wieder am heute noch gottgleich Gepriesenen abarbeiten. Der Populismus hat leider Hochkonjunktur, abseits der Erfolgswelle ist die See rau und unberechenbar, natürlich weiß „Kloppo“ das und es wird ihn weder unvorbereitet treffen noch umwerfen. Der BVB-Coach ist als Persönlichkeit stark genug, sich vom Mediendruck nicht verbiegen zu lassen. „Es ist gerade einfach ein bisschen zäher. Dafür muss man bereit sein. Und das bin ich, zu 100 Prozent.“ Es sind Sätze wie diese, die bei ihm nicht wie die üblichen Durchhalteparolen klingen, Jürgen Klopp nimmt man das ab. Dennoch ist es für den 47 Jahre alten gebürtigen Stuttgarter die erste Extremerfahrung dieser Art, ist er doch längst so etwas wie das Gesicht der Dortmunder Borussia, die unter seiner Führung seit 2008 in Wahrnehmung und Ausrichtung einen bemerkenswerten Wandel vollzog. Dass sein markantes Grinsen plötzlich überall zu sehen war, mag der Konkurrenz nicht immer in den Kram gepasst haben, es muss fairerweise aber dazugesagt werden, dass sich Jürgen Klopp nie um diese Rolle gerissen hat, ihm dieser Anzug nur allzu bereitwillig übergestülpt wurde. Seine Redegewandtheit garniert mit markigen Sprüchen liefert stets tolle Zitate – im Erfolgsfall wie auch in schlechten Zeiten. Es spricht für ihn, dass er sich trotz der mitunter höchst wunderlichen Meinungsäußerungen über seine Spielidee, die bis vor kurzem noch als das Allheilmittel des deutschen Fußballs gepredigt wurde, weiterhin schützend vor seine Mannschaft stellt.

Jürgen Klopp kann mit dem öffentlichen Druck umgehen, dass er sich derzeit eher nachdenklich als zum Scherzen aufgelegt präsentiert, liegt angesichts von acht Niederlagen aus 13 Bundesligapartien und dem Abrutschen des Champions League Achtelfinalisten ans Tabellenende freilich in der Natur der Sache. Nach wie vor aber hat er alle Argumente der Fußballvernunft auf seiner Seite, Borussia Dortmund ist gut beraten, den eingeschlagenen Kurs des grenzenlosen Vertrauens einzuhalten. Das Interesse europäischer Topclubs, die Klopps Ideen nur allzu gerne für sich gewinnen würden, ist hinterlegt. Und überhaupt, sollte man meinen, ist die Visitenkarte des Meistertrainers, der auch international den Sprung vom beachteten Neuling hin zur geschätzten Fußballgröße geschafft hat, aussagekräftig genug. „Ich will mit allem, was mir zur Verfügung steht, diese Situation ändern. Dass unsere Arbeit richtig ist, davon sind bei uns alle überzeugt. Sie fruchtet in anderen Phasen einfach schneller. Wir sind ja nicht über Nacht ein bisschen doof geworden und wissen nicht mehr, was funktioniert und was nicht.“ Jürgen Klopp wird weder kleinbeigeben, noch sich verstecken. Das ist seine Sache nicht.

Und was spricht der Boss? Hans-Joachim Watzke befeuert mit seiner Redeseligkeit ungewollt die ebenso branchenüblichen wie leidigen Trainerdiskussionen, die anders als es an vielen anderen Standorten wohl unumgänglich wäre, in Dortmund trotz allem nur schwerlich in Gang kommt. Denn wenn es eine Art Urvertrauen in Klopp wirklich gibt, und davon ist ohne Abstriche auszugehen, dann muss dieses doch nicht Woche für Woche immer wieder aufs Neue in allen Gazetten und vor diversen Mikrofonen artikuliert werden. Generell aber ist Watzkes Mitteilungsbedürfnis zum breiten Themenspektrum, das den Fußball landauf- landabwärts bewegt, besonders stark ausgeprägt. Es drängt sich daher bisweilen der Verdacht auf: Der Mann hört sich gerne reden. Bei allen Verdiensten um das Überleben des Vereins und die Rückkehr der Borussia in Europas Fußballelite täte Hans-Joachim Watzke ein bisschen Zurückhaltung von Zeit zu Zeit bestimmt nicht schlecht. Nicht zuletzt der große BVB-Sanierer aus Erlinghausen im Sauerland sollte sich diesen Eintrag ins Stammbuch also zu Herzen nehmen: Manchmal ist weniger einfach mehr.

Redaktion Magath & Fußball

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