Wiedersehen macht Freude


Veröffentlicht am 8. Dezember 2014

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Thomas Schaaf gehört längst nicht zum alten Eisen

Zugegeben, ein bisschen gewöhnungsbedürftig war es schon, als Thomas Schaaf nach einjähriger Dienstpause im Sommer auf die Bundesligabühne zurückkehrte. Thomas Schaaf, dieser Name war in den Köpfen der Fußballfans eigentlich auf immer und ewig mit dem Grün Werder Bremens verbunden. Plötzlich aber waren da die Frankfurter Vereinsfarben, Rot, Weiß und Schwarz, dazu der Eintracht-Adler und überhaupt war es ja noch nicht allzu lange her, dass der neue SVW-Geschäftsführer Thomas Eichin kurz nach seiner Amtsübernahme im Frühjahr 2013 aus freien Stücken einen Neuanfang ausrief. Der bis dato mit meilenweitem Abstand dienstälteste Trainer der Liga wurde mehr oder minder gegangen, man trennte sich „einvernehmlich“, soweit der übliche Sprachgebrauch. Viel war damals spekuliert worden. Ob Schaaf überhaupt noch in die Neuzeit der Konzept-Trainer passe. Ob Schaaf nach 14 Jahren Amtszeit als Cheftrainer noch Reizpunkte setzen könne. Ob seine Methoden noch zeitgemäß seien. Die Antwort traf Werder Bremen nun zwar mit leichter Verzögerung, dafür umso härter: Ein deutlicher 5:2-Sieg Eintracht Frankfurts hinterließ im ersten Aufeinandertreffen Schaafs mit seiner alten Liebe auf beiden Seiten eine Gefühlswelt, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnte.

Mehr als 40 Jahre lang trug der gebürtig aus Mannheim stammende Fußballlehrer die grün-weiße Raute auf der Brust. 1972 schon wurde Thomas Schaaf Mitglied bei Werder, es folgten 17 Profijahre, in denen er es als knallharter Verteidiger auf 262 Bundesligaspiele und zu je zwei Meisterschaften und Pokalsiegen brachte, anschließend der nahtlose Übergang vom Jugend- und Amateurtrainer zum Chefcoach der Bremer in der Bundesliga. Als Trainer folgten drei weitere Pokalsiege sowie eine Meisterschaft, außerdem etablierte Schaaf die Hanseaten als sympathische zweite Fußballkraft Deutschlands dauerhaft in Europa. Drei schwächere Jahre, in denen Werder im Schnitt über 60 Gegentreffer hinnehmen musste, sowie der Weggang von Manager Klaus Allofs nach Wolfsburg leiteten schließlich ein Umdenken ein an der Weser. Das Erfolgsduo Allofs/Schaaf war gesprengt. Es kam mit Thomas Eichin ein neuer Geschäftsführer, der in seiner Spielerkarriere 15 Jahre lang für Borussia Mönchengladbach die Schuhe geschnürt hatte. Eichin, unmittelbar vor seinem Engagement in Bremen knapp 14 Jahre erst als Marketingleiter und später als Geschäftsführer der Kölner Haie in der Deutschen Eishockey Liga tätig, wollte Werder „neu definieren“.

„Wie angekündigt haben wir nach dem Kraftakt zum Klassenerhalt unsere sportliche Entwicklung analysiert und sind zu dem Schluss gekommen, dass eine Trennung für den geplanten Neustart das Beste ist.“ Eichins schlichte Worte beendeten im Mai 2013 von heute auf morgen die Amtszeit von Thomas Schaaf bei den Norddeutschen – eine Ära, die mit 14 Jahren und genau fünf Tagen als eine der längsten in die Bundesligageschichte einging. Schon den Saisonabschluss wenig später in Nürnberg erlebte Schaaf nicht mehr auf der Werder-Bank, interimsweise nahm Wolfgang Rolff diesen Posten an seiner statt ein.

Ein gutes Jahr wurde es still um Thomas Schaaf, beim Abschiedsspiel von Torsten Frings feierten ihn die Bremer Fans im Weserstadion ein paar Monate nach seinem überraschenden Abschied noch einmal lauter als alle anderen. Schon damals drängte sich der Eindruck auf, dass die Fußstapfen, die der Mann mit dem markanten Schnauzbart an alter Wirkungsstätte hinterließ, für den Nachfolger wohl mehrere Nummern zu groß sein könnten. Auf Schaaf folgte schließlich Robin Dutt, der sich trotz zwischenzeitlichen Gegenwindes in Orkanstärke immerhin durch die Saison 2013/14 schleppte, am Ende mit Platz zwölf und 66 Gegentoren aber nicht besser dastand. Der Klassenverbleib wurde zwar bereits eine Runde eher am 32. Spieltag gesichert, eine wirklich neue Richtung allerdings war beim SVW beim besten Willen nicht auszumachen. Angesichts dieser Tendenz und des erneut schwachen Starts in das laufende Spieljahr war es schon kaum mehr verwunderlich, als auch Dutt von Eichin im Oktober von seinen Aufgaben entbunden wurde.

Seither gewöhnen sich die Werderaner an zwei alte Bekannte: Viktor Skripnik als Cheftrainer und Torsten Frings als Assistent leiten fortan die Geschicke, wurden unlängst mit jeweils drei Jahre lang gültigen Arbeitspapieren ausgestattet. Zwei Bremer Urgesteine, die nicht nur in ihrer Vita an ihren Vorvorgänger erinnern, sondern darüber hinaus vor dem ersten Aufeinandertreffen mit Thomas Schaaf öffentlich ihre Sympathien für dessen einstige Erfolgsphilosophie bekundeten. Thomas Eichin nun muss sich seinerseits die Frage gefallen lassen, was aus dem großspurig angekündigten Umschwung an der Weser geworden ist. Bislang jedenfalls entpuppte sich der Neustart als desaströser Rohrkrepierer, die Bundesligatauglichkeit der Mannschaft scheint weitaus fraglicher denn je.

Ausgerechnet Thomas Schaaf sorgte nun als Eintracht-Coach an diesem Wochenende dafür, dass sich die Bremer vor dem schwierigen Jahresabschluss mit den beiden Heimspielen gegen Hannover und Dortmund sowie der Auswärtspartie in Gladbach auf Tabellenplatz 17 wiederfinden. Beim 5:2-Kantersieg gegen Schaafs alte Liebe trafen neben Alexander Meier, der sich mit seinem Doppelpack an der Spitze der Torjägerliste absetzen konnte, auch noch Haris Seferović, Stefan Aigner und Toptalent Marc Stendera. Nur Bayern (33) und Wolfsburg (28) erzielten in dieser Saison bislang noch mehr Tore als die SGE (27), die sich inzwischen in der oberen Tabellenhälfte auf Schlagdistanz zu den internationalen Plätzen festgesetzt hat. Während in Frankfurt also vorweihnachtliche Feststimmung angesagt ist, dürfte es knapp 450 Kilometer weiter nördlich zum Jahreswechsel ziemlich ungemütlich werden. Zeit zur Besinnung bietet der Advent bekanntlich reichlich – möglicherweise schweifen die Gedanken in Bremen bei allen, die es mit Grün-Weiß halten, dieser Tage etwas öfter als sonst zurück in die Vergangenheit. Denn Thomas Schaaf, dieser Beweis ist nicht erst seit Sonntag erbracht, gehört noch längst nicht zum alten Eisen.

Und natürlich kam sie dann doch noch, die unvermeidliche Journalistenfrage auf der Pressekonferenz nach dem Spiel in der Commerzbank Arena. „Herr Schaaf, wie fühlt sich denn jetzt so ein Sieg gegen Werder an?“ Ruhig und sachlich, wie man ihn kennt, antwortete dieser nach kurzem Überlegen ohne jede wahrnehmbare Gefühlsregung: „Sie werden es mir nicht glauben, aber genauso wie gegen alle anderen Mannschaften.“ Schadenfreude verbietet sein guter Stil.

Redaktion Magath & Fußball