Auf den Gabentisch – kurz vor Schluss


Veröffentlicht am 23. Dezember 2014

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Furioser Roman über Liverpool-Legende Bill Shankly

Statistiken behaupten, der Großteil der Fußballfans ist männlich und die Mehrheit der Leser von Romanen weiblich. Kurz vor dem Weihnachtsfest der Versuch einer Zusammenführung. David Peace ist einer der spannendsten Autoren unserer Zeit, seine Kriminalromane führen uns tief in den Abgrund menschlicher Taten, knapp die Sprache, düster die Handlung, es gibt kein Gut und Böse, jeder trägt Schuld. Der Leser braucht Nerven, dafür wird er nie gelangweilt. Aufwühlend und verstörend kommen diese Meisterwerke daher. Seine von realen Ereignissen angeregten Romane brennen unter der Haut, gehen an Grenzen. Wer das „Red Riding Quartett“ über den Yorkshire Killer oder die „Tokyo-Krimis“ gelesen, der war Gast in der Apokalypse. Ein leidenschaftlicher Schreiber ist dieser Brite aus Ossett. Mit weniger Blut aber gleichermaßen Spannung springt uns David Peace in Sachen Fußball an, seiner zweiten Obsession. Vor Jahren beschäftigte ihn die Trainerlegende Brian Clough in dem Roman „Damned United“, nun huldigt er einem anderen Trainerdenkmal, dem Schotten Bill Shankly. Ein Meisterwerk mit allem was Fußball ausmacht, ein Werk voller Leidenschaft, von Größe und tiefem Fall. „Red or Dead“ ist ein wunderbarer Fußballroman. Was will man mehr?

Es ist ein kompromissloses Buch. Shankly hätte es gefallen. Fußball war für ihn eine Sache ohne Kompromisse. Ein konservativer Vorstand ohne jede Fußballkompetenz hatte den Verein herabgewirtschaftet und schluckte nun aus Überlebensgründen und um den eigenen Hals zu retten einen Manager, den man nie wollte aber brauchte. Es war Bill Shankly, der den Verein belebte, vor dem Untergang rettete und die Fans mitnahm in die Legende FC Liverpool. Die einfachen Menschen liebten ihn. Der Arbeitersohn schuftete in seiner Jugend in Kohleminen, revolutionierte nun das Spiel Fußball und rüttelte eine ganze Stadt auf. Ein Arbeiter am und auf dem Platz. Sein Motto: „Alle arbeiten für dasselbe Ziel, und alle sind am Gewinn beteiligt – so sehe ich den Fußball und das Leben.“ Dies wollte er auch für die britische Gesellschaft geltend machen, womit er beim Geldadel des Fußballs schnell zum gefährlichen Schwärmer wurde. Mit Sätzen wie „In einem Fußballclub besteht eine heilige Dreifaltigkeit: die Spieler, der Trainer und die Fans. Die Präsidenten gehören nicht dazu. Sie sind einzig dazu da, die Checks zu unterschreiben.“ schuf er sich schnell und dauerhaft mächtige Feinde. Auch darin war er kompromisslos und ohne Furcht. Im Alleingang machte er die Reds groß und erfolgreich, zum besten Team der Insel. Aus unerklärlichen Gründen trat Shankly im Jahr 1974 zurück. Er war gerade 60 und auf dem Höhepunkt seines Erfolges. Menschen auf der Straße waren fassungslos, einige weinten, während sich die Clubführung klammheimlich die Hände rieb, man war den ungestümen wie kompromisslosen Antreiber endlich los und konnte sich allein in seinen Erfolgen sonnen. Shankly erging es mit den Vereinsoberen wie König Lear mit seinen Töchtern, er musste alle Facetten des Undankes bis zur bitteren Neige auskosten. Die Menschen in Liverpool waren anders, spielten das Spiel der oberen Zehntausend nicht mit, sie hatten Shankly längst in ihren Herzen und als Bild in ihren Wohnungen, für immer unvergessen. Trotz der Beatles der größte Sohn der Stadt, obwohl in Glenbuck, Schottland geboren.

In Zeiten von grotesk überbezahlten Jünglingen, deren Konten schneller wachsen als ihr Verstand, und die von einer weltweiten Medien- und PR-Industrie zu Ersatz-Göttern unserer Zeit erhoben werden, wäre ein Mann wie Shankly ein Anachronismus und nicht mehr denkbar. Die Anziehungskraft von „Red Or Dead“ liegt auch in der geschilderten Bescheidenheit von Bill Shankly. Da putzt er mit seiner Frau das Besteck, hantiert mit Wischeimer und Schrubber im Hausflur, die Familie Shankly mit Dienstpersonal ist schwerlich vorstellbar. Die Abzughaube in der Küche repariert Vater selbst, Fanpost wird akribisch bearbeitet, nicht eine Anfrage bleibt ohne Antwort, auch da keine Sekretärin oder Hilfe. Ob er wirklich den Mannschaftsbus Richtung Auswärtsspiel gestoppt und einige trampende Fans mitgenommen, dabei noch sein Sandwich mit ihnen geteilt, es ist nicht ganz klar. Realität oder Fiktion? Pearce lässt uns im Unklaren, aber es passt so wunderbar zum Bild des Bill Shankly. Auf den Buchseiten wird uns ein Trainer und Manager lebendig, der sich noch vehement dem Machthunger von Funktionären und der Geldgier von Spielern entgegenstemmte, der einen Fußball-Club nicht als Besitz von Sponsoren und als Spielball von Vorständen sah, sondern für die Fans gemacht – oder, wie er sie nannte, die Menschen. Und es hat funktioniert! Es hat ihm aber auch seine Kraft gekostet und am Ende die Karriere. Um den Aufrechten bleibt es einsam.

Die 720 Seiten sind eine Liebeserklärung an das Reine und Schöne im Fußball, kommen auch als grandioses Gesellschaftsporträt daher und bringen uns eine faszinierende Fußballlegende menschlich nah. Pearce lässt uns aus seinem Blickwinkel an vielen famosen Shankly-Episoden teilhaben. Berührend die Szene in einem Café auf der schmucklosen Eaton Road. Britisches Wetter, draußen regnet es fürchterlich. Shankly beobachtet die Straße, eilt vor die Tür, gibt einem völlig Fremden seinen Schirm, nicht aus Großmut oder Larmoyanz, sondern aus Respekt vor der Tatsache, dass der Mann zur Arbeit gehen muss, während er selbst privilegiert ist und Zeit hat, im Café zu sitzen, darauf warten kann bis der Regen aufhört. So kam einst Anstand daher. Inbrünstig wie ihr „You’ll Never Walk Alone“ sangen und singen die Fans ihr „Shank-lee! Shank-lee!“ Er hat es verdient. Und Womit? Mit Recht!

Empfehlung
Taschenbuch: Red or Dead
Autor: David Peace
Verlag: Faber & Faber Fiction (5. Juni 2014)
Sprache: Englisch
ASIN: B00QASZHKY
Preis: 25,89 Euro

Redaktion Magath & Fußball