Rückschau


Veröffentlicht am 30. Dezember 2014

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Fußball 2014 kam in voller Fahrt

Auf der Strecke geht unendlich viel verloren, Ruhm und Schmach haben kaum noch Zeit, sich in die Köpfe zu setzen. Das Karussell Fußball dreht immer schneller, der Zirkus verschlingt oft die Manege, Spiele geben sich im Tagestakt die Klinke in die Hand. Haften bleibt der Weltmeister. Mehr geht auch am Jahresende nicht. Das funkelt auch in der Erinnerung. Wer denkt noch an Geschlagene und Plätze? Deutschland hat das Ding aus Südamerika geholt. Einmalige Leistung. Bei den gut geführten Nachwuchszentren, vielen seriösen Clubs und einer funktionierenden Liga wird es nicht der letzte deutsche Titel bleiben. Die anderen hecheln nur noch hinterher.

Spanien hat seinen großen Kreis ausgeschritten, besitzt aber Barca und Real. Meister dort wurde allerdings Atlético, eher tabellarischer Betriebsunfall denn Gezeitenwechsel. England ist mittlerweile mit seinem Nichts glücklich, Platz vier in einer WM-Vorrunde wird vom Nationaltrainer als Erfolg gesehen, auf der Insel interessiert es kaum. Die Premier League überstrahlt alles, spielt und spielt und hat in Manchester seinen Titelträger, allerdings heißt der City und nicht United. Ein unaufgeregter Manuel Pellegrini machte es möglich. Der kommende WM-Gastgeber Russland schläft in allgegenwärtiger Capello-Agonie. Brasilien rausgekegelt aus der Weltelite, blamiert bis auf die Knochen und gedemütigt. Italien auf dem Boden der Tatsachen, die Liga verliert im Eiltempo an Reiz, den Preis zahlt auch die Nationalelf. Hollands WM-Trainer sitzt längst im Old Trafford und versucht das Ferguson-Erbe besser zu verwalten, als die Zwischenlösung David Moyes. Louis van Gal baut um und rüstet auf, dafür bekommt er Möglichkeiten, die Moyes nicht hatte. Aber im nächsten Jahr muss auch er einen Titel liefern, sonst folgt er wohl eher Moyes und nicht dem legendären Schotten. Zeit ist eben kein Gut mehr in diesem Geschäft.

König der Premier League nicht Arsène Wenger sondern José Mourinho, der charismatische Portugiese bleibt der Fixstern seiner Zunft. Seine Zeichen und Segel setzt er in London, worüber Abramowitsch und der FC Chelsea sehr froh. In der Bundesliga wirkt sein eigentlicher Antipode, Pep Guardiola. Dieser hat den FC Bayern in neue Sphären gehoben und schon Meisterschaften gesichert, die noch nicht mal begonnen. Mourinho und Guardiola haben nicht nur Können und gute Spieler, sie verfügen auch über Ströme an Finanzmitteln. Der Erfolg hat viele Väter und die Champions League bleibt ein sprudelnder Geldquell. Wer diesem Brunnen fern, kann nur noch schwer mithalten, selbst die Europa League und deren Teilnehmer darben hinterher. Gewonnen hat das Goldstück Champions League zuletzt Real Madrid, auf dem Kontinent die Ancelotti-Truppe wohl letzter ernsthafter Bayern-Konkurrent. Borussia Dortmund war auch mal Bayern-Konkurrent. Im Inland bekommt einem so etwas nie auf Dauer, der BVB längst im Tal der Ernüchterung, nah bei den Tränen. Nicht ernüchtert sondern erstaunt ist Fußballeuropa von manch großer Tat vermeintlicher Zwerge. Besonders der SD Eibar lässt die Herzen höher schlagen, der kleine Baskenverein in der Primera División sorgt für Furore und hält in der Eliteliga unbeschwert mit, der David zeigt bisher keine Furcht vor den ihn umgebenden Goliaths. Festliches aus Deutschlands Hauptstadt. In Berlin kamen tatsächlich 30.000 Menschen zum Weihnachtssingen des 1. FC Union Berlin in dessen Stadion „Alte Försterei“, da können teure Konkurrenz und selbst Kirchen sich nur neidvoll die Augen wischen.

Zum Fußball gehört längst auch der Boulevard, seine immer greller werdende Begleitmusik aus Dauerwerbung, einem latenten Trommelfeuer der Eitelkeit, Hundertschaften von sogenannten Experten, Interviews und Skurrilitäten im Minutentakt nebst einer Flut von Meldungen, deren Dschungelhaftigkeit nicht mehr zu durchschauen. „Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr“, so dichtete schon Heinrich Zille. Er ahnte wohl den Weltmeister Christoph Kramer, dem nach Brasilen viele ehrliche Sympathien entgegenschlugen, der aber mit jeder Öffnung seines Mundes selbige zerbröseln ließ. Die Krönung zum Jahresabschluss: „Unsere ganze Gesellschaft scheint mir manchmal ein wenig zerfressen von Neid. Ich empfinde das als sehr extrem. Denn egal, wohin man schaut – mir scheint es so, als würden sich viele Menschen nicht einmal mehr das Schwarze unter den Fingernägeln gönnen.“ Der Fußballprofi Kramer gibt den Sozialanalysten und liegt meilenweit entfernt von der Lebensrealität der Fans und des zahlenden Publikums.

Nationalmannschaftskollege Marco Reus kann Kramer nicht gemeint haben, der bereicherte den Straßenverkehr durch Luxuslimousinen und steuert eine halbe Million Bußgeld in die Staatskasse. Der Fußballprofi unserer Zeit wird täglich überhöht und verklärt, dieser um sich greifenden „Heiligsprechung“ entspringen dann solche Blüten, die von einigen tatsächlich „Vorbilder“ genannt werden. Eine internationale Ausgabe dieser Spezies ist Zlatan Ibrahimović, er erlegte im Sommer bei der Jagd einen Elch. Blattschuss, aus war’s mit dem Getier. Man gönnt sich ja sonst nichts. Wenigstens hat es nicht das Rentier Rudolf erwischt, womit auch der weitere Transport des Weihnachtsmanns gewährleistet und die Festtage 2015 gesichert. Dann auf ein Neues.

Redaktion Magath & Fußball

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