Christoph Glaser über Nachhaltigkeit und sein Fußballherz


Veröffentlicht am 3. Januar 2015

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Christoph Glaser ist Geschäftsführer der TLEX GmbH, die weltweit Leadership-Seminare durchführt, sowie Geschäftsführer des World Forum for Ethics in Business (WFEB), dessen Hauptkonferenz in Partnerschaft mit der Weltbank jährlich im Europäischen Parlament stattfindet. Im September 2014 führte das WFEB das erste World Summit on Ethics in Sports im FIFA Hauptquartier in Zürich durch. Christoph Glaser ist ein Leadership-Trainer und Unternehmer und hat in den letzten 14 Jahren Seminare über Mitarbeiterführung, persönliche Entwicklung, Management und Ethik in mehr als 50 Ländern der Welt unterrichtet, unter anderem für Regierungen und Großunternehmen wie beispielsweise Accenture, American Express, Beiersdorf/Nivea, General Electric, Shell und die Weltbank. Seit 2012 ist Christoph Glaser auch mehrfach für Leadership-Trainings an die Harvard Business School in Boston eingeladen worden. Als Vorstandsmitglied der International Association for Human Values engagiert er sich seit vielen Jahren für soziale Projekte, insbesondere für Schulbildung für Kinder in Entwicklungsländern. Christoph Glaser ist gelernter Bankkaufmann und hält einen Master in Public Policy von der Humboldt-Viadrina School of Governance in Berlin.

Zu Beginn des Jahres 2015 stellte er sich den Fragen der Redaktion Magath & Fußball, berichtete von seiner spannenden Arbeit und verriet dabei natürlich auch etwas über seine Fußballeidenschaft.

Christoph Glaser, verraten Sie uns zum Start ins neue Jahr Ihre persönlichen Vorsätze und beruflichen Ambitionen für 2015?

Christoph Glaser: Gute Frage! Ich weiß aber gar nicht, ob ich beruflich derart ambitioniert bin, obwohl ich eigentlich rund um die Uhr arbeite. Ich bin heute in der glücklichen Lage, dass ich das meiste, was ich tue, aus Freude tun kann, wofür ich sehr dankbar bin. Dennoch habe ich natürlich Ziele. Das wichtigste Ziel ist wohl, das World Forum for Ethics in Business sowie die TLEX GmbH, über die wir Leadership Seminare unterrichten, so aufzustellen, dass wir unseren Impact noch erhöhen können. Dabei freue ich mich ganz besonders auf die Veröffentlichung des Online Ethik-Leadership-Lehrgangs, der in Zusammenarbeit mit der Weltbank erarbeitet wird und voraussichtlich zu unserer Jahreskonferenz im November fertiggestellt und für jedermann auf unserer Webseite frei zugänglich sein wird. Persönlich ist mein wichtigster Vorsatz für 2015, jeden Tag dankbar zu sein für all das Gute, was mir widerfährt und dieses mit anderen Menschen zu teilen. Abgesehen davon könnte mir etwas mehr Sport und Natur sicherlich auch nicht schaden – als Ausgleich zu den vielen Reisen, die mein Beruf mit sich bringt.

Mit der Philosophie des World Forum for Ethics in Business sprechen Sie den einfachen Bürger wie den Konzernvorstand an, erreichen ein breites Spektrum von Menschen. Beschreiben Sie uns doch einmal: Was können wir uns unter dem WFEB vorstellen?

Glaser: Das World Forum for Ethics in Business (WFEB) ist eine gemeinnützige Stiftung mit Sitz in Brüssel. Ziel ist es, zu zeigen, dass Ethik nicht im Widerspruch zu Profit und Erfolg stehen muss, sondern im Gegenteil eine wichtige Grundlage für nachhaltigen Erfolg ist. 2014 hat das WFEB mit dem World Summit on Ethics in Sports auch eine Multi-Stakeholder-Plattform zum Thema Ethik im Sport ins Leben gerufen. Sie untersucht, was Wirtschaft und Politik vom Sport lernen können, zeigt erfolgreiche CSR-Aktivitäten in der Sportarena auf und diskutiert die aktuellen Herausforderungen in der Sportethik. Das erste Event dieser Art fand am 19. September 2014 in der FIFA Zentrale in Zürich statt. Das WFEB fokussiert sich jedoch nicht nur darauf, Diskussionen zu ermöglichen und das Bewusstsein zu erhöhen, sondern engagiert sich gezielt auch in Projekten. Besonders am Herzen liegt mir dabei das World Youth Forum, das jeweils vor der jährlichen Konferenz im Europäischen Parlament mit 50 ausgewählten zukünftigen Führungskräften aus der ganzen Welt stattfindet. Die Teilnehmer durchlaufen dabei ein einzigartiges Leadership-Training und halten als Höhepunkt eine Rede im Europäischen Parlament, den sogenannten „Call of the Youth“. Die Energie, Entschlossenheit und Weisheit, die dabei rüberkommt, reißt mich immer wieder mit und gibt Hoffnung.

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Welche Vision hat das WFEB? Welche Menschen tragen Ihre Organisation?

Glaser: Das WFEB hat seinen Ursprung im Jahre 2003, als WFEB-Mitbegründer Sri Sri Ravi Shankar eine globale Dialogreihe zum Thema Wirtschaftsethik initiierte, die seit 2006 als jährliche globale Konferenz im Europäischen Parlament in Brüssel stattfindet. Ziel des WFEB ist es, neue Wege für Spitzenkräfte zu untersuchen, einen ganzheitlichen Führungsstil zu entwickeln, der soziale Verantwortung und Profitabilität verbindet. Dies erfordert einen Paradigmenwechsel: Von der Motivation durch finanzielle Anreize hin zur Inspiration mittels einer gemeinsamen Vision und gemeinsamen Werten. Um die heutigen Herausforderungen zu meistern, brauchen wir Quer- und Neudenker, die vernetzt denken. Deshalb laden wir immer wieder komplett unterschiedliche Interessensgruppen zum Dialog ein – also Vertreter aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Sport, Kunst, Religion und der Zivilgesellschaften. Dieser Grundgedanke spiegelt sich auch in der Konstellation des Vorstands des WFEB wider. Präsidentin des World Forum for Ethics in Business ist die langjährige Vizepräsidentin der Citi-Group, Frau Rajita Kulkarni, aus Indien. Als Vertreter aus der Wirtschaft fungiert der CEO der Shangri-La Hotelkette im Vorstand. Die Politik wird durch einige Mitglieder des Europäischen Parlaments, wie z.B. der deutsche Abgeordnete Jo Leinen, vertreten. Zudem ist die Weltbank seit Jahren ein strategischer Partner des WFEB; der Vizepräsident der Weltbank, Dr. Sanjay Pradhan, vertritt die Bank im Vorstand. Und nicht zuletzt haben wir einen hochrangig besetzen Aufsichtsrat mit dem ehemaligen Premierminister der Niederlande als Vorsitzenden.

Welchen Stellenwert hat der Mensch bei der Arbeit des WFEB?

Glaser: Einen sehr großen! Organisationen sind natürlich einerseits juristische Konstrukte. Aber es sind die Menschen, die Organisationen zum Leben erwecken und sie tragen. Viele Studien zeigen, dass Veränderungsprozesse in Organisationen nur dann erfolgreich sind, wenn die Vision und Strategie von einer kritischen Masse an Mitarbeitern mitgetragen werden. Doch wie erzeugt man diese „Ownership“? Das ist eines der wichtigen Themen, die an unseren Konferenzen diskutiert werden. Der berühmte russische Schriftsteller Leo Tolstoy hat ja einmal gesagt: „Everyone thinks of changing the world, but no one thinks of changing himself“. Dasselbe gilt wohl auch in der Wirtschaft, Politik oder im Sport. Die Kunst ist wohl, ein Arbeitsklima zu schaffen, in dem der Fokus nicht nur darauf liegt, was die anderen verändern müssen, sondern wie ich selbst zum Wandel und zum Erfolg beitragen kann.

Gibt es so etwas wie ein übergeordnetes Ziel, das Sie persönlich mit der Arbeit des WFEB verfolgen?

Glaser: In meiner Arbeit als Leadership-Trainer sehe ich immer wieder, was Organisationen erreichen können, wenn die Inspiration und die Werte stimmen. Mir macht es unheimlich viel Spaß, Menschen und Organisationen dabei zu unterstützen, ihre Ziele zu erreichen – auf eine Weise, die sowohl für die Mitarbeiter, die Mitmenschen als auch für die Umwelt nachhaltig ist.

Haben Sie den Ehrgeiz, mit Ihrer Arbeit etwas zu verändern? Worin liegt dieser begründet?

Glaser: Die Menschheit wächst unaufhörlich, aber die Ressourcen sind nicht unbegrenzt. Das allein zeigt schon, dass das Wirtschaften in den nächsten Jahren nicht einfacher werden wird; Nachhaltigkeit ist daher außerordentlich wichtig. Technische Fertigkeiten alleine helfen uns nicht, dieses Problem zu lösen, wir brauchen Soft Skills. Deshalb sind auch immer wieder neue Denkansätze und Lösungen notwendig. Es braucht mehr als nur technisch gut ausgebildete Führungskräfte. Was heute gefragt ist, sind Soft Skills wie Kreativität und Innovation. Für mich sind Konferenzen wie das WFEB ein Instrument, um neue Lösungsansätze für nachhaltiges Wirtschaften und menschliche Werte zu entwickeln.

Wie sieht eigentlich ein typischer Arbeitstag im Leben des Christoph Glaser aus?

Glaser: Das Typische meiner Arbeit ist wohl, dass es gar keinen typischen Arbeitstag gibt. In den letzten zehn Jahren war ich pro Jahr im Durchschnitt 250 Tage beruflich auf Reisen: In verschiedenen Kulturen, Zeitzonen und in Zusammenarbeit mit ganz unterschiedlichen Organisationen. Gerade die Leadership-Seminare führen mich dabei immer wieder an die entlegendsten Destinationen und zu den unterschiedlichsten Institutionen wie General Electric, Shell, Boston Consulting Group, Nivea, die Regierung Iraks oder die Harvard Business School. So habe ich von den USA, Madagaskar über Saudi Arabien bis Nepal schon in über 50 Ländern Seminare gegeben. Die größte Herausforderung meines Alltags ist deshalb wohl die Anpassung an das jeweilige Setting, was mir aber gleichzeitig enorm Spaß macht – ja, mich oft geradezu vitalisiert! Eine Regelmäßigkeit gibt es jedoch. Egal wo ich bin und wie hektisch der Tag ist: Ich beginne jeden Tag mit einem 60-minütigen Fitness- und Entspannungs-Programm, selbst wenn es um 3 Uhr früh ist. Dabei hat sich für mich Meditation als wahres Wundermittel zur Bewältigung von Stress und Jetlag erwiesen. Genauso diszipliniert bin ich übrigens beim passiven Sport, insbesondere wenn ich spät abends noch die Erfolge von Roger Federer oder vom FC Basel im Internet nachlesen kann: Eine weitere Konstante in meinem Leben.

An welchen Sportarten haben Sie in Ihrer Freizeit Interesse? Finden Sie die Zeit, um selbst aktiv und regelmäßig Sport zu treiben?

Glaser: Mein leidenschaftliches Interesse gilt dem Fußball und dem Tennis. Als Junge habe ich jede freie Minute auf dem Fußballplatz verbracht und von einer großen internationalen Fußballkarriere geträumt. Ich habe auch in verschiedenen Jugendauswahlen in der Schweiz gespielt und rede mir bis heute ein, dass es nur an einer Verletzung lag, dass ich es nicht zur Weltkarriere gebracht habe.

Von rechts nach links: Christoph Glaser (Managing Direktor World Forum for Ethics in Business), Dr. Sanjay Pradhan (Vizepräsident der Weltbank, Vorstandsmitglied World Forum for Ethics in Business), Rajita Kulkarni (Präsidentin World Forum for Ethics in Business) und Peter Marti (CEO MartiComms).

Von rechts nach links: Christoph Glaser (Managing Direktor World Forum for Ethics in Business), Dr. Sanjay Pradhan (Vizepräsident der Weltbank, Vorstandsmitglied World Forum for Ethics in Business), Rajita Kulkarni (Präsidentin World Forum for Ethics in Business) und Peter Marti (CEO MartiComms).

Das von Ihnen im September in Zürich in dieser Form erstmals veranstaltete Forum World Summit on Ethics in Sports verzeichnete gewichtige Gastbeiträge von Sport- und Unternehmerpersönlichkeiten, insbesondere aus den Bereichen Fußball und Cricket. Welche Erkenntnisse aus diesem Forum haben für Sie zentrale Bedeutung?

Glaser: Das Forum hat verdeutlicht, wie effektiv der Sport Werte wie Fair-Play, Zusammenarbeit, Gesundheitsbewusstsein und Respekt vermitteln kann. Top-Sportler wie Katarina Witt, Sven Hannawald, Alain Sutter oder Christoph Daum haben in ihren Vorträgen illustriert, wie viel sie durch den Sport gelernt haben – und es war eindrucksvoll, welche Resonanz diese Vorträge gerade auch bei den Vertretern aus Wirtschaft und Politik gefunden haben. Das Forum zeigte jedoch auch, dass die Gefahr besteht, dass die Kommerzialisierung des Sports die eigentlichen Werte in den Hintergrund rücken lassen kann. Match-Fixing Experten wie Ralf Mutschke berichteten über die schockierende Macht der weltweiten Wett-Mafia, und Michael Garcia und Hans-Joachim Eckert erläuterten eindrücklich den Stand zum Untersuchungsbericht zu den FIFA-Weltmeisterschaften in Russland und Katar. Gerade das Beispiel der Fußball WM zeigt, dass es dringend ist, Governance und Ethik-Themen im Sport ganz konkret anzugehen. Die rund 300 Teilnehmer des Forums waren sich übrigens einig, dass der Sport ein enormes Potenzial hat, soziale Probleme zu lösen und gar als ein wichtiges Instrument in der Friedensarbeit dienen kann. WFEB-Mitbegründer Sri Sri Ravi Shankar wies darauf hin, dass Sport, wenn in der richtigen Weise geregelt, „ein sehr wichtiges Instrument sein kann, um den Frieden an Orten, wo interkulturelle Konflikte herrschen, wiederherzustellen“.

Fußballvereine und Profis werden heutzutage anders als beispielsweise Politiker wie Popstars verehrt. Wie stellen Sie sich einen modernen Fußballverein im Hinblick auf sein öffentliches Erscheinungsbild vor?

Glaser: Mit der enormen Publizität und Massenwirksamkeit, die der Fußball und die Athleten haben, geht auch eine enorme Verantwortung einher. Ich denke, dass Fußball eigentlich noch viel mehr Positives bewirken kann, wenn der Fokus zuweilen etwas weniger auf dem persönlichen Erfolg und der eigenen Gewinnmaximierung liegt, sondern wenn Fußballvereine auch erkennen, wie viel Positives und Gutes sie tun können durch ihre Massenwirkung und durch ihre Öffentlichkeitswirksamkeit. Bei allen Herausforderungen, die die FIFA derzeit hat: Ein gutes Beispiel dazu ist die FIFA-Initiative zum Thema Ebola, wo Top-Fußballprofis sich für die Prävention einsetzen oder die UEFA Kampagne zum Thema Respekt. Hier wird der Einfluss und die Glaubwürdigkeit von Top-Athleten genutzt, um eine positive Veränderung in der Gesellschaft zu bewirken. Ich bin überzeugt, dass hier noch riesige Potenziale schlummern und das WFEB will Vereinen und Verantwortlichen gerne helfen, dieses Potenzial zu nutzen.

Immer häufiger ist zu beobachten, dass sich die Clubs ihrer gesellschaftlichen und sozialen Verantwortung bewusst werden und sich immer stärker öffentlich dazu bekennen. Inwieweit trägt dieser CSR-Gedanke aus Ihrer Sicht dazu bei, das Bild der Fußballfans auf ihren Lieblingsverein zu schärfen?

Glaser: Der CSR-Gedanke ist enorm wichtig und durch den Fußball kann die Bedeutung von Corporate Social Responsibility, aber auch ganz einfach die Idee, dass jeder Einzelne soziale Verantwortung übernehmen kann und muss, millionenfach transportiert werden. Dem WFEB ist es jedoch wichtig, dass CSR-Initiativen nicht nur zur Verbesserung des Images eines Vereins durchgeführt werden, sondern nach Prof. Michael Porter mit dem Ziel, sogenannten „Shared Value“ zu erreichen. Ich bin davon überzeugt, dass nur, wenn Sportvereine wirtschaftlichen Wert auf eine Weise schaffen, der zugleich auch Wert für die Gesellschaft generiert, ihre Wettbewerbsfähigkeit sowie auch gesellschaftlicher Fortschritt langfristig gesichert werden kann. Und das war auch in der Konferenz in Zürich ein großer Fokus.

Abschließend sei uns noch eine Frage nach Ihrem Fußballherzen gestattet. Haben Sie einen Lieblingsverein oder fühlen Sie sich im Sinne des Fairplay-Gedanken der Neutralität verpflichtet?

Glaser: Mein Herz war wohl schon vergeben, bevor ich über die Wichtigkeit der Neutralität und Fair-Play nachdenken konnte – denn seit mich mein Vater als Siebenjähriger zu einem Spiel des FC Basel mitgenommen hat, schlägt mein Fußballherz rot-blau. Natürlich bin ich aber auch einfach ein Fan von gutem und spannendem Fußball an sich. Wohl um als Fan auch internationalen Erfolg genießen zu können, bin ich seit meiner Kindheit auch ein großer Fan der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft – mit Happy-End in diesem Sommer, als ich das Endspiel live auf der Fanmeile in Berlin verfolgt habe!

Das Interview führte die Redaktion Magath & Fußball.

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