„Dem HSV müssen wir alle Eitelkeiten unterordnen“


Veröffentlicht am 18. Januar 2015

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Große Liebe Fußball I – Rainer Ferslev (HSV)

Rainer Ferslev
Jahrgang 1953, lebt und arbeitet in Hamburg
HSV-Fan seit den 1960er Jahren
Rechtsanwalt, Gründer und geschäftsführender Gesellschafter der „HKH Hamburger Küche und Heimkost GmbH“

Innerhalb und außerhalb von Vereinen engagieren sich Fans für ihre Clubs, geben Arbeits- und Freizeit für den Verein ihres Herzens, leben für den Fußball. Dem Lieblingsverein ist man lebenslang verbunden, hält in Höhen und Tiefen Treue und Unterstützung, freut sich bei Siegen, leidet in der Niederlage. In dieser Interview-Serie wollen wir in loser Folge diese Fans in Sachen „Große Liebe Fußball“ zu Wort kommen lassen. Den Auftakt macht der hohe Norden und der engagierte HSV-Fan Rainer Ferslev.

Rainer Ferslev, trotz vielfältiger beruflicher Belastungen und familiärer Verpflichtungen halten Sie dem Hamburger Sport-Verein seit Jahrzehnten die Treue, engagieren sich, ecken an, setzen sich mit allem was Sie haben für Ihren HSV ein. Warum eigentlich?

Rainer Ferslev: Der HSV ist ein großer Deutscher Sportverein. Der HSV ist Hamburg! Wir haben das lokal größte Einzugsgebiet aller Bundesligavereine, also damit hervorragende Voraussetzungen, agieren aber seit Jahren in einer sportlichen Dauerkrise. Jedem Fan muss dabei das Herz bluten. Bei mir ist dies jedenfalls so, ich leide extrem an der Situation meines Vereines. Da muss ich mich engagieren. Ich möchte einen Beitrag leisten und die Gefahr eines weiteren Niedergangs unseres HSV unbedingt abwenden. Wir müssen in Hamburg unsere Situation genau analysieren und die als fehlerhaft erkannten Umstände ändern wie auch endlich bereit sein, völlig neue Wege zu gehen. Dabei will ich Hilfe geben.

In den letzten Jahrzehnten waren der Europapokalsieg 1983 in Athen und die Relegationsspiele im Mai vergangenen Jahres sicher die einprägsamsten Momente für die HSV-Fanseele. Wie war Ihre Gefühlslage an diesen beiden Tagen? Beschreiben Sie bitte einmal.

Ferslev: Als der HSV Europapokalsieger wurde, studierte ich gerade in Freiburg. Während meiner Studienzeit hatte ich eine Fangruppe gegründet, die regelmäßig alle Spiele des HSV verfolgte. Seiner Zeit spielte der HSV seit Jahren exzellenten Fußball und wurde engagiert und professionell geführt. Der Europapokalsieg 1983 war die logische Folge toller sportlicher Leistungen und einer klugen Vereinspolitik. Natürlich haben wir uns gefreut und tagelang gefeiert. Völlig anders war die Gefühlslage bei den Relegationsspielen. Diese stellten den bisherigen Tiefpunkt des seit Jahren schon wahrzunehmenden Niedergangs des HSV dar. Das war die Hölle! Mir ging es wie so vielen anderen HSV-Fans. Ich erlebte die Relegationsspiele mit einer Mischung aus Depression, Angst und Verzweiflung, quasi wie eine persönliche schwere Niederlage und konnte mich tagelang über nichts mehr freuen. Die Enttäuschung über die Leistungen in den Relegationsspielen verfolgte mich bis in meine Träume. Es gerade noch einmal geschafft zu haben, war großer Trost und brachte Linderung, aber es verblendete mir nicht den Blick auf die katastrophale Situation.

In dieser Zeit hat sich nicht nur der HSV, sondern der Fußball in seiner Gesamtheit gewandelt. Eine Entwicklung vom ursprünglichen Charakter des Spiels hin zu einem auf Marketing ausgerichteten Event kann längst nicht mehr wegdiskutiert werden. Wo sehen Sie positive, wo negative Begleiterscheinungen dieser Entwicklung?

Ferslev: Diese Entwicklung ist das Spiegelbild unseres Wirtschaftslebens und das muss man annehmen. Wir müssen aber ebenso aufpassen, dass die Entwicklung uns nicht vom tatsächlichen Leben abkoppelt. Dies gilt insbesondere für die finanziellen Auswüchse beim Profi-Fußballsport. Es kann nicht sein, dass Spieler monatlich ein Vielfaches von dem überwiesen bekommen, was der normale Fan nicht einmal im ganzen Jahr verdient! Hier ist jedwede Verhältnismäßigkeit abhandengekommen – es muss unbedingt versucht werden, dies wieder ein Stück weit in die andere Richtung zu verschieben. Insbesondere die Transferkosten wie Provisionen für Spielerberater und ein unübersichtliches Umfeld müssen reduziert werden. Solche der Höhe nach durch nichts gerechtfertigte Provisionen sollten zukünftig die Spieler und Trainer selbst bezahlen. Dann werden solche finanziellen Auswüchse schon von selbst verschwinden. Des Weiteren müssen für die Vereine noch strengere Regelungen bezüglich der Investitionen in den Spielerkader gefunden werden. Hier sollten die Investitionssummen im Sinne eines faireren und im Umkehrschluss spannenderen sportlichen Wettbewerbs deutlich begrenzt werden. Das muss Aufgabe der FIFA werden, um einheitliche Maßstäbe einzuführen. Die Kommerzialisierung des Fußballs ist aber auch eine Chance, den Breitensport zu fördern. Denn die Vereine sind als Mehrheitsgesellschafter der in der Regel ausgegliederten Fußball AGs oder KGaAs durchaus in der Lage, Gelder auch in den Breitensport fließen zu lassen. Hier müssen satzungsgemäße Regelungen zugunsten der gemeinnützigen Vereine gefunden werden.

Auf die Meinung der Fans wird immer weniger Wert gelegt, längst ist der Fan mehr Kunde als treibende Kraft. Glauben Sie, dass sich der Fußballfan mit Bier und Bratwurst in der Hand im Profifußballgeschäft unserer Zeit noch wiederfindet?

Ferslev: Nur bei einem Erfolg seiner Mannschaft. Denn Erfolg betört und überdeckt die Probleme. Bei Misserfolgen der Mannschaft erkennt der Fan dann aber schnell, dass er immer stärker zum Spielball von Wirtschaftsinteressen wird. Wir müssen dafür sorgen, die Dinge nicht auseinanderdriften zu lassen. Den Fanclubs sollten in Fanangelegenheiten mehr Einfluss- und Mitsprachemöglichkeiten verschafft – aber auch mehr Geld für die Wahrnehmung ihrer eigenen Interessen und Belange verfügbar gemacht werden. Beispielsweise ist die Choreografie der Fans bei Heim- und Auswärtsspielen stark ausbaufähig.

Es ist noch nicht lange her, da einigten sich die 18 Bundesligaclubs auf die Einführung der Torlinientechnologie zur Saison 2015/16. Wie beurteilen Sie als Jurist den Einsatz technischer Hilfsmittel im Fußball?

Ferslev: Ich halte davon nicht viel. Der Fußball lebt nicht von der exakten Vermessung von Geraden, sondern von Emotionen. Und es werden neue Probleme, zum Beispiel durch Spielunterbrechungen geschaffen, die auch den Spielfluss stören und bei den Fans keine Freude hervorrufen werden. Außerdem lebt doch der Fußball auch von Fehlentscheidungen. Ohne die jahrelangen emotionalen Diskussionen über das Wembley-Tor wäre die Fußballwelt doch viel ärmer. Daher sollte man aus meiner Sicht damit aufhören, den Fußball vermessen und mit einer Scheingenauigkeit gerechter machen zu wollen.

Anders als in England, Spanien, Italien oder Frankreich gibt es in der Bundesliga noch eine richtige Winterpause und damit Zeit auch für den Fan, um rund um den Jahreswechsel auf andere Gedanken zu kommen. Aus Ihrer Sicht eine gute Sache?

Ferslev: In jedem Falle! Wir brauchen doch alle auch mal Zeit für uns selbst, für die Familie und für unsere Freunde. Arbeitsfreie Sonn- und Feiertage sollten deshalb auch fußballfrei bleiben. Ich halte überhaupt nichts davon, die eigene Kultur wegen des Kommerzes über Bord zu werfen und beispielsweise zu Weihnachten Bundesligaspiele stattfinden zu lassen. Wir sollten uns nicht völlig dem Kapital und den Interessen des Fernsehens und der Medien unterwerfen, die ausschließlich wegen ihrer Werbeeinnahmen – und nicht wegen der Fans – möglichst rund um die Uhr Fußball zeigen möchten.

Wenn wir schon beim Winter sind: Was sagen Sie zur WM-Vergabe 2022 nach Katar? Halten Sie eine Durchführung des Turniers im Winter für den Königsweg?

Ferslev: Das ist für mich der Gipfel der eben angesprochenen Unterwerfung unter Kapitalinteressen. Katar hat doch gar keine Fußballmannschaft, die jemals etwas gerissen hat. Ich habe noch nie in diesem Emirat 70.000 begeisterte Fußballfans in einem Stadion dieser Größe gesehen – natürlich nicht, weil es bis heute weder solche Fans, noch solche Stadien gibt. Es käme doch auch niemand auf die Idee, in Grönland bei den Eskimos eine WM stattfinden zu lassen. Da ist also Geld ohne Ende geflossen, damit die Scheichs frohlocken können, sich selbst eine Fußball-WM gekauft zu haben. So etwas schadet dem Fußball und im Übrigen auch den am Fußballgeschäft beteiligten wirtschaftlichen Interessen, weil der Sport hierdurch unglaubwürdig wird.

Noch einmal zurück zum HSV: Der HSV besitzt augenblicklich eine Führungsstruktur mit so vielen Menschen wie kein anderer Bundesligist. Trotzdem lässt der sportliche Erfolg auf sich warten. Was läuft also falsch?

Ferslev: Zunächst einmal muss eingeräumt werden, dass der HSV derzeit noch mit den Problemen aus der Vergangenheit zu kämpfen hat, in der sich eine unüberschaubare Anzahl von Ahnungslosen an der Lenkung des Vereins versuchten. Alle HSV-Fans erinnern sich mit Grausen an diese Zeiten. Es sind schon einige Strukturen durch die Ausgliederung in die HSV Fußball AG geändert worden, aber es fehlt immer noch an einer umfassenden Analyse, was uns wann und warum an den sportlichen Abgrund gebracht hat. Deshalb schleppen wir noch sehr viel Ballast aus der Vergangenheit mit uns herum, nicht zuletzt eine aufgeblähte Personalstruktur in der Führungsebene. Benötigt der HSV denn beispielsweise wirklich zwei Finanzfachleute im Vorstand? Solche Fragen müssen gestellt und beantwortet werden. Zur Analyse gehört darüber hinaus aber auch ein Prüfungsauftrag an eine vom HSV unabhängige Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, sämtliche Aufwandspositionen und Ausgaben bei der HSV Fußball AG und dem HSV e.V. einmal zu durchleuchten und dementsprechend einen Prüfungsbericht vorzulegen. Wir werden dann jede Menge Ansatzpunkte finden, uns besser aufzustellen. Künftiger sportlicher Erfolg kann auch aus einer ehrlichen Analyse erwachsen. Es kommt aber immer auch auf Persönlichkeiten mit Ausstrahlung und Charisma an, die Menschen führen und begeistern können und selber für den Verein brennen. Davon haben wir auch beim HSV viel zu wenig. Es ist kein Geheimnis, dass ich mir Persönlichkeiten wie z.B. Horst Hrubesch oder aber auch Felix Magath im Vorstand der HSV AG wünsche, damit es mit dem HSV wieder aufwärts geht.

Am 25. Januar findet in Hamburg die nächste Mitgliederversammlung statt. Welche Entwicklungen sind zu erwarten?

Ferslev: Ich hoffe sehr, dass sich nicht die alten Gräben aus der Vergangenheit wieder auftun. Streitstoff gibt es ja zur Genüge, beispielsweise aufgrund der Begrenzung auf jeweils nur einen Kandidaten für das neu zu wählende Präsidium oder die unbestritten dringend notwendigen Satzungsänderungen bei der HSV Fußball AG und dem Verein. Ich wünsche mir jedoch, dass sich die Mitglieder zusammenreißen, noch einmal das Präsidium nach den bisherigen – sicherlich nicht besonders demokratischen – Regularien wählen und eine Satzungsänderungskommission einsetzen, die die unterschiedlichsten Vorstellungen zur Satzungsänderung bündelt, so dass wir dann auf einer gesonderten Mitgliederversammlung über Satzungsänderungen einvernehmlich abstimmen können. Deshalb habe ich mich auch im Vorfeld der Mitgliederversammlung bewusst zurückgehalten, um nicht zu polarisieren. Alle Mitglieder sollten sich bewusst sein, dass es nicht um die Interessen einzelner Mitglieder oder Mitgliedergruppen geht, sondern allein um unseren HSV! Diesem Verein haben wir alle Eitelkeiten und jede persönliche Rechthaberei unterzuordnen. Gemeinsam müssen wir dafür sorgen, dass der HSV e.V. und die HSV Fußball AG gestärkt aus der Mitgliederversammlung am 25. Januar 2015 hervorgehen. Soviel Disziplin muss sein. Nur dann können wir auch von unserer Mannschaft Disziplin und Einsatz verlangen.

Ganz abgesehen vom Bundesliga-Spielbetrieb ist der HSV einer der mitgliederstärksten Sportvereine des Landes. Wird aus Ihrer Sicht genug für den Breitensport getan?

Ferslev: Nein. Wir müssen die HSV Fußball AG und den Verein auch wirtschaftlich viel mehr miteinander verknüpfen und dem Verein mit seinen über 30 Abteilungen Planungssicherheit geben. Wir müssen in der Satzung der HSV Fußball AG Regularien finden, die es ermöglichen, dass der Verein immer einen bestimmten Geldbetrag pro Jahr von der HSV Fußball AG zur Erfüllung seiner gemeinnützigen Aufgaben bekommt, der dann auf spätere Gewinnansprüche verrechnet wird. Solche Regelungen sind aktienrechtlich durchaus möglich – man muss es nur wollen.

Eines zieht sich wie ein roter Faden durch dieses Gespräch: Der HSV ist für Sie eine echte Herzensangelegenheit, nicht bloß Lippenbekenntnis, sondern echte Verpflichtung. Welche Schlagzeile würden Sie persönlich im Fußballjahr 2015 gerne über Ihren HSV lesen?

Ferslev: Der HSV hat endlich wieder Anschluss an Europa gefunden und nun die Chance, seine Schulden aus eigener Kraft zurückzuzahlen.

Das Interview führte die Redaktion Magath & Fußball.