Der Mann aus Markranstädt


Veröffentlicht am 25. Januar 2015

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Nur ein Deutscher leitete jemals ein WM-Endspiel

Dieser FIFA-Präsident war noch Fußball und guter Stil, Marketing und Geld dominierten nicht das Spiel und dessen Umfeld. Daher kümmerte sich der Engländer Sir Stanley Rous persönlich um das von den Endspielteilnehmern aufgeworfene Problem der Schiedsrichterbesetzung des bevorstehenden WM-Finales im Aztekenstadion. Das am 21. Juni 1970 in Mexiko-Stadt stattfindende Ereignis brauchte dringlich einen Unparteiischen. Die Italiener wollten keinen Schiedsrichter aus Südamerika akzeptieren, die Brasilianer verweigerten sich gegen die prominenten Schiedsrichter aus den europäischen Spitzenverbänden. Der Spielraum also äußerst gering. Bei Stanley Rous war nicht nur der Weltverband in guten Händen, er verstand auch etwas von den Regeln und Notwendigkeiten. Immerhin war der Mann in seiner Jugend ein erfolgreicher Schiedsrichter, leitete in seiner aktiven Zeit 34 Länderspiele und als Höhepunkt dieser Karriere das FA Cup Endspiel 1934 in Wembley.

Nun ging es also wieder um ein Finale und Stanley Rous präsentierte seine Wahl: Rudi Glöckner, der WM-Schiedsrichter des Deutschen Fußball-Verbands (Fußballverband der DDR) wurde vom FIFA-Präsident mit der Leitung des Endspiels beauftragt. Rudi Glöckner brachte es vor Beginn der WM 1970 auf ein A-Länderspiel, das Finale von Mexiko-Stadt war erst das zweite Spiel im Turnier. Dieser Unparteiische bestritt damit erst sein drittes Länderspiel. Ein Wagnis des FIFA-Präsidenten, heute undenkbar. Glöckner hatte schon einmal ein Brasilien-Spiel gepfiffen, bei den Olympischen Spielen 1964 in Tokio leitete er die Begegnung zwischen Brasilien und der Vereinigten Arabischen Republik. Die Italiener störten sich daran nicht und akzeptierten, die Brasilianer waren ebenfalls einverstanden. Die Linienrichterfrage wurde im kontinentalen Proporz geklärt, an den Seiten liefen der Schweizer Rudolf Scheurer und der Argentinier Angel Coerezza auf. Das Endspiel konnte steigen, Pelé zaubern, Brasilien mit einem 4:1 über Italien triumphieren und den Titel zum dritten Mal gewinnen. Medien und neutrale Beobachter attestierten dem Schiedsrichterteam eine tadellose Leistung, die Trainer der Finalgegner schlossen sich dem an. 107.000 Zuschauer des Finales sahen ein funktionierendes Schiedsrichtertrio. Die mexikanische Presse wertete die Leistung des Trios hoch und schätze Glöckner wie folgt ein: „Der DDR-Unparteiische amtierte im Stile eines Klassemannes.“ Heute längst Geschichte und fast vergessen, etwas für Statistikbücher. Kein Landsmann konnte Glöckner allerdings seither als Endspielschiedsrichter folgen oder pfiff vor ihm ein Finale. Somit bleibt er der einzige Deutsche, der bislang ein WM-Finale leitete.

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Natürlich ist dieser heiße Tag von Mexiko-City auch Karrierehöhepunkt für den am 20. März 1929 im sächsischen Markranstädt geborenen Rudi Glöckner geblieben. Es folgten aber noch große Momente und Spiele, neben der WM-Teilnahme 1974 stand Glöckner, der seit seiner Endspielleitung zur absoluten Spitze der europäischen Schiedsrichter gehörte, noch sehr gewichtigen Partien und Endspielen vor. 1970 in Buenos Aires das Endspiel um den Weltpokal, 1971 in England (Leeds) das Endspiel um den Messe-Pokal. 1974 pfiff er dann das legendäre Supercup-Finale zwischen Ajax Amsterdam und dem AC Mailand in Amsterdam. 1976 folgte das Endspiel um den UEFA-Pokal. Glöckner wurde zum deutschen Schiedsrichter mit den meisten internationalen Endspielen. Natürlich war er als Referee auch bei der Europameisterschaft 1972 in Belgien im Einsatz. Als FIFA-Schiedsrichter kam der gelernte Verwaltungskaufmann Rudi Glöckner in seiner Laufbahn auf insgesamt 107 internationale Spiele, darunter 24 Länderspiele.

Auf nationaler Ebene wurde Glöckner in der DDR-Oberliga bei insgesamt 230 Spielen als Schiedsrichter eingesetzt. Bei vier Pokalendspielen hatte er die Leitung. Seine Schiedsrichterkarriere begann Glöckner mit der Schiedsrichterprüfung 1952 und seiner ersten Spielleitung auf Bezirksligaebene im Jahr 1953. In diese Profession ging er auch mit der Erfahrung einer eigenen Spielerzeit, er war als Fußballspieler bei seinem Heimatverein Stahl Markranstädt und bei der SG Rotation Leipzig aktiv. Sein kleiner Heimatverein erlangte noch bundesweite Bedeutung im Fußballgeschäft. Mit der deutschen Einheit wurde aus der Betriebssportgemeinschaft Stahl Markranstädt der SSV Markranstädt, der es zum Politikum brachte. Von 2009 bis 2010 bestand ein Kooperationsvertrag mit dem erst 2009 gegründeten Dietrich Mateschitz Fußballverein RB Leipzig. Der SSV trat seine Fußballabteilung und sein Startrecht an RB Leipzig ab. So gelang durch die Hintertür der Start einer arg kurzen RB Leipzig Geschichte, die demnächst wohl in der 1. Bundeliga ihren Fortgang findet. Der Sportsmann Rudi Glöckner lebte zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr. Seine Schiedsrichterlaufbahn endete 1977. Im Verlauf dieser langen Karriere als Unparteiischer trat Rudi Glöckner stets für seinen Heimatverein Markranstädt an. Ein echter Lokalpatriot. Nach der Zeit auf dem Rasen engagierte sich Glöckner weiter für das Schiedsrichterwesen. Später wurde er Mitglied des Vorstandes und dann Vorsitzender des Schiedsrichter-Ausschusses im Nordostdeutschen Fußball-Verband. Nach einer schweren Krankheit verstarb Rudi Glöckner im Alter von 69 Jahren am 25. Januar 1999 in seinem Heimatort Markranstädt.

Redaktion Magath & Fußball