„Hauptsache nicht die Bayern“


Veröffentlicht am 30. Januar 2015

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Dirk Wiese (links) heute wie damals zusammen mit seinem Bruder im Stadion.

Dirk Wiese (links) heute wie damals zusammen mit seinem Bruder im Stadion.

Große Liebe Fußball II – Dirk Wiese (BVB)

Dirk Wiese
Jahrgang 1983, lebt im Sauerland und arbeitet in Berlin
BVB-Fan seit den 1990er Jahren
Mitglied im Deutschen Bundestag, SPD-Fraktion

Innerhalb und außerhalb von Vereinen engagieren sich Fans für ihre Clubs, geben Arbeits- und Freizeit für den Verein ihres Herzens, leben für den Fußball. Dem Lieblingsverein ist man lebenslang verbunden, hält in Höhen und Tiefen Treue und Unterstützung, freut sich bei Siegen, leidet in der Niederlage. In dieser Interview-Serie wollen wir in loser Folge diese Fans in Sachen „Große Liebe Fußball“ zu Wort kommen lassen. Zum Start in die Bundesliga-Rückrunde setzen wir unsere Serie fort – mit dem Abgeordneten des Deutschen Bundestags Dirk Wiese aus dem Hochsauerlandkreis, einem eingefleischten Fan von Borussia Dortmund.

Dirk Wiese, aus Ihrer Leidenschaft für den BVB machen Sie kein Geheimnis. Können Sie einmal kurz berichten, wie es dazu kam?

Dirk Wiese: Diese Leidenschaft habe ich meinem Bruder zu verdanken. Der hat mich 1994 beim 3:2 von Dortmund gegen Bremen mit auf die Südtribüne genommen. Drei Tore schoss damals Stéphane Chapuisat, das weiß ich noch genau, an diesem Punkt hat es Klick gemacht. Ich bin dann oft im Stadion gewesen, habe einiges miterlebt: Die Meisterschaften 1995 und 1996, den Champions League Sieg 1997 – das war eine tolle Zeit! Danach wurden es harte Jahre. Unvergessen, wie Udo Lattek den BVB zusammen mit Matthias Sammer vor dem Abstieg gerettet hat – da war ich sogar hier in Berlin im Stadion. Nach den schwierigen Zeiten mit der finanziellen Notlage ging es glücklicherweise wieder aufwärts.

Sie waren früher Mitarbeiter und Referent bei Franz Müntefering. Jetzt müssen Sie unseren Lesern ein Geheimnis verraten: Medienberichten zufolge war er gleichzeitig Fan vom FC Schalke 04 und von Borussia Dortmund. Eine Kombination, die man sich nur schwerlich vorstellen kann…

Wiese: (lacht) Wir waren immer einer Meinung. Nur im Fußball nicht, er hatte da eine sehr abwägende Position, die sehr speziell ist. Seine Frau ist Schalke-Fan. Er hat sich also an diesem Punkt immer sehr diplomatisch geäußert – das ist aber auch nicht verkehrt, weil es im Sauerland den weltgrößten Schalke-Fanclub und den weltgrößten Dortmund-Fanclub gibt. Ich habe mich dagegen klar positioniert und klare Kante gezeigt. Immerhin aber sind wir uns im Sauerland in einer Sache einig: Hauptsache nicht die Bayern!

Wir haben von den Bundestags-Borussen gehört…

Wiese: Ja, genau. Es gab hier im Bundestag eine zusammengewürfelte Gruppe von Leuten, sogenannten Erfolgsfans, auch von der SPD aber mit CSU-Mehrheit, die einen Bayern-Fanclub ins Leben gerufen hat. Dann haben wir im vergangenen November in einer sportlich schwierigen Situation gesagt: Jetzt erst recht, jetzt gründen wir einen BVB-Fanclub. Inzwischen sind wir, glaube ich, etwa 35 Leute, die dabei sind. In den Sitzungswochen versuchen wir immer, die Spiele gemeinsam zu schauen. In Dortmund hat es übrigens bereits sehr positiven Widerhall gefunden, dass auch im Bundestag ein Signal gegen Bayern München gesetzt wird.

Die Bundestags-Borussen sind ein parteiübergreifender Fanclub?

Wiese: Absolut. Wir Sozialdemokraten haben die Initialzündung gegeben. Natürlich sind wir grundsätzlich parteiübergreifend, wir haben aber bei der CSU noch keinen Kollegen gefunden, der sich als BVB-Fan zu erkennen gibt. Unser Grundsatz war immer „Schwarz-Gelb ist nur im Fußball gut“, vielleicht hat das die Kollegen auch ein wenig abgeschreckt.

Die Bundestags-Borussen beim Gründungstreffen im November letzten Jahres vor dem Champions League Spiel gegen Galatasaray Istanbul.

Die Bundestags-Borussen beim Gründungstreffen im November letzten Jahres vor dem Champions League Spiel gegen Galatasaray Istanbul.

Wann waren Sie das letzte Mal im Stadion? Versuchen Sie es bei Ihrem knappen Terminkalender regelmäßig ins Stadion zu schaffen?

Wiese: Letztmals in der Hinrunde beim Auswärtsspiel in Paderborn. Da haben wir in der zweiten Hälfte leider eine 2:0-Führung noch aus der Hand gegeben. Ich versuche mir die Zeit für Stadionbesuche zu nehmen. In der vergangenen Hinrunde hat es bei mir leider nicht so oft geklappt – das Auswärtsspiel in Berlin aber passte mit der Sitzungswoche ganz gut, in Paderborn hat es funktioniert und auch als der BVB im Pokal beim FC St. Pauli gespielt hat.

Was macht für Sie die außergewöhnliche Atmosphäre beim BVB aus?

Wiese: Ich glaube, die Einzigartigkeit im Dortmunder Stadion muss man selbst erlebt haben, um sie zu beschreiben. Das ist natürlich einmal die Südtribüne als größte Stehplatztribüne Europas, die eine unglaubliche Stimmung erzeugt. Gerade diese große Zuschauermenge ist beeindruckend, wenn man sie mit anderen großen Stadien vergleicht, in denen einfach keine richtige Stimmung aufkommt. Wenn Lionel Messi beispielsweise in Barcelona am Ball ist, geht ein leises Raunen durchs Publikum, es wird applaudiert, aber mit den deutschen Stadien ist die Stimmung dort definitiv nicht zu vergleichen. Nicht umsonst gibt es inzwischen viele englische oder skandinavische Fußballfans, die am Wochenende Bundesliga-Touren machen, nicht zuletzt weil der Fußball hier im Gegensatz zu anderen Ländern noch einigermaßen bezahlbar ist. Das macht die Bundesliga aus und insbesondere das Westfalenstadion ist einfach atemberaubend.

Gibt es ein besonderes BVB-Spiel in Ihrer Erinnerung?

Wiese: Ja, eines war definitiv damals das Achtelfinale im UEFA Cup gegen Deportivo La Coruña, die Geburtsstunde von Lars Ricken mit seinem Tor in der 119. Minute. Das habe ich als kleiner Junge vor dem Fernseher verfolgt. Und in der letzten Saison im letzten Champions League Gruppenspiel bei Olympique Marseille, wo Kevin Großkreutz kurz vor Schluss das 2:1 gemacht hat. Da ging es um den Einzug in die K.O.-Phase und der Gästeblock war ein Hexenkessel.

Die Bundesliga startet in dieser Woche in die Rückrunde. Steht dieser Termin schon seit längerem fest in Ihrem Kalender?

Wiese: Definitiv. Am vergangenen Wochenende habe ich schon kurz ins Freundschaftsspiel gegen Fortuna Düsseldorf reingeschaut, das ja auch übertragen wurde. Am Samstag versuche ich mir die Zeit zu nehmen, um mir die Partie gegen Leverkusen anzusehen. Aufgrund der BVB-Hinrunde steigt die Nervosität jetzt natürlich immer weiter an.

Aber Sie gehen nicht zitternd in die Rückrunde und machen sich Gedanken, dass der Abstiegskampf tatsächlich schiefgehen könnte?

Wiese: Nein, das glaube ich nicht. Ich weiß aber, dass der Rückrundenauftakt nicht einfach wird. Man kennt das Geschäft des Fußballs, deshalb wünsche ich mir einen Punkt in Leverkusen und anschließend zuhause einen Sieg gegen Augsburg – dann schauen wir, was noch geht.

Felix Magath hat sich dieser Tage lobend über das Krisenmanagement der Dortmunder geäußert. Sehen Sie das ähnlich? Wo sehen Sie die eigentlichen Ursachen für den Abfall in der ersten Halbserie?

Wiese: Dass der Vorstand überzeugend arbeitet ist ohnehin klar, Aki Watzke kommt aus dem Sauerland, aus Erlinghausen, bei mir aus dem Wahlkreis. Übrigens hat er sich demnächst für einen Besuch der Bundestags-Borussen in Berlin angekündigt. Wir freuen uns darauf. Generell weiß man, Sauerländer gehen pragmatisch an die Sache und folgen nicht immer dem Tagesgeschäft oder den Medienmeinungen. Auch ich finde es richtig, dass man nicht den bekannten Gesetzmäßigkeiten des Fußballs gefolgt ist und den Trainer ausgetauscht hat. Ich kann das nur begrüßen, weil ich glaube, dass man gemeinsam auch durch eine schwierige Situation hindurchgehen muss, um dann wieder Erfolg zu haben. Wenn man es von außen betrachtet, kann man in der Hinrunde aus meiner Sicht nicht den einen Faktor benennen, der zu dieser Situation geführt hat. Ich glaube, da kam viel Verletzungspech dazu, auch der Weggang von Robert Lewandowski war nicht ohne weiteres zu kompensieren. Ciro Immobile und Adrián Ramos haben zwar ab und zu gute Ansätze gezeigt, aber ich erinnere gerne daran, dass auch Lewandowski in der ersten Saison bei Dortmund sehr kritisch betrachtet wurde. Das kann also durchaus noch werden. Wenn sich das Verletzungspech jetzt nicht weiter fortsetzt, sondern sich die Mannschaft einigermaßen findet, dann kann es eigentlich nur noch nach oben gehen. Optimal wäre ein erneutes Pokalfinale und in der Liga müssen wir schauen, was noch möglich ist.

Was trauen Sie dem BVB in der Champions League zu?

Wiese: Wir haben mit Juve in früheren Jahren ganz gute Erfahrungen gemacht, also ist es schön, dass es mal wieder gegen Turin geht. Ich glaube, das Weiterkommen kann gelingen und wenn man erst einmal im Viertelfinale steht, ist sicherlich vieles möglich.

Wie sehen und bewerten Sie die Arbeit des BVB-Trainers Jürgen Klopp?

Wiese: Ich finde ihn gut. Was Jürgen Klopp in Dortmund gemeinsam mit seinem Team aufgebaut hat, das ist wirklich eine Meisterleistung. Er hat gerade auch vielen jungen Spielern eine Perspektive gegeben, richtig gute Einkäufe getätigt. Er ist ein überragender Trainer mit Ecken und Kanten, polarisiert manchmal, sorgt aber dafür, dass die Mannschaft immer hochmotiviert ist, gibt nach dem Spiel immer ehrliche Antworten. Was will man denn mehr? Jürgen Klopp passt so wie er ist haargenau zu Borussia Dortmund.

Wie sehen Sie das Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Kommerz im deutschen Fußball?

Wiese: Das ist zweifellos eine schwierige Diskussion. Gerade im Ruhrgebiet gibt es viele Traditionsvereine wie den VfL Bochum, Rot-Weiß Essen oder auch Fortuna Düsseldorf, die zwar eine lange Tradition vorweisen können, denen es aber hin und wieder an der nötigen Unterstützung durch Sponsoren fehlt. Demgegenüber gibt es Clubs, denen große Unterstützung von marktmächtigen Unternehmen zuteilwird. Das kann man kritisieren, ich betrachte es mit gemischten Gefühlen. Allerdings bereitet die fortschreitende Kommerzialisierung schon Sorgen, gerade wenn man beispielsweise nach Spanien blickt, wo beträchtliche Steuererlassungen für die Großclubs Wettbewerbsverzerrungen darstellen, oder wenn man sich die englischen Ticketpreise ansieht. Darüber hinaus muss man sicherlich die eine oder andere Regelentwicklung mit Vorsicht betrachten.

Die FIFA steht momentan permanent in den Schlagzeilen, auch wegen eines Präsidenten, der dem Anschein nach einfach nicht aufhören will.

Wiese: Ganz offen gesagt: Über die eine oder andere Meldung, die über die FIFA oder den FIFA-Präsidenten kommt, kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Vielleicht sollte man bei der FIFA darüber nachdenken, dass die Amtszeit des Präsidenten begrenzt wird. Frischer Wind tut immer gut. Und außerdem sagt man ja im Fußball: In manchen Situationen ist ein Trainerwechsel nicht verkehrt. Möglicherweise gilt das ja auch für das Präsidentenamt…

Es heißt oft: Wirtschaft und Politik können vom Sport lernen. Sehen Sie das ähnlich und wenn ja, wo sehen Sie diesen Lerneffekt?

Wiese: Ganz ehrlich, wenn ich sehe, wie bei der FIFA möglicherweise die WM-Vergaben an Katar oder Russland stattgefunden haben, dann können Politik und Wirtschaft nichts vom Sport lernen. Die FIFA scheint da derzeit ein ganz schlechtes Vorbild. Dennoch: Den Fairnessgedanken beispielsweise im Fußball, den muss man auch in der Politik beherzigen. Ich kenne das noch aus meiner aktiven Fußballzeit im Sauerland: Auf dem Platz kann’s hin und wieder auch mal ein bisschen ruppiger zugehen, es muss aber trotzdem fair sein. Das ist in der Politik genauso. Man kann sich mal streiten, kann unterschiedlicher Meinung sein, aber man muss trotzdem fair miteinander umgehen und am Ende des Tages eben auch ein paar Bier miteinander trinken können.

Gibt es einen Fußballer, bei dem Sie sagen, das ist mein Lieblingsspieler?

Wiese: Früher fand ich Flemming Povlsen immer richtig gut, da hatte ich sogar ein Trikot. In der Dortmunder Mannschaft muss ich momentan sagen, spielen Mats Hummels und Sokratis richtig guten Fußball aber auch Sven Bender im Mittelfeld, der immer am Fighten ist. Hut ab auch vor der Laufleistung von Kevin Großkreutz, das sind schon alles richtig gute Spieler.

Wo haben Sie eigentlich das WM-Endspiel verfolgt? Public Viewing, im Büro oder daheim?

Wiese: Das habe ich mit Kumpels zusammen in unserer Dortmunder Stammkneipe im Sauerland in Brilon gesehen. Ich schaue generell lieber im Stadion oder in der Kneipe, Public Viewing ist nicht mein Ding.

Ist es eigentlich so, dass man als Politiker, der ja oft international unterwegs ist, auf Fußball angesprochen wird?

Wiese: Absolut. Die Bundesliga wird mittlerweile in vielen Ländern übertragen, das war früher nicht so. Am Samstagnachmittag konnte man lange Zeit nur die Premier League überall auf der Welt gucken. Das hat sich schon gewandelt. Als Dortmund-Fan muss ich im Ausland viel Imagearbeit leisten. Viele schwärmen immer vom FC Bayern und dann muss ich erst einmal erklären, dass es nicht nur den FC Bayern gibt.

Das Interview führte die Redaktion Magath & Fußball.

In dieser Interview-Serie sind bereits erschienen:

Rainer Ferslev (HSV) – „Dem HSV müssen wir alle Eitelkeiten unterordnen“