Wolfsburger Paukenschlag


Veröffentlicht am 2. Februar 2015

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Die Bayern kassieren beim VfL so viele Gegentore wie in der kompletten Hinserie

Seit dem Wochenende rollt auch in der Bundesliga wieder der Ball. Sechs Wochen fußballfreie Zeit sind vorüber – für Spieler, Trainer und Clubchefs gleichermaßen kaum mehr als ein kurzes Durchschnaufen, im Vergleich zu den anderen Top-Ligen Europas aber eine gefühlte Ewigkeit. Von einem solchen Luxus rund um den Jahreswechsel träumt in England oder Spanien wohl so manch Dauerbrenner hinter vorgehaltener Hand. Nun aber auch hierzulande wieder Spannung, Spektakel und Spitzenfußball, in die Wochenendgestaltung der Fußballfans landauf- landabwärts ist wieder Normalität eingekehrt. Die Bundesliga ist zurück – und das mit einem Paukenschlag an der Tabellenspitze. Dort steht freilich auch nach Spieltag 18 der FC Bayern München mit einem komfortablen Vorsprung auf den VfL Wolfsburg, im direkten Duell der beiden topplatzierten Mannschaften aber mussten die Münchner ihre allererste Saisonniederlage hinnehmen. Weniger das Ende der Serie von saisonübergreifenden 21 Bundesliga-Partien ohne Niederlage, als die Art und Weise, wie sich der Rekordmeister zum Start in die Rückrunde präsentierte, dürfte dem bajuwarischen Selbstverständnis einen empfindlichen Stich versetzt haben.

In der Volkswagen Arena startete das deutsche Fußballjahr mit einer Gedenkminute. VfL-Sechser Junior Malanda war Anfang Januar bei einem Autounfall ums Leben gekommen. In allen Stadien gedachte man am Wochenende deshalb dem tragischen Tod des gerade einmal 20 Jahre jungen Belgiers. Von lähmender Trauer im Wolfsburger Spiel dagegen mit Anpfiff nichts mehr zu spüren. Schon nach vier Minuten musste Welttorhüter Manuel Neuer erstmals hinter sich greifen. Eine extrem hoch postierte Viererkette und ein toller Pass von Daniel Caligiuri öffneten den Raum, Kevin De Bruyne legte quer auf Bas Dost und der Niederländer vollstreckte eiskalt. Dost – einst von Felix Magath verpflichtet – war es auch, der Sekunden vor dem Pausenpfiff auf 2:0 erhöhte. Ein echter Glücksschuss, halb mit dem Schienbein, halb mit dem Außenspann sah Neuer zum zweiten Mal ohne Abwehrmöglichkeit und schickte die Bayern mit einem ungewohnten Zwei-Tore-Rückstand in die Kabine. Nach dem Seitenwechsel geriet die Partie zur De Bruyne-Show. Wieder war die Münchner Defensive bis zum Mittelkreis aufgerückt, Maximilian Arnold passte steil und De Bruyne markierte alleine auf Neuer zulaufend das 3:0. Zwar verkürzte der Spanier Juan Bernat Sekunden später auf 1:3, viel mehr jedoch hatten die einigermaßen schläfrig wirkenden Bayern in der Autostadt nicht anzubieten. Als Diego Benaglio einen Freistoß von Arjen Robben entschärfte und auf der Gegenseite abermals De Bruyne zum großen Lauf ansetzen, Dante schwindelig spielte und seinen Linksschuss in den Torwinkel platzierte, war der Käse gegessen. Zum ersten Mal seit 1.371 Tagen hatte Manuel Neuer wieder vier Gegentore in einem Spiel kassiert, damals bezeichnenderweise noch im Schalker Kasten bei der 1:4-Niederlage in der Allianz Arena. Die Bayern hatten derart viele Gegentreffer zuletzt an ähnlicher Stelle zu verdauen gehabt: Am 4. April 2009 verlor man gegen Magaths Wölfe sogar mit 1:5. Die Geschichte ist bekannt, Wolfsburg wurde später sensationeller Meister. Diese Gefahr besteht aktuell zwar nicht wirklich, dennoch war das 1:4 bei den Grün-Weißen ganz abgesehen von den Gegentoren die mit Abstand schlechteste Vorstellung des Titelverteidigers in der laufenden Runde.

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Einen Dämpfer zum Jahresstart musste am Samstag auch der Hamburger SV hinnehmen. Im Volksparkstadion gegen Köln war allenfalls die erste halbe Stunde gut, Hoffnungsträger Ivica Olić, am Freitag aus Wolfsburg verpflichtet, konnte da schon Akzente setzen, für ein Tor aber reichte es nicht. Spätestens mit Beginn der zweiten Halbzeit aber war die Verunsicherung, die den HSV schon während der ersten Saisonhälfte kennzeichnete, mit Händen zu greifen. Zwei nahezu identische Abschlüsse von Marcel Risse aus spitzem Winkel, begünstigt vom unglücklichen Stellungsspiel von Jaroslav Drobný, brachten dem „Effzeh“ in der Schlussphase den fünften Auswärtssieg und den Hanseaten die bittere Erkenntnis, dass in diesem Jahr möglicherweise erneut bis zum Ende gezittert werden muss. Schon am Mittwoch in Paderborn steht dem Dino die nächste Standortbestimmung ins Haus. Es gilt bei den Ostwestfalen, den totalen Fehlstart unter allen Umständen zu vermeiden, zumal die nächsten Gegner Hannover, Bayern und Gladbach heißen.

Gleiches trifft auf den SC Paderborn zu, der zum Auftakt in Mainz böse unter die Räder kam, beim FSV 0:5 unterging und Trainer André Breitenreiter damit indirekt bestätigte. Dieser wurde während der Winterpause nicht müde zu betonen, dass der Aufsteiger trotz oder gerade wegen der überraschend starken Hinrunde weiterhin als Abstiegskandidat Nummer eins gelte, und das zu Recht, denn die anderen Clubs hätten sich nun auf Paderborn eingestellt. Bestens eingestellt jedenfalls waren die Mainzer, obwohl den Rheinhessen in den letzten neun Ligaspielen kein einziger Sieg geglückt war. Yunus Malli und Neuzugang Pablo De Blasis die Aktivposten, beide im Zusammenspiel für die ersten drei Tore verantwortlich. Die Nullfünfer nun gegen Hannover mit der Chance, sich zumindest für den Moment deutlich von der Abstiegszone zu distanzieren. Die 96er ihrerseits waren auf Schalke nicht viel schlechter als der Champions League Achtelfinalist, verloren letztlich durch ein Tor von Marco Höger unglücklich mit 0:1. Negativer Höhepunkt in der Veltins Arena ein unmotivierter Frusttritt von Klaas-Jan Huntelaar in der Schlussphase, der ihm nicht nur den roten Karton einbrachte, sondern sicher auch eine beträchtliche Spielsperre nach sich ziehen wird. Die Stellungnahme Roberto Di Matteos im Anschluss eine einzige Peinlichkeit, der Schweizer wollte selbst nach Studium der Fernsehbilder keine Absicht erkannt haben.

Mit Spannung erwartet wurde der Rückrundenstart von Borussia Dortmund in Leverkusen. Der BVB in der BayArena defensiv zwar wesentlich gefestigter als in der Hinrunde, nach vorne aber ohne Durchschlagskraft. Ciro Immobile zerrte an den Ketten und war immer bemüht, hatte gegen Ömer Toprak und Emir Spahić aber alles andere als einen leichten Stand. Während Marco Reus die Bindung zum Spiel fehlte, zeigte der Neuling aus Salzburg, Kevin Kampl, viele gute Ansätze. Hinten agierten Sokratis und Mats Hummels kompromisslos und gut, der Weltmeister machte mit einer spektakulären Flugeinlage die größte Leverkusener Chance zunichte. Das 0:0 letztlich ein allumfassend gerechtes Resultat, aufseiten der Werkself verdiente sich der brasilianische Linksverteidiger Wendell die Bestnote. Leverkusen auf Platz sechs damit nun schon acht Punkte hinter Wolfsburg zurück, die Borussia trotz Punktgewinn Tabellenschlusslicht. Schuld daran Nils Petersen. Der aus Bremen nach Freiburg verliehene Angreifer erzielte gegen Frankfurt nach seiner Einwechslung einen lupenreinen Hattrick, dieses Kunststück war in der Bundesliga zuvor erst sieben weiteren Spielern gelungen. Weshalb Werder in der Winterpause aber einen Stürmer an einen direkten Konkurrenten verlieh, bleibt wohl das Geheimnis von Manager Thomas Eichin. Der Sportclub jedenfalls verließ dank einer tollen zweiten Halbzeit und dem 4:1-Sieg über Frankfurt die Abstiegsplätze und muss nun nach Gladbach.

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Die Fohlen zum Rückrundenstart in Stuttgart der glückliche Sieger. Georg Niedermeier allein hätte das Blatt zugunsten des VfB wenden können, vergab jedoch gleich zweimal freistehend aus fünf Metern. Patrick Herrmann somit der umjubelte Siegtorschütze – aus wenigen Chancen viel Zählbares machen zu können, ist schließlich auch eine Qualität. Der Bundesliga-Sonntag sah zunächst einen exzellent aufgelegten Franco Di Santo im Werder-Dress. Per Doppelschlag vergrößerte der in der Hinserie lange verletzte Argentinier die Abstiegssorgen in der Hauptstadt, die Hertha rutscht immer weiter ab. Werder dagegen nach dem zweiten Sieg in Serie und mit vielen jungen Leuten in der Startelf im Aufwind, nun geht es nach Hoffenheim. Die TSG hätte mit einem Sieg in Augsburg die Schwaben in der Tabelle überholen und sich weiter an die europäischen Startplätze heranpirschen können. Stattdessen aber diktierten die Hausherren das Geschehen im Augsburger Schneetreiben und schlossen den Spieltag mit einem überzeugenden 3:1-Sieg. Der FCA weiter die Überraschung der Saison, nun punktgleich mit Schalke und Gladbach ganz starker Fünfter, bevor es am Mittwoch nach Dortmund geht.

Der 18. Spieltag der Bundesliga in der Übersicht:

VfL Wolfsburg – FC Bayern München 4:1 (2:0)
Tore: 1:0 Bas Dost (4.), 2:0 Bas Dost (45.+2), 3:0 Kevin De Bruyne (53.), 3:1 Juan Bernat (55.), 4:1 Kevin De Bruyne (73.)

FC Schalke 04 – Hannover 96 1:0 (1:0)
Tor: Marco Höger (32.)

VfB Stuttgart – Borussia Mönchengladbach 0:1 (0:0)
Tor: Patrick Herrmann (71.)

Hamburger SV – 1. FC Köln 0:2 (0:0)
Tore: 0:1 Marcel Risse (62.), 0:2 Marcel Risse (78.)

SC Freiburg – Eintracht Frankfurt 4:1 (0:1)
Tore: 0:1 Marco Russ (1.), 1:1 Vladimír Darida (62., Foulelfmeter), 2:1 Nils Petersen (64.), 3:1 Nils Petersen (70.), 4:1 Nils Petersen (88.)

1. FSV Mainz 05 – SC Paderborn 5:0 (1:0)
Tore: 1:0 Yunus Malli (6.), 2:0 Yunus Malli (46.), 3:0 Pablo De Blasis (69.), 4:0 Sami Allagui (82.), 5:0 Johannes Geis (87., Foulelfmeter)

Bayer 04 Leverkusen – Borussia Dortmund 0:0

SV Werder Bremen – Hertha BSC 2:0 (1:0)
Tore: 1:0 Franco Di Santo (43.), 2:0 Franco Di Santo (69.)

FC Augsburg – 1899 Hoffenheim 3:1 (2:1)
Tore: 1:0 Halil Altintop (39.), 2:0 Tobias Werner (42.), 2:1 Roberto Firmino (45.), 3:1 Raúl Bobadilla (90.+3)

Redaktion Magath & Fußball

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