Erfolg und Charakter


Veröffentlicht am 6. Februar 2015

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Miguel Muñoz gewann als Spieler und Trainer 23 Titel mit Real Madrid

Dieser Trainer gewann zweimal den Europapokal der Landesmeister, einmal den Weltpokal, neunmal die spanische Meisterschaft und zweimal die Copa del Rey, diente von 1959 bis 1975 seinem Club Real Madrid als Cheftrainer. Zuvor hatte Miguel Muñoz Mozún von 1948 bis 1958 im Mittelfeld des Weißen Balletts 223 Spiele absolviert und dabei 23 Tore geschossen. Reals Präsidentenikone Santiago Bernabéu war nach dem Bürgerkrieg bemüht, ein internationales Ensemble zusammenzustellen und darin äußerst erfolgreich. Miguel Muñoz stieß von Celta Vigo zu den Königlichen. Seine Mitspieler klangen nach ganz großer Fußballoper. Francisco Gento, José María Zárraga, Alfredo Di Stéfano, Héctor Rial, José Santamaría, Luis Molowny, Raymond Kopa und Ferenc Puskás hießen die Giganten, die den heutigen Real-Akteuren an Leistung, Ruhm, Erfolg und Größe nicht nachstanden, nur deutlich weniger verdienten. Bis heute gelten die Fünfziger Jahre als die erfolgreichste Epoche in der Vereinsgeschichte von Real, daran ändern auch Carlo Ancelotti und Cristiano Ronaldo nichts. Muñoz hatte als Spieler Anteil an drei Europapokalsiegen im Landesmeistercup und vier spanischen Meisterschaften.

imago00847343m_cDer am 19. Januar 1922 in Madrid geborene Klassespieler saß ein Jahr nach seinem Abschied aus dem aktiven Spielerdasein schon als Cheftrainer auf der Real-Bank, vorher durfte er eine Saison beim Real-Nachwuchs das Trainerhandwerk erlernen. Offenbar eine gute Schule und ein noch besserer Schüler. Ähnlichen Werdegang konnte später ein gewisser Vicente del Bosque vorweisen. Miguel Muñoz wurde also plötzlich der Boss seiner ehemaligen Mitspieler, darunter Säulenheilige der Real-Geschichte wie Alfredo Di Stéfano und Ferenc Puskás. Ohne Wenn und Aber wurde der gebürtige Madrilene akzeptiert, man schätzte den fairen und gebildeten Sportsmann im Verein wie im Team, lobte allenthalben seine bescheidene Lebensart und einen stets an den Tag gelegten Fleiß. Bis heute gilt er unter Fans und Experten uneingeschränkt als der größte Real-Trainer aller Zeiten, und da waren über die Jahre immerhin doch einige Giganten des Geschäftes am Ruder. Den größten Moment sollte das Trio Muñoz, Di Stéfano und Ferenc Puskás ausgerechnet gegen ein deutsches Team bestreiten und erleben. Mit Puskás und Di Stéfano auf dem Platz und Muñoz auf der Trainerbank überfuhr Real Madrid am 18. Mai 1960 im Glasgower Hampden Park im Europapokalendspiel der Landesmeister die Eintracht aus Frankfurt mit einem 7:3-Sieg. Di Stéfano mit drei und Puskás mit vier Toren trugen entscheidend zum glanzvollen Triumph bei. Es gab auch vor Messi/Neymar kongeniale Duos im Fußball und vor Ronaldo Tormaschinen von staunenswerten Ausmaßen.

1983 sagte der Mann, der ein Vierteljahrhundert extrem erfolgreiche und grandiose Real-Jahre mitgestaltete und prägte: „Es war der glücklichste Tag meiner sportlichen Karriere, und ich hatte schon ein paar glückliche Tage.“ Wohl wahr. Aber Muñoz meinte nicht etwa die Sternstunde gegen die Eintracht oder seinen zweiten Cup-Sieg als Trainer, der seinem Team und ihm am 11. Mai 1966 in Brüssel gelang. Mit 2:1 schlug Real das Team von Partizan Belgrad im Heysel-Stadion. Vielmehr meinte Miguel Muñoz einen 12:1 Sieg über Malta (!), der bisher immer noch als eine der größten Sensationen im an Sensationen reichen spanischen Fußball gilt. Es ging um die Qualifikation in Sachen Europameisterschaft 1984 in Frankreich. Muñoz zeichnete seit 1982 inzwischen verantwortlich für La Furia Roja, die spanische Nationalmannschaft, was er 1969 schon einmal interimsmäßig tat. Die Spanier mussten im letzten Gruppenspiel einen Elf-Tore-Rückstand auf die Niederlande aufholen, die ihre Gruppenspiele bereits beendet, damit keine Chance mehr zum Eingreifen hatte. Für die Niederländer endete dieser 21. Dezember 1983 finster. Ein 12:1-Sieg der Spanier in Sevilla gegen die Malteser – nach einer 3:1-Halbzeitführung – brachte folgenden Tabellenstand: Jeweils 13:3 Punkte für Spanien und die Niederlande, bei einem Torverhältnis von 24:8 für Spanien und 22:6 für die Niederlande. Die Furia Roja damit qualifiziert und Miguel Muñoz in dem bereits erwähnten größten Glücksmoment seiner Laufbahn, während man in Holland in den Abgrund einer gescheiterten Qualifikation schaute und große Skepsis beim Zustandekommen des Ergebnisses an den Tag legte. Der Rest ist Fußballgeschichte.

Das Nationalteam von Miguel Muñoz war damals durchaus noch mit separatistischen Befindlichkeiten behaftet, die oft auch die Arbeit des Trainers hinderten und erschwerten. Zwischen Katalanen und Madrilenen, den Barca- und den Real-Stars herrschte zu dieser Zeit nicht nur sportlicher Sonnenschein, man war noch weit entfernt von der Eintracht der Aragonés und del Bosque Welt- und Europameister-Ära. Dennoch schaffte Spanien es etwas überraschend ins Finale gegen Gastgeber Frankreich. Miguel Muñoz hatte Gräber zugeschüttet, eine Gemeinschaft geschaffen und Energien freigesetzt, einen Auftritt der Spanier gemanagt, den viele Betrachter in ihren EM-Prognosen den Iberern nicht zugetraut hatten. Wichtigster Baustein in Sachen Finalteilnahme war ein Sieg über Deutschland im entscheidenden Spiel der Vorrundengruppe zwei. Am 20. Juni 1984 schlug Spanien die deutsche Elf durch einen Kopfballtreffer von Abwehrspieler Antonio Maceda in der 89. Minute im Prinzenparkstadion zu Paris mit 1:0. Spanien im siebten Fußballhimmel, Deutschland auf dem Weg nach Hause. Bundestrainer Jupp Derwall verlor umgehend sein Amt. In den deutschen Startlöchern der Liebling der Medien und Fußballgötter Franz Beckenbauer. Die Muñoz-Elf hatte der Lichtgestalt sozusagen die Tür auf den Weg in die Sonne geöffnet.

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Im Halbfinale brauchte Spanien das Glück des Elfmeterschießens gegen Dänemark und konnte selbiges verbuchen. Am 27. Juni 1984 das Finale. Favorit Frankreich begann nervös, das Platini-Team kam mit den ruhig und hart agierenden und bestens eingestellten Spaniern schwer zurecht, ein Halbzeit-Unentschieden wurde als Sieg der defensiven Muñoz-Strategie gewertet. Diese Strategie pulverisierte ausgerechnet Spaniens Kapitän und Torhüter Luis Arconada. In der 57. Spielminute ließ der Keeper einen harmlos getretenen Freistoß von Platini zum 0:1 passieren. Der Ball rutschte ihm unter dem Bauch über die Torlinie. Mit diesem Tor geriet Frankreich auf die Siegerstraße, Spanien musste sich am Ende mit 0:2 geschlagen geben. Der fatale Torwartfehler galt unter spanischen Fußballfans zwei Jahrzehnte als Menetekel für das Versagen der spanischen Nationalmannschaft und deren Unfähigkeit, das große Potenzial auszuschöpfen. Muñoz verwahrte sich gegen solche Betrachtungen und nahm Zeit seines Lebens Torwart Arconada in Schutz.

1988 endete die Ära Muñoz in der Nationalelf wie im spanischen Fußball, der 66-Jährige beendete seine außergewöhnliche Laufbahn mit 23 Titeln. Muñoz wies seine Spieler gerne auf die Zeit nach dem Erfolg und der Karriere hin und forderte sie auf, sich dafür das nötige Rüstzeug anzueignen, nicht dem Glamour zu erliegen und lieber auf Solidität, menschliche Werte und Charakterfestigkeit zu setzen. Bei Betrachtung des heutigen Spieleruniversums trauert man diesen Worten nach, die in den mit Brillanten gespickten Ohren sicher auch keinen großen Widerhall mehr fänden oder gar ihr Ziel erreichen könnten. „Ich wurde im Bürgerkrieg vieler Menschen meiner Generation beraubt und habe unwiederholbare Jahre mit den Gedanken an sie verbracht. Vor dem Tod habe ich keine Angst. Es gibt immer etwas, das uns in diesem Leben antreibt und voranbringt“, so Muñoz in einem Interview mit El País aus dem Jahre 1984. Miguel Muñoz Mozún starb nur zwei Jahre nach seinem Abschied von der großen Fußballbühne nach kurzer schwerer Krankheit in der Klinik La Luz, aufgrund einer inneren Blutung in seiner Geburts- und Heimatstadt Madrid am 16. Juli 1990. Die Spieler- und Trainerlegende wurde 68 Jahre alt. Sein Erfolgsgeheimnis brachte der jederzeit optimistische Charakter bis zum Ende stets in einem Satz unter: „Erfolg ist das Ergebnis von Disziplin und der Fähigkeit, sich auf die großen Momente gemeinsam zu konzentrieren.“

Redaktion Magath & Fußball

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