„Eine demokratisch legitimierte Nationalmannschaft“


Veröffentlicht am 7. Februar 2015

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Volksvertreter immer am Ball – Der Abgeordnete Mark Hauptmann im Interview

Kein geringerer als Fritz Walter spielte im April 1961 in den Reihen einer Bundestagsmannschaft aller Parteien gegen eine Prominentenauswahl, die vom Kölner Original Willy Millowitsch bis zum Weltmeistertrainer Sepp Herberger reichte. Natürlich gab es ein Ergebnis, 5:3 ging die „Walter-Elf“ der Abgeordneten als Sieger vom Platz. Gemeinsam hatten alle Beteiligten noch einen guten Zweck erfüllt, der Benefizcharakter brachte zehntausend Mark für soziale Zwecke in die Kasse. 1964 stand Fritz Walter dann auf der Seite eines Prominententeams, darin der Boxer Bubi Scholz, die Kabarettisten Klaus Havenstein, Sammy Drechsel und Dieter Hildebrandt, ZDF-Reporter Harry Valérien, Fußballweltmeister Werner Liebrich, Olympiasieger Armin Hary sowie Oscar-Preisträger Maximilian Schell. Das Team der Parlamentarier schlug sich tapfer, unterlag am Ende mit Spielern wie Bundesminister Dr. Heck, dem späteren Bundestagspräsidenten und Bundesminister Richard Stücklen sowie Weltmeistertorwart Toni Turek achtbar mit 4:7. Der Erlös auch dieser Partie kam sozialen Einrichtungen zugute. 1967 war es endlich soweit, ein echtes Team wurde geboren, der Abgeordnete Dr. Adolf Müller-Emmert gab den Anstoß zur Gründung der Fußballelf des Deutschen Bundestages, lief auch als dessen Kapitän auf. Deutschland damit Vorreiter, in den Siebziger Jahren erwachte in Europa der „Parlamentsfußball“. Seither gibt es internationale Vergleiche, sogar eine Europameisterschaft. Aktueller Titelträger die österreichischen Parlamentarier. Mit dem 1999 erfolgten Umzug des Deutschen Bundestages von Bonn nach Berlin hat die Leidenschaft für Fußball im Deutschen Parlament nicht nachgelassen. Mit Mark Hauptmann, einem Vertreter einer neuen Parlamentariergeneration und Spieler beim FC Bundestag, sprach die Redaktion Magath & Fußball.

Mark Hauptmann (CDU-Fraktion)

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Fußballersteckbrief
Mannschaft: FC Bundestag
Position: Rechtes Offensives Mittelfeld
Starker Fuß: rechts
Rückennummer: 23
Geburtsdatum: 29. April 1984
Geburtsort: Weimar

Mark Hauptmann ist seit Oktober 2013 Mitglied des Deutschen Bundestags, vertritt den Südthüringer Wahlkreis 197, der sich aus den beiden Landkreisen Hildburghausen und Schmalkalden-Meiningen sowie der kreisfreien Stadt Suhl zusammensetzt.

Mark Hauptmann, wie und wann sind Sie zum Fußball gekommen?

Mark Hauptmann: Fußball selbst habe ich nie im Verein gespielt. Hobbymäßig, als Jugendlicher auf dem Wäscheplatz ging es los. Im Verein habe ich angefangen mit Badminton, dann habe ich lange Zeit Tischtennis gespielt und schließlich kam ich zum Basketball. Fußball habe ich aber bei allen Sportarten immer parallel und regelmäßig gespielt. Heute spiele ich für den FC Bundestag.

Der FC Bundestag ist so etwas wie die Betriebsmannschaft des Deutschen Bundestages. Auf Ihrer Internetseite ist sogar ein Spielplan zu finden. Wie regelmäßig finden Ihre Begegnungen statt? Berichten Sie bitte mal.

Hauptmann: Wir spielen jede Woche Freundschaftsspiele gegen Teams aus ganz Deutschland. Im Winter trainieren wir in der Halle, die sich im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus unten im Erdgeschoss befindet. Das Interessante ist: Wir sind eine Spielgemeinschaft aus allen Fraktionen. Unser Kapitän ist Marcus Weinberg aus Hamburg, ein CDU-Mann. Der Stellvertreter Stefan Rebmann kommt aus Rheinland Pfalz von der SPD, unser Torwart ist von den Grünen. Mein defensiver Counterpart, der mich sozusagen nach hinten absichert, kommt auch von den Grünen, der Kollege Dieter Janecek.

Also Sie könnten auch links spielen und ein Linker könnte auch rechts spielen?

Hauptmann: (lacht) So ist es. Wir haben sogar einen Kollegen von den Linken dabei. Sie sehen, auch das ist möglich. Im Ernst: Wir laden vor den Spielen immer gemeinschaftlich den Bus voll und nehmen die Trainingsbälle mit, die Ausrüstung, immer auch eine Kiste Bier. Bei der Rückfahrt vom Stadion zum Bundestag ist das Bier dann leer und das Spiel noch einmal ausgewertet. Festzustellen ist, man kommt sich dann doch erheblich näher, manchmal auch inhaltlich.

Haben Sie einen Trainer, der das Team aufstellt oder wechselt man so, dass jeder mitspielen kann?

Hauptmann: Wir spielen anders als in der Bundesliga zwar auch Großfeld, allerdings nur zweimal 30 Minuten. Das bedeutet: Viele Kollegen sind froh, nicht die gesamten 60 Minuten durchspielen zu müssen. Wir haben kein festgeschriebenes Wechselkontingent, sondern wechseln fliegend. Jeder, der spielen möchte, kommt auch an die Reihe. Unser ältester Mitspieler, Dirk Fischer, ist mittlerweile 73 Jahre alt und hat seit 1982 über 500 Spiele für den FC Bundestag absolviert. In der Regel stellt der Kapitän die Mannschaft auf, ansonsten der Stellvertreter. Man wird natürlich einerseits über die persönliche Spielpräferenz befragt. Da bin ich immer wieder verwundert, dass sich das eigentlich ganz gut ausgleicht. Kollegen, die Verteidiger spielen wollen, haben meistens auch die Chance, Verteidiger zu spielen. Kollegen, die lieber weiter vorne spielen, werden offensiv eingesetzt. Das passt zwar nicht immer, aber viele verlegen sich dann auf das Philipp-Lahm-Modell und werden auf mehreren Positionen eingesetzt. Ich spiele tendenziell offensiv, im rechten Mittelfeld oder im Sturm.

Mark Hauptmann (links) bejubelt gemeinsam mit Kapitän Marcus Weinberg (Zweiter von links) und den Kollegen einen Treffer des FC Bundestag.

Mark Hauptmann (links) bejubelt gemeinsam mit Kapitän Marcus Weinberg (Zweiter von links) und den Kollegen einen Treffer des FC Bundestag.

Welche Bedeutung hat der FC Bundestag für die fußballinteressierten Abgeordneten und insbesondere für Sie persönlich?

Hauptmann: Für uns ist der FC Bundestag eine tolle Sache, die mehrere positive Aspekte vereint. Das Imagebild des Käsebrötchen essenden Politikers ist ja nicht allzu weit weg von einer Realität, die einerseits besagt: Unser Job bedingt, dass man viel sitzt, sich wenig bewegt und permanent die Möglichkeit hat, einen Snack zwischendurch zu sich zu nehmen. Das ist natürlich nicht besonders gut für die Fitness, den Körper und die Gesundheit. Der sportliche Aspekt, etwas für die Bewegung zu tun, ist durch die Sportgemeinschaft des Deutschen Bundestags explizit gewollt. Die Sportgemeinschaft umfasst viele Tätigkeitsfelder, man kann alle möglichen Sportarten durchführen. Nicht nur die Abgeordneten, sondern auch beispielsweise die Mitarbeiter aus der Verwaltung. Daher hat man im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus auch eine Sporthalle, die multifunktional für die verschiedensten Tätigkeiten genutzt werden kann.

Und der zweite Aspekt?

Hauptmann: Der zweite Aspekt des FC Bundestag ist, man bewegt sich als Politiker – egal aus welcher Fraktion – eigentlich sehr viel mit seinen eigenen Leuten. Ich komme beispielsweise gerade aus einer CDU/CSU-Fraktionssitzung. Meine Kollegen von der SPD haben ihre Fraktionssitzung und so weiter. Das verbindende Element des FC Bundestag ist auch, den Menschen hinter dem Politiker kennenzulernen. Wenn man nach dem Spiel geduscht und ein Bier getrunken hat, ist man schnell per Du. Die Distanz fällt weg und man könnte sagen, der Fußball schleift sämtliche Ecken und Befindlichkeiten. Das ist, neben dem was der Fußball als Sport für jeden Einzelnen mitbringt, eine politische Dimension. Man lernt sich auf persönlicher Ebene besser kennen und kommt über verschiedene Themen miteinander ins Gespräch.

Worauf beruht das Prinzip des FC Bundestag?

Hauptmann: Ich sage immer scherzhaft: Wir sind die einzige, demokratisch legitimierte Nationalmannschaft. Jogi Löw nominiert in einem autoritären Verfahren einzelne Spieler. Bei uns ist jeder demokratisch legitimiert. (lacht) Wir spielen auch in der Bekleidung unserer Nationalmannschaft, das ist sehr angenehm. Darüber hinaus versuchen wir noch einen Aspekt mit dem Fußball zu verknüpfen und das ist der gute Zweck. Viele Turniere sind Benefizveranstaltungen, sowohl hier in Berlin aber gelegentlich auch an anderen Orten. Wir spielen zum Beispiel gegen die Coca Cola Deutschland Auswahl oder das Team vom Deutschen Beamtenbund.

Sogar eine Partie gegen die Kirche war dabei…

Hauptmann: Genau. Es gibt eine Reihe von Teams aus ganz Deutschland, die sich da zusammenfinden. Die Abgeordneten können selbst Vorschläge machen, wenn es beispielsweise Teams aus ihrem Wahlkreis gibt, die gerne einmal gegen uns spielen würden. Tradition ist darüber hinaus die dritte Halbzeit. Das bedeutet, dass wir uns nach dem Spiel mit dem Gegner in einer Lokalität austauschen. Also man verschwindet nicht wieder, sondern setzt sich danach hin und verbringt Zeit in gemeinsamer Runde.

Haben Sie auch Auswärtsspiele?

Hauptmann: Aber ja! Es gibt sogar internationale Spiele, die Europameisterschaft findet jedes Jahr über Christi Himmelfahrt statt. Dann spielen wir gegen die Parlamentsauswahlen der anderen Länder – dann wird der Europameister ausgespielt. Es gibt auch einen Clubraum, in dem alle Pokale aus der Historie des FC Bundestag ausgestellt sind.

Gibt es im Team des FC Bundestag feste Rückennummern? Und wenn ja, welche tragen Sie?

Hauptmann: Ja, die 23. Das hat aber nichts mit David Beckham zu tun, sondern kommt vom Basketball. Ich bin ein großer Fan von Michael Jordan. Ich hatte zwar erst eine andere Nummer zugeordnet bekommen, konnte dann aber glücklicherweise einen Kollegen aus der gleichen Landesgruppe überzeugen, mit mir zu tauschen.

Haben Sie auch mal ein Tor geschossen? Gibt es jemanden bei Ihnen, der eine Statistik führt?

Hauptmann: Tatsächlich, den gibt es. Ich glaube unser bester Torschütze ist Christian von Stetten, der auch wirklich als echter Neuner im zentralen Sturm spielt. Nur sind wir als Team ja schon froh, wenn wir überhaupt einmal ein Tor schießen. (lacht) Viele gegnerische Mannschaften rüsten auf, wenn sie gegen uns spielen. Für jedes Team ist das dann ein Highlight – viele verbinden es mit einem Ausflug nach Berlin. Oft führt das dazu, dass geschaut wird, wirklich gute und jüngere Spieler mit aufzubieten. Oft ist es so, dass der Gegner dann stärker ist und hin und wieder deutliche Ergebnisse zustande kommen. Alles, wo wir Tore schießen und vielleicht mal unentschieden spielen, sind für uns große Highlights.

Mark Hauptmann (rechts) in der Offensive.

Mark Hauptmann (rechts) in der Offensive.

Haben Sie Zeit, um Fußballspiele in Ihrem Wahlkreis am Dorfplatz zu verfolgen?

Hauptmann: Leider sehr selten. Ich war zum Beispiel im letzten Jahr beim 1. Suhler SV im Auestadion aber auch schon bei Spielen von Lok Meinigen oder in Steinbach-Hallenberg., Dort habe ich mir auch ein Spiel der Landesklasse angeschaut. Man wird von den Vereinen oft angesprochen, versucht zu helfen und kommt hin und wieder auch an den Platz.

Wie sehen Sie als Politiker die Entwicklung des Fußballs, weg vom Sport und mit zunehmendem Eventcharakter?

Hauptmann: Ich bin Realist genug und weiß: Der Fußball ist heute mehr als nur Hobby oder Beruf, er ist vielmehr auch ein Produkt, was im internationalen Wettbewerb vermarktet wird. Der Fußball ist ein weltweites Phänomen, was viele verschiedene Menschen in allen Teilen der Erde fasziniert. Damit spielen die Regeln von Angebot und Nachfrage eine Rolle.

Schauen Sie als eingefleischter Thüringer auch mit einem lokalpatriotischen Auge auf den Fußball im Freistaat?

Hauptmann: Am Thüringer Fußball stört mich die unheimlich große Rivalität zwischen Carl Zeiss Jena und Rot-Weiß Erfurt. Jetzt mag das historisch sicherlich alles seine Beweggründe haben – wenn man sich um die Champions League Plätze streiten würde. Wenn es aber in 3. Liga oder Regionalliga darum geht, das eine oder andere Spiel zu gewinnen, dann ist das schwer nachzuvollziehen. Da sollte man sich schon fragen, ob man nicht gemeinsame Synergieeffekte nutzen könnte. Da geht es zum Beispiel um ein neues Stadion, wo es ja großer finanzieller Aufwendungen bedarf. Es gibt eine hohe Fanrivalität, darunter auch gewaltbereite Gruppen, die sich gegenseitig jenseits von Fairplay um ihr Team regelrecht bekriegen. Dem kann ich nichts abgewinnen. Was ich spannend finde – nicht beim Thüringer, sondern beim ostdeutschen Fußball – ist das Projekt RB Leipzig.

Was finden Sie spannend am Projekt RB Leipzig? Für viele ist der Club nur ein Marketingprojekt aus der Dose…

Hauptmann: RB Leipzig kann zum jetzigen Zeitpunkt natürlich keine 100-jährige Fußballgeschichte vorweisen. Aber in einer strukturschwachen Region, wo Sie eben keine Großkonzerne haben, die bei Fußballvereinen als Sponsoren auftreten können, ist es für eine Region überhaupt wichtig, solche Leuchtturmsignale zu haben. Wenn ein Investor mit einem langfristigen Plan einen Club aufbauen möchte, dabei in ein erstklassiges Nachwuchskonzept investiert, außerdem mit einem ehemaligen WM-Stadion über die geeignete Infrastruktur verfügt, dann ist das aus meiner Sicht eine gute Sache. Deshalb finde ich das Projekt spannend und gehöre ich nicht zu denjenigen, die sagen, das Ganze ist abzulehnen, weil es sich um einen Retortenverein handelt.

Haben Sie eigentlich – man weiß es von Ihrem Kollegen Wolfgang Bosbach, der eingefleischter Fan des 1. FC Köln ist – einen Lieblingsclub?

Hauptmann: (schmunzelt) Ich habe mich schon gefragt, wann Sie mir diese Frage stellen. Ich bin Dortmund Fan und das hat schon in der fünften Klasse angefangen. Ich finde Jürgen Klopp sympathisch bei allen markanten Eigenschaften, die er mit sich bringt. Dass er auch manchmal über die political correctness hinausgeht, sei ihm zugestanden. Für mich ist er ein Sympathieträger und ich glaube auch, dass er in der Lage ist, den BVB aus diesem wirklich mitnehmenden Tief wieder herauszuführen.

Im Herbst letzten Jahres gab es eine Konferenz in Zürich, zum ersten Mal fand dort der World Summit on Ethics in Sports statt. Die hochrangigen Teilnehmer diskutierten auch die Frage, was Wirtschaft und Politik vom Sport lernen können. Wie fällt Ihre Antwort darauf aus?

Hauptmann: Vom Sport kann man viel lernen. Einerseits ist die Leidenschaft, der bedingungslose Wille, positiv nach außen zu strahlen und seine Ziele zu erreichen, eine Wirkung, die auch in viele politische Bereiche hineinstrahlt. Schauen Sie sich beispielsweise nur die Integrationskraft unserer Nationalmannschaft an. Darüber hinaus lehrt der Sport auch Zielstrebigkeit, Leistungsbereitschaft und Begeisterungsfähigkeit für eine Sache – all das sind Aspekte, die auch in der Politik eine Rolle spielen.

Das Interview führte die Redaktion Magath & Fußball.