Das Hoch im Norden hält an


Veröffentlicht am 8. Februar 2015

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Werder Bremen und der HSV siegen weiter

Es ist noch gar nicht so lange her, da musste man sich um Werder Bremen ernsthafte Sorgen machen. Die 0:1-Heimniederlage gegen den 1. FC Köln, ein Freitagabend Ende Oktober, markierte den Tiefpunkt eines katastrophalen hanseatischen Saisonstarts, der das Fass an der Weser zum Überlaufen brachte und Robin Dutt den Trainerjob kostete. Seither ist viel passiert bei den Norddeutschen, mit Viktor Skripnik und Torsten Frings stehen zwei alte Bremer Bekannte in der Verantwortung, die ohnehin schon junge Mannschaft wurde noch einmal verjüngt und der 2:1-Sieg über Bayer Leverkusen am 20. Spieltag war mittlerweile schon der vierte Dreier in Serie. Nach drei Bundesliga-Runden im Fußballjahr 2015 firmiert Werder als bestes Rückrundenteam, hat sich bis auf Platz acht nach oben geschoben und ein zumindest für den Moment beruhigendes Sieben-Punkte-Polster zwischen sich und Relegationsrang 16 gelegt.

Zu einem großen Teil mitverantwortlich dafür, dass die Grün-Weißen nach Dortmund, Hertha und Hoffenheim am Sonntagnachmittag auch die ambitionierte Werkself aus Leverkusen in die Knie zwangen, war Jungstar und U19-Europameister Davie Selke, der den SVW in verletzungsbedingter Abwesenheit von Sturmführer Franco Di Santo mit seinem fünften Saisontreffer auf die Siegerstraße brachte. Der nach abgesessener Gelbsperre ins Team zurückgekehrte Freistoßspezialist Zlatko Junuzović erhöhte nach einer halben Stunde mit einem ebensolchen ruhenden Ball. Zum vierten Mal in der laufenden Spielzeit schoss der Österreicher einen direkten Freistoß ins Tor, Bernd Leno also ebenso machtlos wie zuvor die Kollegen Lukas Kruse, Ron-Robert Zieler und Yann Sommer. Bayer aber antwortete in Person von Hakan Çalhanoğlu noch vor der Pause, der Deutsch-Türke traf nach einer Bremer Unachtsamkeit aus kürzester Distanz mit dem Kopf und sorgte für viel Spannung in Hälfte zwei, die der mit nunmehr fünf Saisontoren zweitbeste Leverkusener Schütze jedoch nicht mehr mitgestalten durfte. Für ihn brachte Roger Schmidt, der später nach verbaler Entgleisung vom Referee-Gespann auf die Tribüne geschickt wurde, zur Halbzeit den vom Asien-Cup zurückgekehrten Heung-Min Son. Näher als Stefan Kießling, der das Leder in Minute 52 an den Pfosten setzte, kam Bayer dem Ausgleich trotz drückender Überlegenheit nicht mehr.

Einen recht ähnlichen Spielverlauf hatte zuvor das Nordderby am Samstagabend in Hamburg genommen, wo die Gäste aus Hannover ebenfalls über weite Strecken der Partie das Heft des Handelns in der Hand hielten, die Heimreise aber ohne Punkte antreten mussten. Die größten Pechvögel aufseiten der Niedersachsen waren dabei zweifelsohne Toptorjäger Joselu und insbesondere Innenverteidiger Marcelo. Kurz nachdem Joselu die große Chance zur Führung aus elf Metern verstreichen ließ – HSV-Schlussmann Jaroslav Drobný parierte den Strafstoß nachdem Rafael van der Vaart Salif Sané zu Fall gebracht hatte – unterlief ausgerechnet Marcelo, in dieser Saison bis dato der mit Abstand konstanteste Mann im Defensivsystem von 96, nach Flanke von Zoltán Stieber ein Eigentor. Für die Mannschaft von Tayfun Korkut aber war das noch längst nicht das Ende der Pannenserie, denn unmittelbar nach Beginn des zweiten Durchgangs war es wieder Marcelo, der einen Distanzschuss von Marcell Jansen unhaltbar für den eigenen Keeper abfälschte. Mehr als das Anschlusstor durch den eingewechselten Polen Artur Sobiech brachten die Hannoveraner trotz zahlreicher guter Möglichkeiten nicht zustande – ein von Kapitän Lars Stindl in der Nachspielzeit aus 20 Metern an den Außenpfosten gezirkelter Freistoß komplettierte den unglücklichen Auftritt im Volksparkstadion. Erstmals seit April 2013 gewann der Bundesliga-Dino somit wieder zwei Ligaspiele in Folge. Für Cheftrainer Joe Zinnbauer jedoch kein Grund, die Augen vor der Realität zu verschließen. Trotz des Sprungs auf Tabellenplatz zwölf äußerte sich der 44-Jährige nach dem Spiel wenig euphorisch, fast schon demütig: „Ich bevorzuge eigentlich die offensive Spielweise, aber im Augenblick müssen wir auf andere Art und Weise punkten. Hannover war uns überlegen, wir haben Glück gehabt.“ Eine angenehm offen und ehrliche wie realistische Sicht auf die derzeitige fußballerische Lage an der Elbe, die auch deshalb so gut ankommt, weil Nüchternheit und Realitätssinn in der jüngeren Vergangenheit nicht unbedingt zu den allergrößten Hamburger Stärken zählten.

HSV-Coach Joe Zinnbauer glücklicher Sieger im Nordderby.

HSV-Coach Joe Zinnbauer glücklicher Sieger im Nordderby.

Keinerlei Grund für überschwängliche Euphorie sahen unterdessen die Dortmunder im ebenso verdienten wie deutlichen 3:0-Erfolg beim SC Freiburg. Der BVB präsentierte sich vom Anpfiff weg stark formverbessert, traf allerdings auch auf einen Gegner, der es ihm nie wirklich schwer zu machen vermochte. Schon als Marco Reus nach neun Minuten, begünstigt durch einen haarsträubenden Fehlpass von Mike Frantz, zur frühen Führung einschoss, hätte das Spiel entschieden sein können. Die Borussia verzeichnete in 90 einseitigen Minuten 22 Torschüsse, mehr als jede andere Mannschaft in dieser Saison im Breisgau, und gewann erstmals seit dem 29. August letzten Jahres wieder ein Auswärtsspiel in der Bundesliga. Pierre-Emerick Aubameyang, von Jürgen Klopp diesmal im Sturmzentrum aufgeboten, avancierte mit einem Doppelpack nach der Pause zum Mann des Tages bei den Schwarz-Gelben, die insbesondere in der Entstehung des dritten Treffers andeuteten, welch spielerisches Potenzial in ihren Reihen schlummert. Erstmals bereitete zudem Shinji Kagawa nach seiner Rückkehr aus Manchester wieder einen Treffer vor. Bereits am Freitagabend hat der BVB im Heimspiel gegen Mainz nun die Möglichkeit, an den guten Auftritt in Freiburg anzuknüpfen und rechtzeitig vor dem Derbyknaller auf Schalke wieder in ruhigeres Fahrwasser zu gelangen.

Neues Ligaschlusslicht ist nach einer 0:2-Heimniederlage gegen den Tabellenführer nun der VfB Stuttgart. Die Bayern scheinen zwar noch immer ein gutes Stück von ihrer Hinrundenform entfernt, können sich aber auf Arjen Robben verlassen. Der Niederländer traf bei den Schwaben bereits zum zwölften Mal in dieser Saison und demonstrierte einmal mehr seine Unentbehrlichkeit beim Rekordmeister, David Alaba besorgte mit einem Freistoß-Kunstschuss aus großer Distanz den zweiten Münchner Treffer des Nachmittags. Derweil feierte André Schürrle gegen Hoffenheim einen Traumeinstand im VfL-Trikot. Bereits nach drei Minuten verbuchte der vom FC Chelsea verpflichtete Weltmeister seinen ersten Scorerpunkt: Bas Dost drückte die gefühlvolle Flanke des Neuzugangs über die Linie. Zusammen mit Kevin De Bruyne könnte Schürrle, der seinen ersten Einsatz für die Wölfe gleich über die volle Distanz bestreiten durfte, in Zukunft ein ebenso kostspieliges wie brandgefährliches Offensivduo bilden. De Bruyne seinerseits erzielte die anderen beiden Wolfsburger Tore – nach einer halben Stunde nickte der Belgier einen Abpraller ins Netz und kurz vor Schluss traf er mit einem satten Schuss aus halbrechter Position. Der 30-fache Nationalspieler ist mit acht Toren und elf Assists inzwischen der beste Scorer der Bundesliga und weckt Begehrlichkeiten über die Landesgrenzen hinaus. Der VfL Wolfsburg durch den neunten Heimsieg weiter klar auf Champions League Kurs, Hoffenheim dagegen nach der dritten Niederlage im Jahr 2015 nicht nur schwächstes Rückrundenteam, sondern darüber hinaus endgültig im Tabellenmittelfeld angekommen.

Einen tollen Einstand feierte neben Schürrle auch der Ungar Pál Dárdai, der beim Auswärtsspiel in Mainz erstmals auf der Hertha-Trainerbank Platz nehmen durfte. Nach der Entlassung von Jos Luhukay hatte der einstige Mittelfeldmann, der für die Berliner in 297 Bundesliga-Spielen 17 Tore erzielte, die Betreuung der Mannschaft unter der Woche gemeinsam mit Rainer Widmayer übernommen. Ein früher Platzverweis für den jungen Mainzer Torwart Loris Karius in Kombination mit dem fälligen Elfmeter, den Jens Hegeler sicher verwandelte, bescherte dem Duo zum Arbeitsstart letztlich einen Sieg bei den Rheinhessen. Roy Beerens hatte noch vor der Pause aus stark abseitsverdächtiger Position nachgelegt. Das 2:0 gleichbedeutend mit dem Endstand aus Sicht der Hauptstädter, die nach drei Niederlagen am Stück endlich wieder punkteten und die Abstiegsränge fürs erste hinter sich ließen.

Hertha-Torschützen in Mainz unter sich: Roy Beerens (links) und Jens Hegeler.

Hertha-Torschützen in Mainz unter sich: Roy Beerens (links) und Jens Hegeler.

Der 20. Bundesliga-Spieltag in der Übersicht:

FC Schalke 04 – Borussia Mönchengladbach 1:0 (1:0)
Tor: Tranquillo Barnetta (11.)

SC Freiburg – Borussia Dortmund 0:3 (0:1)
Tore: 0:1 Marco Reus (9.), 0:2 Pierre-Emerick Aubameyang (56.), 0:3 Pierre-Emerick Aubameyang (72.)

1. FC Köln – SC Paderborn 0:0

VfB Stuttgart – FC Bayern München 0:2 (0:1)
Tore: 0:1 Arjen Robben (41.), 0:2 David Alaba (50.)

VfL Wolfsburg – 1899 Hoffenheim 3:0 (2:0)
Tore: 1:0 Bas Dost (3.), 2:0 Kevin De Bruyne (28.), 3:0 Kevin De Bruyne (84.)

1. FSV Mainz 05 – Hertha BSC 0:2 (0:2)
Tore: 0:1 Jens Hegeler (35., Foulelfmeter), 0:2 Roy Beerens (42.)

Hamburger SV – Hannover 96 2:1 (1:0)
Tore: 1:0 Marcelo (6., Eigentor), 2:0 Marcell Jansen (50.), 2:1 Artur Sobiech (66.)

Werder Bremen – Bayer 04 Leverkusen 2:1 (2:1)
Tore: 1:0 Davie Selke (17.), 2:0 Zlatko Junuzović (29.), 2:1 Hakan Çalhanoğlu (43.)

FC Augsburg – Eintracht Frankfurt 2:2 (2:1)
Tore: 1:0 Ragnar Klavan (7.), 2:0 Raúl Bobadilla (37.), 2:1 Stefan Aigner (45.+2), 2:2 Alexander Meier (70.)

Die Bundesliga-Tabelle nach dem 20. Spieltag:

1. FC Bayern München – 49 Punkte, 45:9 Tore
2. VfL Wolfsburg – 41 Punkte, 41:19 Tore
3. FC Schalke 04 – 34 Punkte, 31:22 Tore
4. FC Augsburg – 34 Punkte, 28:24 Tore
5. Borussia Mönchengladbach – 33 Punkte, 27:17 Tore
6. Bayer 04 Leverkusen – 32 Punkte, 30:22 Tore
7. 1899 Hoffenheim – 26 Punkte, 31:33 Tore
8. Werder Bremen – 26 Punkte, 32:41 Tore
9. Eintracht Frankfurt – 25 Punkte, 38:41 Tore
10. Hannover 96 – 25 Punkte, 23:30 Tore
11. 1. FC Köln – 24 Punkte, 19:23 Tore
12. Hamburger SV – 23 Punkte, 14:22 Tore
13. 1. FSV Mainz 05 – 22 Punkte, 25:26 Tore
14. Hertha BSC – 21 Punkte, 26:38 Tore
15. SC Paderborn – 20 Punkte, 21:34 Tore
16. Borussia Dortmund – 19 Punkte, 21:27 Tore
17. SC Freiburg – 18 Punkte, 21:30 Tore
18. VfB Stuttgart – 18 Punkte, 20:35 Tore

Redaktion Magath & Fußball