Elfmeterheld mit Wadenkrämpfen


Veröffentlicht am 11. Februar 2015

3 Flares 3 Flares ×

imago18923471m_c

Elfenbeinküste gewinnt hochdramatisches Finale gegen Ghana und ist zum zweiten Mal nach 1992 Afrikameister

Bewegende Bilder aus Bata gingen am Sonntagabend um die Welt. In der Hauptstadt der zu Äquatorialguinea gehörenden Festlandsregion Mbini und der Provinz Litoral standen sich im Finale des Afrika-Cups die beiden großen Turnierfavoriten gegenüber. Sowohl die Elfenbeinküste als auch Ghana hatten sich durch klare Halbfinalsiege in überzeugender Manier für das Endspiel im 35.700 Zuschauer fassenden, größten Stadion des Landes, dem Estadio de Bata, qualifiziert. Obgleich weder reguläre Spielzeit noch Verlängerung reichhaltige Kost für Fußball-Feinschmecker boten, wurde es ein Finale der besonderen Sorte mit Hang zur Legendenbildung. Das in jeder Hinsicht spektakuläre Elfmeterschießen entschädigte für alles, sorgte für Tränen der Freude aufseiten der Elefanten und für verzweifelte Trauer bei den Black Stars. Der Afrika-Cup 2015 in Äquatorialguinea lieferte einmal mehr die komplette Bandbreite: Ein besonderes Fußballspektakel auf dem Schwarzen Kontinent ohne Frage, dessen sportlicher Wert in der Nachbetrachtung allerdings von den Gebaren des afrikanischen Verbands, wunderlichen Schiedsrichterentscheidungen und dem Gewaltausbruch einheimischer Fußballfans in Malabo überschattet wird.

Ursprünglich sollte die 30. Auflage der Afrikameisterschaft in Marokko, an der Nordwestküste des Kontinents über die Bühne gehen. Weil sich das Land jedoch aufgrund der im Laufe des vergangenen Jahres in Westafrika ausgebrochenen Ebola-Epidemie außer Stande sah, die tatsächliche Ausbreitung des Virus vorherzusehen geschweige denn, die im Ernstfall unerlässlichen Rettungsmaßnahmen flächendeckend einzuleiten, forderte die marokkanische Regierung eine Verschiebung des Turniers um ein Jahr. Der afrikanische Fußballverband, die Confédération Africaine de Football (CAF), lehnte dies mit der Begründung ab, man habe trotz der Unkalkulierbarkeit einer solchen Großveranstaltung alles im Griff und das Turnier müsse Anfang 2015 unbedingt stattfinden. Marokko aber ließ sich nicht umstimmen, verlor das für den Gastgeber verbriefte Startrecht und wurde in der Konsequenz nicht nur vom Afrika-Cup 2015 ausgeschlossen, sondern auch von den beiden zukünftigen Turnieren 2017 und 2019, Straf- und Entschädigungszahlungen in Millionenhöhe kamen außerdem dazu. Dagegen schlug nun die Stunde von Äquatorialguinea und Staatsoberhaupt Teodoro Obiang Nguema Mbasogo, der es zwar mit den Menschenrechten in seinem von etwa 800.000 Menschen bevölkerten Staat nicht so genau nimmt und auch sonst wenig für seine Landsleute tut, dem CAF aber – nicht zuletzt dank der durch das Ölgeschäft gut gefüllten Staats- und Privatkonten, die Trennung fällt mitunter schwer – ein lukratives Angebot zur kurzfristigen Ausrichtung unterbreitete. Sportlich zwar hatte sich das Land nicht qualifiziert, wurde infolge des Einsatzes eines nicht spielberechtigten Akteurs sogar von der Qualifikationsrunde ausgeschlossen, als neuer Gastgeber aber war man natürlich dabei.

Teodoro Obiang Nguema Mbasogo ist seit 1979 Staatschef von Äquatorialguinea. Das Land ist nach Nigeria und Angola drittwichtigstes Ölförderland Afrikas südlich der Sahara.

Teodoro Obiang Nguema Mbasogo ist seit 1979 Staatschef von Äquatorialguinea. Das Land ist nach Nigeria und Angola drittwichtigstes Ölförderland Afrikas südlich der Sahara.

Tatsächlich schaffte es Äquatorialguinea in die K.O.-Runde. Als Zweiter der Gruppe A zog die vom Argentinier Esteban Becker trainierte Mannschaft gemeinsam mit der Republik Kongo ins Viertelfinale ein, Gabun mit dem Dortmunder Pierre-Emerick Aubameyang und Burkina Faso hatten das Nachsehen. In Gruppe B reichte Tunesien ein einziger Sieg, alle anderen Partien endeten unentschieden. Die Demokratische Republik Kongo hatte ein besseres Torverhältnis als Kap Verde, einen Punkt mehr als Sambia und belegte Platz zwei. Gruppe C nahm den erwarteten Verlauf, es setzten sich die Favoriten aus Ghana und Algerien durch. Der Senegal jedoch schlug Ghana, verlor allerdings das Entscheidungsspiel um Platz zwei gegen Algerien mit 0:2. Südafrika, der WM-Gastgeber von 2010, ohne Chance. Ein besonderes Kuriosum entstand nach dem letzten Vorrundenspieltag in Gruppe D. Die Elfenbeinküste hatte ihr Ticket für die nächste Runde durch ein Tor von Max-Alain Gradel vom AS Saint-Étienne gelöst, Mitfavorit Kamerun mit 1:0 bezwungen und die von Volker Finke trainierten „Unzähmbaren Löwen“ auf die Heimreise geschickt. So weit, so gut. Alle anderen fünf Begegnungen dieser Gruppe hingegen endeten 1:1, Guinea und Mali also nach Punkten und Toren gleichauf, gemäß der Turnierregeln musste das Los entscheiden. Guinea, zukünftiger Ausrichter des Afrika-Cups im Jahr 2023 und angeführt vom starken Gladbacher Ibrahima Traoré, hatte Glück, Mali schied folglich auf die denkbar brutalste Weise aus dem Turnier.

Im Viertelfinale aber war für die vom Losglück profitierenden Westafrikaner Endstation. Ghana bezwang Guinea verdient und souverän mit 3:0, Christian Atsus Treffer wurde später zum Tor des Turniers gewählt. Auch die Elfenbeinküste kam durch ein 3:1 gegen Algerien sicher weiter, Wilfried Bony, der millionenschwere Neuzugang von Manchester City, traf doppelt. Die Demokratische Republik Kongo lag gegen den kleinen Nachbarn aus der Republik Kongo nach einer Stunde schon 0:2 zurück, schaffte aber mit einem spektakulären Schlussspurt doch noch ein 4:2 und zog ins Halbfinale ein. Während drei der vier Paarungen in der Runde der letzten Acht also mit einem Favoritensieg endeten, schaffte Gastgeber Äquatorialguinea mit seinem 2:1-Erfolg nach Verlängerung gegen Tunesien, den Titelträger von 2004, eine echte Sensation. Diese allerdings hatte den faden Beigeschmack einiger merkwürdiger Schiedsrichterentscheidungen. Tunesien war durch einen Treffer von Ahmed Akaïchi auf die Siegerstraße eingebogen und eigentlich schon fast im Halbfinale angekommen, als der Referee aus Mauritius Rajindraparsad Seechurn einen lächerlichen Elfmeter für die Lokalmatadoren verhängte. Javier Balboa ließ sich nicht zweimal bitten und nahm das Geschenk an, brachte Äquatorialguinea in die Verlängerung und schoss dort das Siegtor. Der anhaltende heftige Protest der Tunesier brachte nichts ein, außer dass Verbandschef Wadie Jary von seinen Ämtern beim CAF enthoben wurde.

Christian Atsu (Mitte) wurde zum besten Turnierspieler gewählt.

Christian Atsu (Mitte) wurde zum besten Turnierspieler gewählt.

Es sind jedoch weniger die bisweilen zugegebenermaßen seltsam anmutenden Pfiffe der Unparteiischen, die dem afrikanischen Fußball noch eine gute Weile nachhängen werden, sondern viel eher das, was sich beim Halbfinale in Malabo zwischen Äquatorialguinea und Ghana auf den Rängen abspielte. Beim aussichtslosen Stand von 0:3 aus Sicht der Einheimischen musste das Spiel wenige Minuten vor dem Ende für eine halbe Stunde unterbrochen werden. Spieler und Fans der Black Stars wurden mit Flaschen und Steinen beworfen, die Enttäuschung über das durch keinen Elfmeterpfiff mehr abwendbare Aus der eigenen Mannschaft brach sich gewaltsam Bahn. Allen im Stadion fuhr der Schrecken in die Glieder, der Fußball war längst zur Nebensache geraten, es gab 36 Verletzte. Anders als im Falle Marokkos aber reagierte der CAF mit Milde, erließ eine wohl sechsstellige Geldstrafe und spielte in Person des 68-jährigen Issa Hayatou die Ausschreitungen herunter. Hayatou, ein Methusalem des afrikanischen Fußballs und seit 27 Jahren als CAF-Präsident im Amt, schimpfte auf die „westliche Presse“, sprach von „bewusster Dramatisierung“ und konnte sich dabei natürlich auf die Rückendeckung von Busenfreund Sepp Blatter verlassen. Wissend um die Wichtigkeit der afrikanischen Stimmen für seine angestrebte Wiederwahl, gab der FIFA-Präsident zu Protokoll: „Ich sehe diese negativen Seiten des afrikanischen Fußballs nicht. Fußball sollte in Frieden gelassen werden.“

Friedlicher jedenfalls ging es beim anderen Halbfinale zu: Yaya Touré brachte die Elfenbeinküste mit einem fulminanten Schuss von der Strafraumkante in Führung, die Demokratische Republik Kongo glich zwar durch den Ex-Wolfsburger Dieumerci Mbokani noch einmal aus, konnte sich der Übermacht der Elefanten aber nicht mehr lange erwehren und unterlag mit 1:3. Für Cédric Makiadi von Werder Bremen und Anführer Youssuf Mulumbu von West Bromwich Albion aber wurde es immerhin der dritte Platz: Im Elfmeterschießen gewann der zweifache Afrikameister das kleine Finale gegen Äquatorialguinea mit 4:2.

Der von Wadenkrämpfen geplagte Boubacar Barry (Vordergrund) wird von Kapitän Yaya Touré zum Weitermachen animiert. Im Hintergrund Ghanas Schlussmann Brimah Razak.

Der von Wadenkrämpfen geplagte Boubacar Barry (Vordergrund) wird von Kapitän Yaya Touré zum Weitermachen animiert. Im Hintergrund Ghanas Schlussmann Brimah Razak.

Der Turnierhöhepunkt in Bata brachte einen Tag später weder Fußballleckerbissen noch Tore. Es war bereits das vierte Endspiel mit Beteiligung der Elfenbeinküste und wie schon die vorangegangenen zog sich auch dieses bis zum finalen Showdown vom Strafstoßpunkt hin. Die Elfmeter-Lotterie schließlich geriet zur One Man Show: Boubacar Barry hatte sich die Krönung seiner langen Karriere wohl für den Schluss aufgespart. 2012 noch unterlag er mit den Ivorern dem Überraschungssieger Sambia mit 7:8 nach Elfmeterschießen – eine zweite Enttäuschung dieser Kategorie wollte sich der Schlussmann vom belgischen Pokalsieger SC Lokeren also unbedingt ersparen. Barry, genannt „Copa“, stand überhaupt nur auf dem Platz, weil sich die Nummer eins des französischen Cheftrainers Hervé Renard vor dem Finalspiel verletzt hatte, dennoch sollte der 35 Jahre alte Barry zum großen Helden werden. Aber der Reihe nach. Zunächst nämlich vergaben Wilfried Bony und der noch in der 120. Spielminute eingewechselte Junior Tallo, Ghana führte nach Treffern von Wakaso Mubarak und Jordan Ayew bereits mit 2:0. Minuten später allerdings stand es wieder pari: Für die Elfenbeinküste hatten Serge Aurier und Seydou Doumbia verwandelt, Barry, immer wieder von Krämpfen geplagt, hatte derweil den Strafstoß von Afriyie Acquah entschärft, Frank Acheampong am Tor vorbei gezielt. 2:2. Die folgenden zwölf Schützen trafen allesamt: André Ayew, Jonathan Mensah, Emmanuel Agyemang-Badu, Harrison Afful, Baba vom FC Augsburg und John Boye für Ghana – Yaya Touré, der Herthaner Salomon Kalou, Kolo Touré, Wilfried Kanon, Eric Bailly und Stuttgart-Neuzugang Serey Die für die Elfenbeinüste. Es stand 8:8 als es zum entscheidenden Duell der beiden Torhüter kam. Barry lag zwischenzeitlich minutenlang am Boden, krümmte sich vor Schmerzen, hatte sich aber noch einen letzten Rest Energie für den größten Moment seiner Laufbahn aufgespart. Es musste ja irgendwie so kommen. Brimah Razak lief an für Ghana, doch der Altmeister zwischen den Pfosten hatte den Braten gerochen und parierte den Versuch seines Kontrahenten. Dann war er selbst an der Reihe. Drei, vier kurze Schritte, ein platzierter Schuss nach rechts oben, das 9:8. Aus und vorbei. Die Elefanten feierten zum zweiten Mal nach 1992 einen Finalsieg im Elfmeterschießen gegen Ghana, damals ähnlich dramatisch mit 11:10.

Große Geste: Erfolgstrainer Hervé Renard (links) tröstet André Ayew und Asamoah Gyan.

Große Geste: Erfolgstrainer Hervé Renard (links) tröstet André Ayew und Asamoah Gyan.

Für Boubacar „Copa“ Barry gab es jetzt kein Halten mehr. Kein Wadenkrampf konnte seinen Jubel-Sturmlauf in die Fankurve stoppen. Ein Freudentaumel in den orangenen Landesfarben, begleitet von bitteren Tränen aufseiten der Verlierer. André Ayew, erfolgreicher Torjäger von Olympique Marseille, brach völlig verzweifelt auf dem Platz zusammen – ein Bild mit Symbolcharakter für alle Fußballanhänger Ghanas. Die Auszeichnung zum mit drei Treffern besten Torschützen des Turniers, die Ayew sich mit Ahmed Akaïchi (Tunesien), Javier Balboa (Äquatorialguinea), Thievy Bifouma (Republik Kongo) und Dieumerci Mbokani (Demokratische Republik Kongo) teilte, ein ebenso schwacher Trost, wie die Ehrung zum besten Turnierspieler für Teamkollege Christian Atsu. Während Hervé Renard zum ersten Trainer wurde, der den Afrika-Cup mit zwei verschiedenen Nationen gewann – vor drei Jahren triumphierte er mit Sambia im Finale ausgerechnet gegen die Elfenbeinküste – verwandelte die Siegerehrung das Stadion in Bata in ein goldenes Konfettimeer. Und natürlich war auch Sepp Blatter zugegen. An der Seite von Kumpel Hayatou und dem umstrittenen Landesvater Obiang hielt der FIFA-Boss sein Gesicht bereitwillig lächelnd in alle Kameras.

Der Afrika-Cup 2015 in der Übersicht:

Vorrunde
Äquatorialguinea – Republik Kongo 1:1 (1:0)
Burkina Faso – Gabun 0:2 (0:1)
Äquatorialguinea – Burkina Faso 0:0
Gabun – Republik Kongo 0:1 (0:0)
Gabun – Äquatorialguinea 0:2 (0:0)
Republik Kongo – Burkina Faso 2:1 (0:0)

Sambia – DR Kongo 1:1 (1:0)
Tunesien – Kap Verde 1:1 (0:0)
Sambia – Tunesien 1:2 (0:0)
Kap Verde – DR Kongo 0:0
Kap Verde – Sambia 0:0
DR Kongo – Tunesien 1:1 (0:1)

Ghana – Senegal 1:2 (1:0)
Algerien – Südafrika 3:1 (0:0)
Ghana – Algerien 1:0 (0:0)
Südafrika – Senegal 1:1 (0:0)
Südafrika – Ghana 1:2 (1:0)
Senegal – Algerien 0:2 (0:1)

Elfenbeinküste – Guinea 1:1 (0:1)
Mali – Kamerun 1:1 (0:0)
Elfenbeinküste – Mali 1:1 (0:1)
Kamerun – Guinea 1:1 (1:1)
Kamerun – Elfenbeinküste 0:1 (0:1)
Guinea – Mali 1:1 (1:0)

Viertelfinale
Republik Kongo – DR Kongo 2:4 (0:0)
Tunesien – Äquatorialguinea 1:2 n.V.
Ghana – Guinea 3:0 (2:0)
Elfenbeinküste – Algerien 3:1 (1:0)

Halbfinale
DR Kongo – Elfenbeinküste 1:3 (1:2)
Ghana – Äquatorialguinea 3:0 (2:0)

Spiel um Platz 3 in Malabo
DR Kongo – Äquatorialguinea 4:2 n.E.

Finale in Bata
Elfenbeinküste – Ghana 9:8 n.E.

Kein Halten mehr: Die Fans der Elfenbeinküste im Siegesrausch.

Kein Halten mehr: Die Fans der Elfenbeinküste im Siegesrausch.

Redaktion Magath & Fußball