„Beim Fußball kein Sushi, sondern Bratwurst“


Veröffentlicht am 20. Februar 2015

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Wolfgang Bosbach, Vorsitzender des Innenausschusses des Deutschen Bundestags im Interview

Dieser Mann hat Courage und redet Klartext. Ein Politiker mit Leib und Seele, ein eigenständiger Kopf und Kämpfer in allen Lebenslagen. Wolfgang Bosbach, der einst als Lehrling im Supermarkt begann, das Abitur nachgemacht und Jura studiert hat, ist heute wohl der profilierteste Innenpolitiker der Bundesrepublik Deutschland. Ein Ausnahmepolitiker von Format, wie die Demokratie sie dringend benötigt. Intensiv kümmert sich der CDU-Mann um seinen Wahlkreis und die Anliegen seiner Wähler und Mitbürger. Vom Wahlkreis bis zur großen Bundespolitik legt der Vorsitzende des Innenausschusses des Deutschen Bundestags ein leidenschaftliches Engagement an den Tag. Trotz schwerster Krankheit bürdet dieser Politiker sich einen 16-Stunden-Tag auf, wirkt dabei so energiegeladen als sei er einem Jungbrunnen entstiegen. Eine empfehlenswerte Biographie über Wolfgang Bosbach, der viele Leser zu wünschen sind, trägt den kämpferischen Titel „JETZT ERST RECHT!“. Der kraftvollen Lebensbejahung von Wolfgang Bosbach muss man großen Respekt zollen. Sein tägliches Arbeitspensum sollte einmal mit dem von Fußballprofis verglichen werden, die es mittlerweile schon als Zumutung empfinden, zweimal am Tag zu trainieren. Seine Familie, Frau und Kinder sowie Eltern sind für Wolfgang Bosbach ein steter Kraftquell, ihnen gehört seine ganze Liebe. Neben dieser Liebe gibt es für den Vollblutpolitiker natürlich den Karneval und eine lebenslange aktive Sportbegeisterung, hier sind besonders Tennis und Fußball genannt. Die ewige Treue zu seinem 1. FC Köln, in dessen Beirat wie in der AG Fankultur er mitwirkt, gehört zu den Selbstverständlichkeiten im Leben des Wolfgang Bosbach. Die Redaktion Magath & Fußball erlebte einen sach- und fachkundigen Fußballexperten, der über seinen Verein und die große Leidenschaft Fußball sprach. Im Interview kann man seine Sichtweise auf die Stadionatmosphäre zwischen Opernpublikum und Hardcore-Fans erfahren, wie auch von seiner Sympathie für Kölns Trainer Peter Stöger. An so manch denkwürdiger Begegnung auf dem Fußballplatz lässt Wolfgang Bosbach den Leser teilhaben, gibt freimütig Einblick in eigene Trainingserfahrungen und nimmt in Sachen FIFA selbstverständlich kein Blatt vor den Mund. Temperamentvoll lässt Wolfgang Bosbach auch ein Tennismatch mit eigener Beteiligung erneut aufleben.

Wolfgang Bosbach, wissen Sie noch, wo Sie am 29. April 1978 den Nachmittag verbracht haben?

Wolfgang Bosbach: (schlägt die Hände über dem Kopf zusammen) Um Gottes willen, nein.

Heinz Flohe, Hennes Weisweiler, die letzte Meisterschaft der Kölner? Die ist Ihnen doch bestimmt im Gedächtnis geblieben…

Bosbach: Besser kann ich mich jedenfalls an den Pokalsieg des 1. FC Köln gegen Fortuna Köln 1983 erinnern, damals war ich im Müngersdorfer Stadion live dabei. Nicht zuletzt deshalb, weil ein wirklich guter Freund von mir, Harald Konopka, zu dieser Zeit Stammspieler beim FC war. Irgendwann im Laufe des Spiels kippte die Stimmung zugunsten des Außenseiters Fortuna Köln. Obwohl der 1. FC das Spiel 1:0 gewonnen hatte, waren die Zuschauer mit der Leistung von Fortuna Köln mehr zufrieden als mit der Darbietung des FC. Angeblich hatte sich mein Freund Harald Konopka nach dem Schlusspfiff über Unmutsbekundungen des Publikums – naja, sagen wir einmal – nicht ganz vornehm geäußert. Er hat jedoch stets bestritten, das ihm in den Mund gelegte Zitat „Jubelt endlich, ihr Schweine“ tatsächlich gesagt zu haben. Den wahren Übeltäter hat er allerdings nie verraten. Das war schon kurios: Man hatte gerade den DFB-Pokal gewonnen. Die Kölner Kultband „Höhner“ sorgte für eine stimmungsvolle Atmosphäre während der Siegesfeier – und draußen warteten wütende FC-Fans und haben die Entlassung von Trainer Michels gefordert. Damals war die Erwartungshaltung der Kölner Fans offensichtlich eine völlig andere als heute. Damals ging es um Titel, heute hoffen wir kollektiv, dass die Geißböcke nicht schon wieder absteigen. Würde der FC mit Peter Stöger erneut Pokalsieger, würde niemand „Stöger raus“ rufen, er stünde vielmehr kurz vor der Heiligsprechung.

Sie Sind auch eher der Stehplatztyp. Die VIP-Lounge ist Ihnen zu temperamentlos. Stimmt diese Wahrnehmung?

Bosbach: Ja und nein. Aus leider in jeder Hinsicht unerfreulichen Gründen muss ich mich immer in der Nähe einer Toilette aufhalten. Deswegen bin ich für die Möglichkeit dankbar, auf der Tribüne zu sitzen. Ansonsten bin ich in der Tat ein Stehplatz-Fan und fühle mich mit der Bratwurst in der Faust pudelwohl. Ich brauche die echte Atmosphäre im Stadion und das selbst dann, wenn es draußen bitterkalt ist. Nur so bekomme ich ein Gefühl dafür, was die Spieler selber spüren. Beispiel: Im Leverkusener Stadion gibt es Logenplätze hinter einer Glaswand. Zwar lässt sich diese Wand oben etwas öffnen, so dass man ein bisschen von der Stadionatmosphäre mitbekommt, aber nur akustisch. Wenn ich drinnen bei 25 Grad im Plüsch hocke und die Spieler sich draußen bei 0 Grad abrackern, dann bekomme ich auf das Spiel keinen richtigen Zugriff. Ich muss draußen zwischen den Fans sitzen. Ein wirklich trauriges Erlebnis hatte ich bei dem Besuch des Länderspiels zwischen Deutschland und Schweden Mitte Oktober 2012 im Berliner Olympiastadion. Deutschland hat 4:0 geführt, ich glaube ungefähr bis zur 60. Minute, dann hat Zlatan Ibrahimović einen Kopfballtreffer erzielt – und anschließend mit sichtbarer Aggressivität den Ball aus dem Netz geholt. Da dachte ich mir: Achtung, das Spiel ist noch lange nicht vorbei. Hinter mir war eine Loge und ich tippe, dass sich von Logenbesuchern allenfalls zwei oder drei das Spiel im Freien angeguckt haben, die anderen sind drinnen im Warmen geblieben – obwohl der Spielverlauf doch an Dramatik nicht zu überbieten war. So etwas könnte ich gar nicht. Wo ist dann eigentlich der Unterschied zu einer Fußballübertragung im Fernsehen? Ich brauche die echte Atmosphäre. Ich brauche beim Fußball auch kein Sushi, sondern Bratwurst. Ich gehe am Wochenende ja auch gerne zu Amateurspielen und wenn es dann ein Aschenplatz ist – auch kein Problem.

Wolfgang Bosbach zusammen mit seiner Tochter im Stadion. Der FC-Schal darf natürlich nicht fehlen.

Zusammen mit einer seiner drei Töchter im Stadion. Der FC-Schal darf natürlich nicht fehlen.

Schaffen Sie es bei Ihrem randvollen Terminkalender hin und wieder ins Stadion?

Bosbach: Die überwiegende Zahl der Heimspiele des 1. FC Köln sehe ich mir gerne live an, ab und zu schaffe ich sogar ein Auswärtsspiel. In dieser Saison war ich beispielsweise in Stuttgart, dort haben wir 2:0 gewonnen. Das dürfte allerdings nicht an meinem Besuch gelegen haben…

Zuhause haben Sie in dieser Spielzeit ja noch nicht wirklich viel Glück gehabt mit Ihrem FC…

Bosbach: (lacht) Jetzt gewinnen wir in der Hinrunde ausgerechnet gegen Borussia Dortmund – und ich kann nicht dabei sein! Gott sei Dank ist jedes zweite Spiel ein Auswärtsspiel, sonst sähe es wohl düster aus. Ich habe unserem Präsidenten Werner Spinner schon geraten, er soll doch bei der DFL einmal einen Antrag stellen, dass wir nur noch auswärts spielen dürfen. Die Heimspiele bringen uns in echte Abstiegsgefahr. Es fällt Köln ersichtlich schwer, zu Hause das Spiel zu machen und genügend echte Torchancen zu kreieren. Wir sind vorne trotz Anthony Ujah einfach zu harmlos, auch bei Standardsituationen. Wenn drei Eckbälle hintereinander nicht über den ersten Verteidiger hinwegsegeln, dann bin ich sicherlich nicht der Einzige, der das mit Kopfschütteln registriert. Allerdings fehlt uns seit Monaten ein gesunder Patrick Helmes auf der Außenbahn, der Bälle blitzschnell verarbeiten oder halten kann, der scharfe Flanken schlägt und eine brillante Schusstechnik hat. Er ist leider schon seit langer Zeit verletzt. Auswärts ist die Situation etwas anders. Da haben wir im Aufbauspiel mehr Räume und Platz zum Kombinieren. Da erspielen wir uns gute Chancen, so wie beim Spiel in Hoffenheim. Unsere Abwehr ist zweifellos erstligatauglich, aber in der Kreativabteilung und im Sturm haben wir noch viel Steigerungspotenzial.

Man hat aus der Ferne den Eindruck, dass Peter Stöger als Cheftrainer in Köln einen guten Job macht…

Auch beim Karneval regelmäßiger Gast, hier während einer Karnevalssitzung in seinem Heimatort Bergisch Gladbach.

Mit Leib und Seele Karnevalist, hier während einer Karnevalssitzung in seinem Heimatort Bergisch Gladbach.

Bosbach: Peter Stöger, Jörg Schmadtke und Alexander Wehrle sind die besten Transfers der letzten Jahre. Vielleicht harmonieren die drei auch deshalb so gut, weil sie nicht diesem typischen Kölner Biotop entspringen und bei einem Sieg nicht gleich von der Champions League schwärmen, nach einer Niederlage aber auch nicht in tiefe Depression verfallen. Köln und Emotionen sind nicht nur im Karneval eine beeindruckende Kombination. Es ist für viele ein wirklich emotionales Erlebnis, wenn die FC-Hymne gespielt wird und nicht nur die Fankurven, sondern das ganze Stadion, minus Auswärtsfans, ergriffen mitsingt. Das ganze Stadion ist dann rot-weiß und alle Besucher summen nicht nur die Melodie mit, die sind alle textsicher. Eine solche Emotionalität findet man vielleicht noch auf Schalke oder in Dortmund, aber nicht bei den Bayern in München. Dies wiederum führt dazu, dass der Kölner beim 1:0 restlos begeistert ist und eine Hand schon an der Meisterschale hat. Aber beim 1:2 nach dem Abpfiff sind wir kollektiv depressiv. Auch ich selber habe in meinem Leben nach dem Schlusspfiff im Kölner Stadion bestimmt schon 50 Mal gesagt: „So, das war jetzt das letzte Mal!“ 14 Tage später habe ich dann punkt 15.30 Uhr wieder den FC-Schal hochgehalten und begeistert die Hymne mitgesungen mit der festen Gewissheit: „Heute ändert sich alles, den Gegner spielen wir glatt an die Wand.“ Naja, nach dem Schlusspfiff ist dann meistens wieder Realismus eingekehrt.

Also würden Sie auch in Krisenzeiten zum Trainer Peter Stöger stehen?

Bosbach: Ohne Wenn und Aber! Vielleicht vermissen es einige, dass er an der Seitenlinie nicht mehr Temperament zeigt oder ab und zu mit der Wasserflasche um sich wirft, weil das ja heute als Ausdruck besonderer Leidenschaft gilt. Aber mir persönlich gefällt die nüchterne Art, auch wenn sie für Köln eher untypisch ist. Und jetzt mal ganz ehrlich: Der Trainer ist zwar das schwächste Glied in der Kette. Die häufigen Trainerentlassungen geben den Mannschaften aber ein Alibi, an ihnen oder ihrer Spielweise würden die enttäuschenden Ergebnisse nicht liegen. Da müssen sich die Spieler auch nicht selbstkritisch hinterfragen, was sie zum Misserfolg des Vereins selber beigetragen haben. Und die Vereinsoberen wissen, einen Trainer kann man entlassen, eine ganze Mannschaft aber nicht. Gerade weil der Trainer das schwächste Glied in der Kette ist, finde ich es gut, wie die Borussen zu Jürgen Klopp stehen, auch wenn die Mannschaft eine eher gruselige Hinrunde gespielt hat.

Haben Sie die Hoffnung, dass der FC in Zukunft auch wieder feste deutsche Nationalspieler stellen kann?

Bosbach: Was heißt „kann“? Jonas Hector wurde ja schon in den Kader berufen. Und mit Timo Horn haben wir einen brillanten Torhüter. Ihm verdanken wir in weiten Teilen nicht nur den Aufstieg, sondern auch eine passable Hinrunde. Timo Horn fehlt vielleicht noch etwas die Erfahrung, aber er ist ja auch noch sehr jung. Er ist körperlich robust, präsent, sehr stark auf der Linie und hat sich vor allem bei der Spieleröffnung bei Abschlägen und Abwürfen stark verbessert. Ihm traue ich es am ehesten zu, dass er nach Jonas Hector der zweite deutsche Nationalspieler aus unserem aktuellen Kader wird.

Das Stadion soll ausgebaut werden. Es ist die Rede von 25.000 zusätzlichen Plätzen. Reicht die Begeisterung der Stadt auch für ein dauerhaft mit 70.000 Zuschauern gefülltes Kölner Stadion?

Bosbach: Nicht nur gegen Bayern München, auch gegen Dortmund, Schalke, Leverkusen oder Mönchengladbach könnten wir sicherlich mehr als 70.000 Karten verkaufen, vielleicht auch 100.000. Wenn das Stadion einmal nicht voll ist, dann deshalb, weil die Auswärtsfans nicht das gesamte Kontingent abrufen. Einen Stadionausbau befürworte ich allerdings erst dann, wenn wir wirklich die sichere Perspektive haben, uns auf Dauer in der ersten Liga zu etablieren und wenn wir realistische Chancen auf einen europäischen Wettbewerb haben.

Sie sind im Verwaltungsrat der Kölner Haie und übernehmen auch beim 1. FC Köln Verantwortung…

Bosbach: Bei den Haien bin ich nicht in der Profiabteilung engagiert, sondern im Verwaltungsrat der Haie e.V., also des Amateurbereichs. Beim 1. FC Köln bin ich allerdings in doppelter Verantwortung: Neben meiner Mitgliedschaft im Beirat des 1. FC Köln arbeite ich seit knapp zwei Jahren auch in der AG Fankultur des Vereins mit. Das ist eine wirklich interessante Tätigkeit, weil man dort einen tiefen Einblick in das Fanleben und die unterschiedlichen Fankulturen bekommt.

Apropos Fankultur: Die Fans fühlen sich am Rande des Profifußballs heute oft nur noch als zahlende Kunden. Versucht man dem in Köln entgegenzuwirken? Wie empfinden Sie die Stimmung im Fanlager?

Immer für die gute Sache: Wolfgang Bosbach unmittelbar vor Ausführung der Ice Bucket Challenge durch Kölns Vize-Präsident Harald Schumacher.

Immer für die gute Sache, hier unmittelbar vor Ausführung der Ice Bucket Challenge durch Kölns Vize-Präsident Harald Schumacher.

Bosbach: Ich hätte mich wirklich gefreut, wenn an der letzten Sitzung der AG Fankultur auch Christian Seifert von der DFL oder DFB-Präsident Wolfgang Niersbach hätten teilnehmen können, weil es damals genau um dieses Thema ging. Auch darum, weil es nicht „den Fan“ gibt. Es gibt den Fan, wie ich einer bin, der wann immer möglich ins Stadion geht und seine Mannschaft unterstützt, der nach Leibeskräften die FC-Hymne mitsingt und die Mannschaft lautstark anfeuert – aber der auch kein Problem damit hat, bei einem tollen Tor des Gegners zu sagen: „Respekt! Alle Achtung!“ Ich habe in der AG Fankultur jemanden erlebt, der ernsthaft zu mir gesagt hat: „Ich bin eigentlich kein Fußballfan, sondern Fan des 1. FC Köln.“ Mit diesem Satz habe ich ein Problem, denn wie kann man Fan des 1. FC Köln sein – ohne den Fußball als solchen zu lieben? Ich kann mir auch ein Fußballspiel ansehen, an dem mein FC überhaupt nicht beteiligt ist. Wenn ich die Chance habe, Real Madrid gegen den FC Barcelona zu sehen – dann schaue ich mir dieses Spiel selbstverständlich an. Dasselbe gilt auch für das Revierderby Schalke gegen Dortmund. Ich schaue mir dann dieses Spiel um des Spieles willen an, wegen der Freude an einem spannenden Match. Aber es gibt auch andere Fans die sagen, sie würden nie zu einem Freundschaftsspiel fahren, das sei ja der reine Kommerz. Naja, es existieren halt ganz unterschiedliche Sichtweisen auf den Fußballsport. Wahrscheinlich gibt es auch Hardcore-Fans, die ernsthaft sagen würden: „Moment, ich sehe das ganz anders als der Bosbach. Wenn ich einen Anhänger von Borussia Mönchengladbach sehe, dann ist das halt mein Feind.“ So ein Satz käme mir wirklich nicht in den Sinn. Das gilt auch für die Politik: Ein Oppositionspolitiker ist ein politischer Konkurrent – aber er ist doch nicht mein persönlicher Feind, dem ich irgendwo auflauern muss, um ihm eins über die Rübe zu geben! Nichts, absolut nichts spricht gegen leidenschaftliche Stimmung im Stadion – aber alles spricht gegen Randale und Gewalt. Wir wollen doch in einem Fußballstadion kein Opernpublikum, dass sich eine Eintrittskarte kauft, um einer Aufführung beizuwohnen und bei gelungenen Szenen gelegentlich zu applaudieren – wir wollen Emotionen. Aber keine Gewalt! Solche Vorkommnisse wie zuletzt in Mönchengladbach schaden nicht nur dem 1. FC Köln, sie schaden dem Fußballsport allgemein – und insbesondere dem überwiegenden Teil der friedlichen, treuen Fans.

Wie viel Emotionen verträgt ein friedlicher Nachmittag im Fußballstadion?

Bosbach: Wie gesagt, Fußball ist ohne Emotionen für mich nicht vorstellbar. Das gilt nicht nur für die wunderschönen Choreografien vor dem Beginn einer Partie oder für die wechselseitigen Anfeuerungsrufe – gelegentliche Schmährufe gegenüber den Fans des Gegners lassen sich dabei wohl nicht vermeiden. Irgendwie gehört das wohl dazu. Das aber kann nicht für Schlagringe oder Mundschutz gelten. Wer so etwas zu einem Fußballspiel mitbringt, dem geht es doch erkennbar nicht um den Sport, sondern um Gewalt. Ich habe selber gesehen, was sich vor dem Hinspiel in Köln gegen Mönchengladbach zugetragen hat. Dort gab es auf den Jahnwiesen echte Jagdszenen, die daran Beteiligten waren doch keine Fans, das waren Chaoten, denen es nicht um Sport ging, sondern um Gewalt. Ich schätze einmal, dass 90 Prozent überhaupt keine Eintrittskarte hatten. Deshalb weigere ich mich auch standhaft, solche Leute als Fans zu bezeichnen. Das sind Chaoten, die ein Fußballspiel nur zum Anlass nehmen, um irgendwelche Gewalttaten zu begehen. Deswegen bin ich auch erleichtert über die Entscheidung des Bundesgerichtshofes, der festgestellt hat, dass Hooligan-Schlägereien keine spezifische Sportart sind, sondern strafbare Handlungen, bei denen es nicht auf die Einwilligung des Gegenübers bei Körperverletzungen ankommt. Richtig so! Ich sage allerdings auch kritisch an die Verbände: DFB und DFL müssen auch kritische Meinungsäußerungen der Kurve aushalten. Das Recht auf freie Meinungsäußerung gilt auch für Stadionbesucher und daran ändert auch der Kauf einer Eintrittskarte nichts.

Kommen wir vom Fan Wolfgang Bosbach einmal zum Spieler Wolfgang Bosbach. Sie sind beim FC Bundestag noch immer im Kader. Finden Sie denn überhaupt noch die Zeit, gegen den Ball zu treten?

Bosbach: Selten, viel zu selten. Aber immerhin habe ich schon knapp 90 Spiele absolviert, dabei sogar als klassischer Defensivspieler zwei Tore geschossen. Bei einem behaupten die Kollegen, ich sei angeschossen worden und bei der Gelegenheit sei der Ball aus Versehen im Tor gelandet. (lacht) Das ist üble Nachrede! Da ich meistens mit der Rückennummer zwei als rechter Außenverteidiger unterwegs war, kann man mir jedoch mangelnden Torerfolg nicht wirklich vorhalten. An zwei Spiele kann ich mich noch besonders gut erinnern. Das erste Spiel war meine Begegnung mit Tony Woodcock. Den kannte ich noch aus Kölner Zeiten. Da wusste ich schon vor dem Spiel: „Achtung, jetzt wird’s eng für dich.“ Es hat mir Spaß gemacht, ihm bei der Arbeit zuzusehen. Wie er die Kugel angenommen und dann ohne weiteren Blick auf den Ball verarbeitet hat und genau wusste, wie es weiter gehen würde. Ich war drauf und dran, mir noch auf dem Platz ein Autogramm geben zu lassen. Das hat mir fast leidgetan, dass es eigentlich meine Aufgabe gewesen wäre, dem Burschen den Ball abzunehmen. Naja, es ist mir auch nicht sehr häufig gelungen. Tony Woodcock war einfach ein großartiger Fußballer. Die zweite Begegnung war wohl ein Spiel gegen die Bausparkasse Wüstenrot. Da bin ich völlig entnervt vom Platz gegangen und dachte: „Alle Achtung, mein Gegenspieler konnte wirklich am Ball alles und war ja enorm fit. Da hattest du keine Chance.“ Dann haben mir die Mannschaftskameraden gesagt: „Moment, mach dir keinen Kopf, das ist doch Karl-Heinz Förster. Kennst du den nicht?“ Da waren meine Schmerzen etwas geringer. Der Junge hatte ja immerhin ein paar Länderspiele mehr auf dem Buckel als ich. Da musste ich nicht allzu traurig sein.

Haben Sie in Ihrer Jugend regelmäßig auf dem Platz gestanden?

Bosbach: Ich habe zwar regelmäßig auf dem Platz gestanden, aber mit meinen Fußballkünsten hätte ich eine Familie nie ernähren können. Ich war in der Kreisliga A beim DJK-SSV Ommerborn Sand aktiv. Mit anderen Worten: Ich bin Aschenplatz-erprobt. Für mehr als die Kreisliga A hat es leider nie gereicht. Ich war halt immer mehr Schwarzenbeck als Beckenbauer– aber was wäre Beckenbauer ohne Schwarzenbeck gewesen? Ich war immer rechter Außenverteidiger oder auf der Sechser-Position, bin immer viel gelaufen und habe immer viel gekämpft, technisch filigran war ich wohl nie unterwegs. Der Sport hat mir allerdings für das Leben viel mitgegeben. Das gilt auch für die ganz einfachen Sätze des Trainers, wie beispielsweise „Hör mal, das kannst du nicht, das lernst du auch nicht mehr. Lass den Trick sein und spiel einfach Fußball.“ Das ist ja auch ein Hinweis. Oder „Leute, da können wir nicht gewinnen, aber wir können denen wenigstens den Rasen kaputt machen“, das war auch eine klare Ansage. Oder, wenn wir 3:0 oder 4:0 geführt haben, was auch schon mal vorkam, durften wir auf keinen Fall einen Gang zurückschalten. Sobald der Trainer das Gefühl hatte, jetzt halten wir nur noch den Ball, spielen quer oder versuchen es mit Hacke und Spitze, dann bekam er schon die Krise, denn er wollte von uns unbedingt das nächste Tor sehen. Aber wir wussten auch: Wenn wir verlieren, reißt er uns nicht den Kopf ab, solange wir alles gegeben haben.

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Sport war schon immer wichtig in Ihrem Leben…

Bosbach: Ja, ich habe dem Sport viel zu verdanken, auch wenn ich sportlich nie besonders erfolgreich war. Ich bin gut geschwommen, habe auch Wasserball gespielt, aber nie in der höchsten Liga. Ich spiele auch ganz gut Tennis, bin aber nie über die Verandsliga hinausgekommen. Es gab allerdings ein kleines Erlebnis, das mir heute bei der Bewältigung meiner Krankheit enorm hilft. Ich habe tatsächlich einmal ein wichtiges Tennismatch nach einem 0:6, 0:5, 15:40 Rückstand noch gewonnen. Das ist bestimmt schon 30 Jahre her. Ich habe vor wenigen Monaten eine Ehrung vorgenommen, weil ein Spieler aus meinem damaligen Verein Deutscher Meister in der Altersklasse Ü80 geworden ist, Hans Stötzel, gegen den ich dann auch noch ein Freundschaftsmatch gespielt habe. Anschließend kam die Ehrung und der Präsident ging ans Mikrofon. Er sagte: „Schön, dass du wieder mal bei uns bist, bei deinem alten Verein. Obwohl, das eine Spiel ist mir noch in schlechter Erinnerung….“ Da fiel mir plötzlich ein – das war mein damaliger Gegner! (haut mit der Faust auf den Tisch) Ich erinnere mich noch genau, das war wirklich kurios. Es gibt solche Tage ja auch im Fußball, da kannst du machen was du willst, es fällt kein Tor. Dann gibt es wiederum Tage, da ist jeder Schuss ein Treffer. Solche Tage gibt es auch im Tennis. Da gibt es Tage, das kriegst du Schläge, die du gestern noch konntest, einfach nicht mehr hin. Das ist dann reine Kopfsache. Ich wusste nach dem 0:5 im zweiten Satz nur noch eins: Wenn du jetzt an die Theke gehst, dann lachen dich alle aus, du kannst dich da nie mehr blicken lassen.“ Da wusste ich: „Egal was jetzt passiert: Laufen, kämpfen, draufschlagen!“ Und nach dem 1:5 kippte das ganze Spiel. Mit 7:5 holte ich den zweiten Satz und den dritten gewann ich sogar 6:0. Sie müssen sich das mal vorstellen, der Gegner hat anschließend kein einziges Spiel mehr gewonnen. Er hatte nicht nur eine Hand, er hatte beide Hände am Pokal und hat sich mit Sicherheit gesagt: „Da kann überhaupt nichts mehr schiefgehen.“ Nachdem ich mein erstes Spiel gewonnen hatte wusste ich, jetzt hatte er im Kopf ein riesiges Problem: „Wie konntest du dieses eine Spiel noch verlieren?“ Deshalb war das für mich eine gute Lehre: Niemals aufgeben! Niemals! Das nimmt man mit durch das ganze Leben. Es gibt eine schöne Karikatur, wo der Storch den Frosch verschluckt. Vom Frosch gucken aus dem Schnabel des Storches nur noch Arme und Beine heraus, aber die Hände nutzt er, um den Storch zu würgen. Mit dem Bild kann ich mich sofort identifizieren: Nur nie aufgeben! Im Sport geht es eben nicht nur um schnelle Beine, sondern auch um die Gedanken im eigenen Kopf. Das ist eine Sache, die oft unterschätzt wird.

Wolfgang Bosbach und Reiner Calmund beim Sparhandy-Cup 2015 in Gummersbach zugunsten der Lukas Podolski Stiftung.

Zusammen mit Reiner Calmund beim Sparhandy-Cup 2015 in Gummersbach zugunsten der Lukas Podolski Stiftung.

Würden Sie den Satz dass man aus dem Sport viel in Politik und Wirtschaft mitnehmen kann, unterschreiben?

Bosbach: Absolut. Das gilt vor allem auch für soziale Eigenschaften. Dazu gehört, dass Sport nach Regeln ausgeübt wird – und diese Regeln müssen alle einhalten. Und vor der Leistung steht zunächst einmal der Trainingseifer. Ohne Trainingseifer keine Leistung. Mein Vater würde an dieser Stelle sagen: „Leiste etwas, dann kannst du dir etwas leisten. Lerne etwas, dann wirst du auch was im Leben.“ Das gilt auch für den Sport. Ich war im Training sicherlich nie der Fleißigste, aber zu Spielen bin ich immer gerne gefahren. Vor allen Dingen das Training ohne Ball war nie so richtig meine Welt, ich wollte immer den Ball zwischen den Beinen. Und zwar keinen Medizinball – bei dieser Gelegenheit schöne Grüße an Felix Magath! Aber der Trainer hat immer großen Wert gelegt auf Kondition, auf Athletik und zu Saisonbeginn standen natürlich immer Joggingeinheiten auf dem Plan. Ich habe bei diesen Gelegenheiten meistens gesagt: „Trainer, ich will kein Leichtathlet werden“ – aber auf dem Ohr war er komplett taub. Zu den sozialen Eigenschaften gehört auch Respekt – im Sport Respekt vor der Leistung des Gegners. Unser Trainer hat uns auch immer eingeimpft: „Egal, was der Schiedsrichter pfeift, es ist immer richtig und ok.“ Das kann man als Spieler allerdings nicht immer durchhalten. Aber einer muss ja über die Einhaltung der Regeln wachen, ohne einen Schiedsrichter kann kein Spiel ausgetragen werden. Das alles sind kleine Dinge, die aber für das eigene Leben sehr wichtig sein können, auch außerhalb des Platzes. Respekt vor der Leistung des Gegners ist dafür nur ein kleines Beispiel.

Wie empfinden Sie als erfahrener Politiker, der Machtkämpfe erkennt und durchschaut, das aktuelle Gebaren innerhalb der FIFA und deren Außenwirkung? Müsste es dort nicht langsam eine Zäsur geben, eventuell vom DFB angestoßen?

Bosbach: Ich bin über die Entwicklung der FIFA ebenso überrascht wie besorgt, insbesondere weil es Sepp Blatter immer wieder ohne weiteres möglich ist, Mehrheiten für sich zu organisieren. Ich habe gelegentlich das Gefühl, er hat ein bisschen Angst vor dem Nachfolger, der möglicherweise alte Schreibtischschubladen öffnet und in die Bücher blickt. Auf der anderen Seite kann ich nur sagen: Wir sind nur eine einzige Nation in der FIFA. Die FIFA hat mehr Mitglieder als die Vereinten Nationen. Viele schauen auf Deutschland, auch weil wir Weltmeister geworden sind, aber wir sind nur ein Teil der großen FIFA-Familie. Man muss Mehrheiten organisieren. Dass wir vor allem beim Thema Korruption und Turniervergabe sehr sensibel sind, ist völlig richtig und wichtig. Aber Deutschland bestimmt nicht alleine das Leben in der FIFA.

Der Blick auf den deutschen Fußball hat sich durch die Weltmeisterschaft 2006 positiv verändert. Sie haben viel mit internationalen Kollegen zu tun: Wird man da auch auf Fußball angesprochen?

Bosbach: Ein aktuelles Beispiel: Über den Jahreswechsel war ich mit Reiner Calmund, Christoph Daum, meiner Familie und guten Freunden in Thailand. Als wir einmal in ein Taxi stiegen, wurden wir vom Fahrer sofort nach dem deutschen WM-Sieg gefragt und den Titelchancen von Manuel Neuer bei der Wahl zum Weltfußballer des Jahres. Wenn man allerdings durch Bangkok fährt, sieht man zwar Riesenposter, aber ausschließlich von englischen Mannschaften, hauptsächlich von Chelsea oder Manchester United. Ganz offensichtlich haben diese Clubs dort einen anderen Marktzugang als die Vereine der Bundesliga. Das hat mich wirklich beeindruckt, gerade weil wir Deutschen uns ja nicht sehr selten für den Mittelpunkt der Welt halten, obwohl wir nur 1,2 Prozent der Weltbevölkerung repräsentieren. Fußball ist eine globale Sportart, aber wenn andere Vereine – mit Ausnahme vielleicht Bayern München – einen Marktzugang in Asien suchen, also in einem Erdteil, mit einer enorm wachsenden Wirtschaftskraft, dann muss man ehrlich gestehen, da haben unsere Vereine noch einen erheblichen Nachholbedarf. Bereits am zweiten Tag in Bangkok meldete sich das thailändische Fernsehen und fragte an wegen eines Doppelinterviews mit Reiner Calmund und mir. Mir war sofort klar, Reiner Calmund wird zum Fußball gefragt und ich zur Politik. Zunächst ging es mit Reiner Calmund um die Frage, wer Weltfußballer 2014 werden sollte. Dann war ich an der Reihe – und zu meiner kompletten Überraschung kam eine gefühlt fünf Minuten lange Frage nach dem Führerschein von Marco Reus. Der Reporter kannte sich in jedem Detail aus. Ich hätte ihm am liebsten gesagt: „Liebe Leute, habt ihr in Thailand eigentlich keine anderen Sorgen, als die Frage nach dem Führerschein von Marco Reus und danach, wie er jahrelang in Deutschland ohne Führerschein fahren konnte?“ Soweit zum Thema, welche Bedeutung der Fußball für die Menschen hat.

Ehefrau Sabine oftmals treue Begleiterin, hier auf dem Roten Teppich anlässlich der Premiere der Nibelungen Festspiele in Worms.

Ehefrau Sabine immer an seiner Seite, hier auf dem Roten Teppich anlässlich der Premiere der Nibelungen Festspiele in Worms.

Wie erklären Sie sich die unglaublichen Sympathien, die der deutschen Nationalmannschaft im Ausland entgegengebracht werden?

Bosbach: Das hängt wohl nicht nur damit zusammen, dass wir Weltmeister geworden sind, sondern vor allem wie wir das geworden sind. Ich denke, wir waren 2014 der verdienteste Weltmeister. Der Titel 1954 war eine große Überraschung, eindeutiger Favorit war Ungarn. 1974 sagten viele, dass die Holländer im Endspiel mindestens ebenbürtig waren, vielleicht sogar besser. Auch in Rom 1990 war es nicht so, dass die Welt gesagt hat, nur die Deutschen hatten den Titel verdient. Nach der WM in Brasilien habe ich nirgendwo – weltweit – einen Kommentar gelesen, dass unser Sieg nicht verdient gewesen wäre. Und die Art, wie wir nach dem 7:1 die Brasilianer in den Arm genommen haben, hat uns unglaublich viele Sympathien eingebracht, ebenfalls weltweit. Wir haben uns jeden übertriebenen Jubel verkniffen, jeden Anfall von nationaler Überheblichkeit, das hat uns große Sympathien entgegengebracht. Die brasilianischen Fans waren einerseits maßlos enttäuscht, andererseits restlos begeistert über das Spiel der deutschen Mannschaft – und gerade die sympathische Bescheidenheit nach dem Kantersieg hat vielen Menschen das Herz für die deutsche Mannschaft geöffnet. Es ist halt immer eine Frage, wie man sich verhält, ganz gleich ob nach einem Sieg oder nach einer Niederlage. In diesem Falle war es die Kombination von sportlichem Erfolg und bescheidener Haltung nach einem grandiosen Triumph.

Es gibt im Deutschen Bundestag die Bundestags-Borussen, auch einen Bayern Fanclub. Wann gibt es den ersten Kölner-Fanclub?

Bosbach: Also, jetzt mal Hand aufs Herz: Fan von Bayern München zu sein, ist wirklich keine Kunst. Das kann jeder. Da ist man immer auf der sicheren Seite. Das ist beim 1. FC Köln etwas ganz anderes. Da lernt man in der Praxis kennen, was echte Schmerzen sind. Es gibt allerdings auch einige Hardcore-Fans des 1. FC Köln, bei denen man es gar nicht vermutet. Das gilt z.B. für den Staatssekretär Werner Gatzer aus dem Finanzministerium, der mir noch nie durch überschäumendes Temperament aufgefallen ist. Eigentlich ist er ein eher ruhiger, besonnener, deutscher Vorzeigebeamter – aber beim 1. FC Köln gibt es kein Halten mehr. Zwar habe auch ich in meinem Büro einen kleinen Geißbock im Regal stehen, aber im Dienstzimmer von Herrn Gatzer gibt es quasi einen 1. FC Köln Hausaltar. Der Mann ist mutig, denn sein Chef, Wolfgang Schäuble, ist kein bekennender FC-Fan.

Oft wird darüber gestritten, welche deutsche Mannschaft die beste war. 1972 oder 1974…

Bosbach: Bei dieser Gelegenheit sage ich immer: „Gute Frage! 2014!“ Der Fußballsport hat sich total verändert. Viele können sich überhaupt nicht vorstellen, wie schnell dieser Sport geworden ist. Das sieht man nicht so sehr, wenn man auf der Tribüne sitzt, sondern eigentlich nur dann, wenn man unmittelbar am Spielfeldrand steht. Zu den Zeiten von Günter Netzer oder Wolfgang Overath konnten die Spieler noch den Ball in aller Ruhe annehmen, sich orientieren und – falls eine Kamera in der Nähe war – noch ein bisschen schick machen, bevor das Spiel dann weiterging. Wenn heute ein Spieler den Ball annimmt, rauscht sofort ein Gegenspieler heran, wenn man Pech hat, gleich zwei. Das bedeutet, man hat nur den Bruchteil einer Sekunde die Chance, den Ball zu stoppen, zu verarbeiten, weiterzuspielen oder ein Dribbling zu beginnen. Das Spiel ist unglaublich schnell geworden. Die Helden vergangener Jahre, die sich heute über Fehlpässe beschweren, müssten sich einmal in die Situation der Spieler anno 2014 versetzen, die mit einem unglaublichen Tempo und einer hohen Athletik vom Gegenspieler unter Druck gesetzt werden. Ich weiß wirklich nicht, wie viele Kilometer die Spieler in den Fünfziger oder Siebziger Jahren gelaufen sind, aber mit Sicherheit nicht elf oder zwölf pro Partie. Heute läuft ja teilweise ein Torwart mehr Kilometer, als früher ein Feldspieler.

Also verwahren Sie sich gegen solche Vergleiche, wer der bessere Fußballer war, Diego Maradona oder Lionel Messi?

Bosbach: Nein, das kann man gar nicht vergleichen. Maradona, Messi – das ist eine Spielergeneration, die dazwischen liegt. Das Spiel hat sich völlig verändert: von der Athletik, vom Tempo, der Taktik. Wie würde ein Maradona heute noch in dieses System passen? Vielleicht wäre er rasch entzaubert…

Wenn Sie auf den Fußball schauen, nicht nur auf die Spieler, sondern auch auf Persönlichkeiten blicken. Gibt es einen Charakter, bei dem Sie sagen: So stelle ich mir einen Sportler vor, bei dem stimmt die Leistung auf und neben dem Platz?

Bosbach: Franz Beckenbauer ist unbestritten eine Lichtgestalt. Auch für mich ist er ein Phänomen, weil es in Deutschland nur wenige Persönlichkeiten gibt, die sagen können, was sie wollen – und Franz Beckenbauer hat schon alles gesagt und auch viel Kurioses – die Leute finden alles prima. Wer mir stets imponiert hat, war Miroslav Klose, weil er immer unglaublich bescheiden aufgetreten ist. Bei ihm hatte man nie das Gefühl, dass er sich wichtiger nimmt, als er es ist. Er ist wirklich ein erfolgreicher Spieler und fairer Sportsmann. Er hat sogar einmal ein Tor mit der Hand dem Schiedsrichter gegenüber zugegeben. Vor ein paar Monaten hat er eine Auszeichnung bekommen, da war ich dabei und er hat sich so bescheiden und sympathisch bedankt. Diese Zurückhaltung gefällt mir. Darin erkennt man wahre Größe – nicht eines Spielers – sondern die eines Menschen. Ich habe großen Respekt vor Leuten, die über einen längeren Zeitraum auf einem hohen Niveau Fußball spielen – so wie beispielsweise auch Per Mertesacker, der in unterschiedlichen Ligen immer konstant gute Leistungen gebracht hat. Das Faszinierende am Fußball ist doch: Die elf besten Spieler der Welt werden kein Spiel gewinnen, wenn sie nicht als Team gut zusammen spielen. Und man braucht für den Erfolg einer Mannschaft ganz unterschiedliche Spieler: Mit elf Messis alleine wirst du wohl gegen eine richtig gute, kompakte Mannschaft kein Spiel gewinnen, das wird in die Hose gehen.

Das Interview führte die Redaktion Magath & Fußball.

Lesehinweis

Anna von Bayern
Wolfgang Bosbach: Jetzt erst recht!
Die Biografie
224 Seiten
ISBN: 978-3-453-20055-5
Preis: 19,99 Euro
Verlag: Heyne