Königsblau königlich


Veröffentlicht am 11. März 2015

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Schalke siegt im Bernabéu und verabschiedet sich mit erhobenem Haupt

In der jüngeren Vergangenheit wurde über den FC Schalke 04 nicht selten mit Hohn und Spott berichtet, auch an dieser Stelle gerne und oft die sportlichen Auftritte vor dem Hintergrund vollmundiger Kampfansagen oder das bisweilen höchst seltsam daherkommende Gebaren der Führungsriege aufs Korn genommen. Was S04 am Dienstagabend aber im Rückspiel des Champions League Achtelfinales beim Titelverteidiger auf den königlichen Rasen brachte, war aller Ehren wert. Zwar fehlte dem königsblauen Husarenstück im Bernabéu letztlich das Happy End. Selbst die größten Gegner und beharrlichsten Kritiker des Revierclubs aber ertappten sich dabei, wie sie sich mit den stark aufspielenden Schalkern unweigerlich bis in die Nachspielzeit solidarisierten, ihnen beide Daumen hielten, durchaus verblüfft ob der unerwartet dominanten wie spielerisch anspruchsvollen Darbietung.

Letztlich fehlte wie so oft ein einziges Tor. Real Madrid, der Weltclub, längst stehend K.O., von den Schalkern im eigenen Wohnzimmer zeitweise vorgeführt und an die Wand gespielt. Das weiße Ballett in der Schlusssequenz einer bemerkenswerten Partie ängstlich statt königlich bis weit in die eigene Spielhälfte zurückgezogen. Lange hörbar um Fassung ringend, quittierte das spanische Operettenpublikum dies mit einem gellenden Pfeifkonzert. Kurz vor Schluss hielt ausgerechnet Iker Casillas einen platzierten Schuss des aufgerückten S04-Kapitäns Benedikt Höwedes und damit den schmeichelhaften Viertelfinaleinzug des Madrider Starensembles fest. Zuvor sah die Torhüterlegende insbesondere bei den ersten beiden Schalker Toren durch den Österreicher Christian Fuchs und den Ex-Madrilenen Klaas-Jan Huntelaar nicht besonders glücklich aus. Jeweils per Kopf stellte Weltfußballer Cristiano Ronaldo zweimal den Ausgleich her, spätestens der zweite Treffer des Portugiesen unmittelbar vor dem Pausenpfiff – sein achter im laufenden Wettbewerb – sollte den mutigen Gästen endgültig den Zahn gezogen haben, so dachte man. Als Karim Benzema nach 53 Minuten durch die Abwehrreihe des Bundesligisten marschierte und zum 3:2 einnetzte, hatte sich der Großteil der knapp 70.000 Zuschauer im Estadio Santiago Bernabéu wohl auf ein versöhnliches Torfestival samt gemütlichem Schaulaufen in die nächste Runde eingestellt.

Doch danach stand den vor Jahresfrist an gleicher Stelle mit 1:3 unterlegenen Schalkern nun wirklich nicht der Sinn. Der 19 Jahre alte Champions League Debütant Leroy Sané schlenzte das Leder beinahe postwendend am verdutzten Casillas vorbei zum 3:3 in die Maschen. Ein Traumtor als Beleg dafür, dass sich die Knappen noch längst nicht aufgegeben hatten. Und als erneut Huntelaar, es lief schon die 84. Spielminute, einen von Luka Modrić abgefälschten Sané-Pass mustergültig in den Lauf mitnahm, zum 3:4 unter die Latte donnerte und sich sofort wieder in Richtung Mittelkreis orientierte, wurde aus ungläubiger Fassungslosigkeit im weiten Rund plötzlich lähmendes Entsetzen. Die Galaktischen standen in bangen Schlussminuten gegen inzwischen drückend überlegene Schalker kurz vor dem Aus, verbarrikadierten sich am eigenen Sechzehner und zitterten sich den Schlusspfiff herbei. Der Riese plötzlich ganz klein, Applaus der Zuschauer für den unterschätzten Gast, Verachtung für die eigenen Lieblinge, ein skurriles Schauspiel. Entgegen jeder Prognose hatte sich die längst schon abgeschriebene Mannschaft von Roberto Di Matteo aufgemacht und in der spanischen Hauptstadt ein oft beschworenes aber nie für möglich gehaltenes Fußballwunder vollbracht.

Märchenhaftes Debüt: Leroy Sané (links) erzielte bei seinem Champions League Einstand im Santiago Bernabéu das zwischenzeitliche 3:3.

Märchenhaftes Debüt: Leroy Sané (links) erzielte bei seinem Champions League Einstand im Santiago Bernabéu das zwischenzeitliche 3:3.

Zugegebenermaßen ist Real Madrid in seiner gegenwärtigen Verfassung nur ein Schatten seiner selbst, nach der so beeindruckenden ersten Spieljahreshälfte kassierten die Königlichen gegen Königsblau bereits die fünfte Pflichtspielniederlage in 2015. „Mit so einer Einstellung kommen wir nicht weit. Ich muss mich bei allen Fans entschuldigen. Wir haben wirklich schlecht gespielt und das ist nicht gut für das Image des Vereins. Die Pfiffe haben wir absolut verdient, wir müssen uns an allen Ecken und Enden verbessern“, befand ein konsternierter Carlo Ancelotti. Dennoch kann die couragierte Leistung der Schalker nicht hoch genug bewertet werden, wenngleich das Weiterkommen freilich denkbar knapp verpasst wurde. Leider ist es unterm Strich aber genau das, was zählt – und irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass für S04 trotz eines Auswärtssiegs beim amtierenden Champion mehr drin gewesen wäre. Die 0:2-Hinspielniederlage erscheint nach den Erkenntnissen eines für lange Zeit unvergesslichen Europapokalabends in einem ganz anderen Licht. Bei allem berechtigten Stolz wird man sich im Revier über eine große verpasste Chance ärgern.

Das zweite Achtelfinal-Rückspiel gestaltete der FC Porto gegen den FC Basel nach dem 1:1 in der Schweiz im heimischen Estádio do Dragão ungefährdet wie überdeutlich. Algeriens Fußballer des Jahres 2014 Yacine Brahimi (14.) per Freistoß, der Mexikaner Héctor Herrera (47.) mit einem Schlenzer von der Strafraumkante, der von Real Madrid ausgeliehene Brasilianer Casemiro (56.) in bester Ronaldo-Manier ebenfalls per Freistoß und schließlich der Kameruner Vincent Aboubakar (76.) mit schönem Solo nebst Traumtor in den rechten Torwinkel schossen einen 4:0-Sieg heraus. Damit stehen die Portugiesen erstmals seit sechs Jahren wieder im Champions League Viertelfinale und sind im laufenden Wettbewerb auch nach acht Partien ungeschlagen.

Redaktion Magath & Fußball