Drei Kandidaten für ein Halleluja


Veröffentlicht am 27. März 2015

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Auftakt zum FIFA-Präsidenten-Wahlkampf in Wien

Wenn am 29. Mai in Zürich über die FIFA-Präsidentschaft bis ins Jahr 2019 befunden wird, steht nicht weniger als die Glaubwürdigkeit des Weltfußballverbands auf dem Spiel. Der umstrittene Amtsinhaber ist dann exakt 79 Jahre und 80 Tage alt, darf sich gleichwohl berechtigte Hoffnungen darauf machen, dass seinen 17 Dienstjahren an der Spitze weitere vier folgen werden. Mindestens. Denn bei der FIFA erscheint anno 2015 offenbar kein Szenario mehr zu verquer, als dass es nicht doch Mittel und Wege für eine Umsetzung geben würde. Schließlich geht es, das brachte kürzlich erst Wolfgang Bosbach im Gespräch mit Magath & Fußball treffend zum Ausdruck, einzig und allein um das Organisieren von Mehrheiten. Und darin ist Joseph Blatter, das muss man eingestehen, ein Meister seiner Klasse. Gut möglich also, dass der Patriarch des Weltfußballs seinen Kritikern und Gegnern auch über das Frühjahr hinaus die lange Nase dreht. Ein fünfter Blatter-Zyklus aber würde nicht nur die Chance einer Weltmeisterschaft auf Grönland oder den Philippinischen Inseln dramatisch in die Höhe schrauben, er würde wohl vor allem den ohnehin schon ramponierten Ruf der FIFA und damit einhergehend die Reputation des Fußballs in der Welt endgültig und nachhaltig beschädigen. Doch wer bitteschön sollte sich dem entgegenstellen? Der UEFA-Kongress in der Wiener Messehalle D lieferte zumindest erste Antworten auf diese entscheidendste aller Fragen.

Da wäre zum einen der jordanische Prinz Ali bin al-Hussein, mit 39 Jahren der jüngste im Triumvirat der Herausforderer. Seit 2011 einer der FIFA-Vizepräsidenten, stünde er wohl allein schon aufgrund seines Alters am ehesten für einen symbolischen Neuanfang und könnte vermutlich eine Vielzahl der asiatischen Stimmen hinter sich bringen. Der von UEFA-Präsident Michel Platini als Blatter-Gegenkandidat gepäppelte Königssohn machte sich zuletzt insbesondere für die Offenlegung des Garcia-Untersuchungsberichts zur WM-Vergabe an Russland und Katar stark, dürfte sich aber im Ernstfall äußerst schwer damit tun, dem derzeit am heißesten diskutierten FIFA-Auswuchs, der Winter-WM im Emirat am Persischen Golf, eine neue Denkrichtung zu verpassen. „Die FIFA muss einen neuen Weg einschlagen. Das ist die Chance, die der Fußballfamilie am 29. Mai gegeben wird“, schloss al-Hussein unter der Woche in der österreichischen Bundeshauptstadt einigermaßen uninspiriert, nachdem seine Rede zuvor keineswegs überraschend in ein Loblied auf seinen großen Förderer Platini abgedriftet war. Obgleich die blumigen Worte des Prinzen ganz und gar nicht für eine Kampfansage an Blatters Adresse taugten, bleibt ein Satz vor allen anderen haften: „Es geht bei dieser Wahl nicht um Personen, sondern um die Zukunft des Fußballs und die der FIFA.“

Ali bin al-Hussein.

Ali bin al-Hussein.

Derweil müssen über Luís Figo (42) nicht allzu viele Worte verloren werden. Jeder, der im Fußball unterwegs, kennt diesen Namen. Der Portugiese sammelte einst in Barcelona, Madrid und Mailand Titel und Pokale am Fließband, wurde Europas Fußballer des Jahres (2000), später sogar Weltfußballer (2001) und warnt die FIFA heute mutig vor „vier verschenkten Jahren in Bezug auf Transparenz und Modernisierung“. Ob der aus Almada bei Lissabon stammende und mit 127 Länderspielen dekorierte Rekordnationalspieler seines Heimatlandes allerdings über das nötige Format und das diplomatische Geschick eines künftigen FIFA-Präsidenten verfügt, darf bezweifelt werden. Klar scheint indes: Figo ist nicht nur strukturellen Veränderungen innerhalb des Verbandssystems, sondern darüber hinaus auch regeltechnischen Reformen auf dem Rasen zugeneigt, gilt beispielsweise als Verfechter eines vergrößerten WM-Starterfelds sowie Befürworter von Zeitstrafen und Videobeweis. Der einstige Mittelfeld-Virtuose sieht sich bei seiner Präsidentschafts-Kandidatur nicht als „Spezialagent Europas im Kampf Europa gegen Afrika oder Asien oder Amerika“, sondern tritt für mehr Demokratie im Fußball-Weltverband und gegen die Allmacht eines Einzelnen ein.

Luís Figo.

Luís Figo.

Aussichtsreichster Kandidat, um der Blatter-Ära ein Ende zu setzen, ist womöglich dennoch ein anderer. Michael van Praag (67) fand die mit Abstand deutlichsten Worte in Richtung FIFA, sein Redebeitrag war am ehesten als eine Art Kampfansage zu werten, wenngleich der Name des Präsidenten auch bei ihm nicht fiel. Die Kernbotschaft des Niederländers aber war eine eindrucksvolle. „Das so großartige Erbe des internationalen Fußballs wurde mehr und mehr von Korruptionsvorwürfen, Bestechungen, Vetternwirtschaft und dem Verschwenden von Geldern getrübt“, führte van Praag aus und legte wenig später noch nach: „Der Status quo fordert eine Veränderung in den Führungspositionen. Wir können nicht einfach wegschauen. Es ist die Aufgabe unserer Generation, dieses Durcheinander aufzuräumen.“ Der erfahrene Funktionär und langjährige Präsident von Hollands Vorzeigeclub Ajax Amsterdam – 1992 gewann der Rekordmeister der Ehrendivision unter seiner Ägide den UEFA-Pokal, 1995 sogar die Champions League – sieht sich als eine Art Übergangslösung auf dem FIFA-Thron und versicherte: „Ich habe nicht vor, 20 Jahre FIFA-Präsident zu sein. Ich will den Verband 2019 an die nächste Generation übergeben.“ Van Praag ist amtierender Präsident des Niederländischen Fußballverbands KNVB und Mitglied im UEFA-Exekutivkomitee, weiß sich auf schwierigem politischem Terrain also durchaus zu bewegen und scheint darin Blatter am ehesten gewachsen. Der bekennende Musikfreund war zudem in früheren Jahren als Schiedsrichter aktiv – wohlwollend könnte man also ableiten, dass ihm elementare Spielregeln im großen Fußballkonzert nicht völlig fremd sind. Doch ganz so einfach liegen die Dinge bekanntlich nicht.

Michael van Praag.

Michael van Praag.

Und Blatter selbst? Der alte Fuchs beschränkte sich in Wien auf einige freundliche wie schlitzohrige Begrüßungsworte zur Kongress-Eröffnung, ein Plädoyer in eigener Sache sparte er sich lieber auf und hätte wohl mit einem solchen im „UEFA-Feindesland“ ohnehin nicht punkten können. Dennoch ist es mehr als unwahrscheinlich, dass die Rhetorik der Konkurrenz beim Schweizer Angstschweißausbrüche bewirkte. Dafür hat das Ehrenmitglied des Deutschen Fußball-Bundes einfach zu viel erlebt, zu viele Schlachten geschlagen, nicht zuletzt zu viele machterhaltende Netzwerke gesponnen und Allianzen geschmiedet. „Die FIFA ist durch die positiven Emotionen, die der Fußball auslöst, einflussreicher als jedes Land der Erde und jede Religion“, diktierte der Methusalem kürzlich der Schweizer Sonntagszeitung. Es sind Sätze wie diese, die nicht nur der Fußballwelt wirklich zu denken geben sollten. Wie im Übrigen auch Blatters einfache wie logische Antwort auf die Frage, warum er erneut FIFA-Präsident werden möchte: „Weil dies die Mehrheit der Verbände will.“

Redaktion Magath & Fußball