Schad- und glanzlos in Tiflis


Veröffentlicht am 30. März 2015

1 Flares 1 Flares ×
Augen zu und durch: Marco Reus war in Georgien ein deutscher Aktivposten.

Augen zu und durch: Marco Reus war in Georgien ein deutscher Aktivposten.

Wales und Nordirland auf gutem Weg in Richtung EM 2016

Für die DFB-Elf war die Länderspiel-Reise nach Tiflis eine von jener ungeliebten Sorte Ausflug, bei der es wenig bis gar nichts zu gewinnen, gleichzeitig aber eine Menge zu verlieren gibt. In der Tat wäre der Aufschrei wohl riesig gewesen, hätte sich der Weltmeister nach der Niederlage in Polen und dem Unentschieden gegen Irland zum Start in die Qualifikationsphase für das EM-Turnier in Frankreich im kommenden Jahr nun beim Fußballzwerg Georgien einen weiteren Ausrutscher erlaubt. Dafür, dass es soweit nicht kam, reichte gegen den aktuell in der Fußball-Weltrangliste auf Platz 126 – knapp hinter Liechtenstein und Moldawien, punktgleich mit Burundi aber immerhin vor Aruba, den Philippinen und Vietnam – geführten und an der Ostseite des Schwarzen Meeres gelegenen Staat im Kaukasus letztlich eine gute Viertelstunde.

Die Georgier standen von Beginn an beinahe allesamt um den eigenen Strafraum versammelt. Jeder, der einmal selbst den Ball am Fuß ein ähnliches Bollwerk zu knacken gedachte, weiß um die Schwierigkeit einer solchen Aufgabe. Dennoch fand das deutsche Team bereits nach fünf Minuten eine erste Lücke, Marco Reus scheiterte aber an Torwart Giorgi Loria und der Latte, weshalb es bis zur 39. Spielminute dauerte, ehe der Weltmeister in Führung ging. Mario Götze, zentral an der Strafraumkante angespielt, hatte gleich mehrfach Glück, dass das Leder nicht versprang und seinen Weg zu Reus fand, der Dortmunder schoss diesmal aus sieben Metern trocken ins kurze Eck. Endgültig entschieden war die Partie, als Thomas Müller unmittelbar vor dem Halbzeitpfiff auf Vorlage von Mesut Özil aus 16 Metern traf, dabei noch das Bein eines georgischen Abwehrspielers entscheidend miteinbezog. Natürlich hätte die Mannschaft von Joachim Löw, der nur auf den Außenpositionen der Viererkette mit Hoffenheims Sebastian Rudy und Kölns Jonas Hector personell überraschte, in Durchgang zwei noch nachlegen können, zwei, drei Tore mehr auf der Habenseite hätten einfach besser ausgesehen. Wirklich große Torchancen, einen erneuten Lattentreffer von Reus einmal ausgeklammert, gab es jedoch auch deshalb nicht, weil sich die DFB-Auswahl auf das Nötigste beschränkte und ihre Kräfte schonte. Durchaus verständlich, immerhin stehen bis zum Saisonende, die Pokalwettbewerbe hinzugerechnet, nun noch zehn harte Wochen auf Vereinsebene bevor, ehe das Spieljahr dann mit einem erneuten Länderspiel-Doppelpack – ein Test am 10. Juni gegen die USA und die Qualifikationspartie drei Tage später in Faro gegen Gibraltar – langsam ausklingt. Und so blieben nach dem Seitenwechsel im mit knapp 55.000 Zuschauern natürlich ausverkauften Boris-Paitschadse-Nationalstadion zu Tiflis, benannt nach dem einstigen Mittelstürmer und Mannschaftskapitän von Dinamo, regelmäßige Flitzer-Einlagen einheimischer Zuschauer die unterhaltsamsten Momente.

Sensationelles wie historisches gab es derweil im Hampden Park in Glasgow zu bestaunen. Nicht aber im klaren 6:1-Sieg Schottlands über Gibraltar – für die Bravehearts traf Angreifer Steven Fletcher vom AFC Sunderland dreifach – lag die Besonderheit des Abends, sondern vielmehr im zwischenzeitlichen Ausgleichstor des 33-jährigen Lee Casciaro vom Lincoln Red Imps FC, dem Rekordmeister Gibraltars. Sein Tor wird als allererster Pflichtspieltreffer der Nationalmannschaft des britischen Überseegebiets, das am 24. Mai 2013 in London endgültig in den Kreis der eigenständigen UEFA-Mitglieder aufgenommen wurde, in die Geschichtsbücher eingehen. Das Spieltagsgeschehen in Gruppe D komplettierte ein für Deutschland günstiges 1:1-Unentschieden zwischen Irland und Polen. Das DFB-Team nun mit zehn Zählern Dritter, punktgleich mit den zweitplatzierten Schotten und nur noch einen Punkt hinter Tabellenführer Polen.

Bas Dost kam vor 50.000 Zuschauern in Amsterdam zu seinem ersten Elftal-Einsatz.

Bas Dost kam vor 50.000 Zuschauern in Amsterdam zu seinem ersten Elftal-Einsatz.

In den anderen Gruppen gab es durchaus die eine oder andere Überraschung. Oranje beispielsweise kam beim Länderspieldebüt von Bas Dost, den Felix Magath einst nach Wolfsburg lotste, gegen die Türkei erst dank eines späten Tores von Klaas-Jan Huntelaar in der Nachspielzeit zum schmeichelhaften 1:1-Ausgleich, die Niederlande liegen mit nunmehr sieben Punkten aber weiter deutlich hinter Tschechien (13) und den starken Isländern (zwölf). Auch in Gruppe B bahnt sich langsam aber sicher eine Sensation an. Mit einem deutlichen 3:0-Auswärtssieg in Haifa überflügelte Wales den direkten Konkurrenten und bisherigen Spitzenreiter Israel tabellarisch und hat nun so gute Chancen auf eine erfolgreiche EM-Qualifikation wie lange nicht mehr. Während es Ryan Giggs nie vergönnt war, sein Heimatland bei einem großen internationalen Turnier zu vertreten, könnte dieser Traum für Real Madrids Gareth Bale im kommenden Sommer wahr werden. Überhaupt wäre es dann nach 1976 erst die zweite walisische Teilnahme bei einer Fußball-Europameisterschaft. Die beiden WM-Nationen Belgien (5:0 gegen Zypern) und Bosnien-Herzegowina (3:0 in Andorra) siegten zwar deutlich, liegen aber noch immer drei und sechs Punkte hinter den von Chris Coleman trainierten Drachen.

Derweil fand Spanien dank Juve-Stürmer Álvaro Morata mit einem wichtigen 1:0-Erfolg über die Ukraine in die Erfolgsspur zurück. Die Slowakei hält den amtierenden Europameister in Gruppe C mit einem 3:0-Sieg über Luxemburg und der perfekten Ausbeute von 15 Zählern aus fünf Partien aber weiterhin auf Distanz. Perfekt auch die englische Bilanz bis hierhin, Litauen kein wirklicher Prüfstein und beim 0:4 in London den Three Lions hoffnungslos unterlegen. Shootingstar Harry Kane von den Tottenham Hotspur feierte einen Traumeinstand im Nationaltrikot und erzielte wenige Sekunden nach seiner Einwechslung sogleich sein erstes Tor. Um Platz zwei in Gruppe E streiten sich die Schweiz (3:0 gegen Estland) und Slowenien (6:0 gegen San Marino).

Sergio Markarián saß in Ungarn erstmals auf der griechischen Trainerbank.

Sergio Markarián saß in Ungarn erstmals auf der griechischen Trainerbank.

Verkehrte Welt herrscht im Tabellenbild der Gruppe F. Griechenland, dem Europameister von 2004, gelang auch im fünften Anlauf kein Sieg, ein trostloses 0:0 gegen Ungarn in Budapest bedeutet weiterhin Platz sechs. Vom Glanz der Rehhagel-Ära längst Lichtjahre entfernt, rangiert die inzwischen vom Uruguayer Sergio Markarián betreute Auswahl noch hinter den Färöer-Inseln, die dem Spitzenreiter Rumänien knapp mit 0:1 unterlagen. Für ein Novum könnte Nordirland sorgen, der 2:1-Sieg in Belfast über Finnland lässt das Land von der allerersten Europameisterschaftsteilnahme träumen. Gruppe G sieht indes souveräne Österreicher, die in Vaduz Liechtenstein klar mit 5:0 bezwangen. Bayerns David Alaba verschoss erst einen Elfmeter, erzielte nach der Pause aber doch noch sein Tor. Zlatan Ibrahimović führte Schweden per Doppelpack zum 2:0-Sieg in Moldawien, profitierte dabei auch von einem Aussetzer des moldawischen Schlussmanns. Ein unrühmliches wie erschreckendes Schauspiel vollzog sich in Podgorica, der Hauptstadt Montenegros, wo die Partie zwischen dem Gastgeber und Russland in der 67. Minute vom deutschen Schiedsrichter Deniz Aytekin abgebrochen werden musste. Bereits kurz nach dem Anpfiff hatte ein Feuerwerkskörper von der Tribüne Russlands Torhüter Igor Akinfejew am Kopf getroffen und es muss durchaus die Frage erlaubt sein, weshalb Aytekin die Partie im Anschluss überhaupt noch weiterlaufen ließ. Während nun mit Spannung ein drakonisches Strafmaß für Montenegro erwartet werden darf, sollte der eine oder andere vielleicht durchaus einmal darüber nachdenken, ob derlei Ansetzungen überhaupt noch Sinn ergeben.

Gruppe H sah erneut einen souveränen Auftritt der Kroaten, Norwegen ging in Zagreb mit 1:5 unter. Ganz anders Italien, das sich trotz früher Führung zu einem 2:2 in Bulgarien mühte, an der gut formierten Defensive der Hausherren, um Magath-Entdeckung Nikolay Bodurov vom FC Fulham, aber kein Vorbeikommen fand und durch Eder, einen gebürtigen Brasilianer, erst nach 84 Minuten zum Ausgleich kam. Die Azzurri dennoch klar in Richtung direkter Qualifikation unterwegs und dann in Frankreich im nächsten Jahr mit Sicherheit der notorisch unangenehme Gegner für alle Favoriten. In Gruppe I schließlich schob sich Portugal durch einen knappen 2:1-Sieg über Serbien am spielfreien Dänemark vorbei auf Platz eins. In Lauerstellung dahinter und punktgleich mit den Skandinaviern überraschend noch immer Albanien, das gegen Armenien ebenfalls 2:1 gewann.

Redaktion Magath & Fußball