Couch-Meister und Labbadia-Effekt


Veröffentlicht am 27. April 2015

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Bayern mit 25. Meisterschaft, HSV sendet Lebenszeichen

Am Sonntagabend war es soweit. Der VfL Wolfsburg hätte im Gladbacher Borussia-Park unbedingt gewinnen müssen, um nach dem 1:0-Sieg der Münchner im Heimspiel gegen tapfere Berliner das Unvermeidliche noch eine Woche hinauszuzögern. Taten die Wölfe aber nicht, stattdessen traf Max Kruse in der Schlussminute zum hochverdienten 1:0 für spielstarke Borussen und machte den FC Bayern damit vier Spieltage vor Saisonende endgültig zum neuen alten Deutschen Meister. Die Reaktion im Landessüden eher durch freudvolle Nüchternheit denn überschwängliche Begeisterung gekennzeichnet. Es gibt eben Wichtigeres, eine Meisterschaft allein reißt in München niemanden mehr vom Hocker. Erst recht nicht dann, wenn sie ohne direktes eigenes Zutun praktisch auf dem heimischen Sofa zur Kenntnis genommen werden durfte. Noch weniger, wenn sie derart klar und überlegen errungen wurde, wie im nunmehr dritten Spieljahr in Folge. Der FC Bayern in der Saison 2014/2015 seit Spieltag fünf unangefochten wie ungefährdet an der Tabellenspitze. Ernsthafte Konkurrenz? Einmal mehr absolute Fehlanzeige! Weit spannender fast schon traditionell der Kampf um den Klassenverbleib. Klarer Punktsieger am zurückliegenden Wochenende: Bruno Labbadia und der Hamburger Sport-Verein.

Alle, die es mit dem Dino halten, hatten schon vor dem Anpfiff eine Mixtur aus statistischem Datenmaterial und Aberglaube bemüht: Bruno Labbadia, der neue Mann an der Seitenlinie, konnte zwar beim 0:1 in Bremen nicht auf Anhieb Wunder bewirken, hatte doch aber bislang immer die zweite Partie seiner Amtszeit gewonnen. Daran klammerte man sich nun auch beim einst so stolzen HSV vor dem Heimspiel gegen Augsburg. Dass den Rothosen gegen den schwächelnden Europa League Aspiranten aus dem Süden nach 595 gänzlich torlosen Minuten aber gleich drei Treffer gelingen würden – daran war vor der Partie ganz und gar nicht zu denken und muss angesichts von bis dato kümmerlichen 16 Saisontoren fast schon auf das Walten höherer Kräfte zurückgeführt werden.

Trotz vieler Ausfälle begann der HSV vor eigenem Publikum mit dem Mute der Verzweiflung, hatte nach elf Minuten auch das nötige Glück auf seiner Seite: Ivica Olić hielt sein Knie in einen Schussversuch Zoltán Stiebers und lenkte den Ball ins Netz. Als dann auch noch Pierre-Michel Lasogga auf Flanke des Ex-Augsburgers Matthias Ostrzolek aus wenigen Metern unbedrängt einköpfte, trauten viele in der mit über 51.000 Zuschauern gut gefüllten Arena ihren Augen nicht. So stark die Hanseaten das Unterfangen „Rettung in höchster Not“ jedoch begonnen hatten, so groß war die Verunsicherung, die sich nach dem baldigen Anschlusstreffer von Raúl Bobadilla breitmachte. Der FCA allerdings konnte sich diese ebenso wenig vor der Pause zunutze machen, wie in seiner Drangperiode direkt nach dem Seitenwechsel. Gerade als der HSV sich wieder einigermaßen zu finden schien, war in Minute 69 Tobias Werner zur Stelle und überwand den nicht immer souveränen aber in dieser Situation chancenlosen René Adler zum 2:2-Ausgleich. Spätestens jetzt musste auf Hamburger Seite mit dem Schlimmsten gerechnet werden – doch nur einen Augenblick später erreichte das Gefühlschaos bei den HSV-Fans endgültig seinen Höhepunkt. Lasogga hatte das Leder postwendend unter den Augsburger Querbalken gedonnert, Labbadia hüpfte wie von einer Tarantel gestochen am Spielfeldrand auf und ab und unter der HSV-Raute leuchtete auf der Anzeigetafel plötzlich eine große Drei. Das hatte es in dieser Spielzeit bislang überhaupt erst einmal gegeben, Anfang Februar beim 3:0-Auswärtssieg in Paderborn.

Tatsächlich jedenfalls verfehlte der „Labbadia-Effekt“ seine Wirkung nicht, die Norddeutschen schaukelten das 3:2-Resultat einigermaßen souverän über die Runden. Nach zwei Punkten aus den letzten neun Bundesliga-Spielen endlich der ersehnte siebte Saisonsieg. In Kombination mit den Ergebnissen auf den anderen Plätzen ein echter Brustlöser – der HSV nunmehr bei 28 Zählern auf Relegationsrang 16, punktgleich mit Aufsteiger Paderborn, der am Sonntag gegen Werder Bremen einen 2:0-Vorsprung noch verspielte und sich mit einem Pünktchen zufrieden geben musste. Tabellenletzter erneut der VfB Stuttgart, auch den Schwaben reichte der zwischenzeitliche 2:0-Vorsprung im Derby gegen Freiburg nur zu einem 2:2. Nils Petersen, im Winter aus Bremen gekommen, erweist sich beim Sportclub mehr und mehr als eine Art Lebensversicherung, hat dank seines Doppelpacks in der Mercedes-Benz-Arena nunmehr in acht Spielen für Freiburg stolze sechs Tore erzielt.

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Dass es im Abstiegskampf aber allein ein Trainerwechsel nicht tut, bewiesen die Hannoveraner bei der Premiere von Neu-Coach Michael Frontzeck im Heimspiel gegen Hoffenheim. Zwar glich der im Sommer nach Gladbach wechselnde 96-Kapitän Lars Stindl die frühe Führung von Anthony Modeste Mitte des ersten Durchgangs aus, anschließend aber schafften es die Niedersachsen nicht, eine alles in allem sicherlich ordentliche Leistung auch in ein Erfolgserlebnis umzumünzen. Schlimmer noch, Sven Schipplock traf sieben Minuten vor dem Ende zum 2:1-Sieg für die Gäste aus dem Kraichgau. Hannover damit weiter bei 29 Punkten hauchdünn über dem Strich, allerdings mit beinahe unglaublichen 14 Ligaspielen am Stück ohne Dreier. Überhaupt gelang 2015 noch kein einziger Sieg, der letzte Erfolg – ein 2:0 über Augsburg – datiert vom 16. Dezember letzten Jahres. 96 trug sich lange mit Europa-Gedanken, ist aber inzwischen längst ein ganz heißer Anwärter auf den Absturz ins Unterhaus. Ausgerechnet jetzt muss Hannover zum Derby nach Wolfsburg, empfängt daraufhin im vorletzten Heimspiel der Saison Werder Bremen und es fällt schwer, just vor diesen beiden Partien den Glauben an den Klassenerhalt nicht zu verlieren.

Der Schuldige am Maschsee ward trotz diverser Treueschwüre von oberster Stelle schnell gefunden: Tayfun Korkut, seit Jahresende 2013 im Amt, musste seinen Platz auf der Trainerbank räumen. Dirk Dufner, der Sportdirektor, verfolgt das Geschehen selbst auch von dort und ist gerade einmal ein gutes halbes Jahr länger an Bord. Er hingegen war schon zweimal mit den Personalplanungen im Sommer betraut, darf dennoch vorerst weitermachen. Auch das ist im Fußball nicht neu: Den Letzten beißen die Hunde.

Bundesliga, 30. Spieltag

1. FSV Mainz 05 – FC Schalke 04 2:0 (2:0)
Borussia Dortmund – Eintracht Frankfurt 2:0 (2:0)
Hannover 96 – 1899 Hoffenheim 1:2 (1:1)
VfB Stuttgart – SC Freiburg 2:2 (2:0)
Hamburger SV – FC Augsburg 3:2 (2:1)
1. FC Köln – Bayer 04 Leverkusen 1:1 (0:0)
FC Bayern München – Hertha BSC 1:0 (0:0)
SC Paderborn – SV Werder Bremen 2:2 (2:1)
Borussia Mönchengladbach – VfL Wolfsburg 1:0 (0:0)

Redaktion Magath & Fußball