Ein letzter Sturmlauf – ohne Blumen


Veröffentlicht am 30. April 2015

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Jürgen Klopp und der BVB fahren nach Berlin, Wolfsburg beendet furiose Pokalsaison der Arminen

Es war ein in vielerlei Hinsicht denkwürdiges Pokal-Halbfinale im Münchner Nachthimmel. Die Neuauflage des letztjährigen Endspiels zwischen dem Titelverteidiger Bayern München und seinem Herausforderer Borussia Dortmund war wohl das vorerst letzte Aufeinandertreffen beider Clubs mit Beteiligung von Jürgen Klopp, der am Saisonende der Bundesliga aller Voraussicht nach auf unbestimmte Zeit den Rücken kehren wird. Einigermaßen großspurig hatten die Bayern in Person von Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge in einem seltsamen Anflug von mitfühlender Trauer über den Weggang ihres wohl unerbittlichsten Widersachers des letzten Jahrzehnts angekündigt, Klopp in der Allianz-Arena mit einem großen Strauß Blumen verabschieden zu wollen. Am besten sogar noch vor dem Spiel. Gerade noch rechtzeitig waren passend dazu in den Tagen vor der Begegnung an verschiedenen Stellen Gerüchte gestreut worden, wonach der Name Jürgen Klopp schon immer auf dem Zettel des deutschen Branchenriesen gestanden hätte, dies ungeachtet der mindestens noch bis ins kommende Jahr andauernden Amtszeit von Pep Guardiola womöglich weiterhin tut. Auch ein Bayern-Interesse am offenbar wechselwilligen Dortmunder Spielgestalter İlkay Gündoğan wurde eifrig kolportiert. Das übliche Vorgeplänkel eben, alles nicht wirklich neu. Zunächst aber stand noch einmal der deutsche Clasico an – und tatsächlich schafften es Jürgen Klopp und der BVB, dem großen Favoriten nicht nur ein Bein zu stellen, sondern einmal mehr eine empfindliche Niederlage beizufügen. Blumen freilich sollte es hinterher keine geben.

Der zehnte Sieg Jürgen Klopps im 23. Vergleich mit den Bayern seit 2008, das muss zweifelsohne vorweg geschickt werden, war in seiner Entstehung glücklicher, als jeder andere zuvor. Die Borussia lange Zeit saft- und kraftlos, offensiv vollkommen ungefährlich weil nach einigen vielversprechenden Balleroberungen stets zu unpräzise, hinten zwar gut sortiert aber ein ums andere Mal auch mit Glücksgöttin Fortuna im Bunde. Der Rückstand nach 29 Minuten durch ein Tor des Ex-Dortmunders Robert Lewandowski folgerichtig, die Schwarz-Gelben schleppten sich ohne einen einzigen ernsthaften Torversuch in Richtung Halbzeit. Nach dem Seitenwechsel zunächst das gleiche Bild – und noch mehr Glück für den BVB, als Lewandowski erst nur die Latte traf und Marcel Schmelzer im darauffolgenden Zweikampf mit Thomas Müller den Ball im eigenen Strafraum mit der Hand spielte. Ein klarer Elfmeter, den Schiedsrichter Peter Gagelmann nicht ahndete und der die Partie wahrscheinlich frühzeitig entschieden hätte.

Erst Mitte des zweiten Durchgangs ließen die Borussen erkennen, dass sie nicht gewillt waren, sich gänzlich ohne Kampf zu verabschieden. Klopp brachte Henrikh Mkhitaryan für den wirkungslosen Shinji Kagawa, was sich als äußerst wirkungsvoller Schachzug erwies. Mit dem Armenier kam der Schwung für die Schlussoffensive der Westfalen und ausgerechnet jener oft gescholtene Mkhitaryan bereitete eine Viertelstunde vor dem Ende den 1:1-Ausgleich durch Pierre-Emerick Aubameyang mit einem klugen Querpass vor. Der BVB-Topscorer 2014/15 grätschte das Leder über die Torlinie und anders als noch im Pokalfinale 2014 zählte der Treffer auch. Wie aus dem Nichts war der BVB zurück im Spiel und hätte dieses sogar noch vor Ablauf der regulären Spielzeit für sich entscheiden können, hätte Manuel Neuer im Bayern-Kasten nicht dreimal spektakulär reagiert, als erst Mkhitaryan und wenig später zweimal Marco Reus zum Abschluss gekommen waren.

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Die Bayern dagegen in den letzten 20 Minuten völlig von der Rolle, die Auswechslung Tiagos tat dem Münchner Spiel ganz offensichtlich nicht gut. Pep Guardiola aber hatte sich für ein frühes Comeback des niederländischen Dortmund-Schrecks Arjen Robben entschieden. Robben blieb aufgrund mangelnder Spielpraxis jedoch nicht nur völlig wirkungslos, sondern zog sich zu allem Überfluss eine erneute Muskelverletzung zu, diesmal war die Wade betroffen. Der FC Bayern damit für den Rest der Partie sowie wohl im gesamten weiteren Saisonverlauf ohne seinen torgefährlichsten Angreifer – ein schwerer Schlag, gerade auch im Hinblick auf die Königsklasse.

In der Verlängerung waren zunächst beide Mannschaften merklich darauf aus, den einen entscheidenden Fehler zu vermeiden. Bastian Schweinsteiger hätte nach einem von Xabi Alonso aus dem Halbfeld getretenen Freistoß treffen müssen, setzte seinen Kopfball aber etwas zu hoch an. Aufseiten der Borussia nun kaum noch Entlastung, der eingewechselte Kevin Kampl leistete seinem Team zudem einen Bärendienst und holte sich in Minute 108 die gelb-rote Karte ab, was den Roten in den letzten Zügen noch einmal mächtig Auftrieb bescherte. Wieder hätte Schweinsteiger per Kopf für die Entscheidung sorgen können, scheiterte aber am Fuß des nun zu großer Form auflaufenden Australiers Mitch Langerak im BVB-Kasten. Kurz darauf noch einmal das Schiedsrichtergespann im Mittelpunkt, Langerak hatte Lewandowski vor dem Fünfmeterraum kompromisslos abgeräumt, wohl dabei aber auch das Leder erwischt. Wieder eine strittige Szene, wieder kein Elfmeter – der Pole hatte allerdings zuvor auch knapp im Abseits gestanden. Bitter für Lewandowski und die Bayern: Der Torjäger zog sich in dieser Szene einen Nasenbein- und Oberkieferbruch zu, brachte die letzten Minuten zwar noch halb benommen über die Runden, konnte im Elfmeterschießen aber schon nicht mehr antreten. Guardiola schäumte an der Seitenlinie, wütend gestikulierend nahm der Katalane den vierten Offiziellen mehrfach in die Mangel, nur um sich kurz darauf per Handschlag oder Umarmung wieder zu versöhnen.

Das Elfmeterschießen schließlich ebenso kurios wie dramatisch. Bayern-Kapitän Philipp Lahm rutschte aus und eröffnete mit einer Fahrkarte, für den BVB traf Gündoğan sicher. Dann war Alonso an der Reihe und – unglaublich – dem Spanier widerfuhr das gleiche Schicksal wie seinem Vorgänger. Sebastian Kehl, der seine Karriere nach dieser Saison mit hoher Wahrscheinlichkeit beenden wird, schob die Kugel indes lässig ins Netz. Für Bayern schritt nun ein ehemaliger Dortmunder Liebling zur Tat: Mario Götze aber scheiterte an Langerak, unbeschreiblich die Stimmungslage in diesem Moment in den zahllosen BVB-Fanherzen. Mats Hummels musste nun nur noch treffen und Dortmund wäre nicht mehr einzuholen gewesen, eine fantastische Parade von Neuer aber verhinderte dies zunächst. Nun schnappte sich der Welttorhüter selbst den Ball, auch er aber brachte ihn bezeichnenderweise nicht im Tor unter, sondern traf nur die Latte. Schluss. Aus. Bayern geschlagen. Der BVB fährt nach Berlin.

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Für Jürgen Klopp gab es nun kein Halten mehr. Mit langen Schritten sprintete er über den Rasen, am ziemlich belämmert dreinschauenden Guardiola vorbei hin zur schwarz-gelben Jubeltraube. Seine Bilanz gegen München jetzt ausgeglichen bei jeweils zehn Erfolgen und drei Unentschieden – derlei Statistiken werden ihm in diesem Moment sicher herzlich egal gewesen sein. Wieder einmal, zum letzten Mal, hatte er mit seiner Dortmunder Rasselbande dem großen Rivalen ein Schnippchen geschlagen. So etwas bleibt. Seine vorerst letzte Partie als BVB-Coach führt Jürgen Klopp am 30. Mai nun zurück ins Berliner Olympiastadion. Ein Drehbuch, wie es selbst der fanatische BVB-Stadionsprecher Norbert „Nobby“ Dickel nicht besser hätte entwerfen können. Der Traum eines letzten schwarz-gelben Feiertags auf dem Borsigplatz lebt.

Souveräne Wölfe auf der Bielefelder Alm

Die Geschichte des anderen Halbfinals dagegen ist schnell erzählt. Die Arminia hatte zuvor mit Hertha BSC, Werder Bremen und Borussia Mönchengladbach drei Bundesligisten aus dem Wettbewerb gekegelt, der VfL Wolfsburg allerdings war gleich mehrere Nummern zu groß. Die Wölfe zogen dem Drittliga-Tabellenführer und designierten Zweitliga-Aufsteiger bereits in der Anfangsphase den Zahn, Maximilian Arnold bestrafte den ersten Fehler der Hausherren im Aufbauspiel gnadenlos mit einem Schlenzer von der Strafraumkante. Nach einer halben Stunde legte Bas Dost einen von Ricardo Rodríguez in den Sechzehner getretenen Freistoß per Kopf auf Luiz Gustavo ab und es stand 0:2, die Messe praktisch gelesen.

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Die Ostwestfalen kamen zwar mit mehr Mumm aus der Pause – Diego Benaglio verschätzte sich bei einem langen Freistoß von Florian Dick und das Leder prallte gegen den Querbalken – es dauerte jedoch nicht allzu lange, ehe die Grün-Weißen die Partie endgültig entschieden. Ivan Perišić und erneut Arnold machten mit einem Doppelschlag bei den Arminen jeden Funken Hoffnung auf eine neuerliche Pokalsensation zunichte. Anschließend passierte nicht mehr viel. Während dem Underdog schlichtweg die Durchschlagskraft abging, schalteten die Niedersachsen im 47. Pflichtspiel der laufenden Saison gleich mehrere Gänge zurück in den Ruhemodus und zogen erstmals seit 1995 nach fünf vergeblichen Anläufen ins Pokalfinale ein.

DFB-Pokal 2015, Finale
Borussia Dortmund – VfL Wolfsburg

Samstag, 30. Mai 2015, 20 Uhr
Olympiastadion, Berlin

Redaktion Magath & Fußball

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