Alte Dame zieht allen davon


Veröffentlicht am 2. Mai 2015

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Unangefochten holt Juventus Turin seinen 31. Meistertitel

Ab dem vierten Spieltag auf Platz eins waren die Zeichen früh auf Titel angelegt, wie in Deutschland die Meisterschaft eine Ein-Club-Veranstaltung. Der Scudetto ging heute mit einem 1:0-Auswärtssieg bei Sampdoria Genua an Italiens Vorzeigeclub Juventus Turin. Die Turiner in den Händen des Fiat-Konzerns haben weiterhin die gewichtige Unterstützung ihrer Besitzer, der Agnelli-Familie. Damit verfügt man über materielle Möglichkeiten, denen in Italien kein anderer Club folgen kann und in dessen Ergebnis ein Kader entstanden, der den Mitbewerbern deutlich überlegen. Dieser 31. Titel wurde nun im ligurischen Genua final eingetütet. Diesem Höhenflug können auch die Edelclubs aus Mailand nicht folgen, Inter wie der AC landen in der laufenden Saison abgeschlagen im Mittelfeld. Juventus Turin das Maß aller italienischen Fußballdinge, die momentane Leistungsstärke spiegelt sich auch im Erreichen des Champions League Halbfinales wieder. Alles klingt rosig, wird aber von den Schattenseiten der italienischen Fußballlandschaft verdunkelt.

Nur die Langweiligkeit der Herrschaft eines Clubs erinnert an die Bundesliga. Sonst sind Vergleiche nicht zulässig. Italiens Stadien dümpeln in einem maroden Zustand baufällig vor sich hin, Reisen durch die Serie A gleichen oftmals Ruinenbesuchen. Für Juve gilt dies natürlich nicht, den Agnellis sei dank. Der Club verfügt über das moderne und edle Juventus Stadion, 2011 erbaut und eingeweiht. Die Fans der Vereine in Italien spiegeln in immer stärkerem Maße die innere Zerrissenheit des Landes wieder. Marodierende Ultra-Banden machen den Fußball zu einem gefährlichen Ort. Ausschreitungen und üble Gewalttaten stehen auf der Tagesordnung. Schwere Randale beim Stadtderby gegen den FC Turin führten zu einer Auswärtssperre gegen die Juve-Fans, somit war beim definitiven Meistercoup kein Anhänger der Alten Dame im Stadio Luigi Ferraris zu Genua dabei. Juves Meistertrainer Massimiliano Allegri brachte vor Tagen die Stimmungs- und Gefahrenlage in Italiens Fußballstadien auf den Punkt: „Nur ein Verrückter würde seine Kinder mit zu den Spielen nehmen.“ Die Unzufriedenheit des Trainers bringt die katastrophale Umfeldsituation der Serie A auf den Punkt. Abhilfe nötig und nirgends in Sicht.

Größere Zufriedenheit darf der 1967 in Livorno geborene Massimiliano Allegri in Sachen sportlicher Leistungsstand an den Tag legen. Seine erste Saison bei Juve ist ein großer persönlicher Erfolg. Nach vier Jahren AC Mailand zeichnet sich der Neuanfang für ihn in guten Farben. Auch bei Milan holte er in seiner ersten Saison 2010/11 sofort den Titel, wurde 2011 Trainer des Jahres in Italien, eine Auszeichnung die ihm wohl auch in diesem Jahr ins Haus winkt. Allegri ist eine gute Mischung gelungen, er hat die Ungleichgewichte im Kader beseitigt, dem Team Flexibilität in Aufstellung, Personal und Taktik verordnet. Seine Saat geht auf und führte nebenher ins Halbfinale der Champions League gegen Real Madrid, worin Juventus sicher leichter Außenseiter aber wahrlich nicht chancenlos. Helden aus Erfahrung und Jahren tragen das Spiel noch mit, sind aber längst keine alleinigen Stützen des Juve-Spiels mehr. Der 37-jährige Kapitän Gianluigi Buffon hütet nun schon im 14. Jahr das Juve-Tor, noch immer ein Klassemann in seinem Fach. Andrea Pirlo, der stille Mittelfeldarchitekt fehlte fast die Hälfte der Saisonspiele, wird am 19. Mai 36 Jahre alt. Die Jahre und Verletzungen setzen natürliche Grenzen, ein vernünftiger und sportlicher Lebenswandel auch neben dem Platz lassen den klugen Weingutbesitzer aber weiterhin zu den Topspielern des Clubs gehören. Wenn er fit und dabei, macht ein Pirlo weiterhin oft den Unterschied, bietet genialistische Momente. Auch heute ist Pirlo für Juventus noch unverzichtbar. Mit den Verteidigern Patrice Evra (33), Giorgio Chiellini (31) und Stephan Lichtsteiner (31) sowie den Stürmern Fernando Llorente (30) und Carlos Tévez (31) stehen weitere Felsbrocken an Erfahrung im Team. Tévez ein wichtiger wie unverwüstlicher Torgarant, brachte es in der abwehrstärksten Liga der Welt immerhin auf 20 Saisontreffer. Bei personeller Not in der Innenverteidigung steht ein alter Magath-Kämpe weiterhin verlässlich seinen Mann, Andrea Barzagli (33) kam diese Saison noch auf sieben tadellose Einsätze.

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Im besten Fußballalter und auf dem Höhepunkt ihres Leistungsvermögens kommen in der Abwehr Leonardo Bonucci (28), im Mittelfeld Arturo Vidal (27) und Claudio Marchisio (29) daher, sie sind die Taktgeber des Allegri-Teams. Dabei können sie sich auf eine junge Garde stützen, die in allen Großclubs Europas als begehrenswertes Personal gilt. Nach dem 22-jährigen Mittelfeldmann Paul Pogba leckt man sich augenblicklich beim FC Barcelona die Finger, er ist der Begehrteste in den Reihen von Juve. Auch der impulsive Spanier Álvaro Morata (22), ein Angreifer mit sieben Saisontoren, gehört zu den Club-Juwelen. Vier Jahre Real Madrid machten ihn unglücklich, sein erstes Juventus-Jahr katapultierte ihn in die Stammelf der Alten Dame. Der Uruguayer Roberto Pereyra (24) besticht durch Einsatz und Zuverlässigkeit im offensiven Mittelfeld.

Der Mix aus Erfahrung, absoluter Klasse und jugendlichem Temperament stimmt bei Juventus. Allegri hat einen exzellenten Job gemacht. Verein, Trainer und Team sind ein überzeugender und verdienter Meister, niemand in Italien bestreitet dies. Die vorzeitige Meisterfeier wird bei Trainer und Mannschaft aber keinen Raum bekommen. Am Dienstag schon empfängt man im eigenen Stadion einen Landsmann. Carlo Ancelotti kommt zum Champions League Halbfinale und er bringt Titelverteidiger Real Madrid mit. Große Namen schrecken Juve nicht, man ist im Selbstverständnis selber groß. Nun gilt es den Spaniern die aktuelle Stirn zu bieten und mit dem frischen Meisterschwung das Berliner Finale anzustreben. Einer im Team ist besonders heiß. Gianluigi Buffon möchte es dem Mitmethusalem im Team endlich gleichtun. Weltmeister wurden sie gemeinsam, Buffon wie Pirlo gehörten zu den Stützen von Italiens WM-Team 2006. In Sachen Champions League hat Andrea Pirlo mit zwei Siegen die Nase vorn. Mit dem AC Milan gewann er 2002/03 und 2006/07 Europas Edelpokal, sein damaliger Trainer ein gewisser Herr Ancelotti aus Reggiolo. Diesen Landsleuten möchte es Gigi nun endlich gleichtun, den Pott aller Begehr in den eigenen Händen halten. Buffon ist dafür bereit, die Alte Dame bestens gerüstet.

Redaktion Magath & Fußball