Meister wie Mourinho – Champion wie Chelsea


Veröffentlicht am 3. Mai 2015

2 Flares 2 Flares ×

imago19751608m_c

Premier League entschieden – Fünfte Meisterschaft für den FC Chelsea

Der Besitzer ging aufgeräumt in die Partie, zeigte sich im zwölften Jahr seiner Herrschaft über den FC Chelsea bei bester Laune auf seinem obligaten Tribünenplatz. Sein Chef auf der Bank trug das edle Clubsakko mit feinem Vereinsemblem und sah den Ereignissen entspannt entgegen. Ein Lächeln zauberten ihm seine Kicker während des Spiels allerdings äußerst selten in die Gesichtszüge. Beachtliches war eher schon vor Anpfiff zu vermelden. 250 Tage hat Chelsea die Tabellenführung der Premier League inne. Sportlich beeindruckend. Im letzten Jahr wechselte diese Tabellenführung im Verlauf der Saison noch 25-mal den Inhaber. Der Faktor Sport entscheidet große Titel natürlich längst nicht mehr allein. Geld ist ein wichtiger Erfolgsgarant der Spitzenteams in allen europäischen Topligen, die Premier League darin keine Ausnahme. Auch dieser Titel ist nicht nur im Schweiß geboren, er speist sich vor allem aus einer unerschöpflichen Quelle großen Geldes, geschuldet den Ölmilliarden von Club-Eigentümer Roman Abramowitsch. Mittlerweile steht der Verein beim russischen Oligarchen mit einer Milliarde in der Kreide, soviel hat der Mann seit dem Kauf des Londoner Clubs am 1. Juli 2003 bisher in den Verein gebuttert. Der Umsatz – laut eines Guardian-Artikels aus der letzten Woche – belief sich im Geschäftsjahr 2013/14 auf 304 Millionen Pfund, umgerechnet also 411 Millionen Euro. 55 Prozent davon der Anteil für Gehälter. Erfolg wird auch dadurch möglich. Er wurde am Sonntag mit Abpfiff um 16.20 Uhr MESZ an der Stamford Bridge, nach sehr zähem Gang, eingeholt und brachte dem FC Chelsea mit einem Sieg über den verbissen kämpfenden und konterstark daherkommenden Lokalrivalen Crystal Palace den Titel, dem 2015/16 weitere folgen sollen. Das Tor der Partie gelang Eden Hazard. Er wollte einen Elfmeter, Schiedsrichter Kevin Friend gab ihm diesen in der 43. Minute sehr gnädig. Hazard versuchte es selbst, scheiterte mit seinem harmlosen Versuch etwas kläglich, den vom Gästetorwart Julian Speroni nicht festghehaltenen Ball köpfte er dann im Nachversuch zur 1:0-Pausenführung umgehend in die Maschen. Mehr musste nicht passieren. 1:0 auch der Endstand, drei neue Punkte für die Tabelle bedeuten die Meisterschaft. „We Are the Champions“ aus den Lautsprechern. Über der Stamford Bridge schien die Sonne, gutes Wetter in London. Nun lächelte auch der Mann auf der Bank wie der Mann oben auf der Tribüne.

José Mourinho hält sich nicht gern mit erreichten Dingen auf. Falls er so lange im Chelsea-Job bleibt wie Alex Ferguson und in London bei den Blues ein ähnliches Zeitfenster bedient wie der geadelte Schotte in Manchester, kann der 1963 geborene Manager noch eine Dimension von Titeln erreichen, die alles Dagewesene sprengt. Wer, wenn nicht er? Die Gemengelage zwischen ihm und dem Eigentümer gilt im Augenblick als ausgezeichnet. Ganz frisch nun also sein achter Meistertitel im vierten Arbeitsland, der dritte mit Chelsea. Einen Titel in England zu erringen ist schwer, zumindest vier Clubs eng beieinander was Geld, Möglichkeiten und Personal anbelangt. Die Fließbandroutine der obligaten Bayern-Meisterschaft lässt sich in der Premier League schwer herstellen. Ferguson und United kam dem manchmal nah. Dazu José Mourinho: „Dies ist nicht Deutschland mit Bayern München. Dies ist nicht die Schweiz mit Basel. Nicht Schottland mit Celtic. Es ist sehr schwierig.“ Dem Portugiesen ist zuzutrauen, diese Schwierigkeiten weiterhin aus dem Weg zu räumen. Der FC Chelsea spielt unter Mourinho keinen glanzvollen Fußball für die Galerie, sondern greifbaren Ergebnisfußball für die Tabelle. Chelseas Spielstil entspringt dem Naturell seines Trainers, kommt pragmatisch und kämpferisch daher, enthält immer ein Stück weit Überraschung. So war es in Porto, so in Mailand und Madrid, im ersten Engagement bei den Blues sowieso.

Keine unvergessenen Spiele und darin vergebene Schönheitspreise, sondern Titel pflastern den Weg des Mannes aus der beschaulichen Küstenstadt Setúbal in Portugal. Mourinho ist eine Art Widergänger von Helenio Herrera, dem legendären wie erfolgreichen Inter-Coach der Sechziger Jahre, der den von Nereo Rocco eingeführten Catenaccio einst zur Perfektion formte. Abwehrarbeit und Defensive gehören für Mourinho zum Fußball, sind für ihn entscheidende Sieggaranten. Ballzauber, Ballbesitz für die Statistik und unendliche Ballstafetten sind seine Sache nicht. Wo andere dem schönen Schein Raum geben, setzt er den Pragmatismus seiner Teams dagegen. José Mourinho bringt keine Mannschaften aufs Feld, die zaubern und begeistern wollen, er stellt ein kompaktes Kollektiv aus exzellenten Fußballern auf den Rasen, welches dann für den konkreten, jeweils aktuellen Gegner das Höchstmaß an Unannehmlichkeiten bereithält. Verteidigung ist für Mourinho darin ein wesentlicher Teil des Spiels und kein verpöntes Schimpfwort. Chelsea spielt selten „schön“ – aber meistens effektiv. Fast nie verheddern sich Team und Trainer dabei in einem mechanischen Herunterspielen der eigenen Möglichkeiten. Wenn es dennoch passiert, müssen die Blues Federn lassen. So geschehen gegen Bradford im FA Cup und gegen Paris Saint-Germain in der Champions League. Beide Male kam das ungeplante und ernüchternde Ausscheiden auch noch an der heimischen Stamford Bridge über das Mourinho-Team. Betriebsunfälle, die Club und Trainer schmerzen. Auch das System Mourinho ist besiegbar und kann verlieren. Es tut dies aber wesentlich seltener als andere.

imago19751687m_c

Chelsea kam diese Saison oftmals im von Mourinho derzeit favorisierten 4-2-3-1 daher, legte dies aber flexibel aus und passte es den Erfordernissen von Partie und Gegner an. Mourinho hält an seinen Prinzipien fest, ist dabei aber kein eifernder Dogmatiker. Sein Team hat er auf und neben dem Platz im Griff, bestimmt die Richtlinien, hat das letzte Wort. Dabei ist er nicht väterlich wie Carlo Ancelotti, nicht messianisch wie Pep Guardiola oder gar philosophisch wie Arsène Wenger. Er bleibt sich treu und kommt unverstellt mit einer Mischung aus Intellekt, Fachkompetenz, Freundlichkeit und wo es nötig erscheint auch mit beißendem Sarkasmus daher. Bei der Auswahl von Spielern hat er eine gute Hand und das nötige Geld des Clubbesitzers. Ein typischer Spieler der Mourinho-Art sicher der serbische Verteidiger Branislav Ivanović. Diese Stütze der verlässlichen Chelsea-Defensive liefert sein Spiel nüchtern, hart und kompromisslos ab, bringt Gegner zum Schwitzen und dient dem Erfolg. Wichtiger Baustein im System Mourinho auch ein anderer Serbe. Nemanja Matić ist die Schaltstelle zwischen Abwehr und Mittelfeld, gibt sehr oft einen grandiosen Sechser im kongenialen Zusammenspiel mit Cesc Fàbregas, ist Taktgeber des Teams und eine Art verlängerter Arm des Trainers. Ob Chelsea das Tempo aus dem Spiel nimmt oder Gas gibt, liegt oft in seinen Händen, er ist der Aufgabe äußerst umsichtig gewachsen.

Zum Personal des absoluten Mourinho-Vertrauens gehört auch der mittlerweile träge und in die Jahre gekommene John Terry, mehr Symbolfigur als Klassefußballer, dessen optimale Fußballerzeit und Spitzenleistungen lange vorbei. Mourinho hält allerdings an ihm fest, ähnlich der einstigen Treue von Alex Ferguson gegenüber dem latent schwächelnden Rio Ferdinand. Ein Zurückzucken vor nötigen Veränderungen bei altgewordenen Superstars wohnt dem englischen Fußball inne, mindert die Erfolgsaussichten auf internationalem Parkett erheblich. Davor ist auch ein José Mourinho nicht ganz gefeit. Eine sichere Bank für den Portugiesen ist der sachliche wie unspektakuläre Torwart Thibaut Courtois, der verlässlich seinem Job nachgeht, Petr Čech nahtlos als Nummer eins ersetzt hat. Der Tscheche aber weiter mit Klasse, wenn er gefordert und überhaupt ein wichtiger Teil des Teams. Wie Neuling Matić waren auch zwei weitere Neuzugänge absolute Volltreffer im Saison-Gerüst der neuen Meisterarchitektur. Cesc Fàbregas und Diego Costa kamen aus der Primera División, bereicherten das Offensivspiel der Londoner und verschafften Mourinho Flexibilität und zusätzliche Optionen, welche den Verein deutlich über Möglichkeiten und Spielräume der Mitbewerber hoben. Diego Costa lieferte trotz dauerhafter Blessuren und oftmaliger Ausfälle die nötigen Tore, die auch ein defensiv agierendes Team nun mal benötigt. Fàbregas spielt die wohl reifste Saison seiner Karriere, machte unter Mourinho einen Entwicklungssprung, wurde der beste Vorlagengeber der Premier League. Man muss noch die Brasilianer Oscar und Willian und vor allem den Spanier César Azpilicueta nennen, auch sie unverzichtbare Stützen ihres Teams. Nicht zu vergessen der unverwüstliche Heimkehrer Didier Drogba, der da ist, wenn Mourinho ihn braucht. In der Partie gegen Crystal Palace bekam er die Ehre der Startformation.

imago19751440m_c

Über allen Mitspielern schwebt mit seinem Leistungsniveau sehr irdisch aber dennoch oftmals auf Weltklasseniveau der Belgier Eden Hazard. Der offensive Mittelfeldspieler ist Mourinhos beste Waffe, macht noch einen zusätzlichen Unterschied, der dem FC Chelsea entscheidend zu einem langen Tabellenführerdasein verhalf und die Meisterschaft drei Spieltage vor Schluss sicherte. Momentan ist der 24-jährige Wallone aus La Louvière wohl einer von Europas begehrtesten Fußballern. Chelsea und Mourinho machen natürlich keinerlei Anstalten, auf die Dienste des Ausnahmespielers künftig zu verzichten. Wie immer, die Gier von Real ist groß und unermesslich. Allerdings gehört die Brieftasche von Roman Abramowitsch zu den wenigen Mauern des Fußballplaneten, die auch den Trompeten von Florentino Pérez problemlos standhalten können. Königliche Aussichten hin oder her, für eine Krone muss der Ausnahmefußballer Hazard nicht nach Madrid. Seine Kollegen aus der Spielervereinigung (Professional Footballers Association) krönten ihn in England gerade mit großem Vorsprung zum „Spieler des Jahres“ der Premier League. Sicher nicht der letzte Titel für Hazard, für Chelsea und schon gar nicht für José Mourinho.

Redaktion Magath & Fußball