Fußball und Schach – ein Vergleich


Veröffentlicht am 13. Mai 2015

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Ein Gastbeitrag von André Schulz (Chefredakteur www.chessbase.de)

Fußball und Schach – gibt es da überhaupt Gemeinsamkeiten? Fußball wird mit den Füßen gespielt, Schach mit dem Kopf – zwei Körperteile, die weit voneinander entfernt sind. Allerdings betonen Experten immer wieder, dass ein Fußballspiel im Kopf entschieden wird und auch beim Schach wird bisweilen mit den Füßen getreten, unter dem Tisch nach dem Gegner – natürlich nur unabsichtlich. Beim Fußball wird viel gelaufen, beim Schach  sehr wenig. Wenn der Gegner am Zug ist, stehen viele Schachspieler aber doch mal, laufen herum und kümmern sich für einen Moment nicht um ihre Partie. Ein solches Verhalten, abschalten, wenn der Gegner in Ballbesitz ist, gibt es beim Fußball auch, gehört aber nicht unbedingt zur höheren Schule.

Fußball ist ein lauter Sport, beim Schach guckt der Schiedsrichter schon streng, wenn man als Zuschauer nur tuschelt. Das war übrigens nicht immer so. Als Weltmeister Michael Botwinnik in den 1950er und 1960er Jahren seine Wettkämpfe um die Weltmeisterschaft spielte, ärgerte er sich jedes Mal, wenn die Anhänger seiner Gegner im ausverkauften Estrada-Theater in Moskau (1.500 Zuschauer) bei einem guten Zug ihres Idols in lauten Jubel ausbrachen. Erst später wurde völlige Stille beim Schach üblich. Vielleicht war der nervöse Bobby Fischer dafür verantwortlich: Bei seinem WM-Kampf 1972 gegen Boris Spasski störte ihn schon das Rascheln beim Entfernen eines Bonbon-Papiers im Zuschauerraum. Eine TV-Kamera ließ er entfernen, weil sie ihm zu laut war. Man hat die Lautstärke der Kamera nach der Partie nachgemessen – sie war völlig geräuschlos!

Es ist also recht still im Zuschauerraum eines Schachturniers. Das Abbrennen von „Pyros“ ist ebenso unüblich wie handfeste Auseinandersetzungen der Zuschauer vor oder nach einer Runde. Natürlich gibt es auch keine Fangesänge, wie: „Auf geht’s, Carlsen, setz‘ ihn matt!“, oder so. Bei Schachturnieren kommt deshalb keine Stimmung auf, und das ist ein Problem.

Schach-Bundesligakampf in Trier.

Schach-Bundesligakampf in Trier.

Aber vielleicht haben die Leser dieser Seite als Fußball-Fans ja gar keine richtige Vorstellung vom Schach. Zunächst: Ist Schach überhaupt ein Sport? Die Schachspieler sitzen nur rum, das ist doch kein Sport, heißt es manchmal. Stimmt nicht. Eine Schachpartie kann zwei oder mehr Stunden dauern und das angespannte Brüten über die richtigen Züge ist Dauerstress und körperlich anstrengend. Es wird von vielen gerne vergessen, aber auch der Kopf gehört zum Körper dazu und intensives Nachdenken im Wettbewerb mit anderen ist deshalb Sport. Am nächsten Tag, bei manchem Turnier sogar am gleichen Tag, folgt die nächste Partie. Das geht so meist mehr als eine Woche lang. Turnierschach ist anstrengend! Auch die Wettbewerbsstruktur im Schach ist genauso organisiert wie bei Muskelsportarten: Es gibt Weltmeisterschaften im Einzel oder der Mannschaft, es gibt eine Schachbundesliga, Zweite Ligen, Regionalligen etc. und noch viele andere Wettbewerbe. Und es gibt unterschiedliche Disziplinen, „lange Partien“, wie schon beschrieben. Aber auch Schnellschach mit 30 Minuten Bedenkzeit für eine Partie und Blitzschach mit fünf Minuten Bedenkzeit.

Im Unterschied zu allen anderen Sportarten gibt es im Schach aber keine Sportkleidung. Bei Einzelturnieren spielt das nicht so eine große Rolle, aber bei Mannschaftsturnieren. Nicht, dass die Spieler nicht wissen würden, wo sie sich hinsetzen müssen, aber für die Zuschauer war es manchmal schwierig zu erkennen, welcher Spieler zu welcher Mannschaft gehört und wer überhaupt Spieler ist und wer Zuschauer – wie gesagt, die Spieler sitzen nicht immer an ihrem Arbeitsplatz, sondern laufen schon mal herum. Deshalb hat man in der Bundesliga eine Art Mannschaftskleidung eingeführt.

Großmeister Laurent Fressinet.

Großmeister Laurent Fressinet.

Werder Bremen – ja, Werder hat eine erfolgreiche Schachmannschaft – spielt in richtigen Werder-Trainingsanzügen. Und Bayern München – auch die Bayern spielen in der Bundesliga, aber meistens gegen den Abstieg – ebenso. Beim Schach gibt es übrigens ein Kuriosum. Schachprofis können in mehreren Ligen und unterschiedlichen Ländern gleichzeitig aktiv sein. Das ist so, als ob Messi gleichzeitig für Barcelona und Bayern spielt, und vielleicht noch für Rapid Wien.

Sind also Fußball und Schach nicht in jeder Hinsicht völlig unterschiedlich? Nein! Beide Sportarten haben ihre strategischen Grundlagen nämlich in der Geometrie. Das Schachbrett ist quadratisch, ein Fußballfeld besteht im Prinzip aus zwei nebeneinanderliegenden Quadraten. Das Schachbrett ist sichtbar in Felder aufgeteilt, beim Fußball ist das zwar nicht der Fall, aber es gibt Zonen und Mannschaften mit guter Raumaufteilung sind im Vorteil. Fußball wird mit elf Spielern pro Mannschaft gespielt, im Schach sind es 16 – wenn man sich die Steine eines Schachspiels als „Spieler“ und den Mann am Schachtisch vielleicht als Trainer denkt, der seine Spieler möglichst geschickt führt. Die Schachfiguren sind unterschiedlich gut – das ist in einem Fußballteam ja auch so. Türme und Läufer sind schnell, Springer und Bauern langsam und die Dame ist der beste „Mann“ im Team. Der König bleibt die meiste Zeit hinten. Er ist quasi der Torhüter. Die Laufwege der Figuren beim Schach sind bestens bekannt, wenn das im Fußball auch so ist, führt das häufig zu einem Tor. Wenn die Vorderleute des Königs versagen und der den Ball durchlässt – im Schach nennt man das Matt – dann ist die Partie vorbei und es steht  1:0. Beim Schach gibt es traditionell nur das 1:0 (oder 0:1). Wenn keiner ein Tor schießt, also Matt setzt, dann heißt das beim Schach aber nicht 0:0, sondern man teilt den Punkt: 0,5:0,5 – und nennt das Remis. Es gibt noch eine Besonderheit beim Schach: Die Spieler können das Remis vereinbaren. Entweder, weil beide Seiten keine Fortschritte machen können, oder aber auch, weil man sich gut kennt und sich nicht wehtun will, oder weil beide Spieler gleich stark sind und vielleicht Angst haben, zu verlieren. Das sollte man mal beim Fußball machen: Kloppo und Pep rufen nach einer halben Stunde ihre Spieler vom Feld und das Spiel ist plötzlich aus.

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