Meisterstück im Calderón


Veröffentlicht am 18. Mai 2015

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Barca macht den 23. Ligatitel klar

Am 17. Mai 2014 sicherte sich Atlético Madrid mit einem 1:1 in Barcelona die Meisterschaft. Revanchieren konnten sich die Katalanen im Januar 2015 binnen 17 Tagen gleich dreifach: Erst siegte Barca in der Primera División, dann folgten Hin- und Rückspiel im Pokal-Viertelfinale, zwei weitere Siege der Blaugrana und gleichzeitig das Startsignal für eine furiose zweite Saisonhälfte in allen Wettbewerben. Auf den Tag genau ein Jahr nach der Atlético-Party im Camp Nou hielt der Spielplan für alle Barca-Anhänger nun eine besondere Konstellation bereit. Bei vier Zählern Vorsprung auf Real Madrid benötigte der Tabellenführer aus den verbleibenden beiden Spielen noch genau einen Sieg. Seinen ersten Matchball hatte der FC Barcelona am 17. Mai 2015 ausgerechnet im Estadio Vicente Calderón, der Heimstätte des amtierenden Titelträgers. Die Rojiblancos ihrerseits im Zwiespalt: Entweder den Gästen beim Feiern zusehen, oder dem Stadtrivalen mit einem Sieg vielleicht doch noch zur Meisterschaft verhelfen. Beide Szenarien wenig verheißungsvoll, Atlético entschied sich also für den sportlichen Wettkampf, wollte zudem Platz drei und die direkte Champions League Qualifikation unter Dach und Fach bringen. Daraus aber wurde nichts. Barca ließ sich die Chance auf Meistertitel Nummer 23 und einen entspannten Saisonausklang gegen La Coruña am kommenden Samstag nicht entgehen, schlug Atlético auch im vierten Vergleich des laufenden Spieljahres und nahm mit knallenden Sektkorken im Calderón endgültig Rache für 2014.

In der Hauptrolle beim 16. Dreier im 18. Ligaspiel der Rückrunde – nur beim 0:1 gegen Málaga und beim 2:2 in Sevilla wurden Punkte abgegeben – einmal mehr Lionel Messi. Der Argentinier an fast allen gefährlichen Angriffen der ohne Luis Suárez angetretenen Gastmannschaft beteiligt, vor der Pause allerdings im Pech, als sein raffinierter Freistoß aus spitzem Winkel gegen das Torgestänge klatschte. Davon unbeirrt Messi nach etwas mehr als einer Stunde der Siegtorschütze. Auf engstem Raum kombinierte er sich im Zusammenspiel mit Pedro in den Strafraum und traf durch die vielbeinige Atlético-Defensive hindurch punktgenau ins rechte untere Eck. Sein 41. Saisontor wird zwar nicht mehr für den Pichichi reichen, brachte Barca in der spanischen Hauptstadt aber die hochverdiente Meisterschaft. Im Alter von gerade einmal 27 Jahren bereits der sechste spanische Meistertitel für Messi, der erneut in der Schlussphase eingewechselte Xavi freut sich sogar schon über Nummer acht. Für Neymar und Suárez dagegen ist es jeweils die erste Meisterschaft im Barca-Trikot – und wahrscheinlich nicht die letzte.

Wie man in Barcelona feiert, weiß Luis Enrique schon. Der in der asturischen Hafenstadt in Gijón am Golf von Biskaya geborene heutige Chefcoach wurde mit den Katalanen bereits als Spieler je zweimal Meister und Pokalsieger. 1997 gewann Luis Enrique im Finale gegen Paris Saint-Germain an der Seite seines guten Freundes Pep Guardiola zudem den Europapokal der Pokalsieger. Heute zählt er gemeinsam mit Guardiola, Johan Cruyff und Josep Samitier zum elitären Kreis derer, die dem FC Barcelona sowohl auf dem Rasen als auch auf der Trainerbank den Titel brachten.

Zwischen 2008 und 2011 war Luis Enrique zu Beginn seiner Trainerkarriere schon einmal in Barcelona tätig, führte Barcas B-Team nicht nur in die Segunda División, sondern erreichte darüber hinaus im Folgejahr mit Rang drei die beste Platzierung der Vereinsgeschichte. Anschließend versuchte er sich je eine Saison lang beim AS Rom und bei Celta Vigo, ehe er im vergangenen Sommer als Nachfolger für den glücklosen Argentinier Gerardo Martino zum Barca-Cheftrainer berufen wurde. Eine erste Bilanz des einstigen Torjägers – bevor Luis Enrique in Katalonien Publikumsliebling und später Mannschaftskapitän wurde, spielte er fünf Jahre lang für Real Madrid – liest sich eindrucksvoll. Vor dem Saisonabschluss gegen Deportivo hat Barca von 37 Ligapartien 30 gewonnen, dabei 93 Punkte gesammelt, 108 Tore erzielt und nur 19 Gegentreffer kassiert. Weiterhin steht das Triple im Raum – Barca spielt am 30. Mai zunächst das Finale in der Copa del Rey gegen Athletic Bilbao, ehe es am 6. Juni in Berlin gegen Juventus Turin um die europäische Fußballkrone geht. Es winkt der totale Triumph. Und dennoch kann sich Luis Enrique gegenwärtig nicht sicher sein, ob er auch 2015/16 bei Barca wohlgelitten sein wird. Auch das gehört zur Skurrilität dieses Großclubs, der für jeden Cheftrainer traditionell gleichsam ein politisches Minenfeld darstellt.

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Zweifellos jedoch muss man es als bemerkenswert einstufen, wie Luis Enrique den spanischen Riesen nach dem Abgang von Guardiola und dem tragischen Tod von Tito Vilanova in sehr kurzer Zeit aus dem Tal der Tränen geholt hat, dabei auch einen Lionel Messi nach kleinerem Tief zu neuerlichen Höchstleistungen trieb, nebenbei aus den drei Super-Individualisten Messi, Neymar und Suárez ein funktionierendes und in der zweiten Saisonhälfte zunehmend auch harmonierendes Offensivtrio formte. Natürlich konnte er sich bei seinem Wirken aber auch auf den prall gefüllten katalanischen Geldbeutel verlassen. Barca investierte vor der Saison astronomische 157 Millionen Euro in die Dienste von Suárez, Jérémy Mathieu, Ivan Rakitić, Marc-André ter Stegen, Claudio Bravo, Thomas Vermaelen und Douglas, überflügelte bei den Transferausgaben diesmal sogar Real Madrid. Das sollte nicht vergessen werden – es gibt sicher schwierigere Trainerjobs in Europa.

Bis auf weiteres wird Luis Enrique, sollte er über den Sommer hinaus bleiben dürfen, allerdings mit dem vorhandenen Personal auskommen müssen, die FIFA belegte den FC Barcelona infolge von Verstößen gegen die Transferbestimmungen bei minderjährigen Spielern bekanntlich mit einer Transfersperre. Barca kann also frühestens im Januar 2016 wieder auf Einkaufstour gehen – wird dies dank seines an allen Ecken und Enden exquisit bestückten Luxuskaders aber verschmerzen können.

Redaktion Magath & Fußball