Der Tragödie erster Teil


Veröffentlicht am 29. Mai 2015

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HSV und KSC trennen sich 1:1

„Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.“ Gut möglich, dass die Gefühlslage vieler HSV-Fans im Stadion und an den TV-Bildschirmen nach Abpfiff des Relegationshinspiels jener von Goethes Dr. Faust im berühmten Studierzimmer ähnelte. Aufklärung darüber, was dieses 1:1 gegen den Karlsruher SC letztendlich wert ist, wird es erst am kommenden Montag geben. Auf dem Papier weist das Unentschieden an der Elbe – vor allem das vom treffsichersten Karlsruher Angreifer und ehemaligen Hamburger Rouven Hennings bereits nach vier Minuten erzielte Auswärtstor – zwar einen leichten Vorteil für die Badener aus. Diesen im heimischen Wildpark aber auch über die Ziellinie zu retten, bleibt am Ende einer langen Saison das letzte große Meisterstück für den von Markus Kauczinski trainierten Noch-Zweitligisten. Mut machen kann den Hanseaten auf der anderen Seite die eigene Schlussviertelstunde, die ausgerechnet eines der größten Sorgenkinder der letzten Jahre mit dem so wichtigen Ausgleich vergoldete.

Ivo Iličević steht exemplarisch für den sportlichen Niedergang der Rothosen in der jüngeren Vergangenheit. Magere sechs Törchen und eine einzige Vorlage in 53 Partien, dafür aber unzählige Verletzungen pflasterten seinen ganz persönlichen Hamburger Weg. Bis zum Donnerstagabend galten jene fünf Millionen Euro, die der HSV einst im Sommer 2011 nach Kaiserslautern überwies, als gigantische Fehlinvestition. Dann gab der 28 Jahre alte Flügelstürmer, der wie Felix Magath aus Aschaffenburg stammt, mit seinem Treffer im wichtigsten Spiel des Jahres einer ganzen Mannschaft den Glauben an die eigene Stärke zurück. Nach einem Doppelpass mit dem eingewechselten Dennis Diekmeier kam Iličević im Karlsruher Strafraum an den Ball und erwischte KSC-Keeper Dirk Orlishausen aus leicht verdeckter Schussposition auf dem falschen Fuß. 1:1 – buchstäblich aus dem Nichts hauchte der Torschütze dem letzten verbliebenen Bundesliga-Dino neues Leben ein.

Zuvor war die beste Auswärtsmannschaft der zurückliegenden Zweitliga-Spielzeit dem 0:2 und damit möglicherweise einer Art Vorentscheidung gefährlich nahe gewesen. Erst Manuel Torres aus Nahdistanz und nur Sekunden später Dimitrij Nazarov fulminant aus großer Entfernung scheiterten jedoch am Aluminium, bei Johan Djourous langem Bein lag ein Elfmeter für die Gäste in der Luft, sportlich fair entschied sich Reinhold Yabo allerdings für den Torabschluss und gegen einen theatralischen Sturz. Mit dem plötzlichen Hamburger Ausgleich wendete sich in der Imtech-Arena das Blatt, die Schlussphase gehörte nun voll und ganz dem Bundesligisten, dessen häufig ungestümes Anrennen aber blieb unbelohnt. In der Nachspielzeit rettete Orlishausen spektakulär gegen einen Distanzknaller des Chilenen Marcelo Díaz. Es wäre des Guten dann doch zu viel gewesen.

Tor Nummer sieben im HSV-Trikot war mit Abstand das wichtigste in der bisherigen Laufbahn von Ivo Iličević (rechts).

Tor Nummer sieben im HSV-Trikot war mit Abstand das wichtigste in der bisherigen Laufbahn von Ivo Iličević (rechts).

Im Rückspiel am Montagabend im Wildparkstadion – der Anstoß wurde aufgrund von Sicherheitsbedenken auf 19 Uhr nach vorne verlegt – muss der HSV auf die Dienste von Heiko Westermann und Gojko Kačar verzichten. Beide Labbadia-Stammkräfte der letzten Wochen fehlen ebenso gelbgesperrt wie KSC-Mittelfeldmann Dominic Peitz. Sollte das Hamburger Unterfangen Klassenerhalt gelingen, die in diesen Tagen arg strapazierte Bundesliga-Uhr im August ein weiteres Spieljahr einläuten – Ivo Iličević wäre im Volkspark nicht länger ein millionenschweres Missverständnis, sondern vielmehr einer der umjubelten Nichtabstiegshelden. Auch das ist Fußball.

Das große Finale im Nervenkrimi Relegation steht bevor. Im ultimativen Endspiel heißt es für den Hamburger SV wie für den Karlsruher SC: Alles oder Nichts. Wohl und Wehe der gesamten Saison 2014/15 zugespitzt auf 90 Minuten. Ausreden gibt es keine mehr. „Es lebe, wer sich tapfer hält!“

Redaktion Magath & Fußball