Vernunft und Solidität


Veröffentlicht am 3. Juni 2015

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Ein Interview mit Union-Präsident Dirk Zingler

Dirk Zingler führt den 1. FC Union Berlin seit dem 1. Juli 2004 als Präsident. Damals spielten die Berliner noch in der Regionalliga und stiegen am Saisonende sogar in die Oberliga ab. Der danach folgende Union-Aufstieg bis in Liga zwei und der Stadionbau der Fans an der Alten Försterei sind untrennbar mit seinem Namen verbunden. Kurz vor Saisonende stellte sich Dirk Zingler den Fragen der Deutschen Presseagentur (dpa). Hier gibt es das Interview in voller Länge.

Dirk Zingler, Union wird am Saisonende erneut auf einem Mittelfeldplatz stehen. Sind Sie zufrieden?
Dirk Zingler:
Wir haben im Sommer bewusst eine Wohlfühlzone verlassen. Wir haben uns nicht nur vom langjährigen Trainer Uwe Neuhaus getrennt, sondern auch von Torsten Mattuschka, der als Spieler eine prägende Rolle eingenommen hatte. Wenn du solche Entscheidungen triffst, kribbelt es. Die so entstandene Unruhe hat den Start negativ beeinflusst. Trotzdem waren wir überzeugt, dass die Entscheidungen nötig waren und wir in Norbert Düwel den richtigen Trainer verpflichtet haben. Wir sind im Umbruch. Daran gemessen, bin ich zufrieden. Auf Dauer kann es aber nicht unser Anspruch sein, im Niemandsland der Tabelle zu landen.

Wie weit sind Sie mit dem Umbruch?
Zingler:
 Wir sind überzeugt, dass wir den nächsten Schritt gehen müssen, in Anspruchsdenken, Professionalität und Mentalität. Das haben wir eingeleitet. Auf der Entscheidungsebene sind wir weit, bei der Umsetzung stehen wir am Anfang.

Welches Ziel haben Sie sich gesetzt?
Zingler:
 Wir wollen zu den Top 20 Deutschlands gehören. Diesen Prozess leiten wir ein – ohne verrückte Dinge zu tun.

Ist das für einen Club der Größenordnung von Union realistisch?
Zingler:
 Diese 20 Plätze sind nicht reserviert. Hinter den regelmäßigen Champions League Teilnehmern und den kapital- und markengebundenen Vereinen wie Leverkusen, Wolfsburg, Hoffenheim, Leipzig oder Ingolstadt, die einen Wettbewerbsvorteil haben, sehen wir uns in der dritten Gruppe der traditionellen Vereine. Dort wollen wir unseren Platz finden. Im Spiel der 36 haben wir den Anschluss geschafft. Und wir haben noch nicht alle Potenziale erschlossen.

Welche?
Zingler:
 Wir sind ein Hauptstadtclub. Wir haben eine tolle Marke. Wir sind selbstbestimmt. Wir haben unser Stadion aus eigenen Mitteln errichtet. Berlin kann zwei Erstliga-Vereine vertragen. Wir wollen dauerhaft zu der Gruppe in der 2. Liga gehören, die um den Aufstieg spielt. Das sehen wir aber unverkrampft: Wenn der HSV und Stuttgart absteigen und man an Leipzig denkt, haben diese drei Clubs nämlich ihr Handtuch schon mal auf die ersten drei Stühle geworfen.

Union-Präsident Dirk Zingler.

Union-Präsident Dirk Zingler.

Welche Schritte müssen im Umfeld dafür eingeleitet werden?
Zingler:
Heute passen 22.000 Zuschauer ins Stadion. Wir müssen irgendwann soweit sein, dass wir 35.000 Plätze haben. Wir wollen nicht morgen mit dem Ausbau beginnen, aber wir sorgen jetzt dafür, dass die Pläne in der Schublade liegen. In den letzten Jahren haben wir vor allem in die Infrastruktur investiert, das werden wir verändern und uns noch mehr auf den Sport konzentrieren. Wir müssen aber auch ehrlich sein: Dazu müssen wir unsere Strukturen verändern. Der nächste Schritt wird aus eigener Kraft nicht möglich sein. Wenn wir zu den Top 20 gehören wollen, brauchen wir Investoren, Kapitalgeber, strategische Freunde oder wie man das dann nennt. Diesen Schritt müssen wir gemeinsam gehen.

Damit werden Sie nicht bei allen Fans auf Gegenliebe stoßen.
Zingler:
Die Frage ist, wie man es angeht. Ehrlichkeit ist mir dabei sehr wichtig. Ich bin 40 Jahre Fan. Ich komme aus der Szene. Ich kenne sehr viele – vom Ultra bis zum Alt-Unioner. Daher entsteht bei uns von Anfang an eine andere Denkweise. Wir machen alles, was wir tun, für die Leute im Stadion. Es wird Widerstände geben, denn es gibt eine Grundablehnung aus traditionellen und ideologischen Gründen. Wir wollen die Diskussion aber versachlichen.

Die Bindung der Fans an Union ist besonders.
Zingler:
Die Fans kommen, weil sie hier zu Hause sind. Sie wollen Kumpels treffen. Natürlich ist wichtig, was auf dem Rasen passiert, aber es ist nicht das Wichtigste. Wichtiger ist, ein Teil des Gefühls zu sein. Dass dazu guter Fußball gehört, ist unstrittig. Diese Kultur kannst du nicht in der achten Liga erzeugen. Wir reduzieren Fußball auf seinen Kern und lassen bestimmte Dinge weg, weil sie unsinnig sind. Gelbe Karten werden nicht von einem Sponsor präsentiert. Es geht hier nicht um Werbebotschaften.

(Interview dpa mit Dirk Zingler, Alte Försterei, 8. Mai 2015)