Gent, Steaua, Maccabi und Kiew


Veröffentlicht am 5. Juni 2015

1 Flares 1 Flares ×

imago19947901m_c

„Europas Meister“ – Teil IV

Längst hat die Sommerpause Einzug gehalten in den europäischen Fußballligen. Titel und Pokale wurden vergeben, rauschende Meisterfeiern begangen – Zeit zur Regeneration, bevor ab Ende Juni, Anfang Juli die Vorbereitungen für 2015/16 aufgenommen werden. Im vierten Teil unserer Serie „Europas Meister“ beschäftigen wir uns mit den Titelträgern der Jupiler Pro League in Belgien, der rumänischen Liga I, der Ligat ha’Al in Israel sowie der ukrainischen Premjer-Liha.

Belgien = KAA Gent

Die Jupiler Pro League zeichnet sich durch einen besonderen Meistermodus aus. Am Ende des regulären Spieljahres bestreiten die Mannschaften auf den Plätzen eins bis sechs eine Finalrunde, in die sie die Hälfte ihrer erworbenen Punkte mitnehmen. In Hin- und Rückspiel heißt es dann erneut Jeder gegen Jeden, zehn zusätzliche Spiele stehen an. Dem FC Brügge nutzten jene vier Zähler Vorsprung, die man sich in 30 Ligaspielen auf den KAA Gent erarbeitet hatte, folglich relativ wenig – Gent ging aufgrund der Regularien der halbierten Punktzahlen mit lediglich zwei Punkten Rückstand auf den 13-fachen Meister und punktgleich mit dem RSC Anderlecht ins Saisonfinale. Es spricht für die Ausgeglichenheit der belgischen Ligaspitze, dass nach zwei absolvierten Spieltagen in der Finalrunde alle sechs Teams je einen Sieg und eine Niederlage verbuchen konnten. Bei Halbzeit der Meisterrunde allerdings hatte sich ein Zweikampf um den Titel herauskristallisiert: Brügge noch immer zwei Punkte vorn, im ersten direkten Duell in der Ghelamco Arena in Gent trennte man sich 2:2-Unentschieden – beide Meisteranwärter nach fünf Partien mit je drei Siegen, einem Unentschieden und einer Niederlage. Anderlecht, das in der Champions League Gruppenphase in den Spielen gegen Borussia Dortmund, den FC Arsenal und Galatasaray Istanbul durchaus zu überzeugen wusste, mit sechs Punkten Rückstand auf den FC Brügge scheinbar schon aus dem Rennen.

Ausgerechnet in der entscheidenden Saisonphase aber erlaubte sich der Tabellenführer anschließend die größte Schwächephase seiner gesamten Spielzeit. In der regulären Saison hatte der von Michel Preud’homme trainierte FC Brügge in 30 Spielen überhaupt nur dreimal verloren – nun setzte es gegen Lüttich, Anderlecht und Gent drei Pleiten in Serie. Die Chancen auf Meistertitel Nummer 14 damit natürlich dahin, der KAA setzte sich durch einen 3:2-Auswärtssieg im Jan-Breydel-Stadion zu Brügge endgültig ab. Zweimal hatte Ruud Vormer die Gästeführung noch egalisieren können, Benito Raman drei Minuten vor Schluss jedoch der umjubelte Siegtorschütze. Bei noch zwei ausstehenden Begegnungen hatte Gent bereits eine Hand am Meisterpokal, vier Punkte Vorsprung auf Anderlecht und deren fünf auf Brügge ließ sich die Mannschaft von Hein Vanhaezebrouck nicht mehr nehmen. Ein ungefährdeter 2:0-Erfolg über Standard Lüttich am vorletzten Spieltag brachte Gewissheit: Der KAA Gent zum ersten Mal in seiner nunmehr 115 Jahre währenden Vereinsgeschichte belgischer Meister, die 1:2-Niederlage zum Abschluss in Anderlecht schmerzte da wenig. Die Torjägerkrone sicherte sich derweil der bei vielen europäischen Topclubs gehandelte RSC-Angreifer Aleksandar Mitrović mit 20 Treffern in 37 Spielen, vor dem Ex-Freiburger Ivan Santini (15 Tore) in Diensten des KV Kortrijk.

Rumänien = Steaua Bukarest

Von einem Novum an der Spitze der rumänischen Liga I dagegen kann keine Rede sein. Hauptstadtclub Steaua sicherte sich seinen dritten Meistertitel in Serie und seinen 26. insgesamt. Einziger Verfolger der überraschend starke Aufsteiger ASA Târgu Mureș, der das Rennen immerhin bis kurz vor Schluss offen gestaltete und nach 32 Spieltagen sogar die Tabellenführung innehielt. Zwei Niederlagen bei Astra Giurgiu (1:3) und Oțelul Galați (1:2) verhinderten auf der Zielgeraden die ganz große Sensation, brachten Rekordmeister Steaua letztlich einen Drei-Punkte-Vorsprung. Durch einen ungefährdeten 3:0-Sieg im Pokalfinale über Absteiger Universitatea Cluj sicherte sich die Mannschaft von Constantin Gâlcă zudem das nationale Double. Dieses Kunststück gelang dem ersten osteuropäischen Europapokalsieger – 1986 bezwang Steaua Bukarest im Finale des Europapokals der Landesmeister den FC Barcelona mit 2:0 nach Elfmeterschießen – bereits zum neunten Mal. In der Champions League Qualifikation scheiterte Steaua im vergangenen Sommer denkbar knapp gegen die Bulgaren von Ludogorets Razgrad im Elfmeterschießen, auch in der Europa League kam man überraschenderweise nicht über die Gruppenphase hinaus. Immerhin aber wurde in der Liga der Stadtrivale Dinamo um 23 Punkte distanziert – die Saison 2014/15 also auch in dieser Hinsicht ein voller Erfolg.

imago20055428m_c

Israel = Maccabi Tel Aviv

Der Spanier Paco Ayestarán folgte in den Funktionen Konditionstrainer und Assistenz-Manager zwischen 2001 und 2007 seinem Chef Rafael Benítez auf dem Fuße. Seit 2008 geht er eigene Wege und hat in der abgelaufenen Saison etwas in der Hand, was seinem großen Ziehvater in 2015 nicht vergönnt: einen Meisterpokal. Errungen hat Ayestarán diesen Titel in Israel. In seiner ersten Saison als Cheftrainer bei Serienmeister Maccabi Tel Aviv gelang ihm die Titelverteidigung mit dem Club, der zum dritten Mal in Folge die israelische Meisterschaft gewann. Ein langer Weg, denn man spielt und spielt und spielt. In der Vorrunde wird eine Doppelrunde zwischen 14 Mannschaften ausgespielt. Anschließend qualifizieren sich die sechs bestplatzierten Vereine für die Meisterschaftsrunde. Die Vereine auf den Plätzen eins bis sechs nach der Vorrunde spielen im Anschluss um die Meisterschaft in einer weiteren Doppelrunde. 21 Meisterschaften stehen damit insgesamt für Maccabi zu Buche. Bayerische Verhältnisse. Goldstück im Verein dennoch die Basketballer, die immerhin fünffacher Europapokalsieger sind. Nach Europa hat es natürlich auch das Team von Trainer Ayestarán geschafft.

Stern im Team des Spaniers ist der offensive Mittelfeldmann Eran Zahavy, der mit 21 Toren in 24 Spielen ein entscheidender Pluspunkt im Titelrennen war. Für Furore sorgte Zahavy allerdings ohne Torschuss. Im November 2014 wurde er am siebten Spieltag von einem Flitzer attackiert, den er umgehend vor laufenden TV-Kameras verprügelte. Es folgte eine Sperre für ein Spiel. Der Sieg in der Ligat ha’Al bedeutet für Maccabi die Teilnahme an der zweiten Qualifikationsrunde zur UEFA Champions League 2015/16. Gelangt man dort in die Erfolgsspur, könnte es eine Begegnung der alten Freunde auf dem Trainerstuhl geben, Benítez und Real kämen dem Team aus der israelischen Hafenmetropole gerade recht. Vor großen Tieren fürchtet man sich nicht in Tel Aviv, schon in der Champions League Saison 2004/05 schaffte es Maccabi in die Gruppenphase. Dort traf man auf Juventus Turin, den FC Bayern München und Ajax Amsterdam. Wurde man auch Gruppenletzter, diese Zeit gilt bis heute als grandios. Neuauflage erträumt wie erwünscht.

Ukraine = Dynamo Kiew

Wenngleich der ukrainische Fußball aufgrund der politischen Entwicklungen innerhalb und außerhalb des Landes sehr schwierige Zeiten durchlebt, wurde auch 2014/15 eine Meisterschaft ausgetragen. Nach dem Ausscheiden der beiden Krim-Clubs Sewastopol und Simferopol wurde die Premjer-Liha von 16 Mannschaften auf 14 Clubs reduziert, zudem kam es zum Rückzug einiger namhafter Oligarchen, was auch das Fußball-Gefüge in der Ukraine nachhaltig beeinflusste. Längst schon kann beispielsweise das Aushängeschild der vergangenen Jahre, Schachtar Donezk, seine Heimspiele nicht mehr im umkämpften Donbass austragen, gezwungenermaßen hat sich der Club von Rinat Achmetow stattdessen nach Lwiw verlagert, 2014/15 praktisch 26 Auswärtsspiele bestritten. Nach fünf Meistertiteln in Serie musste Schachtar wohl nicht zuletzt deshalb erstmals seit 2009 wieder Dynamo Kiew den Vortritt lassen und sich mit der Vizemeisterschaft begnügen. Der 13-fache sowjetische und nunmehr 14-fache ukrainische Meister blieb über die gesamte Spielzeit hinweg ungeschlagen, 20 Siege und sechs Unentschieden brachten Dynamo einen Vorsprung von zehn Zählern auf Donezk. Dritter wurde Europa League Finalist Dnipro Dnipropetrowsk.

Überhaupt bestimmte der Zweikampf zwischen Schachtar und Dynamo die Fußball-Saison 2014/15 in der Ukraine. Zunächst standen sich beide Mannschaften im Juli 2014 – Donezk als amtierender Meister, Kiew als Pokalsieger – im ukrainischen Supercup gegenüber. Das 2:0 zugunsten Schachtars allerdings der einzige Sieg der Ostukrainer, in der Liga gewann Dynamo das Hinspiel in der Hauptstadt mit 1:0 und erkämpfte sich in der Rückrunde in Lwiw ein 0:0. Während Schachtar in der Champions League bis ins Achtelfinale vorstieß und nach einem torlosen Remis im Hinspiel in München (0:7) böse unter die Räder kam, erreichte Dynamo in der Europa League sogar das Viertelfinale, unterlag in Florenz 0:2 nachdem man der Fiorentina daheim zunächst ein 1:1 abgetrotzt hatte. Das große Finale im Duell Donezk vs. Kiew stieg am gestrigen 4. Juni im Walerij-Lobanowskyj-Stadion. In einem dramatischen Pokalendspiel hatte Dynamo im Elfmeterschießen das bessere Ende für sich und komplettierte im ersten Jahr unter dem einstigen Torjäger Sergei Rebrow das achte ukrainische Double seiner Vereinshistorie.

In der Serie „Europas Meister“ bereits erschienen:

Teil   I – PSG, Benfica, Celtic und Zenit
Teil  II – PSV, Olympiakos, Basel und Midtjylland
Teil III – Red Bull, Gala, Dinamo und Partizan

Redaktion Magath & Fußball