Juve vs. Barca – Das große Finale


Veröffentlicht am 6. Juni 2015

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Wer gewinnt und warum?

Berlin erwartet ein Endspiel mit klingenden Namen. Exzellente Fußballer und bunte Stars füllen die Reihen des FC Barcelona wie die von Juventus Turin. Beide Vereine und deren Geschichte gehören längst zu den Ikonen des Weltfußballs. Eine Champions League Saison kann wahrlich schlechter enden. Das Potenzial reicht aus, um eine würdige, bei gutem Verlauf sogar grandiose Fußballinszenierung abzuliefern. Die Bühne des Berliner Olympiastadions ist für ein Fußballfest gerichtet. Wetterfrösche künden von einem Sommertag, der sich laut Prognosen kurz vor dem Spiel in einem heftigen Gewitter entlädt, welches mit Anstoß aber sein Grollen eingestellt haben soll und der Partie eine frische Brise vorausschickt. Dann liegt es endlich bei den Teams. Der FC Barcelona sicher in einer öffentlichen Favoritenrolle. Juventus Turin in der Wohlfühlposition eines Außenseiters mit Chancen. Oft halten Endspiele nicht, was große Namen versprechen, aber es gibt immer Ausnahmen. Hoffen wir auf einen Sieg des Fußballs. Möge der Bessere gewinnen und nicht Fehlentscheidungen den sportlichen Tag trüben. Magath & Fußball wirft einen Blick auf die möglichen Siegchancen beider Teams. So oder so, es riecht nach Triple. Zwei Teams – zwei Meinungen.

Darum gewinnt der FC Barcelona das Champions League Finale 2015

Lionel Andrés Messi Cuccittini – vier Worte wären als Begründung für einen Sieg der Katalanen sicher zu einfach. Obgleich weiß die Fußballwelt, dass der Argentinier an guten Tagen dem gesamten gegnerischen Team ein nicht zu lösendes Rätsel aufgeben kann, völlig egal, wer sich daran versucht, den aus Rosario stammenden Wirbelwind zu stoppen. Messi ist im Fußballuniversum unserer Zeit eine Naturgewalt, explosiv und mitreißend, gleichsam sachlich und unberechenbar. Allein der Gedanke daran, dass es irgendwann einmal einen genialeren, einen besseren Fußballer gegeben haben soll, wirkt absurd. „La Pulga“ ist der Größte. Weder der künstliche Glanz, der einen Auftritt von Cristiano Ronaldo umgibt, noch die notorische Selbstinszenierung eines Zlatan Ibrahimović können darüber hinwegtäuschen.

Was die Erfolgsaussichten für den frischgebackenen spanischen Double-Gewinner im Endspiel um Europas Fußballkrone allerdings dramatisch erhöht, ist die Tatsache, dass es erstmals seit der Ära von Pep Guardiola in dieser Saison nicht eines überragenden Lionel Messis bedarf, um den katalanischen Motor zum Laufen zu bringen. Auch an solchen Tagen, die den dreifachen Champions League Sieger und vierfachen Weltfußballer in irdischem Licht erscheinen lassen, kann der FC Barcelona jeden Gegner an die Wand spielen. Und das, obwohl der Stern des großen Regisseurs Xavi Hernández allmählich verglüht. Möglich macht dies in erster Linie eine mit unzähligen Millionen gepäppelte Angriffsreihe, Messi wurden mit Neymar und Luis Suárez zwei absolute Ausnahmekönner zur Seite gestellt. Geld schießt Tore, im Camp Nou weiß man das nur zu gut. Unglaubliche 120 Pflichtspieltreffer gingen bereits auf das Konto von „MSN“. Messi (58 Tore), Neymar (38) und Suárez (24) übertrafen mit dieser schier astronomischen Ausbeute sogar die Fabel-Bestmarke von Ronaldo, Karim Benzema und Gonzalo Higuaín aus der Saison 2011/12, die für Real Madrid ihrerseits 118 Treffer erzielten. Zum Vergleich: Der FC Bayern München brachte es in dieser Spielzeit in Bundesliga, DFB-Pokal und Champions League als Mannschaft auf 123 Tore.

Dahinter gehört das Mittelfeld in guter spanischer Tradition in puncto Spielstärke und Ballsicherheit zum Besten, was der Fußball zu bieten hat. Die in ihrer Bedeutung für die Blaugrana oftmals unterschätzten Andrés Iniesta und Sergio Busquets spielen dort schon seit Jahren auf absolutem Weltniveau, entstammen wie auch Messi, Xavi, Pedro, Gerard Piqué, Marc Bartra und Martín Montoya der sagenumwobenen hauseigenen Jugendakademie „La Masía“. Dass beim FC Barcelona in dieser Saison mit Ivan Rakitić erstmals seit vielen Jahren wieder ein „Fremder“ zum Mittelfeld-Stamm gehört, ist freilich auch auf das fortgeschrittene Alter von Xavi zurückzuführen. Die Entwicklung des Kroaten, der zwischen 2007 und 2011 in Diensten des FC Schalke stand und in dessen Amtszeit auch zu den Schlüsselspielern von Felix Magath zählte, ist bemerkenswert. Rakitić diktiert das Tempo, überzeugt mit Aggressivität und Zweikampfstärke und ist nicht selten an spielentscheidenden Aktionen beteiligt. Sieben Tore und zehn Assists in den drei wichtigsten Wettbewerben dürfen durchaus als Beleg dafür herhalten, dass der 69-fache kroatische Nationalspieler, der gebürtig aus Rheinfelden in der Schweiz stammt, auf ein ganz starkes erstes Jahr bei Barca zurückblicken kann. Jene 18 Millionen Euro, die der Verein im vergangenen Sommer an den FC Sevilla überwies, sind gut angelegtes Geld und im Vergleich zu den Unsummen, die für Neymar und Suárez ausgegeben wurden, allenfalls Peanuts.

Ivan Rakitić ist der heimliche Chef im Mittelfeld der Katalanen.

Ivan Rakitić ist der heimliche Chef im Mittelfeld der Katalanen.

Möchte man im Mannschaftsgefüge von Luis Enrique überhaupt eine Achillesferse ausfindig machen, so ist dies zweifelsohne die Abwehrkette. Angesichts von wettbewerbsübergreifenden 37 Gegentoren in 59 Pflichtspielen nimmt diese Analyse aber eindeutig blasphemische Züge an. Juventus Turin hat derweil in 55 Pflichtspielen 35 Gegentore kassiert – nicht die allergrößten Kritiker kämen auf die Idee, der Alten Dame daraus eine Defensivschwäche abzuleiten. Dennoch drängt sich von Zeit zu Zeit der Eindruck auf, Barcas Deckung wäre nicht mit vollem Ernst bei der Sache. Piqué, Javier Mascherano, Jordi Alba und Dani Alves sind jeder für sich genommen unbestritten exzellente Fußballer, allein an Abstimmung und taktischer Disziplin hapert es manchmal. Immer dann, wenn „Bruder Leichtsinn“ einkehrt und die Außenverteidiger mit schön anzuschauenden Flankenläufen oder spektakulären Dribblings am gegnerischen Strafraum unterwegs, ist Gefahr in Verzug für den katalanischen Kasten. Dieser wird – wie bei den spanischen Topclubs üblich – je nach Wettbewerb von zwei unterschiedlichen Schlussmännern gehütet. Während in der Primera División der Chilene Claudio Bravo teils herausragende Spiele zeigte, sind Champions League und Copa del Rey das Revier von Marc-André ter Stegen. Der Ex-Gladbacher wird gegen Juve die größte Partie seiner noch jungen Karriere bestreiten, ist auf seiner Position eines der hoffnungsvollsten europäischen Talente und hat kleinere Anlaufschwierigkeiten nach seinem Wechsel aus der Bundesliga inzwischen längst überwunden. Stark im Eins gegen Eins und mit dem Ball am Fuß, ist ter-Stegen der ideale Mann für die Umsetzung der katalanischen Spielidee, gibt wie Manuel Neuer bei den Bayern oft eine Art Libero und ist im Starensemble bei Messi und Co. voll und ganz akzeptiert.

Natürlich bietet ein derart kompromissloses aber trotzdem spiel- und konterstarkes Abwehrbollwerk der Marke Juventus Risiken für das auf fließende Offensivkombinationen und zahllose Kurzpässe ausgerichtete Barca-Spiel. Geduld heißt im Berliner Olympiastadion das Zauberwort für die derzeit wohl beste Vereinsmannschaft der Welt. Sollten Luis Enriques Mannen im Finale ein frühes Tor noch vor dem Pausenpfiff zu Wege bringen, droht eine deutliche wie einseitige Angelegenheit. Wenn nicht, reicht im Zweifelsfall die individuelle Klasse eines Superstars in vorderster Front, um eine Entscheidung herbeizuführen. Es läuft rund beim FC Barcelona, das Team wirkte 2014/15 von Monat zu Monat besser weil eingespielter und wird sich im finalen Moment einer großen Saison nicht übertölpeln lassen. Qualität setzt sich durch. Deshalb wird der Henkelpott nach Katalonien gehen.

Darum gewinnt Juventus Turin das Champions League Finale 2015

Wer Real ausschaltet, kann auch gegen Barca bestehen. Ein 0:1-Rückstand im Bernabéu ließ Juventus Turin nicht entgleisen. Man folgte dem eingeschlagenen Weg, belohnte sich mit dem verdienten Ausgleich zum Einzug ins Finale. Dort wartet eine gewaltige Aufgabe. Der atemberaubenden Offensivabteilung des FC Barcelona hat in Fußballeuropa niemand etwas entgegenzusetzen, der Rest der Mannschaft kommt etwas irdischer daher, ist oftmals wackelig in der Abwehr und daher schlagbar. Mit eigener Abwehrqualität und der dem italienischen Fußball gegebenen Defensivgenetik kann Italiens Rekordmeister dem Traumtrio Messi, Neymar und Suárez durchaus die Stirn bieten, dem Favoriten Probleme bereiten. Juves Abwehrsäule kommt dabei besonderes Gewicht zu. Leonardo Bonucci und Giorgio Chiellini gehören zu den besten Innenverteidigerpaaren auf dem Kontinent, die Außenverteidiger Patrice Evra und Stephan Lichtsteiner strotzen vor internationaler Erfahrung. Allerdings ein Tiefschlag auf der Zielgeraden. Chiellini muss das Finale abschreiben. Eine Zerrung der linken Wade erledigte den Endspieltraum des 30-Jährigen. Zusätzlicher Trumpf für Barca. Weder Angelo Ogbonna noch der alternde Andrea Barzagli werden diesen Ausfall völlig kompensieren können. Dennoch, der FC Barcelona hat im laufenden Wettbewerb wohl noch nie einer so kompakten Mannschaft wie Juventus Turin gegenübergestanden. 17 Punkte Vorsprung und nur drei Niederlagen in 38 Saisonspielen der Serie A sind ein respektables Gütesiegel. Den italienischen Pokal holte man sich ebenfalls in die Vitrine. Nicht nur Barca steht vor dem Triple.

Paul Pogba (links) und Arturo Vidal werden mit allen Mitteln versuchen, den Barca-Express zu stoppen.

Paul Pogba (links) und Arturo Vidal werden mit allen Mitteln versuchen, den Barca-Express zu stoppen.

Die Alte Dame zeichnet sich über die gesamte Saison durch Zielstrebigkeit und Frische aus, kleine und große Rückschläge steckt man als Kollektiv weg. Einzelinteressen stehen hinten an, ein Novum im Spitzenfußball unserer Zeit. Massimiliano Allegri verordnet seinem Team modernen Fußball, lässt diesen spielen und nicht verwalten. In Italien fast eine Revolution. Juventus trägt den Stempel seines Trainers beim Personal wie in der Ausrichtung. Die große Ruhe Allegris in allen Situationen färbt auf die Mannschaft positiv ab. Endlich hat Juve wieder einen Souverän vom Schlage Marcello Lippis an der Seitenlinie. Wie dieser mit dem Rasenschachduell gegen Louis van Gaal und dessen Ajax Amsterdam in Rom 1996, versucht nun Allegri die Champions League Trophäe nach Turin zu holen. So übermächtig der Gegner scheint, die Chance auf den Titel ist da. Juventus dachte mit Beginn der Champions League Saison von Spiel zu Spiel, quälte sich in der Gruppenphase zäh und unschön, fand mühsam seinen Stil und steht nun im Finale. In einem Endspiel kann viel passieren, auf beiden Seiten. Man denke nur an die im Vorfeld hochgekochte Wiederbegegnung von Suárez mit Chiellini, die den Medien ausreichend anrüchiges Schlagzeilenpulver verschaffte, nun gar nicht stattfindet.

Die alten Schlachtrösser Gianluigi Buffon und Andrea Pirlo, längst im Olymp der Fußballlegenden angekommen, führen eine siegesbereite Truppe auf den Rasen des Berliner Olympiastadions. Gemeinsam wurden beide am Ort des Endspiels einst Weltmeister, Erinnerungen solcher Art lassen oft neue Kräfte wachsen. Ein wichtiger Schlüsselspieler im Team wird Paul Pogba sein, dessen Entwicklung noch nicht abgeschlossen, der aber Spiele allein entscheiden kann. Sein Potenzial hat längst auch das geneigte Interesse der Barca-Verantwortlichen geweckt. Konzentriert sich der Franzose auf das Wesentliche und verfällt nicht in Verspieltheiten, dann kann ihm im anstehenden Endspiel eine tragende Rolle zufallen. An seiner Seite Arturo Vidal, der Chilene ist einer der kraftvollsten Mittelfeldterrier im Weltfußball und ein nie stotternder Motor des Juve-Spiels. Sein Repertoire zeichnet sich durch ein Gleichmaß an hochwertiger Defensiv- wie Offensivqualität aus. Im Angriff lauern mit Carlos Tévez und dem Spanier Álvaro Morata gefährliche Stürmer, die über ausreichend Mittel verfügen, auch gegen die Barca-Abwehr zum Abschluss zu gelangen. In Szene gesetzt werden sie oft vom präzisen und gedankenschnellen Claudio Marchisio, der gemeinsam mit dem in die Jahre gekommenen, genialistischen Pirlo die zentrale Mittelfeldachse des Juve-Spiels bildet. Klassespieler haben sich zu einem Klasseteam gefunden.

Niemand bei Juventus ist leichtfertig oder naiv, man weiß um die Außenseiterposition, fühlt sich gut darin und bringt den Barca-Spielern um Lionel Messi den nötigen Respekt entgegen – ohne dabei aber in Ehrfurcht zu erstarren. In der Defensive gut spielen, die Chiellini-Lücke irgendwie schließen und als Mannschaft agieren, damit lässt sich der Barca-Express stoppen. Über die ausgezeichneten Defensivqualitäten hinaus muss Juve auch sein eigenes Offensivpotenzial ausschöpfen und Präzision bei den Kontern an den Tag legen. Wenn sich die starke Gemeinschaft Juventus konzentriert in die Aufgabe kniet, in der Defensive nahezu perfekt spielt, die sich bietenden Chancen nutzt, kann man Barca mehr als nur wehtun und sogar besiegen. Deswegen werden die Bianconeri aus Turin das Finale von Berlin gewinnen.

Redaktion Magath & Fußball