Campeónes!


Veröffentlicht am 7. Juni 2015

3 Flares 3 Flares ×

imago20081927m_c

Barca macht Triple perfekt

Dieses Endspiel hielt, was es versprach. 70.500 Zuschauer im ausverkauften Berliner Olympiastadion erlebten eine über weite Strecken hochklassige Begegnung, die zu den fußballerisch anspruchsvollsten Darbietungen des zurückliegenden Champions League Jahrzehnts gezählt werden darf. Das lag aber nicht nur am gewohnt dominanten und spielerisch schlichtweg brillanten Auftreten der Katalanen, sondern auch am italienischen Double-Sieger, der nun endgültig wieder zur europäischen Spitze gerechnet werden muss. Die Gefühlslage nach 98 hochspannenden Minuten hätte dann aber doch kaum gegensätzlicher sein können. Das nach Treffern von Ivan Rakitić (4.), Luis Suárez (68.) und Neymar (90.+7) sichergestellte 3:1 (1:0) – Álvaro Morata (55.) sorgte für den zwischenzeitlichen Ausgleich – versetzte den FC Barcelona in einen kollektiven Siegesrausch. Der vierte Champions League Triumph der Vereinsgeschichte gleichbedeutend mit dem endgültigen Ritterschlag für dieses Spieljahr: zum zweiten Mal nach 2008/09 holte man das europäische Triple. Mehr geht nun wirklich nicht. Felicidades, Barça!

Auch bei Juventus steht am Tag danach die Zahl Vier im Raum, allerdings im negativen Sinne, denn nach 1997 (1:3 in München gegen Borussia Dortmund), 1998 (0:1 in Amsterdam gegen Real Madrid) und 2003 (2:3 n.E. in Manchester gegen AC Mailand) ging 2015 in der deutschen Hauptstadt nun also das vierte Finale in Serie verloren. Rechnet man noch den Europapokal der Landesmeister hinzu, unterlag die Alte Dame in sechs ihrer acht Endspiele um Europas Fußballkrone. Dennoch blicken die Bianconeri auf eine fantastische Spielzeit 2014/15, wohl niemand hätte einen derartigen Husarenritt bis nach Berlin für möglich gehalten, als Juve am vierten Gruppenspieltag zuhause gegen Olympiakos Piräus schon 1:2 zurücklag und mit diesem Ergebnis frühzeitig aus dem Wettbewerb geschieden wäre. Das Allegri-Team aber verwandelte den Rückstand gegen die Griechen in einen 3:2-Sieg und blieb in allen acht folgenden Partien bis zum Finale ungeschlagen, gewann fünf davon und spielte dreimal Remis.

Trotzdem rechneten nur die Wenigsten damit, dass Juve gegen diesen FC Barcelona, der seit Jahresbeginn auf der Überholspur nahe der Ideallinie fährt, eine ernsthafte Chance haben könnte. Und tatsächlich waren die Italiener zu Spielbeginn ungewohnt nachlässig, ließen sich vom scheinbar übermächtigen Gegner und ohne Giorgio Chiellini in der Abwehrzentrale nach durchaus forschen Anfangsmomenten sofort weit nach hinten drängen. Keine vier Minuten dauerte es, ehe Barca dies mit einer ersten Traumkombination bestrafte. Mit ihrem charakteristischen Kurzpassspiel hatten sich die Katalanen bis ans linke Strafraumeck nach vorne geschoben, Neymar steckte durch auf Andrés Iniesta und dieser bediente den in der Mitte völlig alleingelassenen Rakitić. Das 0:1 nach weniger als vier Minuten natürlich nichts anderes als eine absolute Katastrophe für den von Massimiliano Allegri ersonnenen taktischen Plan. Juventus nun zunächst völlig überfordert und im Glück, dass Neymar und Dani Alves gute Gelegenheiten ausließen. Auch Jordi Alba und kurz vor der Halbzeit dreimal Suárez verpassten das 0:2, Juve – wenngleich mit zunehmender Spieldauer immer sicherer werdend – zur Pause gut bedient.

imago20081380m_cDirekt nach Wiederanpfiff erreichte der Druck Barcelonas seinen Höhepunkt, Juventus in der eigenen Hälfte eingeschnürt, das Spiel der Blaugrana einfach zu schnell und direkt, in Geschwindigkeit und Präzision europaweit einmalig. Das 0:2 aber fiel wieder nicht, und urplötzlich war die Alte Dame hellwach. Der beste italienische Spielzug des Abends, eingeleitet mit einem Hackentrick von Claudio Marchisio, brachte den Ausgleich. Der Österreicher Stephan Lichtsteiner passte nach innen, wo sich Carlos Tévez geschickt um seinen Bewacher Gerard Piqué drehte und einen Schuss abfeuerte, den Marc-André ter Stegen zwar noch zur Seite abwehren konnte, dort sich aber Morata nicht zweimal bitten ließ und zum 1:1 einlochte. Nun plötzlich Juventus am Drücker. Angeführt vom groß aufspielenden Paul Pogba, der den kaum in Erscheinung tretenden Andrea Pirlo deutlich überstrahlte, bekam der Außenseiter allmählich Oberwasser, eine Art Schockstarre bei Barca in diesen Minuten nicht zu übersehen. Carlos Tévez aber zielte aus aussichtsreicher Position zu hoch, Pogba und Arturo Vidal, der nach einer gelben Karte gleich zu Beginn am Rande eines Platzverweises stand und in der Folge stark gehandicapt wirkte, hatten kein Glück. Umstritten ein Zweikampf zwischen Pogba und Alves im Strafraum, der umsichtig leitende türkische Schiedsrichter Cüneyt Cakir wohl im Recht, nicht auf den Punkt zu zeigen.

Im Gegenzug Barca mit Entlastung – und einem tückischen Torschuss von Lionel Messi, der schließlich zum 1:2 führte. Man kann nun trefflich darüber streiten, ob Gianluigi Buffon hier eine Mitschuld trifft – an einem sehr guten Tag hätte der Altmeister das Leder womöglich festhalten können. Von einem Torwartfehler zu sprechen, wäre jedoch zu hart. Trotzdem landete der Ball vor den Füßen von Suárez und der Uruguayer brachte seine Farben erneut in Front. Drei Minuten später der größte Aufreger des Abends: Neymar hatte eine punktgenaue Flanke von Jordi Alba zum vermeintlichen 1:3 ins Netz geköpft, der Ball aber hatte noch seinen Arm gestreift, weshalb Cakir auf Freistoß für Juve erkannte und es weiterhin spannend blieb. Zweimal noch konnte sich ter Stegen auszeichnen, Marchisio und Tévez fanden in der Nachspielzeit ihren Meister im nahezu fehlerfreien Deutschen. Lange vermochte es der FC Barcelona nicht, einen seiner zahllosen Hochgeschwindigkeitsgegenstöße zur Entscheidung zu nutzen, erst in der siebten (!) Nachspielminute war es soweit: Neymar tunnelte Buffon und die Siegesfeier in der Kurve konnte beginnen. Der Unparteiische pfiff gar nicht erst nochmal an, der große Kampf der Italiener und ein denkwürdiges Finalspiel fanden ihr Ende.

imago20083462m_cDie übliche Zeremonie lieferte tolle Bilder wie große Gefühlsmomente. Auf der einen Seite die feiernden Kumpels Iniesta und Xavi – der eine zum Man of the Match bestimmt, der andere mit Kapitänsbinde und Henkelpott zum Abschied noch einmal im siebten Fußballhimmel. Bemerkenswert bei Barca zudem die Personalie Luis Enrique: Im Spätherbst von jedermann noch sehr kritisch beäugt, geht der 45-jährige wenige Monate später nach Pep Guardiola als zweiter Triple-Trainer in die katalanische Clubhistorie ein – ob Luis Enrique allerdings auch 2015/16 in Barcelona coacht, scheint weiterhin ungeklärt. Bei den Unterlegenen tröstete Paul Pogba, der mit Abstand beste Juve-Spieler des Abends, den von Tränen überströmten Pirlo. Ein Bild mit Symbolcharakter: Pogba könnte zum legitimen Nachfolger des 36-Jährigen erwachsen, sollte er den im Raum stehenden, schwindelerregenden Offerten aus Spanien und England widerstehen können. Auch die Zukunft von Andrea Pirlo selbst weiterhin ungewiss. Während Buffons Reise – anders als Pirlo hat „Gigi“ die Königsklasse noch nicht gewonnen – noch längst nicht beendet scheint, könnte das Finale zu Berlin der letzte große Auftritt des oft genialen, diesmal aber eher nüchternen Dirigenten gewesen sein. Neun Jahre nach dem gemeinsam an gleicher Stelle gewonnenen WM-Endspiel wiederholte sich Geschichte für Pirlo und Buffon nicht. Am Legendenstatus der beiden Maestros ändert dies freilich wenig.

UEFA Champions League Finale 2015

Olympiastadion Berlin, 6. Juni 2015
Juventus Turin – FC Barcelona 1:3 (0:1)

Juventus: Gianluigi Buffon – Stephan Lichtsteiner, Leonardo Bonucci, Andrea Barzagli, Patrice Evra (89. Kingsley Coman) – Paul Pogba, Andrea Pirlo, Claudio Marchisio – Arturo Vidal (79. Roberto Pereyra) – Álvaro Morata (85. Fernando Llorente), Carlos Tévez

Barcelona: Marc-André ter Stegen – Dani Alves, Gerard Piqué, Javier Mascherano, Jordi Alba – Sergio Busquets – Andrés Iniesta (77. Xavi Hernández), Ivan Rakitić (90.+1 Jérémy Mathieu) – Lionel Messi, Luis Suárez (90.+6 Pedro), Neymar

Tore: 0:1 Ivan Rakitić (4.), 1:1 Álvaro Morata (55.), 1:2 Luis Suárez (68.), 1:3 Neymar (90.+7)

Gelbe Karten: Arturo Vidal (11.), Paul Pogba (41.) – Luis Suárez (70.)

Zuschauer: 70.500

Schiedsrichter: Cüneyt Cakir (Türkei)

Redaktion Magath & Fußball