Poznań, Pilsen, TNS und Red Imps


Veröffentlicht am 10. Juni 2015

1 Flares 1 Flares ×

imago20095061m_c

„Europas Meister“ – Teil V

Das Spieljahr 2014/15 ist beendet, Fußball-Europa befindet sich in der Sommerpause. Titel und Pokale wurden vergeben, rauschende Meisterfeiern begangen – Zeit zur Regeneration, bevor ab Ende Juni, Anfang Juli die Vorbereitungen für 2015/16 aufgenommen werden. Im fünften und letzten Teil unserer Serie „Europas Meister“ beschäftigen wir uns mit den Titelträgern der Ekstraklasa in Polen, der tschechischen Synot Liga, der League of Wales und nicht zuletzt der Gibraltar Eurobet Premier Division.

Polen = Lech Poznań

In Sachen Fußball ist die Universitätsstadt Posen (polnisch: Poznań) hierzulande in erster Linie durch Robert Lewandowski bekannt. Der Bundesliga-Torschützenkönig der Saison 2013/14 und vierfache polnische Fußballer des Jahres wechselte im Sommer 2010 als amtierender Meister der Ekstraklasa und dekoriert mit der Torjägerkrone zum BVB nach Dortmund – seinen Werdegang zum Weltklasse-Angreifer bestaunte anschließend ganz Fußball-Europa, inzwischen stürmt er für den FC Bayern. Zum ersten Mal seit fünf Jahren und dem Abgang von Lewandowski wurde Lech Poznań nun 2014/15 erneut Meister, gewann unter Trainer Maciej Skorża den siebten Titel seiner Clubhistorie. Hatten die Blau-Weißen, deren Heimspiele im knapp 43.000 Zuschauer fassenden INEA Stadion – einem Austragungsort der Europameisterschaft 2012 – stattfinden, nach Ablauf der 30 Spieltage umfassenden regulären Saison noch einen Rückstand von zwei Punkten auf Titelverteidiger Legia Warschau, überflügelten sie den großen Rivalen in der abschließenden Meisterrunde. Ähnlich wie in der belgischen Jupiler Pro League gehen die besten acht Mannschaften mit jeweils der Hälfte ihrer im Saisonverlauf erspielten Zähler in die Playoffs. Noch einmal treffen alle Teams in der Endrunde in einem Spiel aufeinander – am Ende also stehen 37 absolvierte Begegnungen zu Buche. Entscheidend für die Meisterschaft von Poznań letztlich der 2:1-Auswärtssieg in der Hauptstadt am 31. Spieltag. Vier weitere Siege über Śląsk Wrocław (3:0), Lechia Gdańsk (2:1), Pogoń Stettin (1:0) und Górnik Zabrze (6:1) – bei einem Unentschieden gegen Wisła Krakau (0:0) und einer Niederlage gegen Jagiellonia Białystok (1:3) – genügten zum Titel. Insgesamt 19 Siege, 13 Remis und nur fünf Niederlagen aus 37 Partien sind wahrlich eines Meisters würdig. Weniger allerdings die Ausschreitungen, von denen am Rande der Feierlichkeiten berichtet wurde.

Tschechien = FC Viktoria Pilsen

Am sechsten Spieltag übernahm Viktoria Pilsen nach einem 2:1-Heimerfolg über Dukla Prag die Tabellenspitze und gab diese bis zum Saisonende nicht mehr aus der Hand. 23 Siege aus 30 Spielen, 72 Punkte bei 70:24 Toren lautet die Meisterbilanz des zweifachen Champions League Teilnehmers, bei dem einst Petr Čech und Pavel Nedvěd ihre Weltkarrieren auf den Weg brachten. Nach 2011 und 2013 ist es der dritte Titel für den 1911 gegründeten Club aus Westböhmen, bei dem in der abgelaufenen Runde auch einige Ex-Bundesligaspieler unter Vertrag standen. Václav Pilař (vier Saisontore, früher VfL Wolfsburg und SC Freiburg), František Rajtoral (vier, Hannover 96), Milan Petržela (drei, FC Augsburg) und Roman Hubník (drei, Hertha BSC) steuerten zusammen 14 Treffer bei. Der Rekordmeister und Double-Sieger des letzten Jahres, Sparta Prag, musste sich derweil mit der Vizemeisterschaft begnügen, Dritter wurde FK Baumit Jablonec vor FK Mladá Boleslav. Der tschechische Pokal ging 2015 an Slovan Liberec, die mit Ligaplatz zwölf zwar ein rabenschwarzes Spieljahr erlebten, am Ende aber durch einen Finalsieg über Jablonec im Elfmeterschießen dennoch Grund zum Feiern hatten.

Wales = The New Saints FC

Der walisische Fußball hat ein gravierendes Problem: Weil mit Swansea City, Cardiff City, dem FC Wrexham sowie AFC Newport County und Colwyn Bay FC die fünf größten Vereine des kleinsten Landesteils von Großbritannien am englischen Ligasystem teilnehmen, fehlen der seit 1992 ausgetragenen League of Wales schlichtweg die Zuschauer – 300 etwa pilgern im Durchschnitt nur zu den Spielen. So kommt es, dass ein Dorf mit dem zungenbrecherischen Namen Llansantffraid-ym-Mechain den walisischen Rekordmeister beherbergt: The New Saints FC, oft nur unter der Abkürzung TNS geführt, ist neunfacher Meister und gewann 2014/15 bereits seinen vierten Titel am Stück. Die reguläre Spielzeit bestreiten in Wales zunächst zwölf Mannschaften in Hin- und Rückserie. Danach treffen die besten sechs Teams in einer Championship Conference noch einmal in Hin- und Rückspiel aufeinander und ermitteln den Meister. Schon vor Beginn der Endrunde war es eine eindeutige Angelegenheit: TNS ging ohne eine einzige Niederlage, dafür aber mit komfortablen 14 Punkten Vorsprung ins Saisonfinale, das eigentlich keines mehr war. Zu überlegen die Truppe von Mike Davies, die im Park Hall Stadion in Oswestry in der Spitze vor 1.000 Zuschauern spielt. Letzte Gewissheit brachte ein 3:0-Sieg über Vizemeister Bala Town, die Meisterrunde schon bei Halbzeit auch rechnerisch entschieden. Schlussendlich betrug der Vorsprung der New Saints auf Platz zwei gewaltige 18 Punkte – immerhin aber brachte das Team von Airbus UK Broughton TNS am vorletzten Spieltag die erste und einzige Saisonniederlage bei. Hoffnung für die League of Wales: Goliath ist nicht unschlagbar.

Gibraltar = Lincoln Red Imps FC

Amateure soll man schätzen. Mancher Fleck hat mehr Geschichte als Fläche. Der hoch aufragende Felsen an Spaniens Südzipfel namens Gibraltar beheimatet auf 6,5 km² ungefähr 33.000 Einwohner, die das „God Save the Queen“ inbrünstig als ihre Hymne schmettern. Zum Zeitvertreib geht man auch auf dem legendären Felsen zum Fußball, darf sich seit 1905 an ausgetragenen Meisterschaften erfreuen. Getragen wird der Fußball auf Gibraltar von der Ehrlichkeit und dem Engagement des Amateurspielers aus Leidenschaft, der tragenden Säule von Vereinen in der Gibraltar Eurobet Premier Division, der höchsten Spielklasse der zwergigen Halbinsel. Unumschränkter Fußballkönig auf dem Britischen Eiland ist der Lincoln Red Imps FC. Der erst 1976 gegründete Amateurverein eroberte sich 20 Meistertitel, gewann auch die abgelaufene Meisterschaft der Saison 2015. Der Verein hat damit den zwölften Titel nacheinander geholt. So ein Champion, so zwergig er daherkommen mag, hat auch große Stunden. Die von Lincoln Red Imps Red schlug in der ersten Qualifikationsrunde der Champions League 2013, als man im Heimspiel vor 5.000 Zuschauern im Victoria Stadium, dem Fußballtempel und Mehrzweckstadion der britischen Kronkolonie, gegen HB Tórshavn, den Vertreter der Färöer Inseln, ein 1:1 erreichte. Auf den Färöern war man chancenlos und unterlag mit 2:5. In der abgelaufenen Meisterschaft ganz andere Erfolgserlebnisse. 19 Siege aus 21 Spielen, 80:12 Tore und 16 Punkte Vorsprung sind eine stolze Saisonbilanz des Dauermeisters. Und weil es nur um Fußball geht, hatten alle auch noch eine Menge Spaß. Glückliches Gibraltar.

In der Serie „Europas Meister“ sind bereits erschienen:

Teil I – PSG, Benfica, Celtic und Zenit
Teil II – PSV, Olympiakos, Basel und Midtjylland
Teil III – Red Bull, Gala, Dinamo und Partizan
Teil IV – Gent, Steaua, Maccabi und Kiew

Redaktion Magath & Fußball