Bournemouth, Watford und Norwich


Veröffentlicht am 24. Juni 2015

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Die Aufsteiger in der Premier League

Wer in die Premier League will, muss die Fußball-Hölle der Championship durchlaufen. Die zweite englische Spielklasse vielleicht die schwierigste Liga Europas. 24 Teams gehören der Klasse an. Die beiden Erstplatzierten steigen direkt auf, die Plätze drei, vier, fünf und sechs treten in einer Relegation an. Halbfinale mit Hin- und Rückspiel, dann Finale in Wembley. Zur Saisonhalbzeit standen nach der Hinrunde der AFC Bournemouth oben, gefolgt von Ipswich Town und Derby County. Ipswich und Derby ging die Luft aus, deren Premier League Traum zerplatzte. Der AFC Bournemouth dagegen gab die Tabellenspitze nicht mehr her. Mitaufsteiger der FC Watford und Norwich City. Die Premier League und viel TV-Geld warten. Im Fahrstuhl nach oben wird man den nach unten treffen. Mit dem FC Burnley und Queens Park Rangers erwischte es zwei letztjährige Aufsteiger umgehend, dazu gesellte sich Hull City. Nur Leicester City hielt die Premier League, genau dieses Ergebnis haben die drei Neuen im Auge. Aufsteiger haben es auch in der Premier League immer schwerer.

AFC Bournemouth

Nur noch ein Schatten einstiger Größe, trug 1983 für fünf Spiele der legendäre George Best das Trikot des AFC Bournemouth. Eine andere Ikone des Inselfußballs, Harry Redknapp, spielte von 1972 bis 1976 für den AFC und trainierte den Club auf seiner ersten Trainerstation von 1983 bis 1992. Der Verein aus der 180.000 Einwohner Stadt Bournemouth von Englands Südküste kam oft schräg und manchmal sehr einfallsreich daher. 1997 drohte die Pleite, doch Fans und Spieler organisierten durch Spendenaktionen eine Million Pfund. Theater war immer, ein marodes Stadion die unsichere Behausung. Als 2008 Jeff Mostyn Präsident wurde, änderte sich alles, er investierte eigenes Geld und holte außerdem den russischen Oligarchen Maxim Demin mit an Bord. Der finanziell gesicherte Marsch durch die Ligen begann, nahm in der vierten Liga seinen Anfang. Sportlich verantwortlich dafür der jugendliche Trainer Edward Howe. Der 38-Jährige mit dem Kindergesicht ist seit 2012 Chefcoach und führte das Team nun souverän in die Premier League. Erstmals gelang damit der Sprung in die höchste Spielklasse – eine Premiere für den Club und ein neues Gesicht für Englands Aushängeschild in Sachen Fußball. Schon einen Spieltag vor Schluss der Championship war der AFC Bournemouth nicht mehr von den Aufstiegsrängen zu verdrängen. Das Team hat sich wie kein anderer Zweitligist diesen Aufstieg auch verdient. Die Jungs von „Eddie“ Howe schossen die meisten Tore, feierten die meisten Auswärtssiege, kassierten die wenigsten Gegentore und legten mit einem 8:0-Auswärtssieg bei Birmingham City auch die spektakulärste Partie der Saison auf. Nun heißen die Gegner also Chelsea und Arsenal, nebenher winken 100 Millionen Pfund Einnahmen aus dem neuen Fernsehvertrag der Premier League. Die Show wird im kleinsten Stadion der britischen Eliteklasse über die Bühne gehen. Der 1910 erbaute Dean Court bietet auf Sitzplätzen 12.000 Besuchern Platz, die seit dem Umbau von 2013 auch ein Dach über dem Kopf haben. Mourinho und Wenger können kommen, BBC und Sky sind schon da.

Troy Deeney war in der abgelaufenen Saison mit 21 Treffern bester Torschütze Watfords.

Troy Deeney war in der abgelaufenen Saison mit 21 Treffern bester Torschütze Watfords.

FC Watford

Der 72-jährige Gianpaolo Pozzo hat sein Vermögen in der Metallbranche gemacht, gehört zu den reichsten Männern Italiens und liebt den Fußball. Seine Liebe führte ihn zur Bigamie. Er besitzt aktuell drei Fußballvereine gleichzeitig: Udinese Calcio, FC Granada und FC Watford heißen seine Schmuckstücke. Den englischen Club aus der Grafschaft Hertfordshire erwarb er 2012 und feierte nun mit seinem Verein den direkten Aufstieg in die Premier League. Der Club spielte in seiner Geschichte immer mal wieder in der höchsten Spielklasse, 1999/2000 auch in der Premier League, man betritt kein Neuland. 1984 der bisher größte Erfolg: der Einzug in das FA Cup Finale. In Wembley unterlag man allerdings dem FC Everton mit 0:2. International wurde der FC Watford von Elton John ins bunte Licht gesetzt, ab 1976 war die in Watford aufgewachsene Pop-Ikone Präsident und Besitzer des Vereins. 1990 verkaufte er seine Anteile um diese 1997 erneut zu erwerben. Bis zum heutigen Tag hält er noch geringe Anteile. Mit weltweit 450 Millionen verkaufter Tonträger konnte sich der Sänger sein Hobby immer gut leisten. Der Club hat ihm sogar ein Denkmal gesetzt, eine Tribüne der 20.800 Plätze fassenden Vicarage Road wurde nach ihm benannt, eine Ehre die auf der Insel sonst nur großen Spielern gewährt wird. Bekannteste Trainer in Watford waren bisher Brendan Rodgers und Gianfranco Zola. Den Aufstieg managte der serbische Trainer Slaviša Jokanović, der im Oktober 2014 das Ruder in Watford übernahm und den Club auf Aufstiegskurs brachte. Die Freude währte kurz. Weil man sich über einen neuen Vertrag nicht einig wurde, trennten sich Club und Aufstiegstrainer Jokanović. Die aktuellen sportlichen Geschicke wurden in die Hand des Spaniers Enrique „Quique“ Flores gelegt, der schon Atlético Madrid, den FC Valencia und Benfica Lissabon trainierte. Seine Aufgabe ist der Klassenerhalt.

Die Canaries sind nach nur einem Jahr Championship zurück in der Premier League.

Die Canaries sind nach nur einem Jahr Championship zurück in der Premier League.

Norwich City

Der Club aus der Universitätsstadt im Osten Englands schaffte als einziger Premier League Absteiger den direkten Wiederaufstieg. Allerdings brauchte man dafür die Relegation, setzte sich gegen Ipswich Town und im Finale gegen den FC Middlesbrough durch. Trainer Alex Neil übernahm mitten in der Saison, steht seit dem 9. Januar 2015 an der Seitenlinie der Canaries und brachte den Erstligafußball zurück an die Carrow Road. Man kennt sich aus in der englischen Eliteklasse. Norwich City setzte einst ein beachtliches Zeichen in der Premier League. In der ersten Saison der neu eingeführten Premier League 1992/93 war man lange der Überraschungstabellenführer, kam am Saisonende hinter Manchester United und Aston Villa auf dem dritten Platz ein. Dieser dritte Platz ist bis heute nicht nur größter Triumph der Vereinsgeschichte, sondern war auch die Fahrkarte nach Europa. In der UEFA Cup Saison 1993/94 folgte also das verdiente Europapokaldebüt für den seit 1902 existierenden Club. In der zweiten Runde dort ein bis heute unvergessener Triumph: Der FC Bayern München wurde mit einem 2:1-Heimsieg und einem auswärts erzielten 1:1 eliminiert. In der nächsten Runde dann knappes Scheitern am späteren Cup-Sieger Inter Mailand. Von den Bayern und von Inter träumt momentan niemand in Norwich, man bescheidet sich mit einem realen Blick auf die Fußballgegenwart, will sich in der Premier League halten. Das Schicksal des letztjährigen Relegationssiegers Queens Park Rangers möchte man unbedingt vermeiden, die robuste Championship so schnell nicht wieder erleben. Die Mühen dieses schweren Aufstiegs sollen nicht umsonst gewesen sein, sondern als Grundlage einer Zukunft mit stabiler und langfristiger Erstligazugehörigkeit dienen. Man ist auf dem Teppich geblieben in Norwich und behauptet, vom letzten Abstieg gelernt zu haben. Die Zukunft wird den Beweis erbringen.

Redaktion Magath & Fußball