Brasilianisches Déjà-vu


Veröffentlicht am 28. Juni 2015

2 Flares 2 Flares ×
Paraguays Viertelfinal-Held: Derlis González.

Paraguays Viertelfinal-Held: Derlis González.

Seleção scheitert wie 2011 im Elfmeterschießen an Paraguay

Bereits vor vier Jahren im argentinischen La Plata begegneten sich Brasilien und Paraguay im Viertelfinale der Copa América. Während der regulären Spielzeit und der anschließenden Verlängerung fielen keine Tore, es ging ins Elfmeterschießen. Justo Villar, schon damals im Tor der Albirroja, musste nach einem kollektiven Blackout der Brasilianer nicht ein einziges Mal hinter sich greifen: Elano, Thiago Silva, André Santos und Fred vergaben allesamt. Paraguay siegte 2:0, weil Marcelo Estigarribia und Cristian Riveros verwandelten. In chilenischen Wirtschaftszentrum Concepción kam es nun zur Neuauflage dieses Duells. Wieder begegneten sich anno 2015 beide Teams in der Runde der letzten Acht – und wieder fand diese Partie aus dem Spiel heraus keinen Sieger. Robinho hatte die ohne ihren gesperrten Superstar Neymar angetretene Seleção zwar schon nach 14 Minuten in Führung gebracht, ein vermeidbares Handspiel im eigenen Strafraum von Thiago Silva eröffnete Derlis González nach 72 Minuten jedoch die große Chance auf den Ausgleich: Vom Punkt aus erzielte der Angreifer vom FC Basel das längst überfällige 1:1, welches bis zum Schlusspfiff Bestand hatte. Anders als 2011 folgte keine Verlängerung, einmal mehr also musste die Entscheidung im Elfmeterschießen fallen. Und einmal mehr verabschiedete sich der Rekordweltmeister frühzeitig aus dem Turnier.

Der Sieg Paraguays über den gesamten Spielverlauf gesehen dabei durchaus verdient, wenngleich der Lotteriecharakter eines Elfmeterschießens hinlänglich bekannt. Im Anschluss an den über Fernandinho und Dani Alves erstklassig herauskombinierten Führungstreffer – Roberto Firmino ließ den scharf gespielten Ball am Fünfmeterraum passieren und Robinho musste am langen Pfosten nur noch den Fuß hinhalten – stellte der Favorit für einige Zeit jedwede Offensivbemühung ein. Kurios: Bis zum Pausenpfiff blieb Robinhos Abstauber die einzige Ballberührung eines Brasilianers im paraguayischen Strafraum. Dennoch drängte sich in Halbzeit eins nicht unbedingt das Gefühl auf, dass dieses Spiel kippen könnte – Brasilien stand defensiv sicher und hatte wenig Probleme, auch weil sich die Mannschaft von Ramón Díaz zunächst vor allem auf lange Bälle beschränkte. Das änderte sich jedoch schlagartig nach dem Seitenwechsel, Paraguay jetzt im Spielvortrag mutiger, schaffte es immer öfter, den eigenen, reichlich vorhandenen Ballbesitz in Torgelegenheiten umzumünzen. Der brasilianische Schlussmann Jefferson de Oliveira Galvão hinterließ zwar nicht immer einen sicheren Eindruck, parierte aber einen Freistoß vom späteren Torschützen González sowie einen Kopfball von Innenverteidiger Paulo da Silva sehenswert, bevor er schließlich aus elf Metern erstmals bezwungen wurde. Auch nach dem 1:1-Ausgleich blieb Paraguay tonangebend, Carlos Dungas Elf enttäuschte auf ganzer Linie, hatte Glück, dass der beste Mann auf dem Platz, Derlis González, nicht kurz vor Schluss ein zweites Mal einnetzte.

Im Elfmeterschießen die Unsicherheit der Brasilianer deutlich zu spüren: Es fehlte nicht nur an Körpersprache, sondern wohl auch an Überzeugung. Fernandinho hatte Glück, dass Villar auf dem Weg in die Ecke seinen mittig platzierten Schuss nur noch mit den Fingerspitzen erwischte und der Ball den Weg ins Tor fand. Der im Verlauf der zweiten Halbzeit eingewechselte Éverton Ribeiro aber schob die Kugel als zweiter Schütze am Gehäuse vorbei. Osvaldo Martínez, Víctor Cáceres und der Augsburger Raúl Bobadilla aufseiten Paraguays dagegen kompromisslos und traumwandlerisch sicher. Nachdem zwischenzeitlich Miranda sicher verwandelt hatte, jagte Douglas Costa – in den nächsten Tagen wird der Angreifer von Schachtar Donezk wohl als Neuzugang des FC Bayern präsentiert – das Leder in den Nachthimmel von Concepción. Weil es ihm der Rekordtorschütze Paraguays, Roque Santa Cruz, kurz darauf gleichtat, konnte Philippe Coutinho vom FC Liverpool noch einmal ausgleichen. Das letzte Wort allerdings blieb Derlis González vorbehalten. Ein zweites Mal an diesem Abend blieb der 21-Jährige eiskalt und schoss Paraguay ins Halbfinale. Tragisch: Wenig später erreichte den Matchwinner eine unfassbare Schreckensnachricht aus der Heimat. Sein Onkel war noch während des Spiels infolge eines Herzanfalls verstorben.

Im Halbfinale trifft der zweifache Copa-Gewinner Paraguay in der kommenden Woche (Mittwoch, 1. Juli 2015, 1.30 Uhr MESZ) auf Argentinien und wird alles daran setzen, wie schon 2011 das Finale zu erreichen. Bereits in der Vorrunde begegneten sich beide Mannschaften – Paraguay erkämpfte sich trotz 0:2-Rückstand ein Unentschieden. Argentinien also gewarnt, natürlich dennoch favorisiert. Für Brasilien dagegen endete das zweite bedeutende Turnier in Serie mit einer großen Enttäuschung. Die Seleção fraglos an guten Tagen begeisternd, insgesamt jedoch derzeit ganz und gar nicht auf Weltklasseniveau – und nach dem Viertelfinal-Aus bei der Copa América erstmals auch beim Confed-Cup 2017 in Russland außen vor. Kurzum, die letzten Jahre lassen nicht viel Spielraum für Interpretationen: Das stolze Brasilien gehört im Fußball nicht länger zur Weltspitze – und es spricht einiges dafür, dass sich daran in absehbarer Zeit nichts ändern wird. Ein gleichermaßen ungewohntes wie ungeheuerliches Gefühl für die brasilianische Fußballseele.

Redaktion Magath & Fußball