König für eine Nacht


Veröffentlicht am 3. Juli 2015

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Helmuth Duckadam gegen den FC Barcelona

Bevor Weltmänner des Fußballs ihre Denkerstirn nebst voller Aufmerksamkeit dem Spielbetrieb des FC Barcelona widmeten, saßen auf dessen Trainerbank auch schon gewichtige Persönlichkeiten und manch bunter Gesell. Größen wie Helenio Herrera, Rinus Michels, Hennes Weisweiler, Udo Lattek oder César Menotti konnten dem katalanischen Traum vom Europapokal der Landesmeister nicht nahe kommen. Der sangesfreudige wie temperamentvolle Engländer Terry Venables führte Barça immerhin an die Tür zum Glück. Ihm gelang was den großen Namen zuvor verwehrt blieb: man erreichte das Endspiel im Landesmeistercup. Erst die zweite Finalteilnahme in diesem ehrwürdigen Wettbewerb für die stolzen Katalanen. 1961 war man im Finale an Benfica Lissabon gescheitert. Nun der zweite Anlauf. Am 7. Mai 1986 stand der FC Barcelona in Sevilla dem rumänischen Armeeclub Steaua Bukarest gegenüber. Ins Estadio Ramón Sánchez Pizjuán passten damals noch 76.000 Zuschauer, 1.000 rumänische Fans und 75.000 Spanier standen sich gegenüber. Star und unumschränkter König im Reich von Terry Venables war der zwischen Weltklasse und Phlegma pendelnde deutsche Mittelfeldlenker Bernd Schuster, geachteter Kapitän von Barça. In Barcelona richtete man vorsorglich zur Siegesfeier. Die Namen der rumänischen Spieler kannte man in Barcelona so wenig wie im Rest Europas. Als erster auf deren Spielbogen Torwart Helmuth Duckadam, immerhin frisch gebackener Nationaltorwart seines Landes. Helmuth wer?

Duckadam wurde 1959 in Semlac in der Nähe von Arad in Rumänien geboren. Der Weg ins Tor schien vorgezeichnet, schon während seiner Schulzeit in Semlac war er Torwart. Er galt als unkompliziert und sehr trainingsfleißig, besaß Ausdauer wo andere schlapp machten. Mit seinem Schulabschluss wurde er auch als bester Nachwuchs-Torwart im Kreis Arad eingestuft. Duckadam trainierte weiter, in Vereins- und Fußballkreisen wurde man auf ihn aufmerksam. Die Tür vom Nachwuchs in den Männerbereich öffnete sich für Duckadam, von 1977 bis 1983 stand er bei zwei Clubs der Kreisstadt Arad zwischen den Pfosten, bevor er zum Armee- und Vorzeigeclub Steaua Bukarest delegiert wurde. Seit 1983 stand er beim Hauptstadtclub im Tor. Solide aber kein Überflieger, auch im Ostblock gab es bessere Keeper. Der 1,88 Meter große Duckadam war jedenfalls mit 24 Jahren im rumänischen Fußballolymp angekommen. Von dort ging es pfeilschnell auf die europäische Bühne, Steaua war als Serienmeister Stammgast im Landesmeisterpokal. Nach drei Jahren im Verein auch Helmuth Duckadam und seine Mitspieler am Ziel eines großen Fußballtraums. Überraschend und mit viel Losglück schaffte es Steaua Bukarest über die Stationen Vejle BK, Honvéd Budapest, Kuusysi Lahti und den RSC Anderlecht ins Finale. Der Weg von Barça war mit Sparta Prag, dem FC Porto, Juventus Turin und dem IFK Göteborg wesentlich steiniger. Die Nacht von Sevilla konnte beginnen. Als die Partie vom französischen Schiedsrichter Michel Vautrot angepfiffen wurde, setzte niemand in Fußballeuropa einen Pfifferling auf die Männer von Trainer Emerich Jenei.

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Die Geschichte des Spiels ist eine kurze und sie trägt nur einen Namen: Helmuth Duckadam. Für heutige wie damalige Verhältnisse eine lausige Partie. Die Männer aus Bukarest rennen und kämpfen, darin sind sie Barcelona überlegen. Barça mit dem Kopf und immer mehr auch mit den Füßen offenbar schon bei der Pokalübergabe. Wenig läuft zusammen, der große Bernd Schuster früh entzaubert. Gelingt mal ein Torschuss, ist dies kein Problem für den schnauzbärtigen Keeper von Steaua. Fußball zum Abgewöhnen wird durch ein torloses Remis nach 90 Minuten noch in eine quälende Verlängerung geschleppt. Steaua Bukarest schon zum Abpfiff der regulären Spielzeit ein moralischer Sieger, Barça blamiert, die Zuschauer gelangweilt und leidgeprüft. Etwas lag dennoch in der Luft. Der Langweiler wurde urplötzlich zum Krimi. Die 76.000 Fans und Zuschauer erwachten, als Michel Vautrot zum Elfmeterschießen bat, auch nach 120 Minuten stand es 0:0. Helmuth Duckadam bekam seine Chance auf Ruhm. Viermal muss er antreten, viermal bleibt er Sieger. Auch sein Gegenüber Javier Urruticoechea, genannt Urruti, hat einen großen Tag, er kann die ersten beiden rumänischen Elfer parieren. Nach jeweils zwei Schützen heißt es also weiter 0:0. Die nächsten beiden Schützen kann Urruti aber nicht stoppen, sein Kollege Duckadam schon. Als dieser den letzten Kullerelfer von Marcos hält, ist es totenstill im Stadion – bis es aus elf Spielern und 1.000 Rumänen herausbricht und allen klar wird, Steaua Bukarest hat den Europapokal der Landesmeister gewonnen. Der größte Sensationssieger in der Geschichte von Landesmeistercup und Champions League ist gemacht. Barcelona beendet eines seiner „Vize“-Jahre. Hinter Real in der Meisterschaft, hinter Saragossa im Pokal und hinter Steaua im Meistercup geht man komplett leer aus. Terry Venables verging sogar das Singen. Gesang und Ruhm gehörten an diesem Abend einem gewissen Herrn Duckadam, Vorname Helmuth. Europas Sportpresse überschlug sich schon zu dieser Zeit, der deutsche Boulevard kochte wegen des deutschen Namen Duckadam kräftig mit.

Mit dem Ruhm ist es so eine Sache, er verfliegt schneller als er kommt. Der erste Landesmeister-Triumph einer osteuropäischen Mannschaft brachte auch Helmuth Duckadam Ehre und Privilegien in seiner Heimat. Aber kurz nach diesem einmaligen Karrierehöhepunkt wurde Helmut Duckadam von einer lebensbedrohlichen Gefäßerkrankung am Arm heimgesucht. In einer komplizierten Operation konnte der Arm immerhin vor Amputation gerettet werden. Diese schwere Arterienerkrankung sorgte letztendlich für das Ende der aktiven Laufbahn als Fußballer mit 27 Jahren. Die Statistik dieser Laufbahn unspektakulär. 133 Erstligaspiele für UTA Arad und Steaua Bukarest. Zwei Einsätze in der rumänischen Nationalelf, zweimal rumänischer Meister und einmal Pokalsieger, Fußballer des Jahres 1986. Aber ewig der Glanz, die Nacht von Sevilla und der europäische Pott.

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Nach dem Fußball das Leben. Mit seiner ungarischen Frau hat der bodenständige Familienmensch Helmuth Duckadam einen Sohn und eine Tochter. Beruflich war er einige Jahre Grenzbeamter, versuchte sich mit der Wende einige Zeit in der Politik, leitete eine Fußballschule, die auch seinen Namen trug. Vor fünf Jahren dann ein großer Schritt zurück auf die Fußballbühne, deren Strahlkraft er in einer spanischen Nacht voll auskosten konnte. Nicht das Tor ist nun seine Heimat, sondern der Schreibtisch. Duckadam fungiert seit 2010 als Präsident von Steaua Bukarest. Helmuth is back!

Redaktion Magath & Fußball

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