Chile – Argentinien 4:1 i.E. (0:0 n.V.)


Veröffentlicht am 5. Juli 2015

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Gastgeber Chile gewinnt erstmals die Copa América

Im Vorfeld bei Fans wie Medien – nicht unter Spielern – ein unappetitliches Geklimper nebst Diffamierungen auf beiden Seiten. Alte politische Rivalitäten machten vor dem Sport mal wieder nicht halt. Dennoch, es traten zum Endspiel der Copa América 2015 die derzeit besten Teams des Kontinents an, kreuzten im Estadio Nacional in Chiles Hauptstadt Santiago die fußballerischen Klingen. In der Vorfeld-Rhetorik viel vom Generationengold die Rede. Dessen Glanz entfaltet sich im Fußball allerdings nicht immer, ist manchmal mehr Fluch als Segen. Auf der anderen Seite gibt es Siege von historischer Bedeutung. Chile gelang einer. Nun gehört man endlich zu den südamerikanischen Titelträgern. Auch Chile trat mit seiner „Goldenen Generation“ an, bessere Fußballer hatte das Land noch nie. Vor allem hatte man niemals ein besseres Team.

Wie oft trat schon eine „Goldene Generation“ an, die am Ende doch mit leeren Hände dastand. Ungarn war das dominante Team zu Beginn der Fünfziger Jahre. Hidegkuti, Puskás und Kocsis Teil einer „Goldenen Elf“, die vier Jahre und 32 Pflichtspiele unbesiegt blieb. Weltmeister wurde 1954 aber Deutschland. Portugals „Goldene Generation“ trat mit Luís Figo und Rui Costa sowie dem jungen Cristiano Ronaldo an um 2004 im eigenen Land Europameister zu werden. Im Endspiel zu Lissabon musste man sich den Griechen des Otto Rehhagel geschlagen geben. Die letzte Titeljagd der „Goldenen Generation“ Argentiniens ist nun auch zu Ende. Bei der Weltmeisterschaft 2018 wird der Kern dieser Mannschaft wohl zu alt sein. Die Messi, Mascherano, Di María und Demichelis werden außerhalb ihrer Clubs weiter ohne Titel bleiben. Chile war der Stolperstein und hat den Turnierheimsieg damit vollbracht. Das 2010 vom genialistischen Marcelo Bielsa auf den Weg gebrachte Projekt wurde von seinem Nachfolger Jorge Sampaoli zu einer der besten Nationalteams der Welt geformt und krönte sich nun selbst. Ein Land steht Kopf. Die Nation machte die Nacht zum Tag und feiert den ersten Copa-Sieg mit Enthusiasmus. Ende nicht absehbar.

Die Partie begann bissig. Der technischen Überlegenheit der Argentinier setzten die Hausherren gewohnte Zweikampfhärte entgegen. Die Männer um Kapitän Messi versuchten sich anfangs mit spielerischen Mitteln zu entziehen, um sich dann mehr und mehr auf die harte Gangart der Chilenen einzulassen. Das kolumbianische Schiedsrichterteam unter Leitung von Wilmar Roldán hatte alle Hände voll zu tun, um die Situation unter Kontrolle zu halten, im Ergebnis gab es in der ersten Halbzeit drei Gelbe Karten für die Chilenen Silva, Medel und Diaz. Eine Großchance für Chile in der zwölften Minute hätte dem Spiel eine andere Wendung geben können. Diaz, ungehindert im Strafraum, schoss nicht direkt, sondern versuchte auf Alexis Sánchez abzulegen, Chance vertan. Argentiniens beste Aktion im ersten Durchgang in der 21. Minute ein präziser Freistoß von Lionel Messi, der für den Kopf von Kun Agüero bestimmt war, in letzter Sekunde aber Chiles Torwart Claudio Bravo dazwischen. Die robuste Gangart nahm Richtung Halbzeitpause mehr und mehr zu, Offensivaktionen Mangelware. Bei den Argentiniern in der 29. Minute ein herber Verlust, Angel Di María hat offensichtlich kein Glück mit großen Endspielen. Er musste mit einer Verletzung am Oberschenkel vom Platz. Für ihn kam Ezequiel Lavezzi von Paris Saint-Germain, dem bis zum Pausenpfiff auch keine nennenswerten Aktionen gelangen.

Mit Anpfiff der zweiten Hälfte sollte sich dies anfangs ändern. Lavezzi in der 47. Minute mit einer guten Chance nach schönem Zuspiel von PSG-Teamkollege Javier Pastore, Chiles Keeper Claudio Bravo auf dem Posten. Die Argentinier und die Chilenen lieferten in diesen ersten Minuten des zweiten Durchgangs eine richtig gute Partie, vor allem die Chilenen überraschten nun mit mehr Spielwitz. Dies irritierte das argentinische Team und man setzte nun ebenfalls auf Härte. Gelbe Karten für die Gauchos Rojo und Mascherano waren die Folge. Die Partie begann ab der 55. Minute wieder zu verflachen. Auffällig nach einer Stunde, bis auf seinen Freistoß in der ersten Halbzeit wirkte Lionel Messi etwas lethargisch und hatte noch keine Bindung ans Spiel seiner Mannschaft. Die 45.000 Zuschauer sahen auf der Wegstrecke kein schönes aber ein hart umkämpftes Finale auf Augenhöhe. In der 65. Minute dann doch eine Messi-Aktion aus dem Spiel heraus. Vor der möglichen Explosion holte ihn Vidal sicherheitshalber von den Beinen. Der von Messi umgehend getretene Freistoß aus zwanzig Metern brachte keine Gefahr. Nach 70 Minuten auffälligster Akteur Juve-Mann Arturo Vidal für Chile, der über den Platz rackerte, als wolle er die Argentinier im Alleingang besiegen und sich immer offensiver orientierte. In der 75. Minute versuchte Argentiniens Trainer Tata Martino sein Angriffsspiel zu beleben und brachte für Agüero den Neapel-Angreifer Gonzalo Higuaín. Im Nachhinein wohl eine folgenschwere Einlassung. Eine Minute später verließ bei Chile Mittelfeldmann Jorge Valdivia für Matías Fernández den Platz, auch er ein Mittelfeldspieler und im Jahr 2006 sogar zum Fußballer des Jahres in Südamerika gekürt. Zehn Minuten vor Schluss wurde auch Lionel Messi aktiver, biss sich ins Spiel. Weiterhin eine hohe Quote an Fouls auf beiden Seiten und in der 83. Minute der letzte Wechsel bei Argentinien, der wirkungslose Pastore machte Platz für Éver Banega vom FC Sevilla. Nochmals keine glückliche Hand von Martino.

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Am Ende der regulären 90 Minuten ein heißer Fight. Gute Position für Sánchez, der aber verzog, kurz danach war Argentinien dran, machte sogar das erste Tor, allerdings klares Abseits. Das Schiedsrichterteam reagierte sofort und richtig. Dann das nächste Gelb für Chile, Charles Aránguiz war an der Reihe. Plötzlich wollte doch keiner in die Verlängerung, da wurden zwei Minuten Nachspielzeit angezeigt. Mit der letzten argentinischen Aktion leiteten Messi und Lavezzi noch eine Riesenchance für Higuaín ein, der vergab äußerst kläglich, traf nur das Außennetz. Gelbe Karte für Banega und ab in die Verlängerung.

Die begann wie alles vorher endete: hitzig. Chile machte in der 96. Minute von seiner letzten Auswechslung Gebrauch. Angreifer Eduardo Vargas musste Stürmerkollegen Ángelo Henríquez weichen. In der 105. Minute ein schwerer Mascherano-Fehler, Sánchez kann das Geschenk nicht nutzen, zieht den Ball aus bester Position über die Latte. Halbzeitpfiff der Verlängerung. Mit Beginn der letzten 15 Minuten die Chilenen wie ein wilder Stier, ein gewinnen wollen um jeden Preis beim Heimteam spürbar. Argentinien machte eher den Eindruck, sich auf das Elfmeterschießen verlassen zu wollen. Fünf Minuten vor Schluss spielt Vidal seinen Teamkollegen Aránguiz frei, der ebenfalls über die Latte zieht. Lavezzi versuchte für Argentinien noch einen Strafstoß zu schinden, der Schiedsrichter ließ sich nicht ein. Chile auf der Schlussgeraden wie aufgedreht, Argentinien mit dem Rücken zur Wand. Der Favorit hat über 120 Minuten arg enttäuscht, der Gastgeber sich teuer verkauft und mit der Karte Härte einen Trumpf gesetzt – aber mehr und mehr auch das Spiel dominiert.

Dann ging es zum Punkt. Die Copa 2015 und ihre Elfmetergeschichten. Das letzte Kapitel in der Angelegenheit also im Finale. Chile legt vor, Argentinien folgt:

Fernández für Chile, 1:0
Messi für Argentinien, 1:1

Vidal für Chile, 2:1
Higuaín für Argentinien, verschossen

Aránguiz für Chile, 3:1
Banega für Argentinien, Chiles Torwart Bravo hält

Sánchez für Chile, 4:1, Spiel für Chile entschieden

Endstand: Chile – Argentinien 4:1 i.E.
Sieger der Copa América 2015 und Kontinentalmeister Südamerika: Chile

Es war eine Menge los in Südamerika. Der deutsche Fußballfan davon aber ausgeschlossen. Ansonsten vollmundig auftretende Bezahlsender wie gleichermaßen von Gebühren finanzierte, öffentlich-rechtliche TV-Anstalten drehten dem deutschen Fußball-Publikum eine Nase und ließen die Copa 2015 ignorant aus. Ein sportfeindliches Armutszeugnis der besonderen Art. Der Sieg Chiles und der Jubel einer ganzen Nation sind trotz dieser medialen Unverschämtheit längst auf dem Weg um den Globus. Die Gratulation geht nach Chile.

Redaktion Magath & Fußball

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