Gelenkte Gier


Veröffentlicht am 18. Juli 2015

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Das aberwitzige Wechseltheater des Raheem Sterling

Ein Paradeexemplar des modernen Jungprofis, längst kein Einzelfall, ließ dieser Tage den Fußball in den Spiegel schauen und offenbarte mal wieder die dunkle Seite des Sports. In England ging ein gewaltiges Schmierentheater über die Fußballbühne. Der Hauptakteur eine Mischung aus unreifem Kind, großer Hoffnung und hohem Risikofaktor. Seine Torquote ist ausbaufähig, der linke Fuß schwach, die Launenhaftigkeit greifbar. Er ist jung und schnell, bringt Leben auf die Außenbahn, zeigt dabei erstaunliche Dribblings, die Flanken kommen meistens an. Dazu besitzt er noch einen englischen Pass. So etwas reicht aus, um in Englands Fußball als große Nummer zu gelten und für 69 Millionen Euro Ablöse den Verein zu wechseln.

Raheem Sterling hat sich im Vorjahr bei der Nationalmannschaft wegen Müdigkeit – zu jenem Zeitpunkt 19 Jahre alt – außerstande gesehen, eine Partie zu bestreiten. Nationaltrainer Roy Hodgson setzte den armen Abgekämpften brav auf die Bank, um den Jungspund bei Laune zu halten. Dieser dankte umgehend und zog die Nacht nach der Schläfrigkeit um die Häuser, inklusive Absacker in der Diskothek. An langweiligen Tagen erfreut er sich auch mal an Lachgas aus dem Luftballon, inklusive Beweisfoto in der Sun. Man darf in England zum Lachgas greifen, kein Problem. Sein Liverpooler Trainer Brendan Rodgers fand es allerdings nicht sehr lustig, bemängelte fehlende Professionalität und die falsche Einstellung zum Beruf. Sterlings Ruf hat all das nicht geschadet. Nach einem kurzen Aufschrei der gespielten Empörung liegt auch die englische Medien- und Fußballgesellschaft ihren Kickern treu zu Füßen. Es gibt nur wenige Fußballer, die den Unterschied machen und die Kasse klingeln lassen. Die Manege braucht stets frische Attraktionen. Raheem Sterling hat längst verinnerlicht, sich alles erlauben zu können, einer vergötterten Kaste anzugehören. Als er 17 Jahre alt, schrieb der englische Blätterwald schon vom künftigen Star, nicht vom großen Fußballer der Zukunft. Die Showsprache deckt den Sport längst zu. Heute zählt dieser Star 20 Jahre und ist ein Kind mit Konto und Berater.

Sterling brüskierte wochenlang seinen Verein FC Liverpool mit Schimpftiraden, um den Wechsel zu Manchester City zu forcieren. Dabei boykottierte er die Asienreise des Clubs und desavouierte den ohnmächtig dreinschauenden Reds-Manager Brendan Rodgers öffentlich, meldete sich „wegen Krankheit“ vom Training ab, ein Liverpool-Angebot nach dem anderen wurde höhnisch verspottet. Hört man Sterling-Interviews, ahnt man seine Gedanken und die steuernde Geldgier seines Beraters. Dieser Berater warf ein bezeichnendes wie freimütiges Licht auf seinen dubiosen Berufsstand mit einer Erklärung Richtung Liverpool: „Im Übrigen interessiert mich die Situation des Klubs nicht die Bohne.“ Dieser Gepetto erschuf sich seinen Pinocchio. Wie ein Mephisto der Neuzeit flüsterte er die finanziellen Töne seinem Mandanten mundgerecht ins Ohr und lenkte dessen unselbstständiges Geschick. Sterling plapperte frohgemut drauflos, 50.000 Euro pro Woche seien „eine starke Unterbezahlung“, die vom FC Liverpool in Aussicht gestellten 140.000 Euro pro Woche würden selbstverständlich „auch nicht genügen“. Nun ist er bei einem Jahresgehalt von 13 Millionen Euro angekommen. Den Briten, die sich kaum noch Tickets für Premier League Spiele leisten können, verschlug es die Sprache. Die Portokasse von ManCity-Besitzer Scheich Mansour bin Zayed Al Nahyan macht solche Eskapaden jederzeit möglich. Man will die nächste Meisterschaft und endlich die Champions League gewinnen, ein Wettbewerb in dem sich City stets chancenlos wie blamabel präsentierte. Ist Sterling der Spieler für große Titel? Noch ist der Beweis nicht erbracht.

Der infantile Neuzugang hat jedenfalls bekommen, wonach er kreischte und sein lenkender Berater gierte. Liverpool will beide schnell vergessen und die gewaltige Ablöse klug investieren. Der Saisonverlauf wird zeigen, ob das Geschäft gut war. In England herrschte einen Moment Entsetzen über das Gebaren von Sterling. Aber kaum war er in Manchester bei den Citizens angekommen, blitzten die Lichter und droschen die umgehend sprudelnden Phrasen der Realität den Kopf ein. The Show must go on! Beim ersten Tor im City-Trikot wird sich Sterling auf das Vereinsemblem klopfen und es küssen, so wie er es beim FC Liverpool getan. Alle werden dann glücklich das Geschöpf der Gier verehren. Als er in Manchester ankam, dankte er als erstes seinem Berater „für das Zustandekommen dieses Deals“. Einer, der in Manchester auch so manchen Arbeitstag verbrachte, allerdings bei den Red Devils, Sir Alex Ferguson, suchte einst Spieler mit Charakter. Bei Raheem Sterling wäre er nicht fündig geworden.

Redaktion Magath & Fußball