Zuverlässiger „Fußballgott“


Veröffentlicht am 22. Juli 2015

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Borussia Mönchengladbach und Tony Jantschke: Das passt!

Tony Jantschke ist anders als viele seiner Berufskollegen. Gladbachs Nummer 24 zählt nicht zu den schillernden Stars in der Manege, wirkt inmitten einer sämtlichen rationalen und gesunden Verhältnismäßigkeiten entrückten Branche beinahe wie ein Relikt aus längst vergangenen Tagen. Wie ein archaisches Überbleibsel aus einer Zeit, in der Fußball noch Fußball war und es weniger auf eine marktgerechte Inszenierung des Schauspiels, als auf die nüchterne, sportliche Leistungsfähigkeit ankam. Jantschke ist weder Selbstdarsteller noch Lautsprecher, wirkt wesentlich älter, reifer als jene 25 Jahre, die sein Spielerpass ausweist. Auf Auswärtsreisen spielt er lieber Skat oder Doppelkopf, wenn die meisten Teamkollegen den DVD-Player oder das iPad vorziehen. Im Großen und Ganzen ist er einfach er selbst, weiß was er kann und ist damit bislang außerordentlich gut gefahren. Jantschke muss niemandem mehr etwas beweisen, hat sich dennoch in seinem öffentlichen Auftreten stets eine angenehme Bodenständigkeit bewahrt. Freilich hat auch der gebürtig aus Hoyerswerda im sächsischen Landkreis Bautzen stammende Defensivspezialist gelernt, mit der Zeit zu leben, besitzt inzwischen natürlich einen Twitter-Account, pflegt sein eigenes Facebook-Profil. Das alles aber wirkt bei ihm echt und weniger künstlich – wie seine Verbundenheit zur Borussia aus Mönchengladbach. So etwas kommt an bei den Fans, erst recht am Niederrhein, wo sich Tony Jantschke bei der aufstrebenden Fohlenelf auch dank Lucien Favre zum unverzichtbaren Leistungsträger und Anführer entwickelt hat.

Mehr noch, bei der Gladbacher Anhängerschaft ist der ebenso schnörkellos wie abgeklärt daherkommende Abwehrmann in der zurückliegenden Saison endgültig zur absoluten Nummer eins aufgestiegen. Wenn Stadionsprecher Torsten Knippertz den Aufstellungsbogen verliest, intoniert die Nordkurve im Borussia-Park beim Namen Tony Jantschke ein lautstarkes „Fußballgott!“. Dass dieses Ritual weniger an atemberaubenden Dribblings, technischen Kabinettstückchen oder tollen Toren festzumachen ist, dessen ist sich der Publikumsliebling bewusst – und nimmt es mit Humor: „Das ist eine riesige Ehre für mich – zumal jeder weiß, dass ich nie ein Zinedine Zidane werde und auch kein Cafu. Aber das erwartet auch niemand von mir. Ich bin nun mal kein großer Techniker, sondern eher der Typ ehrlicher Arbeiter.“ In dieser Rolle hat es Jantschke, der die Borussia in Abwesenheit von Martin Stranzl im vergangenen Spieljahr häufig sogar als Kapitän aufs Feld führte, wahrlich zu einer Art Meisterschaft gebracht – und erntet nun den verdienten Lohn. „Gut möglich, dass die Fans einfach anerkennen, dass ich mich ganz und gar zur Borussia bekenne. Ich bin schon einige Jahre hier und will noch lange bleiben“, verspricht der gemeinsam mit Ersatzkeeper Christofer Heimeroth dienstälteste Gladbacher.

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Unter Favre zur festen Konstante

Neun Jahre ist es mittlerweile her, dass sich Tony Jantschke im Alter von 16 Jahren für das Jugendinternat am Borussia-Park entschied – eine Ausbildungsstätte, die seit jeher zu den landesbesten zählt. Ein gewisser Max Eberl, damals beim VfL 1900 noch als Jugenddirektor aktiv, hatte sich zuvor intensiv um die Dienste des sächsischen Nachwuchstalents bemüht und, wie sich später herausstellen sollte, einen echten Glücksgriff gelandet. Für Jantschke, der sein Rüstzeug zunächst beim heimischen Hoyerswerdaer SV Einheit sowie beim FV Dresden-Nord, heute besser bekannt als SC Borea Dresden, mit auf den Weg bekam, war der Sprung in den äußersten Westen der Republik ein gewaltiger. Die große Entfernung zu Familie und Freunden – zwischen Hoyerswerda und Mönchengladbach liegen über 700 Autokilometer – machte ihm insbesondere in seiner Anfangszeit schwer zu schaffen. Umso dankbarer ist er für die große Unterstützung, die ihm dereinst seitens der Borussen-Familie zuteilwurde. Bis heute kümmert sich die Familie Lintjens, deren Sohn Sven es für die Fohlen in der Saison 1997/98 immerhin auf zwei Bundesliga-Einsätze brachte, mit Hingabe und Herzlichkeit um die Neuankömmlinge im Gladbacher Jugendinternat. Jantschke hat diese für ihn besonders wichtige Zuneigung nie vergessen und zahlt das anfangs in ihn gesetzte Vertrauen heute mit beeindruckender Konstanz und Zuverlässigkeit auf allerhöchstem Niveau doppelt und dreifach zurück. Zu vielen Vereinsangestellten pflegt er trotz des anspruchsvollen Profi-Terminplans ein enges Verhältnis, betrachtet dies als reine Selbstverständlichkeit. Auch seine Wurzeln in Hoyerswerda, einer mittleren Kleinstadt im sorbischen Siedlungsgebiet, 55 Kilometer nordöstlich von Dresden gelegen, hat er nie verleugnet. Im Gegenteil: Das von ihm im Jahresrhythmus ausgerichtete „Tony Jantschke Fußballcamp“ zeugt von großer Verbundenheit zum Ort seiner Herkunft. Eines Tages möchte er in der Heimat auch seine Karriere ausklingen lassen.

Das jedoch scheint zum jetzigen Zeitpunkt noch eine halbe Ewigkeit entfernt. Mit 25 Jahren steht der Defensivallrounder gerade in der Blütezeit seiner Laufbahn, nährt sich allmählich dem perfekten Fußballalter und ist bei der Borussia spätestens seit der Amtsübernahme von Lucien Favre im Februar 2011 nicht mehr wegzudenken. In den letzten vier Jahren absolvierte Tony Jantschke 125 der 136 Bundesliga-Begegnungen, ein beachtlicher Wert, der seinen Stellenwert für das Favre-Ensemble illustriert. Egal für welche Rotation sich der Schweizer entscheidet, Jantschke ist eine Konstante. Mal als Innenverteidiger, dann wieder rechts in der Viererkette weiß er durch taktische Disziplin und Flexibilität zu überzeugen. Obwohl er mit gerade einmal 1,77 Meter über alles andere als Verteidiger-Gardemaße verfügt, ist Jantschke der unumstrittene Abwehrchef beim frischgebackenen Champions League Teilnehmer.

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Doch das war nicht immer so. Nach seinem Bundesliga-Debüt unter Hans Meyer im Spiel gegen Cottbus im November 2008 absolvierte er, damals noch vorrangig im defensiven Mittelfeld eingesetzt, in seinen ersten beiden Spielzeiten lediglich zehn Erstligapartien. Zwar wurde Jantschke kurze Zeit später durch seinen Premierentreffer gegen Leverkusen mit 18 Jahren und 243 Tagen zum drittjüngsten Torschützen der Gladbacher Bundesliga-Historie, Spielpraxis aber sammelte er 2008/09 sowie 2009/10 vorwiegend in der Regionalliga West. Der endgültige Durchbruch bei den Profis folgte schließlich in der Saison 2010/11, als Jantschke im Saisonfinale Tobias Levels verdrängte und ab dem 25. Spieltag lediglich eine Minute verpasste. Auch in den beiden dramatischen Relegationsduellen mit dem VfL Bochum, die letztlich zum Wendepunkt der jüngeren Clubhistorie wurden, stand er seinen Mann und ist seither fester Bestandteil einer aufstrebenden und begeisternden Elf vom Niederrhein.

„Jeder weiß genau, was er von mir bekommt“

Als Anfang 2014 bekannt wurde, dass Tony Jantschke seinen Vertrag beim fünffachen Deutschen Meister der Siebziger um vier weitere Jahre bis 2018 verlängern würde, kam das deshalb nicht überraschend. Vereinstreue ist für Jantschke, auch das unterscheidet ihn von vielen seiner Zunft, nicht bloß eine Floskel, sondern die logische Konsequenz einer funktionierenden Beziehung. „Borussia ist ein Superverein, wir sind erfolgreich, und ich habe immer das Gefühl, dass man schätzt, was ich leiste. Jeder weiß genau, was er von mir bekommt. Das wird anerkannt, und damit bin ich vollauf zufrieden.“ Tatsächlich kann sich das, was Jantschke seit geraumer Zeit auf den Platz bringt, sehen lassen. 60 Prozent gewonnene Zweikämpfe, eine starke Quote von 87,8 Prozent erfolgreicher Zuspiele und 77,4 Ballkontakte pro Spiel waren es in der abgelaufenen Runde. Das reichte für einen Platz in sämtlichen Saison-Bestenlisten sowie für eine deutliche Steigerung des eigenen Marktwerts auf nunmehr stolze neun Millionen Euro.

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Besonders bemerkenswert ist die Fairness, mit der Jantschke dabei zu Werke geht. Nicht mehr als 20 Gelbe Karten kassierte der Abräumer in seinen 125 Ligapartien der letzten vier Jahre. Ein Platzverweis war trotz seiner Leidenschaft für körperbetonten Sport – Jantschke ist bekennender Anhänger des NFL-Teams der New England Patriots – nicht dabei. Die klassische Grätsche bringt er meist erfolgreich an, oft unterbindet er gefährliche Gegenstöße aber schon durch kluges Stellungsspiel und eine überdurchschnittliche Spielintelligenz. Der Schnellste war der Gladbacher Abwehrorganisator dagegen nie und wird es vermutlich auch nicht mehr werden – möglicherweise aber ärgern sich einige bei Dynamo Dresden noch heute, dass man ihn einst aufgrund eines nicht bestandenen Sprinttests ablehnte. Diese Anekdote indes zeigt eines ganz deutlich: Tony Jantschke verfügt vielleicht nicht über das größte Talent. Mit einer beispielhaften Berufsauffassung aber hat er aus seinen Möglichkeiten das Beste gemacht und ist sich dabei stets treu geblieben. Warum es bislang dennoch „nur“ zu 49 Einsätzen in den DFB-Juniorenteams gereicht hat, bleibt das Geheimnis des Bundestrainers.

Redaktion Magath & Fußball

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