Zwischen Fußballfeld und Stadionlaufbahn


Veröffentlicht am 1. August 2015

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Im Finale gegen Aston Villa gewann Club Atlético Peñarol 1982 zum dritten Mal den Weltpokal. Die große Zeit von Isabelion Gradín war da schon lange vorbei.

Im Finale gegen Aston Villa gewann Club Atlético Peñarol 1982 zum dritten Mal den Weltpokal. Die große Zeit von Isabelino Gradín war da schon lange vorbei.

Isabelino Gradín war ein besonderer Sportler

In Süd- wie Mittelamerika schwärmt man gerade vom Mexikaner Jürgen Damm, dem Flügelflitzer vom diesjährigen Copa Libertadores Finalisten UANL Tigres aus Mexiko. Der ist schnell wie die legendäre Trickfilm-Maus „Speedy Gonzales“, bringt es mit dem Ball am Fuß laut Messdaten auf etwa 35 Kilometer pro Stunde, darin ähnlich dem Waliser Gareth Bale. Beide Flügelflitzer werden als Tempowunder gehandelt, haben allerdings darin kein Alleinstellungsmerkmal. Schon in alter Fußballzeit gab es einen flotten wie legendären Vorläufer, der ihnen in nichts nachstand, einst auf schnellen Füßen unterwegs war. Seine Laufleistungen wurden allerdings mit Medaillen gekrönt. Wer durch die Ciudad Vieja schlendert, die traumhafte Altstadt von Uruguays Hauptstadt Montevideo, kann über kurz oder lang auch auf die Plaza Isabelino Gradín gelangen und eine Denkmalstelle mit gleichem Namen entdecken. Benannt nach einem der großen Fußballer und Sportler Lateinamerikas: Isabelino Gradín.

Der von afrikanischen Einwanderern abstammende Gradín wurde 1897 in Montevideo geboren, wuchs dort auf und bolzte mit Freunden auf den Straßen der Hauptstadt. Im Alter von 17 Jahren wurde er vom Club Atlético Peñarol entdeckt und mit 18 Jahren war er dort bereits Stammspieler. Peñarol wurde damals als einer der besten Fußballclubs der Welt angesehen. Außerdem war die Entscheidung folgerichtig. Das andere Team in der Stadt, El Nacional de Montevideo, duldete keine Schwarzen in seinen Reihen und lebte diese Art von Rassismus offen aus. Peñarol dagegen seit Gründung weltoffen und aufgeschlossen. Sein Debüt in der Ersten Mannschaft gab der Spieler Gradín dann umgehend 1915 im Angriff des legendären Clubs. Es muss ein atemberaubender Karrierebeginn gewesen sein, schnell wurde Isabelino Gradín der absolute Publikumsliebling. Der uruguayische Journalist Eduardo Galeano erinnerte sich in einem berühmten Fußballessay an die Geschichten seiner Eltern, wenn sie auf Gradín zu sprechen kamen: „Die Leute erhoben sich von ihren Sitzen, als er mit erstaunlicher Geschwindigkeit, den Ball am Fuß, auf Touren kam und ohne zu stoppen seine Rivalen umkurvte, dabei noch erfolgreich zum Abschluss gelangte.“ Gradín nahm Jubel immer bescheiden hin und konzentrierte sich auf den Sport, der ihm Lebenselixier. Bald stellte sich zur Ballliebe seine gleichermaßen Zuneigung am Laufen heraus und er trat folgerichtig der Leichtathletikabteilung bei. Hier verwischen die Parallelen zu Damm und Bale.

1915 wurde Gradín für die Fußballnationalmannschaft seiner Heimat nominiert, nahm 1916 mit dieser an der ersten Südamerikameisterschaft „Campeonato Sudamericano“ in Argentinien teil und leistete Historisches. Während im angeblich so fortschrittlichen Europa der Erste Weltkrieg tobte und Millionen Menschen sinnlos abgeschlachtet wurden, spielte in Südamerika erstmals ein Schwarzafrikaner in einer Nationalmannschaft. Im Auftaktspiel gegen Chile schoss Isabelino Gradín beim 4:0-Sieg seines Teams gegen Chile zwei Tore. In Uruguay war man stolz auf seinen Helden, aus Chile gab es böse Anfeindungen, die auch von den Teamkameraden Gradíns und von dessen Verband solidarisch abgewehrt wurden. Uruguay gewann die Copa und Isabelino Gradín wurde mit drei Treffern aus drei Spielen alleiniger Torschützenkönig.

Sechs Spielzeiten war Gradín für seinen Club Peñarol aktiv, danach für den Athletic Club Olympia. Zwischen 1918 und 1921 gewann er mit Peñarol die Meisterschaft. 1916 und 1917 wurde er mit Uruguay Südamerikameister, zwischen 1915 und 1927 spielte er 27-mal für sein Land und erzielte dabei zehn Tore. Ab 1918 nahm die Trainingsintensität in Sachen Leichtathletik bei ihm zu, er wollte auch dort an internationalen Meisterschaften teilnehmen und Titel gewinnen. Es gelang ihm glanzvoll. Zwischen 1918 und 1922 gewann er vier Goldmedaillen bei den südamerikanischen Meisterschaften über 400 Meter, außerdem gewann er zweimal Gold und einmal Bronze über 200 Meter und zwei weitere Goldmedaillen in der 4 mal 400 Meter-Staffel. Der uruguayische Sportjournalist Alfredo Etchandy zu dieser Leistung: „Seine Heldentaten und Leistungen in der Leichtathletik waren so groß, dass Uruguay fast 60 Jahre warten musste, um wieder so einen Sieger zu haben.“

Zuneigung und Ruhm halfen ihm nicht. Seine letzten Jahre lebte Gradín in bitterer Armut. Wie viele Spieler seiner Zeit, war er Fußball- und Sportamateur, spielte und lief nicht für Geld. Kurz vor seinem Tod besuchten ihn Spieler des aktuellen Teams von Peñarol noch am Krankenhausbett. Am 21. Dezember 1944 verstarb ihr Idol im Alter von 47 Jahren. Sogar der peruanische Dichter Juan Parra del Riego widmete dem dynamischen Sportler ein in Südamerika bekanntes Gedicht. Der ehemalige Peñarol-Präsident Juan Ignacio Ruglio schwelgt noch heute in blumigen Worten: „Bis heute leben die Geschichten von Gradín im Verein und im Land. Seine große Begabung, seine Liebe zum Spiel, zum Ball und zur Leichtathletik sind unvergessen. Er muss großartig gewesen sein.“ Die Geschichte von Isabelino Gradín ist im Goldenen Buch des Clubs Peñarol zu lesen, herausgegeben zur Hundertjahrfeier des Vereins 1991. Der Blick hinein lohnt und atmet Fußballgeschichte im Großen wie im Kleinen.

Redaktion Magath & Fußball