Bundesliga-Saison 2015/16


Veröffentlicht am 13. August 2015

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Eine Prognose von Felix Magath

Liebe Leser, Freunde und Fans,

hier im Überblick für Euch meine Prognose für den Ausgang der bevorstehenden Bundesliga-Saison 2015/16. Dabei zusammengefasst, die in mehreren Kolumnen veröffentlichten, inhaltlichen Begründungen, weshalb und warum ich für den jeweiligen Verein diese oder jene Platzierung erwarte. Ich habe mich nicht von Sympathien oder Vorlieben leiten lassen, sondern bin ausschließlich meiner sportlichen Einschätzung und Bewertung nach Eindrücken vor Beginn der Saison gefolgt. Ich freue mich auf Eure Reaktion, Meinung und Kritik, die Ihr wie immer bei Magath-Facebook gerne hinterlassen könnt. Danke für Eure Aufmerksamkeit.

Mit sportlichen Grüßen
Felix Magath

Platz 1: FC Bayern München
Der FC Bayern wird Meister. Vermutlich holt er auch den DFB-Pokal, und in der Champions League ist sicher das Halbfinale drin. Da könnte man sich kurz fassen. Dennoch lohnt sich ein intensiverer Blick. Alle diskutieren in diesen Tagen über die Hängepartie um Pep Guardiola – daran kommt man auch nicht vorbei. Es deutet sich nicht gerade an, dass er noch über 2016 hinaus Bayern-Trainer bleibt – sonst hätte er längst ein Signal an die Verantwortlichen gesendet. Inzwischen nervt ihn das Thema. Verständlich. Er weicht Fragen aus, die Atmosphäre rund um ihn wirkt angespannt. Diese Situation ist belastend für den ganzen Klub. Sollte in der Trainerfrage nicht schnell ein klärendes Wort fallen, könnte es eine schwierige Saison für die Bayern werden. Dass Erfolg auch mit einem scheidenden Coach möglich ist, hat im Übrigen erst Vorgänger Jupp Heynckes bewiesen, der das Triple nach München geholt hat. Dennoch hängt am Thema Guardiola ein weiterer Aspekt: Bei den Bayern spielen inzwischen fast so viel spanisch wie deutsch sprechende Profis. Dadurch entstehen Blöcke innerhalb einer Mannschaft. Wenn es dann noch Animositäten untereinander gibt, kommen Probleme auf. Daher wiegt der Abgang von Bastian Schweinsteiger besonders schwer. Ihn darf man nicht nur an seinen Pässen und Laufwegen messen. Er war eine Persönlichkeit und Integrationsfigur. Bayerns Neuzugänge begeistern derweil schon viele. Douglas Costa verfügt natürlich über außerordentliche Qualitäten, wie so viele brasilianische Spieler. Aber bei ihnen ist immer auch die Stimmung wichtig. So leicht wie in der Ukraine wird es für ihn in der Bundesliga nicht. Arturo Vidal hat angekündigt, dass er sich ändern wolle. Ich weiß gar nicht, ob das so gut ist. Denn seine Klasse hat er nun einmal deshalb, weil er eben ist, wie er ist. Umgekehrt stellt sich dann die Frage, ob die Mitspieler einen solch extrovertierten Spieler akzeptieren. Alles in allem wird der Kampf um die Meisterschaft in dieser Saison enger und spannender als im Vorjahr. Dennoch ist die Qualität der Bayern-Mannschaft ohne Frage groß genug für den Titel!

Der Audi Cup soll für die beiden Neuzugänge Arturo Vidal (links) und Douglas Costa nicht der letzte Titel mit dem FC Bayern gewesen sein.

Der Audi Cup soll für die beiden Neuzugänge Arturo Vidal (links) und Douglas Costa nicht der letzte Titel mit dem FC Bayern gewesen sein.

Platz 2: VfL Wolfsburg
Eines steht fest: Die Rolle als Bayern-Jäger Nummer eins hat der VfL sicher! Was auch sonst!? Geldgeber VW ist als internationaler Konzern an internationalen Top-Spielen interessiert. Für Spieler wie De Bruyne (25 Millionen), Luiz Gustavo (16 Mio.), Schürrle (32 Mio.) oder Kruse (zwölf Mio.) wurden beachtliche Summen bezahlt – da ist die Qualifikation zur Champions League schon das Mindeste der Gefühle. Und trotz aller Möglichkeiten darf man gespannt sein, wie sich die Personalie Kevin De Bruyne (24) entwickelt. Er weckt Begehrlichkeiten bei Europas absoluten Top-Adressen. Und wenn der Spieler unbedingt gehen will, wird er gehen. Mit dieser Problematik muss auch der VfL leben. Ich kann mir aber vorstellen, dass es den Verantwortlichen in diesem Jahr noch gelingt, ihn zu halten. Denn insgeheim glauben die Wolfsburger, dass sie die Bayern nun angreifen können. Und sie wissen: So etwas könnte nur mit De Bruyne gelingen. Wohlgemerkt: „könnte“! Denn der VfL hat zwar eine eingespielte Mannschaft, mit tollen Kräften in der Offensive und wird auch eine Top-Saison spielen – aber am Ende nicht an die Qualität der Bayern-Mannschaft heranreichen können.

Platz 3: Bayer 04 Leverkusen
Im Bayer-Kader steckt Qualität – keine Frage! Leverkusen hat erneut eine sehr spielstarke Mannschaft. Trotzdem sehe ich auch Schattenseiten – das Karriereende von Simon Rolfes kann vielleicht noch aufgefangen werden, doch die Abgänge von Gonzalo Castro und Stefan Reinartz sind nur schwer kompensierbare Verluste. Außerdem trifft die Verletzung von Ömer Toprak das Team schwer. Die Mannschaft hat sicherlich Stärken im Spiel nach vorne. Vor allem ein Typ wie Hakan Çalhanoğlu hat großes Potential. Er spielt aber oft noch mit zu hohem Risiko, muss lernen, ernsthafter und erfolgsorientierter zu agieren. Auch der Koreaner Heung-Min Son ist ein Juwel. Für beide aber gilt: Nur mit Leichtigkeit geht es auf dem Top-Niveau nicht. Christoph Kramer kommt zurück – er ist eine Verstärkung. Bayers größtes Problem aber liegt in der Struktur des Klubs. In Leverkusen fehlt einfach die Existenzangst, die andere Klubs antreibt; wo es um jeden Platz in der Tabelle geht, um TV-Gelder und Sponsoren-Zahlungen. Bayer geht’s (zu) gut – egal, wo die Mannschaft steht. Vielleicht ist das ein Grund, dass man nie ganz vorne gelandet ist. Aber dennoch muss man anerkennen, dass Bayer seit Jahren eine konstant gute Rolle spielt – und auch in der kommenden Saison spielen wird!

Platz 4: Borussia Mönchengladbach
Für mich ist er der beste Trainer der Bundesliga: Lucien Favre! Denn man sollte das Ergebnis der Arbeit eines Trainers immer in Relation zu den finanziellen Möglichkeiten setzen. Er hat die Borussia in einer ausweglosen Situation übernommen und holt aus dem ihm zur Verfügung stehenden Kader stets das Maximum heraus. Außerdem beweist er noch das richtige Gespür beim Umgang mit etwas schwierigeren Stars wie Max Kruse oder bei Talenten wie Granit Xhaka. Die Borussia hat in der Vergangenheit schon Top-Stars wie Reus und Dante verloren, Favre entwickelte aber immer wieder eine konkurrenzfähige Mannschaft. Er ist ein akribischer Arbeiter, kein Lautsprecher und Showmaster. Das ist sein Weg zum Erfolg! Mit Kramer und Kruse sind nun erneut zwei wichtige Stützen des Teams weggebrochen. Lars Stindl kann die Mittelfeldlücke sicher schließen, er ist ein Leader-Typ. Skeptischer bin ich bei Josip Drmić, der im Gegensatz zu seinem Vorgänger ein klassischer Torjäger ist. Kruse dagegen hatte variabel und flexibel am Spiel teilgenommen. Die Mannschaft muss sich offensiv also neu einstellen. Von Patrick Herrmann erwarte ich viel, er hat sich zuletzt sehr gut entwickelt. Wenn er weiter so arbeitet, dann kann er mit den Champions-League-Spielen einen großen Sprung machen. Viele Profis werden erst so richtig gut, wenn sie internationale Top-Spiele absolvieren. Nun wartet auch die Champions League. Eine tolle Herausforderung für die Borussia. Und wenn einer seiner Mannschaft bei dieser Doppelbelastung, die auch die Gefahr von Konzentrationsverlust birgt, die richtigen Ratschläge geben kann, dann sicherlich Favre. Die Borussia wird erneut überzeugen!

Platz 5: Borussia Dortmund
Dortmund hat in den Tests noch nicht überzeugt. Aber man sollte die Vorbereitungszeit nie als Maßstab nehmen. Umgekehrt auch nicht die zweite Halbzeit am Donnerstag gegen Wolfsberg. Von der Qualität der Teams ist das Resultat für mich eine Selbstverständlichkeit. Alles andere wäre beunruhigend gewesen. Viele Fans hoffen, dass Dortmund wieder zur alten Stärke zurückkehrt. Die Erfolge der Vergangenheit aber lasten auf dem Klub. Thomas Tuchel soll Impulse geben und muss zugleich enorme Erwartungen erfüllen. Auf ihn wartet viel Arbeit. Das Zusammenspiel zwischen Defensive und Offensive hat nicht immer richtig funktioniert. Außerdem war die Effektivität im Abschluss nicht mehr so wie in den Meisterjahren. Dennoch: Der BVB hat immer noch ein Team, das zu den besten der Liga gehört. Sie sind die Einzigen, die womöglich in die Phalanx der Top-Vier der vergangenen Saison einbrechen können. Ich sehe sie aber noch (lange) nicht wieder in der Liga-Spitze.

Platz 6: VfB Stuttgart
Im letzten Jahr mussten sie bis zum Schluss zittern, in dieser Saison wird die Konkurrenz den VfB fürchten! Vor allem, wenn das Offensiv-Duo Daniel Didavi und Daniel Ginczek die gute Endphase der letzten Saison in diese Spielzeit rettet. Generell ist es die Aufgabe, den Schwung und die Euphorie der letzten Wochen mit in diese Saison zu nehmen. Nur im Tor, da war ein Wechsel angebracht. Sven Ulreich wurde nie 100-prozentig akzeptiert, weder im Klub noch im Umfeld. Es war die richtige Entscheidung, zwei neue Torhüter zu verpflichten. Neu ist auch Trainer Alexander Zorniger. Als Trainer wäre er gut beraten, wenn er die zuletzt erfolgreiche Arbeit von Huub Stevens fortsetzt und lediglich verfeinert. Wenn er alles auf den Kopf stellt, kann das gut gehen, es birgt aber ein Risiko. Da die Mannschaft kaum verändert wurde, wird der VfB an der grundsätzlichen Ausrichtung nicht viel ändern. Und da war Angriff die beste Verteidigung. Für mich kann Stuttgart die Überraschungsmannschaft der Saison werden.

Platz 7: Schalke 04
Schalke kommt nicht vom Fleck. So sehr sich die Anhänger auch nach großen Erfolgen sehnen, die Unruhe im und um den Klub belastet zu sehr. Und das bleibt nicht ohne Folgen – in den letzten Spielzeiten ist wieder eine deutlich abwärtsgerichtete Tendenz sichtbar. Nun stellt sich ein neuer Coach dieser Herausforderung. André Breitenreiter hat in Paderborn sehr gute Arbeit geleistet, vor allem im Aufstiegsjahr mit schönem Offensivfußball. Nun aber muss er den Nachweis erbringen, dass er auch mit einer Mannschaft wie Schalke in der Bundesliga funktioniert. Dass Schalke vor ihm mit anderen Trainern verhandelt hat, stärkt nicht gerade seine Position. Mit Franco Di Santo (26) hat Schalke einen guten Spieler verpflichtet. Es wird für den Trainer aber nicht einfach, seine Offensive zu formieren. Di Santo und Klaas-Jan Huntelaar (31) sind beide ausgesprochene Torjäger, die genau stark im Zentrum sind. Es besteht die Gefahr, dass sie sich buchstäblich auf den Füßen stehen. Spannend ist auch die Personalie Julian Draxler (21). Er hat unter mir sein Bundesliga-Debüt gegeben, ist dann aber nicht weitergekommen. Was auch an der Verpflichtung von Kevin-Prince Boateng lag. Er hat Julians Entwicklung behindert: Denn Draxler muss im Zentrum spielen, hinter den Spitzen. Dort bringt er seine beste Leistung, nicht auf den Außenbahnen. Ob mit oder ohne ihn, der S04 wird nicht nach oben schauen dürfen.

Franco Di Santo (links) und Julian Draxler könnten beim FC Schalke 04 ein neues Traumgespann bilden.

Franco Di Santo (links) und Julian Draxler könnten beim FC Schalke 04 ein neues Traumgespann bilden.

Platz 8: Eintracht Frankfurt
Die Eintracht ist ein schwieriger Verein, anders als der Nachbar Mainz nur schwer lenkbar. So war auch die Unruhe um Trainer Thomas Schaaf hausgemacht. Typisch Frankfurt. Mich wundert nicht, dass solch ein erfahrener Mann nach nur einem Jahr wieder ging. Die Rückkehr von Armin Veh ist in dieser Situation das Beste, was der Eintracht passieren konnte. Er kennt die Mannschaft, den Verein, das Umfeld. Er weiß, wie die „Diva vom Main“ tickt. Aber auch er kann nicht zaubern. Auf dem Transfermarkt wurde kein übergroßes Risiko eingegangen. Die Perspektive ist daher erneut überschaubar. Zudem gibt es zwei Problemfelder: Im Tor ist Stamm-Torwart Kevin Trapp nicht mehr da und Torjäger Alexander Meier fehlt zu Saisonbeginn noch einige Wochen. Er ist ein besonderer Spieler. Kein richtiger Stürmer, kein richtiger Mittelfeldspieler, aber immer gefährlich. So einer wird schmerzlich vermisst werden. Mit ihm könnte die Eintracht sogar Richtung Europa League schielen. So bleibt’s aber einmal mehr bei einer Saison im Mittelmaß.

Platz 9: FC Augsburg
Die Nachricht war bemerkenswert: Nach dem sensationellen Erreichen des fünften Platzes hat sich Trainer Markus Weinzierl nicht von Schalke wegkaufen lassen. Meines Erachtens eine richtige Entscheidung! Er passt zum Verein und zum Umfeld. Außerdem läuft ihm die Zeit nicht weg. Er kann immer noch neue Herausforderungen suchen. Weiter empfehlen kann er sich in der kommenden Spielzeit – die wird hart für den FCA. Schluss mit eitel Sonnenschein! Im Vorjahr haben alle am oberen Limit gespielt, jetzt kommt mit der Europa League eine zusätzliche Aufgabe hinzu. Internationale Spiele sind für jeden Profi die Höhepunkte und Augsburgs Spieler kennen solche Highlights kaum. Daher fehlt ihnen die Routine, damit umzugehen. Bayern-Profis können drei Tage nach einem Champions-League-Spiel eine Partie in der Liga schon mal mit 75 Prozent Einsatz gewinnen, die Augsburger nicht. Daher wird es im Herbst knifflig. Auch ist auf dem Transfermarkt noch nicht viel passiert, da muss Stefan Reuter noch ein bisschen arbeiten. Neuzugang Trochowski hat sich gleich schwerer verletzt. Linksverteidiger Baba lockt das Geld nach Chelsea. Solche Spieler wie Baba kommen nicht jede Woche in Augsburg vorbei. Das erfordert vom Scouting eine gute Nase, um Ersatz zu finden. Gut deshalb, dass Mittelfeld-Chef Daniel Baier verlängert hat. Ich schätze, am Ende wird der FCA einige Plätze weiter hinten landen. Das bedeutet aber in meinen Augen keinen Rückschritt, sondern eine Bestätigung!

Platz 10: SV Werder Bremen
Viktor Skripnik hat Werder in der letzten Saison wiederbelebt. Fast schon hatte man Bremen komplett abgeschrieben – letzter Platz, miese Stimmung. Doch dann gelang dank der richtigen Trainer-Entscheidung die Wende. Viktor, den ich in der Saison 1998/99 noch selbst trainiert habe, ist kein Frischling. Er war ukrainischer Nationalspieler, hat Bundesliga-Erfahrung und kennt Bremen durch seine langjährige Arbeit im Nachwuchsbereich in- und auswendig. So hat er für seine erste Cheftrainer-Aufgabe schon ausreichend Erfahrung mitgebracht. Jemand, der alles selbst erlebt hat, der weiß Bescheid. Skripnik ist ein leiser Typ, ein fleißiger Arbeiter. Zusammen mit Marco Bode als Aufsichtsratschef und Thomas Eichin als Sportdirektor bildet er ein stabiles Trio, das den Verein wieder geeint und die Querelen beseitigt hat. Aber: Gute Stimmung allein schießt keine Tore! Erst zog es Davie Selke nach Leipzig, dann Franco Di Santo nach Schalke. Anthony Ujah ist sicher ein guter Stürmer, aber ein ganz anderer Typ. Ich bin skeptisch, ob die Lücken in der Offensive geschlossen werden können. Daher steht Bremen für mich vor einer schwierigen Saison.

Platz 11: Hamburger SV
Der HSV tut der Liga gut. Weiterhin gibt es einen Klub, der noch nie abgestiegen ist. Ein Dino, ein Novum. Klar war es knapp – in den Duellen mit dem Karlsruher SC vielleicht nicht einmal verdient. Und unter dem Eindruck dieser Relegation fällt es denn auch schwer, unter den HSV-Fans große Hoffnung zu verbreiten. Aber durch den Abgang von Rafael van der Vaart wird der HSV stärker! In der letzten Saison wurde auf ihn fast die ganze Verantwortung und Belastung geladen. Die anderen Spieler haben ihm diese Rolle unbewusst überlassen und konnten sich so zurückziehen. Bei der Besetzung des Cheftrainer-Postens hatten die HSV-Verantwortlichen davor zu großes Vertrauen in sich selbst. Joe Zinnbauer und Peter Knäbel waren Entscheidungen, die von der Mannschaft nicht mitgetragen wurden. Mit Bruno Labbadia ist dort nun eine Respektsperson. Er belegt, dass die Reputation und Erfahrung – sowohl als Spieler wie Trainer in der Bundesliga – für die Führung einer Mannschaft von enormer Bedeutung sind. Ob Emir Spahić eine Verstärkung darstellen kann, bleibt abzuwarten. Klar, dass er Leverkusen nach den Geschehnissen der letzten Saison verlassen musste. Nun wagt er einen Neuanfang. Wie der HSV, der die ganz großen Sorgen hinter sich lassen wird.

Platz 12: FSV Mainz 05
Ich schätze Mainz. Für die seriöse Arbeit des Klubs. Für die Konstanz und Stabilität, die Manager Christian Heidel und Präsident Harald Strutz verkörpern. Aber der Verein steht für mich symptomatisch für ein wachsendes Problem der Bundesliga: die Finanzkraft der Premier League. Bisher wechselten doch relativ wenige Spieler aus der Bundesliga nach England, nun aber zog es Shinji Okazaki vom Elften der Bundesliga zum 14. der Premier League, Leicester City. Für Okazaki also sportlich kein wirklicher Sprung, für Mainz aber ein Qualitätsverlust. Dem Japaner gelangen 27 Tore in 65 Spielen, und er passte hervorragend ins Mainzer System. Solch ein Abgang lässt sich kaum kompensieren und bedeutet, dass ein Verein wie Mainz in seiner Entwicklung gehindert wird, dass das Team in mancherlei Hinsicht wieder „bei null“ anfangen muss. Noch Neu-Trainer Martin Schmidt hatte nun eine komplette Vorbereitungsphase, um seine Mannschaft einzustellen. Danach kann man auch seine Arbeit erst richtig beurteilen. Dennoch droht Mainz Stillstand, eine Saison im Niemandsland der Liga.

Platz 13: 1899 Hoffenheim
In kaum einem Stadion war ich in der vergangenen Saison so oft zu Gast wie in Hoffenheim. Man hört in der schicken Arena immer mal wieder die Begriffe „Champions League“ oder „Europa League“. Für mich aber steht fest: Damit klappt es in der kommenden Saison nicht! Die Mannschaft bietet zwar fußballerisch gutes Potenzial – aber sie lässt nur selten absoluten Siegeswillen erkennen. Vielleicht liegt’s an der Beschaulichkeit des Kraichgaus, dass dort einfach kein absoluter Leistungsgedanke entsteht. Mir fehlt im Hoffenheimer Spiel die Zielstrebigkeit, dieser unbedingte Drang zum Tor. Da wird ganz nett kombiniert, der Ball gut gehalten, aber alles ist eben nicht effektiv genug. Ein Hoffnungsträger soll nun Kevin Kuranyi sein. Spieler, die wie er relativ wenig Gewicht mit sich herumtragen, haben im Alter nicht so große Probleme. Bei mir hat er immer viele Tore erzielt. Aber: Spieler, die aus dem Ausland in die Bundesliga wechseln, sind oft nicht auf dem richtigen konditionellen Niveau. Daher muss Kevin erst einmal wieder aufholen, das weiß er selbst. Er hat den Zug zum Tor und kann fehlende Fitness auch mit Erfahrung wettmachen. Gut für die TSG, dass U21-Kapitän Kevin Volland seinen Vertrag verlängert hat und zum Stützpfeiler der Mannschaft werden will. Der Spielplan meint es im Übrigen nicht nett mit 1899. Start in Leverkusen, dann kommen die Bayern – da kann man schnell mal ungewollt die Rote Laterne halten. Und eins kann Hoffenheim bestimmt nicht: Abstiegskampf.

Die beiden Ex-Dortmunder Leonardo Bittencourt und Miloš Jojić nehmen in Köln einen neuen Anlauf.

Die beiden Ex-Dortmunder Leonardo Bittencourt und Miloš Jojić nehmen in Köln einen neuen Anlauf.

Platz 14: 1. FC Köln
Optimismus ist immer gut – aber Vorsicht, FC! Trainer Peter Stöger und Manager Jörg Schmadtke haben in der letzten Saison gute Arbeit abgeliefert, sie verstehen was vom Fußball. Im Rahmen der Möglichkeiten haben sie mit Platz zwölf und der vorzeitigen Rettung das Beste aus der Saison gemacht. Nun aber treffen die Abgänge von Ujah und vor allem von Abwehr-Ass Wimmer das Team schwer. Außerdem fällt Maroh auch noch wochenlang verletzt aus. Gerade ein Verlust in der Abwehr-Zentrale ist immer mit großen Problemen verbunden. Klar, ein Dominique Heintz ist ein Talent. Aber er muss sich nun Woche für Woche gegen Topstürmer wie Lewandowski, Dost oder Auba­meyang beweisen. Die Stabilität, die im Vorjahr das große Kölner Plus war, wird mit den neuen Leuten erst wieder erarbeitet werden müssen. Viel Lob hat Schmadtke für seine Transfers erhalten. Aber auch dort sollten alle erst einmal abwarten. Wenn Spieler wie Bittencourt oder Jojić die Zeit beim FC als ihre letzte Chance sehen, in der Bundesliga noch mal so richtig durchzustarten, dann kann es passen. Aber die Kölner Spielweise macht es für sie in meinen Augen nicht so einfach, spielerische Akzente zu setzen. Letztlich liegt es an der Einstellung, die die Neuen mitbringen. Eine sorgenfreie Saison sehe ich auf den FC noch nicht zukommen.

Platz 15: Hannover 96
Noch einmal geschafft, Hannover! Ich freue mich für den Verein und Boss Martin Kind, dass sie in der Liga geblieben sind. Aber den Problemen konnte man sich im Sommer nicht entledigen. Im Gegenteil. Wahnsinn, dass mit Dirk Dufner der Sportdirektor zu einem Zeitpunkt seinen Rücktritt ankündigt, zu dem bereits alle Personalentscheidungen getroffen wurden und die Transferperiode beendet ist. Das bietet den Nachfolgern jetzt schon Raum für Alibis! Gut wenigstens, dass mit Michael Frontzeck ein erfahrener Trainer da ist, der das Experiment mit Jugendtrainer Tayfun Korkut beendet hat. Frontzeck startet nach dem Klassenerhalt in letzter Sekunde sicherlich mit Rückenwind in die Saison. Sein Problem aber: der Kader. Ron-Robert Zieler (26) darf sich zwar Weltmeister nennen, er ist für mich aber ein Beispiel für Spieler, die stagnieren. Bei ihm vermisse ich ein Vorankommen. Er ist kein schlechter Torhüter – andere Keeper aber haben sich deutlich weiterentwickelt. Schlimmer: Mit Joselu und Stindl haben enorm wichtige Spieler das Team verlassen, nun fehlt es einfach an Qualität. Für Hannover wird es erneut ein nervenaufreibendes, zittriges Jahr.

Platz 16: Hertha BSC
London, Rom, Paris – viele europäische Hauptstädte beheimaten Top-Mannschaften. Nicht so in Deutschland. Zwar träumen viele von einer starken Hertha, aber darauf werden wir auch in dieser Saison verzichten müssen. Die Bilanz der letzten Saison ist schon deutlich: Die Mannschaft hatte den wenigsten Ballbesitz aller Bundesligisten (42 Prozent), spielte die zweitmeisten Fehlpässe (30 Prozent) und gab als Team die wenigsten Torschüsse der Liga ab (298). Und Besserung scheint nicht in Sicht. Vier nominelle Angreifer stehen im Hertha-Kader – Sami Allagui und Julian Schieber fallen zu Saisonbeginn verletzungsbedingt aus, Salomon Kalou scheint nie richtig in Berlin angekommen zu sein und Sandro Wagner soll gehen. So ist die Qualität der Mannschaft insgesamt nicht hoch genug, um große Sprünge machen zu können. Es wird schwierig für Pal Dardai, seine Arbeit der letzten Saison weiterzuführen und sich und die Mannschaft nach vorne zu entwickeln. Ich erwarte für die Hertha einen Kampf gegen den Abstieg, bis zum letzten Spieltag.

Platz 17: FC Ingolstadt
Der Aufstieg der Ingolstädter wirkt auf mich fast wie ein Betriebsunfall. Nicht geplant oder forciert, wie man es etwa bei RB Leipzig sieht. Ralph Hasenhüttl hatte die Mannschaft im Oktober 2013 auf dem letzten Platz der Zweiten Liga übernommen – und plötzlich lief es in der vergangenen Saison. Von Anfang an war man vorne und ist nun Erstligist. Wer sich sportlich für die Bundesliga qualifiziert, soll auch dieses Geschenk genießen. Aber die Planungen machen auf mich nicht den Eindruck, als ob die Geldgeber im Hintergrund wirklich mit aller Macht den Verein in der Bundesliga halten wollen. Vielleicht steckt der VW-Konzern da ja auch in einem Gewissenskonflikt. Auf der einen Seite ist da die Unterstützung für den großen VfL Wolfsburg, und dann steht das Tochter-Unternehmen Audi hinter Ingolstadt. Daher hätte der FC Ingolstadt als Werksklub eigentlich eine ganz andere Grundsubstanz als beispielsweise Mitaufsteiger Darmstadt. Aber einen Kracher kann ich bei den Transfers nicht erkennen. Das Thema Klassenerhalt halte ich daher doch für etwas zu ambitioniert. Vielleicht gelingt dem Trainer eine Sensation. Aber wenn nicht noch nachhaltig Geld in den Kader investiert wird, bleibt die kommende Saison ein einmaliges Gastspiel im Oberhaus.

Dirk Schuster wird mit dem SV Darmstadt 98 versuchen, das Unmögliche möglich zu machen.

Dirk Schuster wird mit dem SV Darmstadt 98 versuchen, das Unmögliche möglich zu machen.

Platz 18: SV Darmstadt 98
Fürth, Braunschweig, Paderborn – zuletzt sind die Außenseiter direkt wieder abgestiegen. Das wird leider auch Darmstadt so ergehen! Alles andere wäre ein Wunder, auch wenn die Lilien mit Dirk Schuster den Trainer der Saison 2014/15 halten konnten. Machen wir uns nichts vor: Es geht einzig darum, so gut wie möglich mitzuspielen. Daher sollten die Spieler sich nicht verrückt machen lassen, sondern versuchen, dem einen oder anderen Gegner ein paar Punkte abzukämpfen. Gerade daheim. Das Böllenfalltor mag für die Top-Teams in jeder Hinsicht ungewohntes Terrain sein, der Faktor Stadion mag dann ab und zu mal für Punkte reichen. Mit Dominik Stroh-Engel ist nur ein gefährlicher Stürmer im Kader, einige Aufstiegshelden sind weg. Ich habe 1973 selbst ein Probetraining in Darmstadt absolviert, bin dann aber in Aschaffenburg geblieben. Daher habe ich noch immer Sympathien für den Klub, aber nur mit Daumendrücken und Romantik bleibt kein Verein in der Bundesliga. Ich hoffe, dass sie Mannschaft am Anfang, wie Paderborn im Vorjahr, Punkte sammelt. Es täte der Liga nicht gut, wenn ein Verein gleich abgeschlagen wäre. Aber da setze ich auf Schuster. Er wird dafür sorgen, dass sein Team den Bundesliga-Negativrekord von Tasmania Berlin mit nur zehn Punkten und einer Tordifferenz von minus 93 gewiss nicht unterbieten wird.

(Felix Magath, Kolumen aus Express/Köln, Morgenpost/Hamburg und tz/München, Juli und August 2015)