El Tractor mit der Nummer vier


Veröffentlicht am 17. August 2015

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Der außergewöhnliche Weg des Javier Zanetti

Geboren wurde er 1973 in Buenos Aires, ging mit 19 Jahren in die Provinz zu Talleres de Escala, um nach einem Jahr und 17 Spielen in die Hauptstadt zum Vorortverein CA Banfield zurückzukehren. Dort spielte er 66 Partien in Abwehr und Mittelfeld und machte sich 1995 auf nach Europa, um die alte Welt zu erobern. Es sollte ihm gelingen. Javier Zanetti schrieb Fußballgeschichte. Als diese glanzvolle Spielerlaufbahn endete, waren Fabelrekorde gebrochen und eine Legende geschaffen. Zanetti gestaltete diese atemberaubende Karriere nicht mit dem infantilen Zirkus der Marke Beckham oder Ronaldo, sondern als ein kluger junger Mann, der ein gebildeter und verantwortungsvoller Erwachsener wurde. Ein Blick auf seine Zahlen lässt den Atem stocken und Ehrfurcht vor diesem Gentleman des Fußballs aufkommen, den seine Fans ob seines unermüdlichen Einsatzes ganz unfein aber respektvoll „Traktor“ nannten.

Als Javier Zanetti 2014 seine Arbeit als Profifußballer, die er meistens in Abwehr und defensivem Mittelfeld verrichtete, im Alter von 40 Jahren einstellte, endete eine außerordentliche wie bravouröse Spielerlaufbahn. Von 1995 bis 2014 hatte er in 19 Jahren für Inter Mailand 858 Pflichtspiele bestritten, ist damit ewiger Rekordhalter vor anderen Inter-Legenden wie Giacinto Facchetti und Sandro Mazzola. Außer Paolo Maldini vom AC Milan, der es sogar auf 902 Pflichtspiele für seinen Club brachte, hat niemand mehr Spiele in der Geschichte des italienischen Fußballs absolviert als Javier Zanetti. Inter wurde ihm schnell zur Heimat, mögliche Wechsel waren ihm kein Thema: „Es war der Verein, der mir die Türen zum europäischen Fußballs öffnete. Ich war sehr jung, als ich hierher kam. Nicht viele Clubs setzen Geduld und Vertrauen in einen Jungen mit Anfang 20. Dafür werde ich immer dankbar sein. Ich habe mich immer zu Hause gefühlt bei Inter. Darum dachte ich nie daran, den Verein zu verlassen.“ Schon bald nach seinem Debüt zeigten sich die Stärken dieses außergewöhnlichen Fußballers und späteren Mannschaftskapitäns. Kluges Stellungsspiel, kompromissloses aber faires Zweikampfverhalten – nur eine Rote Karte erwischte ihn in 22 Profijahren – zeichneten Zanetti früh aus. Er hatte stets ein Auge für die Spielsituation und seine Mitspieler, erkannte Notwendigkeiten im Umschaltspiel zwischen Abwehr und Angriff, schaltete sich permanent in die Offensive ein und war stets rechtzeitig wieder an seinem Platz im Defensivverbund.

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Zanettis Kondition und sein Arbeitsaufwand wurden von Fans und Trainern gleichermaßen bestaunt wie geachtet. Der stets faire und achtungsvolle Umgang mit Gegnern brachte ihm auch den Respekt von Konkurrenten und Gegenspielern ein. Sein größter Bewunderer ist bis heute José Mourinho, der den Argentinier als Musterprofi und einen der größten Fußballer aller Zeiten ansieht. Die Achtung ist gegenseitig. Zanetti über den Trainer, mit dem er die Champions League gewann: „Mourinho war ein Gewinnertyp, der sich wirklich um jedes Detail in seiner zweijährigen Amtszeit kümmerte. Er wird immer in den Herzen aller Inter-Fans bleiben.“ Mit José Mourinho an der Seitenlinie bestritt der argentinische Defensivmann ausgerechnet seine 700. Partie im Champions League Finale 2010, wo es seinem Team gelang, den FC Bayern München in Madrid im Estadio Santiago Bernabéu mit 2:0 zu besiegen. Dabei war Zanetti ein wichtiger Aktivposten im System Mourinho. Dieser Champions League Sieg sicherlich der bedeutendste Titel im Fußballleben des Javier Zanetti. Mit Inter wurde er auch Weltpokalsieger im gleichen Jahr, holte fünf Meistertitel und vier Pokalsiege sowie 1999 den UEFA Cup. Mit seinem Heimatland Argentinien blieb ihm der große Erfolg verwehrt, 145 Spiele bestritt Zanetti zwischen 1994 und 2011, damit ist er Rekordnationalspieler seines Landes. Insgesamt absolvierte er in seiner aktiven Laufbahn 1.123 Spiele, kein Feldspieler kommt ihm weltweit darin gleich. Bei Inter Mailand wird als Respektbezeugung und Verbeugung vor Javier Zanetti und dessen Leistung die Rückennummer vier nicht mehr vergeben.

In seiner Wohltätigkeitsarbeit gründete er gemeinsam mit seiner Frau eine eigene Stiftung für benachteiligte Kinder in Argentinien, die auch von ihm finanziert wird. Er ist in seinem Heimatland außerdem Botschafter für ein SOS-Kinderdorf-Projekt. Zanetti vertritt als ehrenamtlicher Botschafter die Interessen der „Special Olympics“, die weltweit agierende Sportorganisation für Kinder und Erwachsene mit geistiger Behinderung. Seine Fundación PUPI arbeitet in Argentinien für die soziale Integration armer Kinder. Die Stiftung kämpft für die Grundbedürfnisse der ärmsten Kinder, will ihnen Nahrung, Bildung und Gesundheitsversorgung verschaffen und sie mit Hilfe von Psychologen, Soziologen und Sozialarbeiter in die Gesellschaft integrieren. Für Zanetti ist die Übernahme sozialer Verantwortung Pflicht und eine Selbstverständlichkeit: „Wenn ich auf meine Kindheit zurückblicke, viele gute und schlechte Dinge kommen mir da in den Sinn. Ich hatte eine schwierige Kindheit. Wenn ich auch nicht in meinem Land lebe, mir ist sehr wohl bewusst, was dort los ist und welch verheerende Wirkung die sozialen Probleme auf die ärmsten Kinder haben. Wir müssen dafür Verantwortung übernehmen und etwas tun.“ 2005 erhielt er von der Stadt Mailand für seine Verdienste im karitativen Bereich sowie für diverse soziale Initiativen die Auszeichnung Ambrogino d’Oro.

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Das Leben von Javier Zanetti zeigt uns eben nicht nur einen großartigen Fußballer und Menschen, sondern auch einen in vielen Bereichen aktiv helfenden, sozialen Zeitgenossen, der seine Herkunft aus kleinsten Verhältnissen und das Elend anderer Menschen nie vergessen hat. Zanetti ist gläubiger Katholik. Nach der Wahl von Papst Franziskus wurde Zanetti von seinem Landsmann und ausgewiesenem Fußballfan zu einer Audienz in den Vatikan gebeten. Neben dem Glauben, seinem sportlichen Erfolg und dem sozialen Engagement hat Javier Zanetti auch sein privates Glück gefunden, welches er mit seiner Familie teilt. Seit 1999 ist Zanetti mit seiner langjährigen Freundin Paula De la Fuente verheiratet, beide kennen sich seit der Schulzeit. Das Ehepaar hat drei Kinder und wohnt am Comer See. In einem beliebten Mailänder Erholungsgebiet besitzt Zanetti auch ein Restaurant namens „El Gaucho“. Dort ist er ab und an auch persönlich anzutreffen. Aktuell ist er sicher öfter in Mailand als am Comer See zu finden, die Chancen, ihn im „El Gaucho“ zu finden also durchaus gestiegen. Seine alte Liebe Inter lässt ihn nämlich nicht los. Der seit Oktober 2013 neue Besitzer von Inter Mailand, der indonesische Geschäftsmann Erick Thohir, hat sich umgehend die Dienste der Inter-Ikone gesichert und Javier Zanetti zum Vizepräsidenten des Vereins ernannt. Seit den Zeiten von Helenio Herrera hat es wohl keine bessere Personalentscheidung bei Inter gegeben. Zanetti wird sein Amt ausführen wie er gespielt hat. Sauber, effizient und von Erfolg gekrönt, dabei stets die Sache Inter und nicht sich selbst in den Vordergrund stellen. Wie sagte er doch am Ende seiner aktiven Spielerzeit: „Es ist eine unendliche Liebesbeziehung. Ich werde nie aufhören, der Moratti-Familie und den Fans von Inter zu danken. Inter ist eine Familie, die ich wirklich liebe.“

Redaktion Magath & Fußball