Oranje farblos


Veröffentlicht am 9. September 2015

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Niederlande als großer Verlierer des Mega-Spieltags der EM-Qualifikation

Deutschlands Nationalmannschaft in Blüte, wenn auch noch mit kleineren Baustellen versehen. Gegen die Sorgen mancher Fußballnationen eher Petitessen. Ein Nachschlag nebst Titelgewinn bei der EM 2016 liegt daher durchaus im Bereich des Möglichen. Es zeichnet sich kein unüberwindbarer Mitbewerber ab, den das DFB-Team wirklich fürchten muss – Titelverteidiger Spanien, Gastgeber Frankreich und bärenstarke Österreicher wohl Stand heute noch am ehesten in der Lage, der deutschen Mannschaft ein Bein zu stellen. Die Jungs von Joachim Löw können sich aber wahrscheinlich nur selbst schlagen, der Weltmeister scheint gerüstet und die Favoritenbürde gut zu tragen. Das Turnier im nächsten Jahr wird letztendlich Antwort geben. Eine Nation war oft an Deutschlands Favoritenseite und bei großen Turnieren stets ein heißer Kandidat für hohe Weihen, die Niederlande. Diese ist nun tief gefallen. 23 Teilnehmer aus 53 Ländern werden in der Qualifikation ermittelt, es war wohl niemals leichter, eine EM-Endrunde zu erreichen. Dennoch scheint diese flache Hürde für unsere holländischen Nachbarn deutlich zu hoch. Was ist geschehen?

Die Bilanz nach acht Spielen in Gruppe A liest sich für die Niederlande desaströs. Drei Siegen – einer gegen Kasachstan, zwei gegen Lettland – stehen vier Niederlagen gegenüber. Gegen Island wurde zweimal verloren, gegen Tschechien und die Türkei setzte es ebenfalls Niederlagen. Beim Heim- und Hinspiel gegen die Türken im März dieses Jahres wurde das einzige Unentschieden eingefahren. Die nun im Abstand von drei Tagen erfolgte 1:2-Heimpleite gegen Island und das 0:3-Debakel in der Türkei schreckten die Fans endgültig aus dem Fußballhimmel und ließen mediale Dämme brechen. Holländische Blätter titeln „Wir spielen keine Rolle mehr“, kanzeln ab „Oranje ist ein Witz“ und machen nieder „Das Land ekelt sich vor Oranje“. Das „Matt und abstoßend“ für die Nationalmannschaft liest sich da fast wie Wind in der Gartenlaube. Finaler Tiefschlag, holländische Fans beginnen schon Überlegungen, wie das Nachbarland Belgien bei der EM zu unterstützen ist. Die Hoffnung also schon gestorben, obwohl theoretisch noch etwas möglich ist, die Realität spricht aber nicht für die Elftal. In der Gruppe A liegt man mit zehn Punkten aus acht Partien und einem Torverhältnis von 13:10 Treffern auf Platz vier. Island und Tschechien auf den Qualifikationsplätzen enteilt, die Türkei mit zwei Punkten Vorsprung auf dem Relegationsplatz. Ob auswärts in Kasachstan und daheim gegen Tschechien noch der Grundstein für ein Fußballwunder gelegt wird, bei welchem andere Teams auch noch assistieren müssten, bezweifeln auch eingefleischte Fans. Aus eigener Kraft geht nichts mehr. Der Kredit des Teams ist unter den Anhängern verspielt.

Wer das Theater von der WM 2014 noch im Kopf hat, kann sich diesen Absturz erklären, es war einer mit Ansage. Seit Jahren verfügt Holland nur noch über mittelmäßige Defensivspieler, die glanzvolle Offensive übertünchte dies sehr lange. Der WM-Coach Louis van Gaal warf daher Hollands Heiligtum 4-3-3 in den Abfall und stellte auf 5-3-2 um, stärkte die Schwachstelle Defensivverbund. Opfer der „totale Fußball“, Hollands Markenzeichen in Sachen Ballsport. Dafür wurde van Gaal in Holland in Abwesenheit verbal gekreuzigt und nach dem 5:1 über Spanien umgehend heiliggesprochen. Nach diesem glanzvollen wie überbewerteten Sieg, Titelverteidiger Spanier war längst über den Zenit seines Könnens, quälten sich die Niederlande mit grauem Fußball und viel Glück ins Halbfinale. Man kehrte als WM-Dritter in die Heimat zurück, durchaus ein respektabler Erfolg. Van Gaal hatte aus seiner Sicht das Optimale herausgeholt und machte sich schnell auf nach Manchester. Guus Hiddink kehrte zurück und mit ihm das 4-3-3 nebst einem Desaster nach dem anderen. Hiddink spülte es aus Amt und EM-Qualifikation. Ein Trio übernahm. Es werkelt ein relativ unerfahrenes aber prominentes Duo aus Danny Blind und Ruud van Nistelrooy am Team umher. Unterstützt werden sie von Marco van Basten, einst Weltklassestürmer und bis heute Liebling von Johan Cruyff. Van Basten war schon Trainer der holländischen Nationalmannschaft und hat auch wenig bis nichts auf die Reihe bekommen. Cruyffs Liebling zu sein, ist offenbar immer noch viel in den Niederlanden. Man stümpert nun zu dritt, stur wie selbstverliebt und realitätsfern im 4-3-3 ohne adäquates Personal dafür zu besitzen.

Ratlosigkeit auf der holländischen Trainerbank: Marco van Basten, Danny Blind, Ruud van Nistelrooy, Torwarttrainer Arno van Zwam und Teammanager Hans Jorritsma (von links).

Ratlosigkeit auf der holländischen Trainerbank: Marco van Basten, Danny Blind, Ruud van Nistelrooy, Torwarttrainer Arno van Zwam und Teammanager Hans Jorritsma (von links).

Die Wurzeln liegen auch bei diesem Fall tiefer. Ajax Amsterdam schied in der Champions League Qualifikation gegen Rapid Wien aus. Der ruhmreiche Club spielt in Europa wie seine Ligagenossen PSV Eindhoven und Feyenoord Rotterdam keine große Rolle mehr, man ist nur noch Mittelmaß. Einst holten diese Clubs den Europapokal der Landesmeister, Ajax sogar mehrmals, inklusive Champions League. Der Niedergang der Spitzenvereine ist nie ein gutes Vorzeichen für eine starke Nationalmannschaft. In dieser sind entscheidende Spieler Wesley Sneijder und Robin van Persie, längst aus dem Fußballolymp gestürzt und ins fürstlich bezahlte Mittelmaß am Bosporus gerollt. Dennoch waren sie gegen die Türkei die einzige Torgefahr im Team, eine erschreckende Botschaft in Sachen Zukunft.

Diese Zukunft sollte eher in den Händen von Memphis Depay (21), Davy Klaassen (22) und Bruno Martins Indi (23) liegen. In der Nationalmannschaft konnten selbige ihre Anwartschaft auf eine große Generation noch nicht unter Beweis stellen. Holland hat mehr als nur ein 4-3-3- oder 5-3-2-Problem, es hat viele Hausaufgaben nicht gemacht und sollte das wahrscheinliche EM-Aus für einen Neuanfang nutzen. Momentan fehlen Spieler, die auf dem Leistungshöhepunkt reale Weltklasse verkörpern. Die muss man ausbilden und aufbauen, zuerst geeignete Talente finden. Ein mühsamer Weg, Deutschland hat vor Jahren gezeigt, wohin diese Mühe führen kann. Außerdem sollte man in den Niederlanden auch die eigene Erwartung herunterschrauben, was zu einer objektiveren Selbsteinschätzung führen könnte. Die holländischen Medien haben in einem wohl Recht: „Oranje ist zu schlecht für die EM“. In einem irren sie aber dennoch, „zu Grabe getragen“ wurde Oranje nicht. Auch in Holland wird weiter Fußball gespielt. Wer die Leidenschaft unserer Nachbarn für das runde Leder kennt, der ahnt es schon: irgendwann auch wieder gut und erfolgreich.

Redaktion Magath & Fußball

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