Eine Lanze für Lucien Favre


Veröffentlicht am 20. September 2015

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Saisonstart der Fohlen befeuert die Schlagzeilen – Trainer Favre tritt zurück

Für Lucien Favre gilt was José Mourinho über sich sagte: „Ich bin ein guter Trainer, egal ob ich Spiele gewinne oder nicht.“ Das Diktum von Felix Magath, vor Beginn der Saison geschrieben, war ein berechtigtes Kompliment: „Für mich ist Favre der beste Trainer der Bundesliga. Denn man sollte das Ergebnis der Arbeit eines Trainers immer in Relation zu den finanziellen Möglichkeiten setzen.“ Nun ist Lucien Favre zurückgetreten und arbeitet nicht mehr bei den Fohlen. Borussia Mönchengladbach und seine Trainer waren immer ein Zulieferbetrieb für Clubs mit unerschöpflichen Finanzmitteln. Früher ging man von Gladbach zu den Bayern und argumentierte mit der Sehnsucht nach einem großen und internationalen Club, damit der Geldsegen nicht so im Vordergrund stand. Heute erliegen Spieler sogar den Sirenen von Werksvereinen wie Leverkusen und Wolfsburg, deren unerschöpfliche Mittel satte Gehälter versprechen. Die dadurch gerissenen Lücken müssen bis heute von Trainern wie Lucien Favre Saison für Saison geschlossen werden.

Favre und Gladbach haben sich in der Vorsaison gegen die finanziellen Krösusse der Bundesliga behauptet. Man hat mitgehalten und sich am obersten Rand der eigenen Möglichkeiten bewegt, der Lohn die Champions League. Diese ist wegen der fehlenden finanziellen Mittel des Vereins wohl eine Nummer zu groß. Totale Aufrüstung im Stile von Scheich- oder Werksklubs ist für Borussia Mönchengladbach einfach nicht drin, Königsklasse hin oder her. Darin wenigstens einmal mitzuwirken bleibt ein Riesentriumph der Borussia. Eine grandiose Leistung des Trainers, der Mannschaften mit seinem Können formt und nicht mit dem Geldbeutel baut.  Favre hat in Gladbach seit seinem Amtsantritt aus einem taumelnden Abstiegskandidaten ohne Perspektive einen Spitzenclub der Bundesliga mit Zugang zum internationalen Wettbewerb gemacht. Nun gilt es in Gladbach einer schlechten Tabellensituation Herr zu werden und dabei den Medien zu widerstehen. Nicht mehr und nicht weniger. Es hat längst begonnen. Im Sommer haben Fachorgane, vermeintliche Experten und große wie kleine Blätter die Gladbacher Lucien Favre und Max Eberl verklärt, sich um Interviews mit beiden gerissen. Favre und Eberl sind keine Dampfplauderer der Fußballbranche, springen nicht über jeden Block der ihnen hingehalten. Dennoch waren sie Thema und Aufmacher, begehrte Geschichtenlieferer der positiven Art.

Nun sind die Borussen wieder Thema, es lässt sich Auflage und Skandal machen. Die Jubler und Schulterklopfer von einst können kaum die Tinte halten. Als würden die Redakteure der Apothekenrundschau den Chirurgen das Messer führen, flattern jetzt Binsen im Minutentakt Richtung Gladbach: „Favre ist gefragt“. Gut zu wissen! Sie werden in Gladbach dankbar sein für diesen Hinweis. Natürlich dürfen die bei schlechter Tabellensituation greifenden Kernsätze des Medienbaukastens nicht fehlen: „Fataler Fehlstart“, „Favre muss Lösungen finden“, „Verfehlte Personalpolitik“, „Pleitenserie“, „Favre findet kein Konzept“, „Krise“, man kennt die Worte aus ihrer ewigen Wiederholung. Sobald tabellarisches Elend sich abzeichnet melden sich natürlich auch die diversen Strunze dieser Welt lauthals zu Wort, schöpfen aus ihrem Fundus als Welterklärer. Geliefert werden aber nur altbekannte Parolen, die wieder und wieder herhalten müssen um auf der Grundlage von wenigen Spielen ein Arbeits- und Lebenswerk, einen Trainer und einen Verein in Frage zu stellen. Natürlich zielen solche Kampagnen auf Fans und Publikum, nicht so sehr auf den Verein. Ist sich der Verein intern einig, stützt und fördert den Trainer vorbehaltlos, laufen diese Schlagzeilen ins Leere. Deshalb sollen Fans befeuert werden, um sie irgendwann auf den Medienzug zu bekommen, der aus  einer veröffentlichten gern eine öffentliche Meinung macht. Dieser soll sich der Verein dann beugen. Solchen Branchenmechanismen wollte Lucien Favre offenkundig nicht auf den Leim gehen. Er trat am Sonntag als Trainer der Borussia zurück. Ein intensiver Versuch aller Vereinsgremien, ihn zum Bleiben zu bewegen, schlug fehl. Vier erfolgreiche und großartige Jahre fanden abrupt ihr Ende.

Die Rücktrittserklärung von Lucien Favre im Wortlaut:

„Nach reiflicher Überlegung und eingehender Analyse bin ich zu der Erkenntnis gekommen: Es ist in dieser Situation die beste Entscheidung, mein Amt als Cheftrainer bei Borussia Mönchengladbach niederzulegen. Es war eine unvergessliche Zeit, die ich hier in Mönchengladbach erlebt habe. Ich durfte die Borussia vom Fast-Absteiger in die Champions League führen. Es gab viele unglaubliche berauschende Momente. Ich hatte hier ein tolles Trainerteam, eine unglaublich engagierte und professionelle Vereinsführung. Ich danke allen für ihren steten und vertrauensvollen Support! Ich bin lange genug im Geschäft, habe als Spieler und Trainer schon viele schwierige Situationen erlebt und immer wieder dazu gelernt. Da muss ich zum aktuellen Zeitpunkt ehrlich für mich sagen: Es ist jetzt an der Zeit und die beste Entscheidung für den Verein und die Mannschaft, eine Veränderung herbeizuführen. Ich habe nicht mehr das Gefühl, der perfekte Trainer für Borussia Mönchengladbach zu sein. Da muss ich ehrlich zu mir und meinen Partnern professionell sagen: Es geht um den Verein, um den Mythos Borussia! Ich muss diese Entscheidung für Borussia und die Zukunft treffen. Auch wenn es pathetisch klingt: Ich werde die ereignisreichen Jahre bei Borussia als meine schönste und emotionalste Zeit als Trainer nie vergessen! Die Spieler, mit denen ich arbeiten durfte! Die Vereinsführung, mit der ich immer vertrauensvoll zusammengearbeitet habe. Und da ist vor allem der Borussia-Park, da sind die Fans, die bei jedem Spiel diese unvergleichliche Stimmung erzeugen können. Ihr werdet immer in meinem Herzen bleiben!“  (Lucien Favre)

Redaktion Magath & Fußball