Schlechtes Vorbild


Veröffentlicht am 21. September 2015

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José Mourinho, ein Spitzentrainer lässt Klasse vermissen

Schwäche zeigen, ist menschlich. Und was hätte es José Mourinho gekratzt, hätte er nach der Begegnung mit Arsenal London und seinem Intimfeind Arsène Wenger eine der üblichen Phrasen gedroschen? Beispielsweise, „Diego Costa hätte vom Platz gemusst. Zum Glück für uns hat es der Schiedsrichter nicht gesehen.“ Oder, „Das, was Diego Costa gemacht hat, gehört nicht auf den Fußballplatz. Darüber müssen wir reden.“ Fertig. Nicht mehr und nicht weniger. Angesichts des Spielverlaufs darf das durchaus als angemessen bezeichnet werden. Die drei Punkte hätte man ihm eventuell trotzdem nicht weggenommen. Und was wäre das überhaupt für eine Schwäche gewesen? Richtig, gar keine! Nur hätte „The Special One“ damit eben zugeben müssen, dass der 2:0-Sieg über die Gunners auch ein klitzekleines Bisschen vom unglücklichen Auftritt des Schiedsrichters Mike Dean begünstigt wurde und im Umkehrschluss nicht einzig und allein auf die eigene, überragende Genialität zurückzuführen ist. Ganz grundsätzlich besteht Einigkeit darüber, dass das von Diego Costa in der bedeutsamen Partie gegen den Stadtrivalen an den Tag gelegte Verhalten nicht auf den Fußballplatz gehört. Punkt. Eine persönliche Vorliebe für körperbetontes Spiel hin oder her, es kann hier keine zwei Meinungen geben. Sportliche Fairness und Respekt vor dem Gegner sind konstituierende Elemente jeder sportlichen Betätigung – der Fußball macht hier keine Ausnahme. Man bekommt dies in der Regel bereits im Kindergarten oder spätestens in der Grundschule eingeimpft. Schläge ins Gesicht des Kontrahenten oder wiederholtes, absichtliches Treten in die Beine gehört sicher nicht dazu.

Normalerweise auch nicht für José Mourinho, fordert dieser doch im Wochenrhythmus selbst öffentlich Strafstöße für seine Mannschaft oder Feldverweise für gegnerische Spieler. Umso befremdlicher wirkt das Statement des Mannes aus Setúbal im Anschluss an den prestigeträchtigen Sieg im Londoner Stadtderby:

„Diego Costa hat gespielt wie er spielen muss, ich liebe das. Deswegen haben wir volle Stadien, deswegen lässt sich der Fußball weltweit für Millionen und Milliarden verkaufen – weil das Spiel so gespielt werden muss. Für mich ist er der Mann des Spiels. Fantastisch, Diego!“

Es fällt selten leicht, den eigentlichen Plan hinter Mourinhos Äußerungen zu entschlüsseln. So auch diesmal. Der zweifache Champions League Sieger und achtfache Meistertrainer treibt das meist über die Medien ausgetragene taktische Versteckspiel zur Perfektion, versteht es bei Bedarf wie kein Zweiter, die sportlichen Darbietungen seiner Mannschaften unter dem Mantel seiner öffentlichen Provokationen und bisweilen seltsamen Ansichten zu verstecken. Nicht, dass er das allzu oft nötig hätte, denn sein Weg quer durch Europa ist gezeichnet von großen Titeln und Triumphen.

Ein Spitzentraineramt im Profifußball bringt derweil jedoch unweigerlich auch eine Vorbildfunktion mit sich. Ein guter Trainer definiert sich eben nicht nur über einen gut gefüllten Pokalschrank. Dies gilt insbesondere auch für den fachlich über jeden Zweifel erhabenen Mourinho. Nicht zuletzt aus diesem Grund wünscht man dem Portugiesen auch im Alter von 52 Jahren ein wenig mehr Feingefühl bei seinen öffentlichen Auftritten. Es geht sonst viel verloren von dem, was er sich durch harte und ehrliche Arbeit an Ansehen und Respekt in der Fußballwelt erworben hat. Insofern wäre es interessant, zu erfahren, ob er selbst an das glaubt, was er möglicherweise im Eifer des Gefechts nach Spielschluss in die Mikrofone diktierte. Ob man irgendwann eine Art von Entschuldigung erwarten kann? Sicher nicht, das lehrt die Erfahrung! Denn nicht zum ersten Mal lässt sich Mourinho selbst in einem äußerst fragwürdigen Licht erscheinen. Nicht zum ersten Mal lässt er jede Klasse vermissen. Nicht zum ersten Mal zeigt er damit etwas, was es in seinem Universum eigentlich gar nicht gibt – Schwäche.

Mourinho selbst sind derlei Überlegungen wahrscheinlich völlig gleichgültig. Ein anderer Schluss lässt sich kaum ziehen, zu oft schon hat er mit seinem Verhalten auf und abseits des Platzes Grenzen überschritten. Hauptsache gewonnen, alles andere zählt in seiner Welt sowieso nicht – der Zweck heiligt die Mittel. Und es stimmt ja auch irgendwo. Nach dem Wie fragt in ein paar Tagen niemand mehr, die drei Punkte aber bleiben für Chelsea bis zum Saisonende erhalten. So muss eben jeder seinen Weg finden. In einem aber irrt selbst der Unfehlbare gewaltig. Überall auf der Welt kommen die Zuschauer wegen der Schönheit des Fußballspiels in die Stadien – wegen toller Tore, ansehnlichen Kombinationen, gutem Mannschaftsspiel, bisweilen sicher auch wegen fantastischen Individualisten. Ein solches wie von Diego Costa vorgetragenes Schauspiel aber will niemand sehen. Nicht einmal José Mourinho – wenn es nicht zum eigenen Vorteil gereicht.

Redaktion Magath & Fußball

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