Das Buch zum Bau


Veröffentlicht am 13. Oktober 2015

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Wie die Alte Försterei neu entstand

„Das ist’s ja, was den Menschen zieret,
Und dazu ward ihm der Verstand,
Daß er im innern Herzen spüret,
Was er erschafft mit seiner Hand.“
(Friedrich Schiller, Die Glocke)

Am Horizont dämmert das Weihnachtsfest, Supermärkte befeuern die Kunden trotz eines schönen Spätsommers schon längst mit Stollen und Zimtsternen. In guter Tradition und in früher Voraussicht bietet Magath & Fußball auch für 2015 wieder Tipps für den Gabentisch. Heute die erste Empfehlung. Fußball und Klassiker passen manchmal zueinander, man muss nur hinschauen. In Schillers Glocke wird die Tat der Arbeit besungen und das geschaffene Werk gelobt. Im Mittelpunkt großer Literatur steht der Mensch, grandiose Romane handeln von bedeutenden Taten. Auch Biographien und Sachbücher vermögen es des Öfteren, einen Sog zu erzeugen, der den Leser und Betrachter auf die Seiten zieht, diesen an Texte und Bilder bannt. Ein solches Faszinosum ist das bereits 2009 im kleinen aber feinen Berliner Verlag „edition else“ erschienene „Buch zum Bau“. Es handelt vom Fußball, obwohl darin der Ball nicht rollt, Trainerstimmen stumm bleiben, Profis nicht die Hauptrolle spielen, selbst Funktionäre das elegante Stilmittel der Zurückhaltung beherrschen. Die Hauptrolle auf der Bühne dieses Buches wird denen überlassen, deren Anwesenheit und Notwendigkeit den Fußball erst zu einem Fest und Ereignis machen.

Ohne Fans und Stadion kann auch ein Lionel Messi seine Kunst nicht vollbringen, ohne Rasen und Menschen sind auch elf Weltmeister nur eine Ansammlung junger Multimillionäre. Messi und alle Weltmeister haben längst ihre Denkmäler in vielfältiger Ton-, Text- und Bild-Form. Für die Ewigkeit im Fußballuniversum ist gesorgt. Diese Ewigkeit können nun auch Fans und der Ort Stadion für sich in Anspruch nehmen. Der Einstieg ins Buch ist ein besonderer wie gelungener Kunstgriff, ein Stadion spricht und führt durch die Handlung. Es gibt in der Welt der Bücher und des Fußballs wahrlich schlechtere Wegbegleiter. Auf der gemeinsamen Strecke wird dieser Begleiter dann schnell zum sympathischen Gefährten. Seine Geschichte fasziniert, weil sie lebt. „Das Buch zum Bau“ ist ein nüchterner Titel, die „Alte Försterei“ beschreibt den Ort des Geschehens, „Stadion“ benennt schon im Titel den Erzähler. Man weiß, was man bekommt und man bekommt viel. Zwischen feuerroten Buchdeckeln kommt dem Leser umgehend eine sehr lebendige und gleichermaßen tatkräftige Angelegenheit unter die Augen. (Impressionen aus dem umfänglichen Bildbestand des 270 Seiten Buches im Anhang zu diesem Beitrag. Der Verlag liefert zum Buch kundenfreundlich eine umfängliche Fotodatei.)

Die ersten neuen Stufen.

Die ersten neuen Stufen.

In Berlin wird und wurde schon eine Menge gebaut und fertig wie unfertig auf die Welt losgelassen. Honoratioren und Promis, vom Politiker bis zum Stararchitekt, wurden dafür gefeiert oder getadelt, stehen stets im Licht der Scheinwerfer und öffentlicher Betrachtung. Die Arbeiter der Hand und der Schippe sind derweil längst vergessen, Männer vom Bau teilen oft das Schicksal der Pyramidenbauer, ihr Werk überdauert stets ihre Namen. Diesen Tatbestand hat der uns zur Betrachtung vorliegende Band glänzend widerlegt und durchbrochen. Wir bekommen ganz plastisch ein lebhaftes Erinnern in einer bunten Bildervielfalt mit vielen schönen wie lesenswerten Textstellen geboten. Der Schritt in die jüngere Geschichte macht Spaß. Bild und Sprache gehen ein harmonisches Miteinander ein, Weiterblättern lohnt wie intensives Weiterlesen. Der Einband kommt robust und handfest daher, wie die altehrwürdige Auftragskladde in Schlossereibetrieben spricht das Material eine deutliche Sprache. Ein sehr eiserner Eindruck sticht sofort ins Auge. Passend zu den Eisernen vom 1. FC Union Berlin, deren Stadion gleichermaßen Mittelpunkt und Erzähler in diesem Sach- und Menschenbuch. Es ist aber vor allem ein Fußballbuch, daran lässt schon das Vorwort keinen Zweifel: „Im Stadion an der Alten Försterei geht und ging es nie vordergründig um Politik, um gesellschaftliche Tendenzen, um Minder- oder Mehrheiten, sondern um Fußball. Um Support. Um Atmosphäre.“

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Das Fußallerlebnis im Stadion An der Alten Försterei ist auch für den neutralen Beobachter einzigartig.

Am 2. Juni 2008 begann ein Umbau, der Fußballgeschichte geschrieben hat. Ein geliebter und mit Fußballromantik verklärter alter Kasten passte nicht mehr in Zeit und Anforderungen. Seine Nachfolge trat eine Schmuckschatulle ohne jeden Tand mit pragmatischem Glanz an. Der Weg war lang, steinig und rau aber vor allem erfolgreich. Die Geschichte soll hier nicht erzählt, ihre lohnenswerte Darstellung im Buch aber angepriesen und empfohlen werden. Lesen, schauen, blättern und neugierig sein, es lohnt! Der Leser trifft auf Jung und Alt, auf Kind und Tier, nichts und niemand scheint gleichgültig der Herkulesaufgabe entgegengetreten zu sein. Ein kollektives Wir-Gefühl bemächtigte sich einer Gruppe von Fußballfans, die sich zu einem Bautrupp par excellence entwickelte und als Masse Mensch mit Herz und Verstand ans Werk ging. Wer heute an die Alte Försterei kommt und Fußball pur genießt, spürt ganz hautnah ihren Geist, kann ihr Bauwerk bestaunen, die Geschichte kann er sich in guter Stube und guter Stimmung jederzeit mit dem „Buch vom Bau“ vergegenwärtigen, so als wäre er dabei gewesen.

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Vierbeinige Unterstützer waren keine Seltenheit.

Den Erbauern, Unterstützern, Helfern und Förderern ist im Anhang mit namentlicher Nennung ein ewiges Denkmal in der Fußballwelt gesetzt. Um die 2.500 Namen sind dort auf immer verewigt. Die Natur des Fußballs hat etwas Großartiges hervorgebracht, eine Manifestation der Liebe von Fans zu ihrem Verein und ihrer Heimat, zementiert in einem Bauwerk von Lebendigkeit und Frohsinn. Ob Punktspiel im Ligabetrieb, Konzerte im Rock und Pop Milieu, Vorträge und Lesungen von Politikern und Autoren, hier kommen Menschen zusammen und finden eine gemeinsame Sprache, die wunderbare Sprache des Sports und der Fairness. Ein Bau, der seine Erbauer mit Recht stolz macht. Köpenick und Berlin sollten den Stolz teilen und in ihr Schaufenster stellen, dieses Kleinod und seine Menschen würdigen. Wer den Erbauern und ihren kleinen wie großen Momenten nah sein will, der ist im vorliegenden Werk aus dem Verlag „edition else“ genau an der richtigen Stelle. Ein Geheimnis aus dem Buch sei an dieser Stelle doch vorab verraten, es gab nämlich auch ein Ergebnis zu verzechen. Die Kaffeetrinker unter den Bauleuten haben die Teetrinker mit enem deutlichen 6.700 Liter zu 900 Liter klar besiegt. (Rückspiel aber nicht ganz ausgeschlossen.) Äußerst interessant auch das Verhältnis von gegessenen Brötchen zu Torte und Kuchen…

Bauarbeiterversorgung.

Bauarbeiterversorgung.

Wenn wir thematisch schon in Berlin sind. Am Ende des Buchs beschleicht einen noch der kühne Gedanke, dass diese Bauherren und ihre unermüdlichen Helfer den Hauptstadtflughafen längst flott gemacht hätten. Man darf ja noch träumen dürfen und fliegen wollen…

Redaktion Magath & Fußball

Buchempfehlung

Stadion an der Alten Försterei – Das Buch zum Bau
Copyright 2009 by edition else (vierC print+mediafabrik GmbH & Co.KG Berlin)
Idee und Gesamtleitung: Jochen Lesching
ISBN 978 – 300 028244 7
Preis: 19,20 Euro

Impressionen

Die Startaufstellung.

Die Startaufstellung.

Bauphase eins beendet.

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Auch die jüngsten Unioner packten mit an.

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Wegbereitung für den Stadionteppich.

Unioner ziehen an einem Strang.

Unioner ziehen an einem Strang.

Ein neues Schmuckkästchen entsteht.

Ein neues Schmuckkästchen entsteht.

Der Unterrang wird sichtbar.

Der Unterrang wird sichtbar.

Die letzte Ebene.

Die letzte Ebene.

Am 8. Juli 2009 ist es soweit: Mit einem Freundschaftsspiel gegen den Stadtrivalen Hertha BSC wird das sanierte Stadion An der Alten Försterei eröffnet.

Am 8. Juli 2009 ist es soweit: Mit einem Freundschaftsspiel gegen den Stadtrivalen Hertha BSC wird das sanierte Stadion An der Alten Försterei eröffnet.

Fotos von Claudia Prokop, Stefan und Birgit Hupe, Michael Schmidt, Daniel Mache.

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